/z|a[635]| |b614| |c631| Evangelium am zweiten Sontage nach Ostern.
Johannis 9, 39 – 10, 18.

N i e hat die Welt einen Regenten gesehen, auf den das durch Alterthum, Unschuld und Reiz so ehrwürdige und anmuthige Bild eines Hirten besser gepasset, als auf Jesum. Er ist der einzige ächte Hirte, der uns durch alle Krümmungen und Irrwege dieses Lebens, auf die gesunde und reiche Weide füret; und endlich durch das dunkle Thal des Todes, und das Schattenreich des Grabes,bc1 hin in die Gefilde des Lichts, in die seeligen Wohnungen des Himmels leitet!

{/bJohannisc2 9.b\b3 } Jesusc4 hatte einen Blindgebohrnen auf der Stelle geheilet. Die Sache war unleugbahr. Der hohe Rath zu Jerusalem, das höchste Gericht der Nation, diese so mächtigen als abgesagten Feinde Jesu, hatten die Eltern des Blindgebohrnen, und ihn selbst gerichtlich verhört, und den leztern gar die Sache beschwören lassen. Der Blindgebohrne war also auf der Stelle, durch Jesu Machtspruch geheilt. Und der gesunde Menschenverstand lehret, daß dies nicht ohne Wunderwerk geschehen kan. Dennoch blieben sie, Feinde Jesu, dennoch verwarfen sie seine Religion. Und warum? – Jesus, sagten sie, habe den Elenden, am Sabbat geheilt.bc5 Am Sabbat aber heilen, – also, die Menschen Gottesc6, für die der Sabbat ist, beglücken – sey eine so schwere Sünde, daß nur ein Bösewicht dergleichen thun könne. Man weiß |b615| |c632| nicht, ob man mehr über den Unsinn, oder die Bosheit dieser Heuchler erstaunen soll! – Da nun |a636| sprach Jesusc7 zu ihnen. {/cJohannisb8 9,39 – 10,6c\c9 } Zur Rechtsprechung bin ich in die Welt gekommen: auf daß diejenigen welche nicht sehen, sehend; und diejenigen welche sehen, blind werden. – „Damit diejenigen, die ihre Blindheit erkennen, sehend werden; diejenigen aber, die sich für sehend halten, von ihrer Blindheit überfüretb10 werden.“ Zu diesem scharfsinnigen Ausdruck nahm Jesus Anlaß, durch den Blinden den er eben geheilet hatte, und über den die Juden mit ihm stritten. – Als das die gegenwärtigen Pharisäer höreten, sprachen sie, Sind wir denn gar, Blinde? Jesus antwortete, wäret ihr Blinde, so würdet ihr nicht in eurer Bosheit beharren. So aber sprecht ihr, wir sehen; dergestalt dauert eure Bosheit fort. „Wenn ihr eure Blindheit recht erkennetetc11, so würdet ihr nicht mit solcher Bosheit die Wahrheit von euch stossen; sondern bei mir Hülfe wider eure Blindheit, suchen und finden. So aber haltet ihr euch für Sehend. So bleibt ihr Sclavenc12 der Sünde.“ – Ich versichre euch, wer nicht zur Thür, in den Hoff der Schaafe hineingehet, sondern anderswo einsteiget, der ist ein Dieb und Räuber. – Bei den Juden, und überhaupt im Morgenlande, sind Vorhöfe vor den Häusern. Und in diesem Vorhofe, sind auch die Schaafe. Zu den Schaafen gehet man also, durch eben die Thür, welche ins Haus füret. An dem Eingange des Vorhofes, ist der Thürhüter. – – Der Hirte |b616| |c633| der Schaafe aber, gehet durch die Thür. Ihm thut der Thürhüter auf, und die |a637| Schaafe kennen seine Stimme. Er aber ruft die Schaafe mit Nahmen, und füret sie aus. Und wenn er sie hinausgelassen, gehet er vor ihnen her. Und die Schaafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme des Fremden nicht. – Dieses Gleichniß trug Jesus vor. Sie aber verstunden nicht, was er damit sagen wolte.

J e s u s fuhr also fort.{vers 7–18bc13 } Ich versichere euch, ich bin die Thür für die Schaafe (die Thür, wodurch die Schaafe zur Weide, und denn wieder, in ihre Wohnung gehen.) Alle diejenigen welche kommen, (nämlich, nicht durch die Thür, sondern durch andre Orte vers 1) sind Diebe und Räuber. Aber die Schaafe folgen ihnen nicht. „Menschen, die meiner Religion widersprechen, und Lehren vortragen, wie die eurigen, die sind nicht ein Seegen, sondern eine Pest der Welt. Siehe Matthäi 5–7. oben Seite 79 f. und 107 f. A b e r redliche durch mich besser unterrichtete folgen euch nicht.“ – Ich bin die Thür: wer durch mich eingehet, der wird gesund werden, und sicher seyn, und gute Weide finden. „Meine Lehre füret gerade und sicher, zum Glück.“b14 Der Dieb komt nur, zu stehlen, zu würgen und zu zerstören. Ich komme, daß sie volles Glück empfangen. Ich bin D E Rbc15 gute Hirte. (der von Gottc16 verheissen worden, Jesaiä 40. Ezechiel 34) Dieser gute |b617| |c634| Hirte waaget auch sein Leben für die Schaafe. Der Miethling aber, der nicht Hirte ist, |a638| dem die Schaafe nicht zugehören, siehet den Wolf kommen, alsbald verläßt er die Schaafe, und fleucht; und der Wolf zerreißt, und zerstreuet die Schaafe. Der Miethling aber fleucht; denn er ist ein Miethling, darum sorgt er nicht für die Schaafe. Ich bin D E Rc17 gute Hirte, und liebe meine Schaafe, und werde von den meinen geliebet: so wie mich der Vater liebet, und ich hinwiederum den Vater liebe. Ja, mein Leben lasse ich für die Schaafe. Und ich habe noch andre Schaafe, die nicht aus diesem Hofe sind. Auch diese muß ich herbeileiten, und sie werden meiner Stimme folgen. Dergestalt wird nur Eine Heerde, und Ein Hirte seyn. – Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse. (Doch werde ich es wieder nehmen) Niemand kan es mir nehmen, sondern ich lasse es freiwillig. Ich habe die Macht es zu lassen, und habe auch die Macht, es wieder zu nehmen. – – Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater! (nämlich, für die Beglükkung der Welt zu Sterben, und denn zu ihrem Glück wieder zu Leben.)

