|c80| Evangelium am 6 Sontage nach Trinitatis.
Matth. 5, vers 17–26.
D i e s e r Text ist ein Stück der Rede, welche Jesus auf einem Berge in Galiläa, vor einer sehr zahlreichen Versammlung hielte. {Lucä 6, 12.} Auf diesem Berge hatte er die Nacht im Gebet zugebracht. {Lucä 6, 13.} Bei Anbruch des Tages wälet er die zwölf Apostel. {Lucä 6, 17–19. vergl. mit Math. 4, 24 – 5, 1.} Nun gehet er den Berg hinab, den Kranken entgegen, die man von allen Seiten her zu ihm brachte. Er heilet sie durch seinen Allmachts-Befehl. {Math. 5, 1.} Und um die Schaar von Menschen, welche zu ihm geströmt, besser übersehen und mit einer allenthalben vernehmlichern Stimme anreden zu können, steigt er abermahls auf die Anhöhe des Berges, sezet sich, und hält an die versamlete Menge, von diesem Berge herab, eine Rede, die eben darum die Berg-Predigt pflegt genant zu werden. Matthäi Kapitel 5, 6 und 7. – und Lucä 6, 20–49. *) [1]D i e s e r Text ist ein Stück der Rede, welche Jesus auf einem Berge in Galiläa, vor einer sehr zahlreichen Versammlung hielte. {Lucä 6, 12.} Auf diesem Berge hatte er die Nacht im Gebet zugebracht. {Lucä 6, 13.} Bei Anbruch des Tages wälet er die zwölf Apostel. {Lucä 6, 17–19. vergl. mit Math. 4, 24 – 5, 1.} Nun gehet er den Berg hinab, den Kranken entgegen, die man von allen Seiten her zu ihm brachte. Er heilet sie durch seinen Allmachts-Befehl. {Math. 5, 1.} Und um die Schaar von Menschen, welche zu ihm geströmt, besser übersehen und mit einer allenthalben vernehmlichern Stimme anreden zu können, steigt er abermahls auf die Anhöhe des Berges, sezet sich, und hält an die versamlete Menge, von diesem Berge herab, eine Rede, die eben darum die Berg-Predigt pflegt genant zu werden. Matthäi Kapitel 5, 6 und 7. – und Lucä 6, 20–49. *) [1]
*)[1] D i e s e Rede beim Lukas ist zwar zu einer andern Zeit gehalten worden; sie erläutert aber die Berg-Predigt in manchen Stellen.
E i n e Rede, die Stoff zu Jahrelangen Betrachtungen enthält! Die jedem aufmerksamen und unpartheiischen Leser Achtung für die Religion Jesu, und grosse, erhabene, göttliche Gesinnungen einflössen muß! {Math. 5, 2–12.}Wie edel sind die Neigungen, |c81| welche er dort, als die herrschenden Gesinnungen eines Christen, so kraftvoll beschreibt und empfiehlet? – {v. 13–16.} Wie erhaben die Bestimmung, die Würde eines Christen! welche in jedem noch nicht ganz füllosen Gemüt die edelste Ehrbegierde entzünden muß! – {v. 17–20.} Wie höchst würdig G o t t, dem Vater der Menschen, wie unaussprechlich heilsam für die menschliche Gesellschaft, ist der Zweck, der Geist, seiner Religion, wie er ihn im 17–20. Verse beschreibt! – {v. 21. bis zum Ende des 7den Kapitels.} Wie vernünftig, weise, und gütig sind die einzelne Geseze, welche er aus jenen Gesinnungen, jener Würde des Christen, und dem Geist der christlichen Religion herleitet! – Mit einem Wort, diese Berg-Predigt, ist der Inbegrif der ganzen Moral, der edelsten und besten Moral. Oder, mit den Worten unsers von G o t t gesandten Lehrers, „der Abriß der vorzüglichen Tugend, die das Christenthum fordert und wirket!“E i n e Rede, die Stoff zu Jahrelangen Betrachtungen enthält! Die jedem aufmerksamen und unpartheiischen Leser Achtung für die Religion Jesu, und grosse, erhabene, göttliche Gesinnungen einflössen muß! {Math. 5, 2–12.}Wie edel sind die Neigungen, |c81| welche er dort, als die herrschenden Gesinnungen eines Christen, so kraftvoll beschreibt und empfiehlet? – {v. 13–16.} Wie erhaben die Bestimmung, die Würde eines Christen! welche in jedem noch nicht ganz füllosen Gemüt die edelste Ehrbegierde entzünden muß! – {v. 17–20.} Wie höchst würdig G o t t, dem Vater der Menschen, wie unaussprechlich heilsam für die menschliche Gesellschaft, ist der Zweck, der Geist, seiner Religion, wie er ihn im 17–20. Verse beschreibt! – {v. 21. bis zum Ende des 7den Kapitels.} Wie vernünftig, weise, und gütig sind die einzelne Geseze, welche er aus jenen Gesinnungen, jener Würde des Christen, und dem Geist der christlichen Religion herleitet! – Mit einem Wort, diese Berg-Predigt, ist der Inbegrif der ganzen Moral, der edelsten und besten Moral. Oder, mit den Worten unsers von G o t t gesandten Lehrers, „der Abriß der vorzüglichen Tugend, die das Christenthum fordert und wirket!“
D i e Jünger, an welche Jesus nach dem ersten Vers diese Rede hielte, sind alle diejenigen, die ihm damahls folgeten, um seinen Unterricht zu hören. Die grosse Menge, welche er ((Vers 1.) zu sich herzudringen sahe. Die Menge seiner Jünger, wie es Lukas 6, 17. nennt. Also weder bloß, noch vornehmlich für die Apostel, sondern für alle Christen, ist diese Rede gehalten.D i e Jünger, an welche Jesus nach dem ersten Vers diese Rede hielte, sind alle diejenigen, die ihm damahls folgeten, um seinen Unterricht zu hören. Die grosse Menge, welche er ((Vers 1.) zu sich herzudringen sahe. Die Menge seiner Jünger, wie es Lukas 6, 17. nennt. Also weder bloß, noch vornehmlich für die Apostel, sondern für alle Christen, ist diese Rede gehalten.
I h r alle denn, meine Mitchristen, was ist der Zweck, der Geist, die Absicht, der Religion die wir bekennen? Etwa, uns mit einer Last von Cärimonien zu beladen? Oder, uns Dinge zu lehren, die wir bloß glauben und bekennen sollen; die höchstens einige müßige Empfindungen |c82| hervorbringen; aber mit unserm alltäglichen Leben nichts zu thun haben? Oder gar, den Geist der Zwietracht und Faktion in uns zu entflammen? – – {v. 17–20.} Höret Ihn, den Stifter unsrer Religion, die ewige Weisheit, Selbst reden!I h r alle denn, meine Mitchristen, was ist der Zweck, der Geist, die Absicht, der Religion die wir bekennen? Etwa, uns mit einer Last von Cärimonien zu beladen? Oder, uns Dinge zu lehren, die wir bloß glauben und bekennen sollen; die höchstens einige müßige Empfindungen |c82| hervorbringen; aber mit unserm alltäglichen Leben nichts zu thun haben? Oder gar, den Geist der Zwietracht und Faktion in uns zu entflammen? – – {v. 17–20.} Höret Ihn, den Stifter unsrer Religion, die ewige Weisheit, Selbst reden!
