|c584| Evangelium am zweiten Fasten-Sontage.
Matthäi 15, 21–28.
A b e r m a h l s ein edler, Gottgefälliger Charackter, in einer Person die nicht zur Jüdischen – – der damahligen wahren – Kirche gehörte! {Siehe Seite 171 f. und 181 f.} Zwei Samariter stellet uns Jesus, als Muster der Dankbahrkeit, und Grosmütigen Menschenliebe auf. Und jezo, eine Heidin, als ein Muster der Zärtlichkeit, Bescheidenheit und herablassenden Güte!A b e r m a h l s ein edler, Gottgefälliger Charackter, in einer Person die nicht zur Jüdischen – – der damahligen wahren – Kirche gehörte! {Siehe Seite 171 f. und 181 f.} Zwei Samariter stellet uns Jesus, als Muster der Dankbahrkeit, und Grosmütigen Menschenliebe auf. Und jezo, eine Heidin, als ein Muster der Zärtlichkeit, Bescheidenheit und herablassenden Güte!
{vers 21–24.} J e s u s gieng von dannen, nämlich aus Galiläa, Kapit. 14, 34, in die Gegenden von Tyrus und Sidon. Und eine Kananäische Frau aus diesen Gegenden, schrie ihm nach, Herr! Sohn David! Erbarme dich mein! Meine Tochter wird vom Teufel gequälet (oder auch; liegt jämmerlich krank.) Er aber antwortete ihr nicht. Da traten die Jünger zu ihm und baten ihn, Fertige sie ab, denn sie schreiet uns nach. Er aber antwortete; ich bin nur zu den verlohrnen Schaafen des Reiches Israel gesandt. – Nämlich, ihnen zu predigen. Jesus war der Erretter der ganzen Welt, der Heiden so wie der Juden. Matthäi 28, 18. 19. Aber er selbst in Person, war nur ein Lehrer der Juden. Nie pre|c585|digte Er den Heiden. Auch seinen Aposteln befahl er, bei seinem Leben nur den Juden zu predigen. Matthäi 10, 5–8. Denn wäre so gleich mit Bekehrung der Heiden der Anfang gemacht worden: so würde fast niemand unter den Juden, das Christenthum angenommen haben. In diese Gemütsart der Nation bequemete sich Jesus liebreich, um sie zu gewinnen. Römer 15, 8. vergl. Vers 1–7. 1 Korinther 9, 19–23.{vers 21–24.} J e s u s gieng von dannen, nämlich aus Galiläa, Kapit. 14, 34, in die Gegenden von Tyrus und Sidon. Und eine Kananäische Frau aus diesen Gegenden, schrie ihm nach, Herr! Sohn David! Erbarme dich mein! Meine Tochter wird vom Teufel gequälet (oder auch; liegt jämmerlich krank.) Er aber antwortete ihr nicht. Da traten die Jünger zu ihm und baten ihn, Fertige sie ab, denn sie schreiet uns nach. Er aber antwortete; ich bin nur zu den verlohrnen Schaafen des Reiches Israel gesandt. – Nämlich, ihnen zu predigen. Jesus war der Erretter der ganzen Welt, der Heiden so wie der Juden. Matthäi 28, 18. 19. Aber er selbst in Person, war nur ein Lehrer der Juden. Nie pre|c585|digte Er den Heiden. Auch seinen Aposteln befahl er, bei seinem Leben nur den Juden zu predigen. Matthäi 10, 5–8. Denn wäre so gleich mit Bekehrung der Heiden der Anfang gemacht worden: so würde fast niemand unter den Juden, das Christenthum angenommen haben. In diese Gemütsart der Nation bequemete sich Jesus liebreich, um sie zu gewinnen. Römer 15, 8. vergl. Vers 1–7. 1 Korinther 9, 19–23.
