Über das Projekt

Die Theologie der Aufklärung repräsentiert das entscheidende historische Bindeglied zwischen Alt- und Neuprotestantismus. Aufgrund ihrer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung war sie zugleich in eminenter Weise von integrativer geistesgeschichtlicher Relevanz. Die interdisziplinäre Erforschung der Aufklärungstheologie sieht sich allerdings bis heute dadurch erschwert, dass ihre zentralen Quellentexte zumeist in den stark abweichenden Versionen der einzelnen Auflagen überliefert und jeweils nur noch in wenigen Bibliotheken oder als Digitalisate lediglich einzelner Auflagen zugänglich sind. Erst eine kritische Darstellung der unterschiedlichen Textversionen sowie eingehende historische Kommentierung kann diese Schlüsseltexte im gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurs rezeptionsfähig machen.

Während die Aufklärungstheologie insgesamt ein multinationales westeuropäisches Phänomen darstellt, dessen breite zeitliche Erstreckung (von den ersten Physikotheologien des späteren 17. Jahrhunderts bis zum theologischen Spätrationalismus der 1830er Jahre) und thematische Spreizung die Wahrnehmung innerer Kohärenzen erheblich erschwert, bezeichnet die aufklärungstheologische Richtung der Neologie innerhalb des deutschen Sprachraums das chronologisch, thematisch, geographisch und personell trennscharf zu bestimmende Zentrum jener Epoche. Zu den wichtigsten identitätsstiftenden Tendenzen und Positionen der Neologie zählen die Ablösung von der orthodoxen Dogmatik mitsamt deren metaphysisch-kosmologischem Bezugsrahmen, desgleichen von einer pietistischen Bekehrungs- und Heiligungsschematik und vom Methodenpurismus der theologischen Wolffianer, ferner das Postulat einer konstitutiven Komplementarität von Verstand und Gefühl, die programmatische Würdigung und Stärkung der autonome Mündigkeit beanspruchenden religiösen Subjektivität oder die Unterscheidung von Religion und Theologie, also von unmittelbarer christlicher Frömmigkeitspraxis und professionell reflektierter Berufswahrnehmung (vgl. A. Beutel, Kirchengeschichte im Zeitalter der Aufklärung. Ein Kompendium, Göttingen ²2009, 112–150).

Zwar blieb die aufklärungstheologische Richtung der Neologie weithin auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Indessen verharrte sie dort keineswegs nur im kirchlichen oder akademischen Raum, sondern verband sich in nachhaltiger Wechselwirkung mit allen kulturellen Bereichen: Ihre Wirkungen und Impulse lassen sich in der für sie zeitgenössischen Literatur ebenso nachweisen wie in der Politik, Philosophie, Kunst oder Architektur. Zudem beansprucht die Neologie insofern durchaus gesamteuropäische Relevanz, als sie ihren konstitutiven Ideenpool zu wesentlichen Teilen aus der westeuropäischen Religions- und Moralphilosophie speiste und nach dem Abklingen ihrer geschichtlichen Reifezeit ihrerseits mannigfache europäische Rezeptionen freisetzte. Mithin wird eine der Neologie gewidmete kritische Quellensicherung ein zentrales Element des frühneuzeitlichen Modernisierungsschubs für die interdisziplinäre wissenschaftliche Auswertung und Bearbeitung zugänglich machen.

Mit der inzwischen vollständig vorliegenden Kritischen Spalding-Ausgabe (13 Bände, Tübingen 2001­–2013) ist das Gesamtwerk eines führenden Neologen bereits forschungstauglich verfügbar gemacht. Daneben verfolgt die „Bibliothek der Neologie“ das synchrone Ziel, zehn zentrale, in sich geschlossene Texte oder Textsammlungen der Neologie in kritischer Hybrid-Edition und also in einer für die interdisziplinäre Forschung und den akademischen Unterricht gleichermaßen geeigneten Darbietung bereitzustellen. Als Auswahlkriterien dienen dabei insbesondere die repräsentative Bedeutung der Verfasser, die interdisziplinäre Relevanz und gattungsspezifische Streuung der Texte, die in diesen Texten erfolgte exemplarische Bearbeitung einer für die Aufklärungsepoche zentralen Problemstellung sowie die diesen Werken zukommende geistesgeschichtliche und kulturwissenschaftliche Dignität.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Langzeitprojekt entsteht in der am Seminar für Kirchengeschichte II der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angesiedelten Arbeitsstelle „Bibliothek der Neologie“, seine digitale Umsetzung wird von der Abteilung „Forschung und Entwicklung“ der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen unterstützt.