{v. 17.} I h r sollt nicht wänen, daß ich kommen bin, das Gesez oder die Propheten aufzulösen. „Das Gesez und die Propheten,“ ist der damahls unter den Juden gewönliche Nahme der Schriften des alten Testaments. Lucä 24, 27. u. a. Also nicht vom Geseze Mosis redet Jesus, sondern von den Schriften Mosis und der Propheten. Diese aufzulösen, oder deutlicher übersezt, aufzuheben, abzuschaffen, ist Er nicht gekommen. Sondern sie zu erfüllen: d. h. entweder, 1) sie zu vollenden, vollständig zu machen, den darin enthaltenen Unterricht zu erweitern, und in helleres Licht zu sezen: oder 2) nach der gewönlichsten Bedeutung, sie zu vollziehen, dasjenige zu thun, was darin geschrieben ist. Der Sinn ist bei beiden Erklärungen ohngefär derselbe, nämlich dieser: „ich bin der dort versprochene Erlöser und Lehrer der Welt.“ Luc. 24, 44. vergl. v. 25. f. und v. 46. 47. {v. 18.} Denn ich sage euch, wahrlich bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstab, noch ein Tittel (ein Häkchen an dem kleinsten Buchstaben) vom Gesez: (den Schriften des A. T. Nichts, gar nichts soll davon unerfüllt bleiben) bis daß es alles (d. h. was darin vom Meßias geschrieben ist) geschehen. „Alles[“] (dies ist der Sinn) „was im A. T. geweissagt und gelehret worden, soll durch mich erfüllet werden; und meine Religion an die Stelle desselben treten.“ {v. 17.} I h r sollt nicht wänen, daß ich kommen bin, das Gesez oder die Propheten aufzulösen. „Das Gesez und die Propheten,“ ist der damahls unter den Juden gewönliche Nahme der Schriften des alten Testaments. Lucä 24, 27. u. a. Also nicht vom Geseze Mosis redet Jesus, sondern von den Schriften Mosis und der Propheten. Diese aufzulösen, oder deutlicher übersezt, aufzuheben, abzuschaffen, ist Er nicht gekommen. Sondern sie zu erfüllen: d. h. entweder, 1) sie zu vollenden, vollständig zu machen, den darin enthaltenen Unterricht zu erweitern, und in helleres Licht zu sezen: oder 2) nach der gewönlichsten Bedeutung, sie zu vollziehen, dasjenige zu thun, was darin geschrieben ist. Der Sinn ist bei beiden Erklärungen ohngefär derselbe, nämlich dieser: „ich bin der dort versprochene Erlöser und Lehrer der Welt.“ Luc. 24, 44. vergl. v. 25. f. und v. 46. 47. {v. 18.} Denn ich sage euch, wahrlich bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstab, noch ein Tittel (ein Häkchen an dem kleinsten Buchstaben) vom Gesez: (den Schriften des A. T. Nichts, gar nichts soll davon unerfüllt bleiben) bis daß es alles (d. h. was darin vom Meßias geschrieben ist) geschehen. „Alles[“] (dies ist der Sinn) „was im A. T. geweissagt und gelehret worden, soll durch mich erfüllet werden; und meine Religion an die Stelle desselben treten.“
|c83| {v. 19.} W e r nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöset, (aufhebet) und lehret die Leute also: Durch diese Gebote verstehet Jesus nicht, die im A. T. enthaltene Gebote . Diesen waren die damahligen Lehrer der Juden, von ganzem Herzen, nur mit Unverstand und Aberglauben, zugethan. Er meinet Seine eigene, diejenigen Geseze, die er nun vortragen wolte. Dies ist klar aus dem zwanzigsten Vers, wo er den Grund dieses Ausspruchs anfüret: „Niemand, nämlich, könne Sein Jünger seyn, der nicht die Vorzügliche Tugend, die er lehre, auszuüben trachtet.“ – Der wird der kleinste heissen im Himmelreich. Das Himmel- oder himmlische Reich, oder das Reich G o t t e s, ist das Reich, zu dessen König, der {Ps. 2.} Meßias, von G o t t bestellet worden. {Joh. 18, 37.} Das Reich, welches Er, der Welt-Heiland, durch seine Religion sich in der Welt aufrichtete. Der wird der kleinste heissen (seyn) im Himmelreich, oder wie es Vers 20. erkläret wird, nicht ins Himmelreich kommen; das heißt, „der kan nicht ein Anhänger meiner Religion, der kan kein Christ, seyn.“ – Wer es (alles was ich jezo lehre Vers 20. bis zum Ende des 7ten Kap.) thut. – Also, Christen! Thun, nicht bloß glauben, oder empfinden, ist es was das Christenthum fordert! – und lehret, der wird groß heissen (seyn) im Himmelreich; „der ist mein wahrer Anhänger, ein ächter Christ!“ – – – Du wilst wissen, ob du ein wahrer Christ, ob du von Gott zur Seligkeit des Himmels auserwälet seyst? Da darfst du nicht lange, tiefe Untersuchungen anstellen; |c84| darfst nicht in die Geheimnisse der Gottheit dringen, in die Tiefen der göttlichen Rathschlüsse dich versenken. Siehe auf dein Leben, und in dein Herz. Frage dein Gewissen, „t h u e ich was Jesus gebeut?“ Denn, – wer dies thut und lehret, der ist groß im Himmelreich. vers 19. |c83| {v. 19.} W e r nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöset, (aufhebet) und lehret die Leute also: Durch diese Gebote verstehet Jesus nicht, die im A. T. enthaltene Gebote . Diesen waren die damahligen Lehrer der Juden, von ganzem Herzen, nur mit Unverstand und Aberglauben, zugethan. Er meinet Seine eigene, diejenigen Geseze, die er nun vortragen wolte. Dies ist klar aus dem zwanzigsten Vers, wo er den Grund dieses Ausspruchs anfüret: „Niemand, nämlich, könne Sein Jünger seyn, der nicht die Vorzügliche Tugend, die er lehre, auszuüben trachtet.“ – Der wird der kleinste heissen im Himmelreich. Das Himmel- oder himmlische Reich, oder das Reich G o t t e s, ist das Reich, zu dessen König, der {Ps. 2.} Meßias, von G o t t bestellet worden. {Joh. 18, 37.} Das Reich, welches Er, der Welt-Heiland, durch seine Religion sich in der Welt aufrichtete. Der wird der kleinste heissen (seyn) im Himmelreich, oder wie es Vers 20. erkläret wird, nicht ins Himmelreich kommen; das heißt, „der kan nicht ein Anhänger meiner Religion, der kan kein Christ, seyn.“ – Wer es (alles was ich jezo lehre Vers 20. bis zum Ende des 7ten Kap.) thut. – Also, Christen! Thun, nicht bloß glauben, oder empfinden, ist es was das Christenthum fordert! – und lehret, der wird groß heissen (seyn) im Himmelreich; „der ist mein wahrer Anhänger, ein ächter Christ!“ – – – Du wilst wissen, ob du ein wahrer Christ, ob du von Gott zur Seligkeit des Himmels auserwälet seyst? Da darfst du nicht lange, tiefe Untersuchungen anstellen; |c84| darfst nicht in die Geheimnisse der Gottheit dringen, in die Tiefen der göttlichen Rathschlüsse dich versenken. Siehe auf dein Leben, und in dein Herz. Frage dein Gewissen, „t h u e ich was Jesus gebeut?“ Denn, – wer dies thut und lehret, der ist groß im Himmelreich. vers 19.