{vers 25–28.} S i e aber fiel vor ihm nieder und sprach, Herr hilf mir! – Es schickt sich nicht, antwortete Jesus, daß man den Kindern das Brodt wegnehme, und es den Hündchen vorwerfe. Die Ursache dieser strenge scheinenden Weigerung und Rede Jesu, war, um den edlen Charakter dieser Person zu offenbahren, und den Juden seiner Zeit zur Beschämung, der ganzen Welt aber zur Aufmunterung und Nachahmung aufzustellen. Denn – sie versezte. Allerdings Herr! Aber die Hündchen essen doch von den Brocken, die von den Tischen ihrer Herren fallen. („Ein Gütiger Hausherr, hat Güte genug, auch für die Thiere zu sorgen.“) – Da antwortete Jesus, Frau! Groß ist dein Vertrauen! Es geschehe was du verlangest! – Und ihre Tochter ward gesund in derselbigen Stunde!{vers 25–28.} S i e aber fiel vor ihm nieder und sprach, Herr hilf mir! – Es schickt sich nicht, antwortete Jesus, daß man den Kindern das Brodt wegnehme, und es den Hündchen vorwerfe. Die Ursache dieser strenge scheinenden Weigerung und Rede Jesu, war, um den edlen Charakter dieser Person zu offenbahren, und den Juden seiner Zeit zur Beschämung, der ganzen Welt aber zur Aufmunterung und Nachahmung aufzustellen. Denn – sie versezte. Allerdings Herr! Aber die Hündchen essen doch von den Brocken, die von den Tischen ihrer Herren fallen. („Ein Gütiger Hausherr, hat Güte genug, auch für die Thiere zu sorgen.“) – Da antwortete Jesus, Frau! Groß ist dein Vertrauen! Es geschehe was du verlangest! – Und ihre Tochter ward gesund in derselbigen Stunde!
G a n z e Bücher können uns den Charakter dieser Person nicht klärer abmahlen, als diese kurze Geschichte. Sie legt uns gleichsam, das Ganze Zärtliche, Sanfte, und Gütige Herz dieser Hei|c586|din, vor Augen. So fülbahr! So bescheiden! So voll Gutes Zutrauens zu andern! Stets fertiger Dienstbeflissenheit! Und alles umfassender Güte!G a n z e Bücher können uns den Charakter dieser Person nicht klärer abmahlen, als diese kurze Geschichte. Sie legt uns gleichsam, das Ganze Zärtliche, Sanfte, und Gütige Herz dieser Hei|c586|din, vor Augen. So fülbahr! So bescheiden! So voll Gutes Zutrauens zu andern! Stets fertiger Dienstbeflissenheit! Und alles umfassender Güte!
{vers 21–27.} M i t solcher Mühe Jesum aufsuchen; ihm so unermüdet nachlaufen; so rürend seine Hülfe erflehen; und sich durch nichts abschrecken lassen: das konte nur die Seele einer zärtlichen Mutter, die von dem Elende ihrer Tochter tief gerürt, und ganz durchdrungen war. – Zärtlichkeit, Fülbahrkeit bei allen Angelegenheiten der unsrigen und andrer Menschen. Eine Seele, die von jeder Sache stark gerürt wird; und sich gleichsam in jeden ihrer Nebenmenschen verwandelt! Alles an ihr freuet sich, bei einer frohen Begebenheit die sie, oder andre betrift. Und jede eigene und fremde Noth durchdringt sie ganz, bewegt sie bis zu Thränen. Wer wolte diese vortrefliche Anlage nicht schäzen, und lieben, und sich wünschen! A b e r – mehr als Anlage ist es auch nicht. Diese Zärtlichkeit, natürliche Fülbahrkeit, ist eine schöne Anlage zur Tugend, aber noch nicht, selbst Tugend; ein guter Boden worauf man edle Früchte bauen kan, aber nicht, selbst, die edle Frucht. D e r Mensch der sie besizet, darf dieses nicht als einen Ruhm ansehn: denn es ist nur ein feinerer Bau des Körpers, und besonders der Nerven, der so wenig sein Verdienst ist, als die Feinheit des Geruchs bei dem Hunde, oder die Stärke des Gesichts bei dem Raubvogel. – N o c h weniger darf er sich darum, für Tugendhaft, für einen Freund der Menschen halten. Denn jenes alles ist nichts, |c587| als