E i n jeder Christ, welcher weis was, Jesus für die Welt gethan, und seine Lehre, aus Erfahrung kentc18, wird hier mit wallendem Herzen, und Thränen des Danks, dieses entzückende Bild, Zug vor Zug in der Person Jesu erblicken. – E r ist {vers 11–14c19 } der Gute Hirte; das heißt, „der rechte, |b618| |c635| Gütige, von Gottc20 verheissene König der Menschen.“ (Siehe Ezechiel 34, 23 vergl. |a639| vers 24. Jeremiä 23. Auch sonst, werden bei den alten Schriftstellern, Könige, Regenten, sehr häufig, unter dem Bilde des Hirten vorgestellt) – E rbc21 ist {versc22 7. 9.} die Thür für die Schaafe; das heißt, „Seine Lehre füret uns sicher zum Glück: sie macht uns zu guten, und glücklichen Menschen.[“]c23 {/cversb24 16c\c25 } A u c h die Schaafe ausbc26 dem andern Hofe, hat Er zur Weide gefüret, und sie zu Einer Heerde, unter Einem Hirten verbunden. „Auch die Heiden hat er zu seiner Religion aufgenommen, und sie nebst den Juden, unter Ein Haupt verbunden, und zu Einerlei Glück bestimt.“ Siehe oben Seitec27 22 folg.

{/cversb28 16c\c29 } A u c h wir alle, meine Leser, gehören zu den Schaafen aus dem andern Hofe. Was würden wir seyn ohne Jesu? Elende Gözendiener, ein Raub der Betrüger, ein Opfer unsrer sündlichen Leidenschaften: geschändet durch Aberglauben, und durch Laster gefoltert! So laßt uns denn, diese unaussprechliche Wohlthat Gottesc30, mit Dank und Gehorsam brauchen; und Ihn täglich bitten, daß Er sie, allen unsern Nebenmenschen schenke, sie alle, – zu Einer Heerde und Einem Hirten mache.

S o muß das Betragen Jesu unsre Dankbahrkeit anfeuren! Und, – denn Erlösete und Schüler eines Solchen Heilandes, müssen mehr als Gemeine Menschen seyn – unsre /cMenschen Liebec\c31 auf den Gipfel der G r o s m u t h erheben. {versb32 14. 15.b33 } Ich liebe meine Schaafe, wie mich der Vater liebet. Und lasse mein Leben für die Schaafe. – So müssen auch wir, wenn |b619| |c636| uns das Gemeine Beste dazu auffordert, alles Irrdische, selbst Gesundheit und Leben waagen, und |a640| hingeben. 1 Johannis 3, 16. Siehe oben Seite 186bc34 folg.

I c h bin kommen, den Menschen volles Glück zu geben! vers 10.I c hbc35 liebe die Menschen, w i ebc36 mich der Vater liebet! vers 14.I c hbc37 lasse mein Leben für die Schaafe! vers 15.N i e m a n d nimt mein Leben, ich lasse es freiwillig für die Menschen. D a s i s t d e r A u f t r a g m e i n e s V a t e r s ! vers 18. – – Wer kan diese Aussprüche hören, oder lesen, ohne sich zu Allembc38 was Groß und Edel ist, erhaben zu fülen! – So sey gesinnet, so handele, Christ! Alsdennbc39 ist dein Glück gemacht! Denn hier ist die Zusage unsers Gütigsten Regenten! {vers 27–30bc40 } Meine Schaafe folgen mir, und ich gebe ihnen – e i n E w i g e s G l ü c k ! Und nie werde ich sie verliehren. Und niemand soll sie meinen Händen entreissen. – Denn,bc41 der Vater, der sie mir gegeben hat, – ist Mächtiger als Alles!z\

bc1: Grabes c2: Joh. b3: Joh. 9 c4: J e s u s bc5: geheilt, c6: Gottes c7: Jesus b8: Joh. c9: Joh. 9,39 – 10,6. b10: überführet c11: erkenntet c12: Sklaven bc13: 7–18. b14: Glück.[“] bc15: DER c16: Gott c17: DER c18: kennt c19: 11–14. c20: Gott bc21: Er c22: v. c23: Menschen.“ b24: v. c25: v. 16. bc26: auf c27: Seite b28: v. c29: v. 16. c30: Gottes c31: Menschen-Liebe b32: v. b33: 15 bc34: 177 bc35: Ich bc36: wie bc37: Ich bc38: allem bc39: alsdenn bc40: 27–30. bc41: Denn