{v. 20.} D e n n ich sage euch, es sey denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer; so könnet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Das Wort, welches durch Gerechtigkeit, gegeben worden, bedeutet hier und in vielen Stellen, wo es alleine, ohne einen Beisaz stehet, eben das, was unser deutsches Wort, Tugend. Denn es wird der Sünde entgegen gesezet. „Ihr seyd[“], sagt z. E. Paulus Römer 6, 18. „frei von der Sünde; und Diener der Gerechtigkeit (Tugend) geworden.“ – Der Ausspruch Jesu lautet also in einer genauern Uebersezung, wie folgt: Ich sage euch, woferne eure Tugend die (heuchlerische, zerstümmelte, körperliche) Tugend der Gesezgelehrten und Pharisäer, nicht bei weitem übertrift: so könnet ihr nicht meine Jünger, nimmermehr Christen, seyn.{v. 20.} D e n n ich sage euch, es sey denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer; so könnet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Das Wort, welches durch Gerechtigkeit, gegeben worden, bedeutet hier und in vielen Stellen, wo es alleine, ohne einen Beisaz stehet, eben das, was unser deutsches Wort, Tugend. Denn es wird der Sünde entgegen gesezet. „Ihr seyd[“], sagt z. E. Paulus Römer 6, 18. „frei von der Sünde; und Diener der Gerechtigkeit (Tugend) geworden.“ – Der Ausspruch Jesu lautet also in einer genauern Uebersezung, wie folgt: Ich sage euch, woferne eure Tugend die (heuchlerische, zerstümmelte, körperliche) Tugend der Gesezgelehrten und Pharisäer, nicht bei weitem übertrift: so könnet ihr nicht meine Jünger, nimmermehr Christen, seyn.
U n d, was ist nun der Zweck, der Geist, der Lehre Jesu, des Christenthums? – {v. 1–18.} 1) „Den Religions-Unterricht des A. T. zu erweitern; und in das rechte volle Licht zu sezen. Diesen bisherigen Kinder-Unterricht, mit dem höheren, Männlichen verwechseln.“ Dies lehret auch der Augenschein. Die Kentnisse der Gläubigen des A. T. verhalten sich gegen die Kentnisse der Christen, wie die |c85| Kentniß eines Kindes zu der Kentniß eines Mannes; wie die Dämmerung zu dem vollen Tage. {2 Tim. 1, 10. v. 19. 20.} Und 2) „Eine ganz-vorzügliche Tugend in der Welt auszubreiten.“ Alles was die Vernunft; auch was das A. T. von Tugend lehret, ist nur dürftig, gegen die Vollständige, Reine, Edle Tugend, welche das Christenthum fordert und einflösset. – Die Beispiele davon sehet in dem ganzen Fortgange dieser Berg-Predigt Jesu!U n d, was ist nun der Zweck, der Geist, der Lehre Jesu, des Christenthums? – {v. 1–18.} 1) „Den Religions-Unterricht des A. T. zu erweitern; und in das rechte volle Licht zu sezen. Diesen bisherigen Kinder-Unterricht, mit dem höheren, Männlichen verwechseln.“ Dies lehret auch der Augenschein. Die Kentnisse der Gläubigen des A. T. verhalten sich gegen die Kentnisse der Christen, wie die |c85| Kentniß eines Kindes zu der Kentniß eines Mannes; wie die Dämmerung zu dem vollen Tage. {2 Tim. 1, 10. v. 19. 20.} Und 2) „Eine ganz-vorzügliche Tugend in der Welt auszubreiten.“ Alles was die Vernunft; auch was das A. T. von Tugend lehret, ist nur dürftig, gegen die Vollständige, Reine, Edle Tugend, welche das Christenthum fordert und einflösset. – Die Beispiele davon sehet in dem ganzen Fortgange dieser Berg-Predigt Jesu!
{Siehe v. 38. u. 43.} D i e Pharisäer und vornehmsten der damahligen Lehrer der Juden behaupteten: nur der grobe Mord sey eine Todt-Sünde, eine Sünde, die dem Menschen G o t t e s Gnade raube. Hingegen Groll, Feindseligkeit, Rachbegierde sey gar keine, oder höchstens eine Schwachheits-Sünde, die G o t t dem Menschen gar nicht zurechne. Eine Lehre, die schon allein, die Menschen sich unter einander zu Teufeln, und die Welt zur Hölle machen würde! Mit edlem Muth, mit so brennendem als erleuchtetem patriotischen Eifer für sein Vaterland, und die Welt, verdammet daher Jesus diese höllische Maxime, und zeiget, wie gar anders, wie vorzüglich hierin die Tugend eines Christen seyn müsse. {v. 21.} Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: (genauer, „ihr höret gemeiniglich, daß von den Alten, euren alten Lehrern, den Vätern der Tradition, gesagt ist.“ Was Jesus hier, als von den Alten gesagt, anfüret, sind offenbar nicht die Geseze Gottes beim Mose; sondern gottlose Sazungen der jüdischen Lehrer, Siehe v. 21. 33. und besonders v. 43) Du solt nicht tödten: wer aber tödtet, |c86| der soll des Gerichts schuldig seyn. Das fünfte Gebot 2 B. Mos. 20, 13. heißt, du solt nicht morden. Ganz anders lautet der Saz dem hier Jesus widerspricht. Das Gericht, das Stadt-Gericht ist die Obrigkeit jedes Orts, welche auch über einige peinliche Sachen, als erste Instanz richtete. Der ist dem Stadt-Gericht verschuldet, daß heißt, „der hat eine Todt-Sünde begangen.“ Dies war die Lehre der Pharisäer und Gesez-Gelehrten, welche nur den groben Mord, nicht aber Groll und Feindseligkeit für Todt-Sünde hielten: wie man aus vers 38. 43., und dem Widerspruch Jesu, vers 22., ersiehet. {Siehe v. 38. u. 43.} D i e Pharisäer und vornehmsten der damahligen Lehrer der Juden behaupteten: nur der grobe Mord sey eine Todt-Sünde, eine Sünde, die dem Menschen G o t t e s Gnade raube. Hingegen Groll, Feindseligkeit, Rachbegierde sey gar keine, oder höchstens eine Schwachheits-Sünde, die G o t t dem Menschen gar nicht zurechne. Eine Lehre, die schon allein, die Menschen sich unter einander zu Teufeln, und die Welt zur Hölle machen würde! Mit edlem Muth, mit so brennendem als erleuchtetem patriotischen Eifer für sein Vaterland, und die Welt, verdammet daher Jesus diese höllische Maxime, und zeiget, wie gar anders, wie vorzüglich hierin die Tugend eines Christen seyn müsse. {v. 21.} Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: (genauer, „ihr höret gemeiniglich, daß von den Alten, euren alten Lehrern, den Vätern der Tradition, gesagt ist.“ Was Jesus hier, als von den Alten gesagt, anfüret, sind offenbar nicht die Geseze Gottes beim Mose; sondern gottlose Sazungen der jüdischen Lehrer, Siehe v. 21. 33. und besonders v. 43) Du solt nicht tödten: wer aber tödtet, |c86| der soll des Gerichts schuldig seyn. Das fünfte Gebot 2 B. Mos. 20, 13. heißt, du solt nicht morden. Ganz anders lautet der Saz dem hier Jesus widerspricht. Das Gericht, das Stadt-Gericht ist die Obrigkeit jedes Orts, welche auch über einige peinliche Sachen, als erste Instanz richtete. Der ist dem Stadt-Gericht verschuldet, daß heißt, „der hat eine Todt-Sünde begangen.“ Dies war die Lehre der Pharisäer und Gesez-Gelehrten, welche nur den groben Mord, nicht aber Groll und Feindseligkeit für Todt-Sünde hielten: wie man aus vers 38. 43., und dem Widerspruch Jesu, vers 22., ersiehet.