die Wirkung des Bluts. Tugend aber, und ihre Summe, die Menschenliebe ist nur die Wirkung edler Grundsäze und Uebung. – V i e l m e h r hat er Ursache desto mistrauischer gegen sich zu seyn. Ein Mensch von natürlich zärtlichem Herzen, ist mehr als der von Natur kalte und hartherzige, zu Lastern aller Art, selbst der schwärzesten Grausamkeit aufgelegt. Denn eben diese starke Fülbahrkeit gegen alle Eindrücke der Sinne, macht ihn natürlicher und nothwendiger weise, Leichtsinnig. Jede Sache rürt ihn stark; verdrängt daher desto geschwinder alle vorige Empfindungen, und biethet alle Kräfte auf, die gegenwärtige zu befriedigen. Menschen von einer vorzüglichen Reizbarkeit der Nerven, und Empfindsamkeit der Seele, sind eben so wohl zu vorzüglichen Lastern, als zu vorzüglichen Tugenden aufgelegt. Eben die Gewalt der Empfindungen die sie auf den Gipfel der Tugend emporhebt, stürzt sie auch desto tiefer in den Schlamm des Lasters herunter. {1 Buch der Könige 21} A h a b wird eben darum grausam, ein Mörder an dem Naboth, weil er zärtlich gegen seine Gemahlin war. {Matthäi 14, 1–12.} Die Zärtlichkeit der Herodias gegen ihren Gemahl, machte sie bis zum Blutdurst grausam gegen den Johannes. Bei aller der natürlichen Fülbahrkeit einer weiblichen Seele, konte sie, ja selbst ihre junge weniger verdorbene Prinzessin, das Haupt des ermordeten Johannis, umflossen mit Blut und beklebt mit blutigen Haaren, ansehen – es auf einer Schüssel umhertragen, und daran ihre Augen weiden! Und so siehet man alle Tage, Männer ganz Gefül, welche ihre Frauen und Kinder in Armuth und Jam|c588|mer schmachten lassen, wärender Zeit sie die Welt durchstreichen, und sich mit dem Gelde der Ihrigen lustig machen. Und zärtliche Frauen, welche ihre Kinder wie Thiere aufwachsen lassen, und jedem Elende Preiß geben, und gar Vergiftung und Mord nicht scheuen, um eine unwürdige Lust zu befriedigen.{vers 21–27.} M i t solcher Mühe Jesum aufsuchen; ihm so unermüdet nachlaufen; so rürend seine Hülfe erflehen; und sich durch nichts abschrecken lassen: das konte nur die Seele einer zärtlichen Mutter, die von dem Elende ihrer Tochter tief gerürt, und ganz durchdrungen war. – Zärtlichkeit, Fülbahrkeit bei allen Angelegenheiten der unsrigen und andrer Menschen. Eine Seele, die von jeder Sache stark gerürt wird; und sich gleichsam in jeden ihrer Nebenmenschen verwandelt! Alles an ihr freuet sich, bei einer frohen Begebenheit die sie, oder andre betrift. Und jede eigene und fremde Noth durchdringt sie ganz, bewegt sie bis zu Thränen. Wer wolte diese vortrefliche Anlage nicht schäzen, und lieben, und sich wünschen! A b e r – mehr als Anlage ist es auch nicht. Diese Zärtlichkeit, natürliche Fülbahrkeit, ist eine schöne Anlage zur Tugend, aber noch nicht, selbst Tugend; ein guter Boden worauf man edle Früchte bauen kan, aber nicht, selbst, die edle Frucht. D e r Mensch der sie besizet, darf dieses nicht als einen Ruhm ansehn: denn es ist nur ein feinerer Bau des Körpers, und besonders der Nerven, der so wenig sein Verdienst ist, als die Feinheit des Geruchs bei dem Hunde, oder die Stärke des Gesichts bei dem Raubvogel. – N o c h weniger darf er sich darum, für Tugendhaft, für einen Freund der Menschen halten. Denn jenes alles ist nichts, |c587| als die Wirkung des Bluts. Tugend aber, und ihre Summe, die Menschenliebe ist nur die Wirkung edler Grundsäze und Uebung. – V i e l m e h r hat er Ursache desto mistrauischer gegen sich zu seyn. Ein Mensch von natürlich zärtlichem Herzen, ist mehr als der von Natur kalte und hartherzige, zu