Gottfried Leß
Sontags-Evangelia übersezt, erklärt, und zur Erbauung angewandt
11776–31781

Gottfried Leß (1736–1797) war ein klassischer, an Spaldings Homiletik geschulter Repräsentant des neologischen Predigtverständnisses. Nach dem in Halle und Jena absolvierten Theologiestudium wirkte er seit 1763 als Theologieprofessor und Universitätsprofessor in Göttingen und wurde 1791 Hofprediger sowie Generalsuperintendent in Hannover. Leß erbrachte eine außerordentlich umfangreiche Predigttätigkeit und -publikation; der Druck seiner Kanzelreden sollte zugleich den Familien bei der häuslichen Privatandacht als Grundlage dienen können. Die durch ihn repräsentierte Gattung der Aufklärungspredigt stellte zu ihrer Zeit das entscheidende, in seiner Bedeutung kaum zu überschätzende theologische Popularisierungsmedium dar. An ihm lässt sich exemplarisch studieren, inwiefern die Kanzel des 18. Jahrhunderts zutreffend als „das Katheder der Aufklärung“ (W. Schütz) bezeichnet worden ist. Seine spezifische Predigtart, die zugleich in beispielhafter Weise neologische Gesamtintentionen sichtbar werden ließ, war einerseits durch einen ausgeprägten moralischen Rigorismus und andererseits durch die deutliche Herausstellung der dem Christen zukommenden gesellschaftlichen Verantwortung charakterisiert. Auch wenn die literarische Gattung der Predigt im Zeitalter der Neologie allenthalben florierte, wird Leß ohne Übertreibung unter die einflussreichsten und breitenwirksamsten Vertreter dieses Genres zu rechnen sein.

Seine „Sontags-Evangelia“ widmeten sich dem gesamten Kreis der in den lutherischen Kirchen jährlich wiederkehrenden Predigtperikopen. Durch die eigene Übersetzung des biblischen Textes zielte er auf ein zeitgemäßes Verständnis der alten Überlieferung. Danach explizierte er die religiöse Bedeutung des jeweiligen Predigttextes durch einen schematisch anmutenden, aber variationsreich durchgeführten Zweischritt, indem er stets zuerst eine historisch-kontextuelle und sachlich-theologische Erklärung des Textes bot, um danach dessen erbauliche, religiöse Selbsterfahrung, moralische Vervollkommnung und konkrete, lebenspraktische Anwendung ermöglichende Potentiale zu entfalten.