{v. 22.} Ich aber sage euch, wer mit seinem Bruder, (Neben-Menschen Malachiä 2, 10.) zürnet, der ist des Gerichts schuldig, (der ist dem Stadt-Gerichte verschuldet). – Durch ein Versehen – denn der sel. Luther, der unsre deutsche Uebersezung gemacht, war bei allen seinen grossen Vorzügen, kein Apostel, sondern ein trüglicher Mensch, ausgesezt dem Irthum, wie ein jeder unter uns. – Durch ein Versehen also fehlet hier in unsrer deutschen Uebersezung ein Wort, welches Jesus, wie wir aus den zuverläßigsten Gründen wissen, seinem Urtheil über den Zorn noch beigefüget. Dies Wort bedeutet in der biblischen Sprache, so viel als im deutschen, ohne Ueberlegung; ohne Grund und Maaß. Er sagte nämlich, nicht schlechtweg, ohne Ausnahme, wer mit seinem Neben-Menschen zürnet; sondern mit der beigefügten Einschränkung, „Wer mit seinem Neben-Menschen ohne Ueberlegung zürnet:“ schon der hat eine |c87| Todt-Sünde begangen. – Wer aber zu seinem Neben-Menschen saget, Racka, nichtswürdiger Mensch! „Wer jenen innern Groll und Feindschaft, gar in Schmähungen ausbrechen läßt.“ Es ist hier nicht von Uebereilungen die Rede: sondern von Schmähungen, die aus einem feindseligen Gemüt fliessen. Denn dieser Ausspruch ist mit dem vorigen genau verbunden. Die Rede Jesu steigt hier, von einem Verbrechen, zu einem noch grössern hinauf. „Wer aber zu seinem Neben-Menschen saget, nichtswürdiger Mensch!“ Der ist des Raths schuldig. Der Rath, ist der hohe Rath zu Jerusalem: das höchste Gericht der Nation, welches über die vorzüglich groben Verbrechen erkante. Der ist dem hohen Rath verschuldet, das heißt also, „der hat eine noch schwerere Todt-Sünde begangen.“ Denn hier ist das Verbrechen zwiefach: das feindselige Gemüt, welches der Mensch heget; und die Schmähung, worin er es ausbrechen läßt. – Wer aber sagt, du Narr. Was hier, Narr, übersezet worden, ist eigentlich das Wort, womit in der Bibel, der {Siehe Psalm 14, 1.} Gottesverleugner, der verruchteste Bösewicht, bezeichnet wird. *) [2] Der Ausspruch Christi hat also den Sinn, „Wer jenen Groll bis zur Verdammungs-Sucht treibt; seinen Neben-Menschen G o t t e s Gnade und Seligkeit abspricht.“ Es ist abermahls, nicht von Urtheilen die Rede, |c88| die in der Hize ausgesprochen und sogleich bereuet werden: sondern von solchen, die aus einem feindseligen Gemüt fliessen. Denn auch hier steigt die Rede Jesu. Der ist des höllischen Feuers schuldig: „der hat ein noch gröberes Verbrechen begangen, als selbst der grobe Mord.“ – Wie aber? Ist das nicht zu hart? Freilich, die weltliche Obrigkeit, kan die Verbrechen nicht anders, als nach ihren sichtbaren Folgen, in Absicht der Wohlfarth des Staats, beurtheilen. Sie kan nicht ins Herz sehen. Sie kan auch nicht, die Innere, und Ewige Wohlfarth der Unterthanen, sich zum Zweck machen: die menschliche Ohnmacht nötiget sie, bloß bei der äussern, und zeitlichen stehen zu bleiben. Der Allwissende und Allmächtige aber richtet vornehmlich nach der innern Gesinnung und Absicht. Jener Verdammungssüchtige hat ein boshafteres und menschenfeindlicheres Gemüt als der Mörder. Dieser nimmt dem andern nur das zeitliche Leben; jener aber will ihm gar das ewige nehmen. Der Mörder ermordet den andern, vielleicht nur in dem Taumel der Rachbegierde, des Geizes, oder einer andern strafbaren Leidenschaft. Der Verdammungssüchtige aber spricht dem andern sein ewiges Leben im külen Blute ab. (Siehe oben Seite 54. 55.){v. 22.} Ich aber sage euch, wer mit seinem Bruder, (Neben-Menschen Malachiä 2, 10.) zürnet, der ist des Gerichts schuldig, (der ist dem Stadt-Gerichte verschuldet). – Durch ein Versehen – denn der sel. Luther, der unsre deutsche Uebersezung gemacht, war bei allen seinen grossen Vorzügen, kein Apostel, sondern ein trüglicher Mensch, ausgesezt dem Irthum, wie ein jeder unter uns. – Durch ein Versehen also fehlet hier in unsrer deutschen Uebersezung ein Wort, welches Jesus, wie wir aus den zuverläßigsten Gründen wissen, seinem Urtheil über den Zorn noch beigefüget. Dies Wort bedeutet in der biblischen Sprache, so viel als im deutschen, ohne Ueberlegung; ohne Grund und Maaß. Er sagte nämlich, nicht schlechtweg, ohne Ausnahme, wer mit seinem Neben-Menschen zürnet; sondern mit der beigefügten Einschränkung, „Wer mit seinem Neben-Menschen ohne Ueberlegung zürnet:“ schon der hat eine |c87| Todt-Sünde begangen. – Wer aber zu seinem Neben-Menschen saget, Racka, nichtswürdiger Mensch! „Wer jenen innern Groll und Feindschaft, gar in Schmähungen ausbrechen läßt.“ Es ist hier nicht von Uebereilungen die Rede: sondern von Schmähungen, die aus einem feindseligen Gemüt fliessen. Denn dieser Ausspruch ist mit dem vorigen genau verbunden. Die Rede Jesu steigt hier, von einem Verbrechen, zu einem noch grössern hinauf. „Wer aber zu seinem Neben-Menschen saget, nichtswürdiger Mensch!“ Der ist des Raths schuldig. Der Rath, ist der hohe Rath zu Jerusalem: das höchste Gericht der Nation, welches über die vorzüglich groben Verbrechen erkante. Der ist dem hohen Rath verschuldet, das heißt also, „der hat eine noch schwerere Todt-Sünde begangen.“ Denn hier ist das Verbrechen zwiefach: das feindselige Gemüt, welches der Mensch heget; und die Schmähung, worin er es ausbrechen läßt. – Wer aber sagt, du Narr. Was hier, Narr, übersezet worden, ist eigentlich das Wort, womit in der Bibel, der {Siehe Psalm 14, 1.