Lastern aller Art, selbst der schwärzesten Grausamkeit aufgelegt. Denn eben diese starke Fülbahrkeit gegen alle Eindrücke der Sinne, macht ihn natürlicher und nothwendiger weise, Leichtsinnig. Jede Sache rürt ihn stark; verdrängt daher desto geschwinder alle vorige Empfindungen, und biethet alle Kräfte auf, die gegenwärtige zu befriedigen. Menschen von einer vorzüglichen Reizbarkeit der Nerven, und Empfindsamkeit der Seele, sind eben so wohl zu vorzüglichen Lastern, als zu vorzüglichen Tugenden aufgelegt. Eben die Gewalt der Empfindungen die sie auf den Gipfel der Tugend emporhebt, stürzt sie auch desto tiefer in den Schlamm des Lasters herunter. {1 Buch der Könige 21} A h a b wird eben darum grausam, ein Mörder an dem Naboth, weil er zärtlich gegen seine Gemahlin war. {Matthäi 14, 1–12.} Die Zärtlichkeit der Herodias gegen ihren Gemahl, machte sie bis zum Blutdurst grausam gegen den Johannes. Bei aller der natürlichen Fülbahrkeit einer weiblichen Seele, konte sie, ja selbst ihre junge weniger verdorbene Prinzessin, das Haupt des ermordeten Johannis, umflossen mit Blut und beklebt mit blutigen Haaren, ansehen – es auf einer Schüssel umhertragen, und daran ihre Augen weiden! Und so siehet man alle Tage, Männer ganz Gefül, welche ihre Frauen und Kinder in Armuth und Jam|c588|mer schmachten lassen, wärender Zeit sie die Welt durchstreichen, und sich mit dem Gelde der Ihrigen lustig machen. Und zärtliche Frauen, welche ihre Kinder wie Thiere aufwachsen lassen, und jedem Elende Preiß geben, und gar Vergiftung und Mord nicht scheuen, um eine unwürdige Lust zu befriedigen.
A b e r was hindert euch, Fülbahre Seelen! diese herrliche Anlage in eurer Natur anzubauen; auf diesen edlen Boden die edelsten Früchte zu pflanzen! Richtet die ganze Stärke eurer Empfindungen auf das, was unsrer vorzüglich werth ist, auf Gott; Seine Wohlthaten, Seine Geseze, Seine Menschen. Regieret sie durch die vernünftigen, edlen Grundsäze, welche uns die Bibel lehret: durch das Muster und die Geseze Gottes. So werdet ihr, hundert Tugenden mehr verrichten, als diejenigen, die kälterer Natur sind; jeder eurer Tugenden eine weit grössere Anmuth, und Stärke geben; und dergestalt hundert, anderen unbekandte Quellen himmlischer Freude, in eurer Seele eröfnen. Römer 12, 9–Ende.A b e r was hindert euch, Fülbahre Seelen! diese herrliche Anlage in eurer Natur anzubauen; auf diesen edlen Boden die edelsten Früchte zu pflanzen! Richtet die ganze Stärke eurer Empfindungen auf das, was unsrer vorzüglich werth ist, auf Gott; Seine Wohlthaten, Seine Geseze, Seine Menschen. Regieret sie durch die vernünftigen, edlen Grundsäze, welche uns die Bibel lehret: durch das Muster und die Geseze Gottes. So werdet ihr, hundert Tugenden mehr verrichten, als diejenigen, die kälterer Natur sind; jeder eurer Tugenden eine weit grössere Anmuth, und Stärke geben; und dergestalt hundert, anderen unbekandte Quellen himmlischer Freude, in eurer Seele eröfnen. Römer 12, 9–Ende.
S o war diese Fülbahrkeit, in der Heidin die unser Text aufstellt, zur Tugend erhaben: denn sie ward durch gute Grundsäze geleitet. Mit welcher liebenswürdigen Bescheidenheit spricht sie von sich selbst! – {vers 26. 27.