Projektleitung:

  • Prof. Dr. Albrecht Beutel (Münster)

Informationswissenschaftliche und -technologische Leitung:

  • Dr. Mirjam Blümm (Göttingen, ab April 2015)
  • Prof. Dr. Heike Neuroth (Göttingen, bis März 2015)

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen:

  • Larissa Figgen (Münster, ab April 2017)
  • Mathias Göbel (Göttingen, Mai 2014 bis Dezember 2014)
  • Johannes Huck (Münster, bis März 2017)
  • Bastian Lemitz (Münster)
  • Hannes Riebl (Göttingen, bis September 2015)
  • Michelle Rodzis (Göttingen, ab Oktober 2015)
  • Uwe Sikora (Göttingen)
  • Olga Söntgerath, Abteilungsleitung (Münster)
  • Marco Stallmann (Münster)
  • Ubbo Veentjer (Göttingen, ab Oktober 2015 bis März 2017)

Wissenschaftliche Hilfskräfte:

  • Larissa Figgen (Münster, Oktober 2016 bis März 2017)

Studentische Hilfskräfte:

  • Larissa Figgen (Münster, bis September 2016)
  • Lena Goormann (Münster, bis September 2016)
  • Lars-Steffen Meier (Münster, bis September 2015)
  • Sonja Rotgeri (Münster, ab Juni 2017)
  • Hannah Woernle (Münster, ab Juni 2017)

BeraterInnen:

  • Alexander Jahnke (Göttingen)
  • Sibylle Söring (Göttingen, bis April 2016)

Die „Bibliothek der Neologie“ ist auf insgesamt zehn Bände angelegt. Jeder dieser Bände wird in digitaler und printtechnischer Hybrid-Version präsentiert werden: Das online-Portal stellt neben den Texten auch Metainformationen (z.B. Personen- und bibliografische Referenzierungen) bereit, die erweiterte Funktionen in der Textpräsentation und -analyse ermöglichen und so einen Beitrag zum sog. „Semantischen Web“ darstellen. Die Printversion knüpft an das profilierte Konzept der Kritischen Spalding-Ausgabe an: Den Bänden werden eine den Quellentext werk- und problemgeschichtlich kontextualisierende Einleitung, die kritische Darbietung der überlieferten Druckversionen sowie eingehende historische Erläuterungen und Register beigefügt. Die Printausgabe erscheint im Verlag Mohr Siebeck (Tübingen). Die Ordnungsnummer der Bände entspricht der alphabetischen Abfolge ihrer Verfasser, ist aber für die Sukzession des Erscheinens, die sich allein pragmatisch-arbeitsökonomischen Gesichtspunkten verpflichtet weiß, ohne Belang. Weitere Informationen zu den einzelnen Autoren und Werken finden Sie auf unserer Werkeseite.

Bibliothek der Neologie

  1. Carl Friedrich Bahrdt / Johann Salomo Semler: Glaubensbekenntnisse (1779–1792)
  2. Johann August Ernesti: Institvtio interpretis Novi Testamenti (11761–51809)
  3. Johann Jakob Griesbach: Anleitung zum Studium der populären Dogmatik (11779–41789)
  4. Gottfried Leß: Sontags-Evangelia übersezt, erklärt, und zur Erbauung angewandt (11776–31781)
  5. August Hermann Niemeyer: Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts (11796–91834)
  6. Johann August Nösselt: Anweisung zur Bildung angehender Theologen (11786/89–31818/19)
  7. August Friedrich Wilhelm Sack: Vertheidigter Glaube der Christen (11748/53–21773)
  8. Gotthilf Samuel Steinbart: System der reinen Philosophie oder Glückselig­keitslehre des Christenthums (11778–41794)
  9. Wilhelm Abraham Teller: Wörterbuch des Neuen Testaments zur Erklärung der christlichen Lehre (11772–61805)
  10. Johann Gottlieb Toellner: Katechetischer Text, oder Unterricht vom christlichen Lehrbegriff für Unstudirte (11765–21772)

Zitiervorschlag: BdN