} Gottesverleugner, der verruchteste Bösewicht, bezeichnet wird. *) [2] Der Ausspruch Christi hat also den Sinn, „Wer jenen Groll bis zur Verdammungs-Sucht treibt; seinen Neben-Menschen G o t t e s Gnade und Seligkeit abspricht.“ Es ist abermahls, nicht von Urtheilen die Rede, |c88| die in der Hize ausgesprochen und sogleich bereuet werden: sondern von solchen, die aus einem feindseligen Gemüt fliessen. Denn auch hier steigt die Rede Jesu. Der ist des höllischen Feuers schuldig: „der hat ein noch gröberes Verbrechen begangen, als selbst der grobe Mord.“ – Wie aber? Ist das nicht zu hart? Freilich, die weltliche Obrigkeit, kan die Verbrechen nicht anders, als nach ihren sichtbaren Folgen, in Absicht der Wohlfarth des Staats, beurtheilen. Sie kan nicht ins Herz sehen. Sie kan auch nicht, die Innere, und Ewige Wohlfarth der Unterthanen, sich zum Zweck machen: die menschliche Ohnmacht nötiget sie, bloß bei der äussern, und zeitlichen stehen zu bleiben. Der Allwissende und Allmächtige aber richtet vornehmlich nach der innern Gesinnung und Absicht. Jener Verdammungssüchtige hat ein boshafteres und menschenfeindlicheres Gemüt als der Mörder. Dieser nimmt dem andern nur das zeitliche Leben; jener aber will ihm gar das ewige nehmen. Der Mörder ermordet den andern, vielleicht nur in dem Taumel der Rachbegierde, des Geizes, oder einer andern strafbaren Leidenschaft. Der Verdammungssüchtige aber spricht dem andern sein ewiges Leben im külen Blute ab. (Siehe oben Seite 54. 55.)
*)[2] M a n kan es auch als ein Hebräisches Wort, wie das Raka, durch M o r e h übersezen, d. h. Rebell, Gotteslästerer, Atheist, Psalm 78, 8. – Der Sinn beider Uebersezungen ist gleich.
{v. 23. 24.} Darum, wenn du deine Gabe (ein freiwilliges Opfer; 3 B. Mos. 1, 2. die edelste Art der gottesdienstlichen Handlungen) auf den Altar opferst; (schon zum Altar gebracht hast) und wirst alda eindenken, daß dein Bruder (Neben-Mensch) etwas wider dich habe: |c89| (von dir beleidiget worden; besonders durch Schmähung, oder lieblose Urtheile, S. v. 22.) so laß alda vor dem Altar deine Gabe, und gehe zuvor hin, und versöne dich mit deinem Bruder; und alsdenn komm, und opfere deine Gabe. – Denn, wird nicht der Schuldner jedes Mittel brauchen, um seinen Gläubiger zum gütlichen Vergleich zu bringen? {v. 25. 26.} Sey willfertig, (versöne dich, vertrage dich) deinem Widersacher (mit deinem Gegen-Part, dem Gläubiger) bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist, (auf dem Wege zum Richter, wohin dein Gläubiger dich füret. Alsdenn ist noch Zeit zum gütlichen Vergleich,) damit nicht dein Gegen-Part dich dermaleins überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen. Ich sage dir warlich: du wirst nicht von dannen heraus kommen, bis du auch den lezten Heller bezahlest. „Der Schuldner, der sich nicht zu rechter Zeit mit seinem Gläubiger abfindet, sondern es darauf ankommen läßt, daß ihn dieser vor Gericht ziehe: der verliehret alle Gelegenheit zum guten Vergleich; ziehet sich Schimpf zu; und sezt sich in Gefahr, bis auf den lezten Heller zu bezahlen, oder ins Gefängniß geworfen zu werden. Darum verliehre keine Zeit, die Beleidigungen bei deinem Neben-Menschen gut zu machen. Der Todt kan dich sonst übereilen; dich in diesem unversönlichen Zustande antreffen; und dem unerbittlich-gerechten Gerichte G o t t e s übergeben.“{v. 23. 24.} Darum, wenn du deine Gabe (ein freiwilliges Opfer; 3 B. Mos. 1, 2. die edelste Art der gottesdienstlichen Handlungen) auf den Altar opferst; (schon zum Altar gebracht hast) und wirst alda eindenken, daß dein Bruder (Neben-Mensch) etwas wider dich habe: |c89| (von dir beleidiget worden; besonders durch Schmähung, oder lieblose Urtheile, S. v. 22.) so laß alda vor dem Altar deine Gabe, und gehe zuvor hin, und versöne dich mit deinem Bruder; und alsdenn komm, und opfere deine Gabe. – Denn, wird nicht der Schuldner jedes Mittel brauchen, um seinen Gläubiger zum gütlichen Vergleich zu bringen? {v. 25. 26.} Sey willfertig, (versöne dich, vertrage dich) deinem Widersacher (mit deinem Gegen-Part, dem Gläubiger) bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist, (auf dem Wege zum Richter, wohin dein Gläubiger dich füret. Alsdenn ist noch Zeit zum gütlichen Vergleich,) damit nicht dein Gegen-Part dich dermaleins überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen. Ich sage dir warlich: du wirst nicht von dannen heraus kommen, bis du auch den lezten Heller bezahlest. „Der Schuldner, der sich nicht zu rechter Zeit mit seinem Gläubiger abfindet, sondern es darauf ankommen läßt, daß ihn dieser vor Gericht ziehe: der verliehret alle Gelegenheit zum guten Vergleich; ziehet sich Schimpf zu; und sezt sich in Gefahr, bis auf den lezten Heller zu bezahlen, oder ins Gefängniß geworfen zu werden. Darum verliehre keine Zeit, die Beleidigungen bei deinem Neben-Menschen gut zu machen. Der Todt kan dich sonst übereilen; dich in diesem unversönlichen Zustande antreffen; und dem unerbittlich-gerechten Gerichte G o t t e s übergeben.“