} Es schickt sich nicht, sagt Jesus, daß man den Kindern das Brodt nehme, um es den Hündlein zu geben. – Allerdings! war ihre Antwort. Doch aber nären sich die Hunde von den Brocken, |c589| die von ihrer Herren Tische fallen. Man siehet, daß dies nicht ein Spiel ihres Wizes, oder ein Einfall des Unverstandes, oder die Erdichtung der Heuchelei; sondern die unverfälschte Sprache ihres Herzens, und einer erleuchteten Bescheidenheit war. Sie wirft sich nicht weg, aber sie verlanget auch nicht Vorzüge, die ihr nicht gebürten. Sie erwartet nicht die ganze Fülle der Wohlthaten Jesu. Bei dem geringen Maaß ihrer Kentnisse und Tugend, ist sie auch, nur mit einigen Brocken seiner Güte zufrieden. – Das ganze Betragen dieser Person, und der Lobspruch den ihr Jesus giebt, zeigen daß sie zu geringe von sich selbst urtheilete. Aber selbst dieses erhöhet ihren Character. Sie lehret uns eine {Philipper 2, 2–8.} Bescheidenheit, die sich weder aufblähet noch wegwirft! Die von sich selbst, lieber zu strenge, als zu nachsichtlich urtheilet! Eine Regel die wir uns nie zu ofte einschärfen können! Gefallene Geschöpfe wie wir, durch hundert Vorurtheile geblendet, durch hundert Irrthümer auf Abwege geleitet, und mit hundert Fehltritten beflecket, haben alle Ursache, mit gröster Strenge sich zu richten, um immer neue Fehler zu entdecken. Und je strenger wir uns selbst beurtheilen; desto gütiger werden wir in dem Urtheile von allen andern seyn. Denn diese Strenge gegen uns selbst, wird uns so viele Fehler bei uns offenbahren, uns so stark überzeugen wie sehr wir der Nachsicht unsrer Neben-Menschen bedürfen, und die Nachsicht Gottes uns so reizend machen; daß wir es uns zur unverbrüchlichen Regel unsrer Privat-Urtheile festsezen werden, – von allen unsern Nebenmenschen |c590| immer, lieber zu gelinde, als zu strenge zu urtheilen.S o war diese Fülbahrkeit, in der Heidin die unser Text aufstellt, zur Tugend erhaben: denn sie ward durch gute Grundsäze geleitet. Mit welcher liebenswürdigen Bescheidenheit spricht sie von sich selbst! – {vers 26. 27.} Es schickt sich nicht, sagt Jesus, daß man den Kindern das Brodt nehme, um es den Hündlein zu geben. – Allerdings! war ihre Antwort. Doch aber nären sich die Hunde von den Brocken, |c589| die von ihrer Herren Tische fallen. Man siehet, daß dies nicht ein Spiel ihres Wizes, oder ein Einfall des Unverstandes, oder die Erdichtung der Heuchelei; sondern die unverfälschte Sprache ihres Herzens, und einer erleuchteten Bescheidenheit war. Sie wirft sich nicht weg, aber sie verlanget auch nicht Vorzüge, die ihr nicht gebürten. Sie erwartet nicht die ganze Fülle der Wohlthaten Jesu. Bei dem geringen Maaß ihrer Kentnisse und Tugend, ist sie auch, nur mit einigen Brocken seiner Güte zufrieden. – Das ganze Betragen dieser Person, und der Lobspruch den ihr Jesus giebt, zeigen daß sie zu geringe von sich selbst urtheilete. Aber selbst dieses erhöhet ihren Character. Sie lehret uns eine {Philipper 2, 2–8.} Bescheidenheit, die sich weder aufblähet noch wegwirft! Die von sich selbst, lieber zu strenge, als zu nachsichtlich urtheilet! Eine Regel die wir uns nie zu ofte einschärfen können! Gefallene Geschöpfe wie wir, durch hundert Vorurtheile geblendet, durch hundert Irrthümer auf Abwege geleitet, und mit hundert Fehltritten beflecket, haben alle Ursache, mit gröster Strenge sich zu richten, um immer neue Fehler zu entdecken. Und je strenger wir uns selbst beurtheilen; desto gütiger werden wir in dem Urtheile von allen andern seyn. Denn diese Strenge gegen uns selbst, wird uns so viele Fehler bei uns offenbahren, uns so stark überzeugen wie sehr wir der Nachsicht unsrer Neben-Menschen bedürfen, und die Nachsicht Gottes uns so reizend machen; daß wir es uns zur unverbrüchlichen Regel unsrer Privat-Urtheile festsezen werden, – von allen unsern Nebenmenschen |c590| immer, lieber zu gelinde, als zu strenge zu urtheilen.