|c90| {v. 22.} S o ist denn, auch bloß-innerer Groll und Feindschaft gegen irgend einen Menschen, vor Gott Todt-Sünde. – – Schwerer noch ist die Sünde, wenn man diesen innerlich herrschenden Groll, in Schmähungen, Schimpf-Worte, heimliche üble Nachreden, oder Beschimpfungen einiger Art ausbrechen läßt. – Ganz ausserordentlich strafbahr aber, ist die Verdammungs-Sucht. Jene alte Bosheit der Juden erneuren, welche jede Nation, die nicht von ihrem Glauben war, für G o t t abscheulich und zur Hölle verworfen, erklärete: seinen Neben-Menschen, darum weil er nicht eben so denkt, und glaubt, und lebt als wir, mit bitterm Herzen für einen Unbekehrten und Verdamten erklären: einen andern, der wirklich Religions-Irtümer, auch gefärliche, glaubt und ausbreitet; und einen dritten, der wirklich Sünden, auch schwere begehet, sogleich und ohne Einschränkung, einen Verdamten nennen; unaufhörlich klagen, daß fast alle unsre Mit-Bürger und Neben-Menschen, Unwiedergebohrne seyn: das ist – Todt-Sünde; noch schwerere Sünde, als ein grober Mord. – – Und warum? Darum, weil kein Sterblicher im Stande ist, mit Gewisheit auszumachen, ob die grobe Unwissenheit und Irthum eines Menschen, bei ihm Verschuldet oder Unverschuldet? ob seine schwere Sünde, Vorsäzliche, oder Unwissenheits- und Schwachheits-Sünde ist? Darum, weil dies immer einen geheimen Stolz; immer ein liebloses, hartes, menschenfeindliches Herz verrät! – – „Soll ich denn aber Irthum, Wahr|c91|heit; und Unrecht, Recht nennen?“ Keinesweges! Sage immerhin, diese Meinung meines Neben-Menschen scheint mir, (denn, bist du Untrüglich?) Irrig zu seyn; diese seine Handlung ist Sünde; und wenn sie mit Vorsaz begangen wird, Todt-Sünde. Dies gebiethet die Wahrheit. Was hindert dich aber, liebreich hinzuzudenken; „vielleicht ist dieser Irthum bei ihm unverschuldet; und seine Sünde, Uebereilung, oder Unwissenheit. Ach daß es so wäre! Ja G o t t! ich bete, ich hoffe, daß es so sey.“ So kanst du, so mußt du mit der Wahrheit, die Liebe verbinden; – – „Aber! ich werde doch meinem Heilande es nachsprechen dürfen, daß die Pforte eng und der Weg schmal ist der zum Leben füret; aber der Weg zur Hölle weit und breit, und sehr volkreich ist?“ Erstlich lieber Mitchrist! geziemet es uns gerade nicht, alles zu sagen, was unser Herr, der Heiland und Gebiether der Welt saget. Und vornehmlich, mußt du doch erst recht verstehen, was er saget. Er redet, wie wir aus v. 15. vergl. Matth. 23. und Matth. 21, 16. u. a. Stellen sehn, nur von den Juden seiner Zeit: daß von diesen wenige seine Religion annehmen, die meisten hingegen sie verwerfen würden. Er sagt nie, daß nur der kleinste Theil der Menschen selig werde. Wohl aber weiset er uns in uns selbst zurück. Es fragte ihn jemand, nach Lucä 13, 23. 24. „Herr werden nur wenige selig?“ Jesus antwortete. Ringe darnach, daß du durch die enge Pforte eingehest! |c90| {v. 22.} S o ist denn, auch bloß-innerer Groll und Feindschaft gegen irgend einen Menschen, vor Gott Todt-Sünde. – – Schwerer noch ist die Sünde, wenn man diesen innerlich herrschenden Groll, in Schmähungen, Schimpf-Worte, heimliche üble Nachreden, oder Beschimpfungen einiger Art ausbrechen läßt. – Ganz ausserordentlich strafbahr aber, ist die Verdammungs-Sucht. Jene alte Bosheit der Juden erneuren, welche jede Nation, die nicht von ihrem Glauben war, für G o t t abscheulich und zur Hölle verworfen, erklärete: seinen Neben-Menschen, darum weil er nicht eben so denkt, und glaubt, und lebt als wir, mit bitterm Herzen für einen Unbekehrten und Verdamten erklären: einen andern, der wirklich Religions-Irtümer, auch gefärliche, glaubt und ausbreitet; und einen dritten, der wirklich Sünden, auch schwere begehet, sogleich und ohne Einschränkung, einen Verdamten nennen; unaufhörlich klagen, daß fast alle unsre Mit-Bürger und Neben-Menschen, Unwiedergebohrne seyn: das ist – Todt-Sünde; noch schwerere Sünde, als ein grober Mord. – – Und warum? Darum, weil kein Sterblicher im Stande ist, mit Gewisheit auszumachen, ob die grobe Unwissenheit und Irthum eines Menschen, bei ihm Verschuldet oder Unverschuldet? ob seine schwere Sünde, Vorsäzliche, oder Unwissenheits- und Schwachheits-Sünde ist? Darum, weil dies immer einen geheimen Stolz; immer ein liebloses, hartes, menschenfeindliches Herz verrät! – – „Soll ich denn aber Irthum, Wahr|c91|heit; und Unrecht, Recht nennen?“ Keinesweges! Sage immerhin, diese Meinung meines Neben-Menschen scheint mir, (denn, bist du Untrüglich?) Irrig zu seyn; diese seine Handlung ist Sünde; und wenn sie mit Vorsaz begangen wird, Todt-Sünde. Dies gebiethet die Wahrheit. Was hindert dich aber, liebreich hinzuzudenken; „vielleicht ist dieser Irthum bei ihm unverschuldet; und seine Sünde, Uebereilung, oder Unwissenheit. Ach daß es so wäre! Ja G o t t! ich bete, ich hoffe, daß es so sey.“ So kanst du, so mußt du mit der Wahrheit, die Liebe verbinden; – – „Aber! ich werde doch meinem Heilande es nachsprechen dürfen, daß die Pforte eng und der Weg schmal ist der zum Leben füret; aber der Weg zur Hölle weit und breit, und sehr volkreich ist?“ Erstlich lieber Mitchrist! geziemet es uns gerade nicht, alles zu sagen, was unser Herr, der Heiland und Gebiether der Welt saget. Und vornehmlich, mußt du doch erst recht verstehen, was er saget. Er redet, wie wir aus v. 15. vergl. Matth. 23. und Matth. 21, 16. u. a. Stellen sehn, nur von den Juden seiner Zeit: daß von diesen wenige seine Religion annehmen, die meisten hingegen sie verwerfen würden. Er sagt nie, daß nur der kleinste Theil der Menschen selig werde. Wohl aber weiset er uns in uns selbst zurück. Es fragte ihn jemand, nach Lucä 13, 23. 24. „Herr werden nur wenige selig?“ Jesus antwortete. Ringe darnach, daß du durch die enge Pforte eingehest!
|c92| {v. 23. 24.} S e l b s t das freiwillige Opfer, die edelste Art des äussern Gottesdienstes nach Mosis Gesez, soll vor dem Altar gelassen werden: ohne Verzug soll man gehen und mit seinem Neben-Menschen sich aussönen. Vergebens ist also alles unser Kirchen-Gehen, Haus-Andacht, und Gebrauch des Abendmahls, wenn diese Handlungen uns nicht den Geist Gottes, {1 Kor. 13, 1–3.} Seine Menschen-Liebe einflössen. – – Welch ein Gewicht muß diese Tugend in G o t t e s Augen haben? Selbst vor dem Altar soll man das Opfer lassen; um sein Herz von aller Feindseligkeit zu säubern. Menschen-Liebe, nach G o t t e s Muster gebildet, und aus einem Herzen geflossen, das nur I h m zu gefallen wünscht, {Gal. 5, 6.} ist die unausbleibliche, die kostbarste Frucht des Glaubens an Jesu Verdienst; und hat darum, nach Gottes gnädiger Schäzung einen höheren Werth, als die glänzendsten Gebräuche des Gottesdienstes. Barmherzigkeit gefällt mir besser als Opfer! Matth. 12, 7. |c92| {v. 23. 24.} S e l b s t das freiwillige Opfer, die edelste Art des äussern Gottesdienstes nach Mosis Gesez, soll vor dem Altar gelassen werden: ohne Verzug soll man gehen und mit seinem Neben-Menschen sich aussönen. Vergebens ist also alles unser Kirchen-Gehen, Haus-Andacht, und Gebrauch des Abendmahls, wenn diese Handlungen uns nicht den Geist Gottes, {1 Kor. 13, 1–3.} Seine Menschen-Liebe einflössen. – – Welch ein Gewicht muß diese Tugend in G o t t e s Augen haben? Selbst vor dem Altar soll man das Opfer lassen; um sein Herz von aller Feindseligkeit zu säubern. Menschen-Liebe, nach G o t t e s Muster gebildet, und aus einem Herzen geflossen, das nur I h m zu gefallen wünscht, {Gal. 5, 6.} ist die unausbleibliche, die kostbarste Frucht des Glaubens an Jesu Verdienst; und hat darum, nach Gottes gnädiger Schäzung einen höheren Werth, als die glänzendsten Gebräuche des Gottesdienstes. Barmherzigkeit gefällt mir besser als Opfer! Matth. 12, 7.
D e r Zorn hat von je her so schreckliche Verwüstungen in der Welt angerichtet, er ist noch immerfort die Quelle so entsezlicher Uebel, daß der Erlöser und Lehrer der Menschen, ihnen auch hierüber besonders, die reinen bessern Kentnisse geben muste. Viele der einsichtsvollen Menschen haben diesen Affekt für schlechterdings sündlich, für eine Regung erklärt, die man nicht bloß mäßigen, sondern ganz und gar ausrotten müsse. Eine Vorschrift, die noch nie ein Mensch auf der Welt hat befolgen können! Die auch nach der ganzen Einrichtung unsers Leibes und Seele, |c93| nicht kan befolget werden! Und wenn sie es könte, tausend gute grosse Handlungen, Millionen Wohlthaten, der menschlichen Gesellschaft unersezlich rauben, und an deren Stelle vielfaches Unheil in sie bringen würde!D e r Zorn hat von je her so schreckliche Verwüstungen in der Welt angerichtet, er ist noch immerfort die Quelle so entsezlicher Uebel, daß der Erlöser und Lehrer der Menschen, ihnen auch hierüber besonders, die reinen bessern Kentnisse geben muste. Viele der einsichtsvollen Menschen haben diesen Affekt für schlechterdings sündlich, für eine Regung erklärt, die man nicht bloß mäßigen, sondern ganz und gar ausrotten müsse. Eine Vorschrift, die noch nie ein Mensch auf der Welt hat befolgen können! Die auch nach der ganzen Einrichtung unsers Leibes und Seele, |c93| nicht kan befolget werden! Und wenn sie es könte, tausend gute grosse Handlungen, Millionen Wohlthaten, der menschlichen Gesellschaft unersezlich rauben, und an deren Stelle vielfaches Unheil in sie bringen würde!
W i e sehr gereichet es demnach unserm Heilande zur Ehre, daß er auch hier den geraden, richtigen Mittel-Weg gehet; den Zorn selbst, keinesweges für sündlich, aber auch eben so wenig seine Ausschweifungen für erlaubt erkläret; hingegen die Anweisung giebt, diesen gefärlichen Affekt in solche Grenzen einzuschliessen, ihn so zu mäßigen und anzuordnen, daß er das Schiff unsers Lebens, nicht wie ein reissender Sturm in den Abgrund versenke, sondern als ein günstiger Wind in den Hafen füre.W i e sehr gereichet es demnach unserm Heilande zur Ehre, daß er auch hier den geraden, richtigen Mittel-Weg gehet; den Zorn selbst, keinesweges für sündlich, aber auch eben so wenig seine Ausschweifungen für erlaubt erkläret; hingegen die Anweisung giebt, diesen gefärlichen Affekt in solche Grenzen einzuschliessen, ihn so zu mäßigen und anzuordnen, daß er das Schiff unsers Lebens, nicht wie ein reissender Sturm in den Abgrund versenke, sondern als ein günstiger Wind in den Hafen füre.