D i e s e Wirkung jener gegen sich selbst strengen Bescheidenheit, zeigt sich auch in dem schönen Muster unsers Textes. Es zeichnet sich darin, ein gutes Zutrauen zu andern aus. Gleich weit entfernt von Unverschämtheit, und von Argwohn! Sie belastet Jesum nicht. Sie trägt ihm eine Bitte vor, die ihn weder in Verlegenheit sezte, noch in viel Mühe und Sorge verwickelte. Nun aber ist sie auch desto freier, desto anhaltender darin. Sie trauet es Jesu zu, ihre Bitte sey ihm so wenig unangenehm, daß sie ihm vielmehr ein wahres Vergnügen verschaffe. Denn ihr eigenes Herz sagte es ihr, daß sie an Jesu Stelle, so denken und handeln würde. – Ein Mensch der selbst gut ist, denkt auch gut von andern. Und darum ist es auch ein Haupt-Kenzeichen der evangelischen Menschenliebe, {1 Korinth. 13, 7.} daß sie zu jedermann das möglichst beste Vertrauen heget. D i e s e Wirkung jener gegen sich selbst strengen Bescheidenheit, zeigt sich auch in dem schönen Muster unsers Textes. Es zeichnet sich darin, ein gutes Zutrauen zu andern aus. Gleich weit entfernt von Unverschämtheit, und von Argwohn! Sie belastet Jesum nicht. Sie trägt ihm eine Bitte vor, die ihn weder in Verlegenheit sezte, noch in viel Mühe und Sorge verwickelte. Nun aber ist sie auch desto freier, desto anhaltender darin. Sie trauet es Jesu zu, ihre Bitte sey ihm so wenig unangenehm, daß sie ihm vielmehr ein wahres Vergnügen verschaffe. Denn ihr eigenes Herz sagte es ihr, daß sie an Jesu Stelle, so denken und handeln würde. – Ein Mensch der selbst gut ist, denkt auch gut von andern. Und darum ist es auch ein Haupt-Kenzeichen der evangelischen Menschenliebe, {1 Korinth. 13, 7.} daß sie zu jedermann das möglichst beste Vertrauen heget.
D i e Heidin in unserm Text zweifelt nicht, daß Jesus Gütig genug sey, jedem Menschen zu dienen, sich auch bis zu dem Allerniedrigsten herabzulassen. {v. 27.} Allerdings Herr! Doch aber essen die Hunde von den Brocken ihrer Herren. „Gütige Herren sorgen nicht bloß für ihre Familie, sondern auch für alles was lebt und empfindet.“ So dachte sie von Jesu; weil sie selbst so zu denken gewohnt war. Denn ein edles Herz argwönet nie bei andern eine Niederträchtigkeit und Bosheit, deren es selbst, nicht fähig ist. |c591| Vielmehr, so wie es nur im Vergnügen und Wohlthun seine Freude sucht, so glaubt es natürlicher weise von andern eben dasselbe, so lange nicht unleugbahre Gründe es zwingen anders zu denken. Eben der Liebesvolle Geist des Christenthums, der uns gütig in unsern Handlung gegen andre macht, macht uns auch gütig in unsern Urtheilen über sie. – Sey selbst gütig; so wirst du auch, andre gütig beurtheilen! Und indem du sie gütig beurtheilest, so sprichst du von dir selbst das rümlichste Urtheil. Denn Liebesvolles Zutrauen zu andern und Liebesvolle Beurtheilung andrer, ist ein unverdächtiges Zeichen ächter Güte des Herzens. Philipper 2, 1–8. Epheser 4, 29 – Kapitel 5, 2.D i e Heidin in unserm Text zweifelt nicht, daß Jesus Gütig genug sey, jedem Menschen zu dienen, sich auch bis zu dem Allerniedrigsten herabzulassen. {v. 27.} Allerdings Herr! Doch aber essen die Hunde von den Brocken ihrer Herren. „Gütige Herren sorgen nicht bloß für ihre Familie, sondern auch für alles was lebt und empfindet.“ So dachte sie von Jesu; weil sie selbst so zu denken gewohnt war. Denn ein edles Herz argwönet nie bei andern eine Niederträchtigkeit und Bosheit, deren es selbst, nicht fähig ist. |c591| Vielmehr, so wie es nur im Vergnügen und Wohlthun seine Freude sucht, so glaubt es natürlicher weise von andern eben dasselbe, so lange nicht unleugbahre Gründe es zwingen anders zu denken. Eben der Liebesvolle Geist des Christenthums, der uns gütig in unsern Handlung gegen andre macht, macht uns auch gütig in unsern Urtheilen über sie. – Sey selbst gütig; so wirst du auch, andre gütig beurtheilen! Und indem du sie gütig beurtheilest, so sprichst du von dir selbst das rümlichste Urtheil. Denn Liebesvolles Zutrauen zu andern und Liebesvolle Beurtheilung andrer, ist ein unverdächtiges Zeichen ächter Güte des Herzens. Philipper 2, 1–8. Epheser 4, 29 – Kapitel 5, 2.