N i c h t ausrotten sollen wir den Zorn: er selbst ist unsündlich. Denn Jesus sagt mit der Einschränkung: Wer mit seinem Neben-Menschen – ohne Ueberlegung – zürnet, der ist dem Gerichte verschuldet. Aber auch angenommen, daß er diese Einschränkung damahls nicht hinzugesezt: so würde uns doch die Abzweckung dieses Affekts; das Beispiel Jesu; und sein Unterricht durch die Apostel, unwidersprechlich lehren, daß dieser Ausspruch nach Jesu Absicht, also verstanden und ausgelegt werden müsse. Der Zorn ist ein unentbehrliches Vertheidigungs-Mittel, womit uns die Güte des S c h ö p f e r s bewafnet. Jesus selbst gerieth mehr als einmahl in Zorn. Marci 3, 5. u. a. |c94| Seine Apostel ermahnen uns, {Eph. 4, 26. 27. Jak. 1, 19. 20.} langsam zum Zorn zu seyn; beim Zorn nicht zu sündigen. – Also nicht ausrotten; N i c h t ausrotten sollen wir den Zorn: er selbst ist unsündlich. Denn Jesus sagt mit der Einschränkung: Wer mit seinem Neben-Menschen – ohne Ueberlegung – zürnet, der ist dem Gerichte verschuldet. Aber auch angenommen, daß er diese Einschränkung damahls nicht hinzugesezt: so würde uns doch die Abzweckung dieses Affekts; das Beispiel Jesu; und sein Unterricht durch die Apostel, unwidersprechlich lehren, daß dieser Ausspruch nach Jesu Absicht, also verstanden und ausgelegt werden müsse. Der Zorn ist ein unentbehrliches Vertheidigungs-Mittel, womit uns die Güte des S c h ö p f e r s bewafnet. Jesus selbst gerieth mehr als einmahl in Zorn. Marci 3, 5. u. a. |c94| Seine Apostel ermahnen uns, {Eph. 4, 26. 27. Jak. 1, 19. 20.} langsam zum Zorn zu seyn; beim Zorn nicht zu sündigen. – Also nicht ausrotten;
S o n d e r n, weise beherrschen, sollen wir ihn. {Math. 5, 22. Eph. 4, 26. 27. Jak. 1, 19. 20.} 1) Ihn nur bei zulänglicher Ursache hegen; 2) Selbst diesen gerechten Zorn so mäßigen, daß er unsrer Gesundheit, Vernunft und Menschen-Liebe nicht schade; und 3) auch diesen gerechten und wohlgemäßigten Zorn, nur durch erlaubte, Gottes Gesezen gemässe, Mittel befriedigen: – das ist die christliche Beherrschung des Zorns! So soll der Christ, selbst im Zorn, Herr seiner selbst bleiben. Und der Würde eines Christen gemäß, auch hierin, das Muster, {Math. 5, 14–16.} die Sonne der Welt seyn!S o n d e r n, weise beherrschen, sollen wir ihn. {Math. 5, 22. Eph. 4, 26. 27. Jak. 1, 19. 20.} 1) Ihn nur bei zulänglicher Ursache hegen; 2) Selbst diesen gerechten Zorn so mäßigen, daß er unsrer Gesundheit, Vernunft und Menschen-Liebe nicht schade; und 3) auch diesen gerechten und wohlgemäßigten Zorn, nur durch erlaubte, Gottes Gesezen gemässe, Mittel befriedigen: – das ist die christliche Beherrschung des Zorns! So soll der Christ, selbst im Zorn, Herr seiner selbst bleiben. Und der Würde eines Christen gemäß, auch hierin, das Muster, {Math. 5, 14–16.} die Sonne der Welt seyn!
* * *
Uebersezung des Textes.
{v. 17. 18.} G l a u b t nicht daß ich gekommen bin das Gesez und die Propheten aufzuheben. Nicht aufzuheben, sondern sie vollständig zu machen und zu erfüllen ist meine Absicht. Denn ich versichere euch, bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota, oder ein Häkchen vom Gesez vergehen; es sey denn alles darin geschriebene erfüllet.{v. 17. 18.} G l a u b t nicht daß ich gekommen bin das Gesez und die Propheten aufzuheben. Nicht aufzuheben, sondern sie vollständig zu machen und zu erfüllen ist meine Absicht. Denn ich versichere euch, bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota, oder ein Häkchen vom Gesez vergehen; es sey denn alles darin geschriebene erfüllet.
{v. 19. 20.} W e r denn eines der geringsten dieser Gebothe aufhebet, der ist kein Glied meines Reichs. Wer aber sie ausübet und lehret, der gehöret zu meinem |c95| Reich. Denn, ich sage euch, woferne eure Tugend, die Tugend der Pharisäer und Gesezgelehrten nicht bei weitem übertrift: so könnet ihr nicht Bürger meines Reichs (Christen) seyn.{v. 19. 20.} W e r denn eines der geringsten dieser Gebothe aufhebet, der ist kein Glied meines Reichs. Wer aber sie ausübet und lehret, der gehöret zu meinem |c95| Reich. Denn, ich sage euch, woferne eure Tugend, die Tugend der Pharisäer und Gesezgelehrten nicht bei weitem übertrift: so könnet ihr nicht Bürger meines Reichs (Christen) seyn.
{v. 21. 22.} I h r höret eure Lehrer sagen, „du solst nicht morden! wer aber mordet, der ist dem Gericht verschuldet.“ – Ich aber sage euch. Wer mit seinem Neben-Menschen ohne Ueberlegung zürnet, der ist dem Gericht verschuldet. Wer aber noch dazu seinen Neben-Menschen, einen Nichtswürdigen nennet: der ist dem hohen Rath verschuldet. Wer ihn gar, Gottesverleugner nennet: der hat die Flammen der Hölle verschuldet. {v. 23. 24.} Wenn du also, dein freiwilliges Opfer Gott zum Altar gebracht hast, und dich da erinnerst, daß dein Neben-Mensch von dir beleidiget worden: so laß da, vor dem Altar, dein freiwilliges Opfer, und gehe vor allen Dingen hin, versöne dich mit deinem Neben-Menschen. Und sodenn komm und bringe dein Opfer.{v. 24. 25. } Sey geneigt deinem Gegen-Part, alsbald da du noch mit ihm auf dem Wege bist. Sonst wird der Gegen-Part dich dem Richter, und der Richter dem Bedienten übergeben, daß er dich ins Gefängniß werfe. Ich versichere dich, du wirst da nicht losgelassen, bis du den lezten Heller bezahlet.{v. 21. 22.} I h r höret eure Lehrer sagen, „du solst nicht morden! wer aber mordet, der ist dem Gericht verschuldet.“ – Ich aber sage euch. Wer mit seinem Neben-Menschen ohne Ueberlegung zürnet, der ist dem Gericht verschuldet. Wer aber noch dazu seinen Neben-Menschen, einen Nichtswürdigen nennet: der ist dem hohen Rath verschuldet. Wer ihn gar, Gottesverleugner nennet: der hat die Flammen der Hölle verschuldet. {v. 23. 24.} Wenn du also, dein freiwilliges Opfer Gott zum Altar gebracht hast, und dich da erinnerst, daß dein Neben-Mensch von dir beleidiget worden: so laß da, vor dem Altar, dein freiwilliges Opfer, und gehe vor allen Dingen hin, versöne dich mit deinem Neben-Menschen. Und sodenn komm und bringe dein Opfer.{v. 24. 25. } Sey geneigt deinem Gegen-Part, alsbald da du noch mit ihm auf dem Wege bist. Sonst wird der Gegen-Part dich dem Richter, und der Richter dem Bedienten übergeben, daß er dich ins Gefängniß werfe. Ich versichere dich, du wirst da nicht losgelassen, bis du den lezten Heller bezahlet.