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|b10| Ueber das Bekentnis selbst.

Ich übergehe bedächtig manche Stellen, bey deren Abfassung sich manches eben so wohl sagen lies, was eine bessere vorsichtigere Einrichtung betrift; und will mich nun blos an das Bekenntnis selbst halten, und nach meiner Einsicht das entgegen setzen, was für mich und andre mehr Grund hat; ohne die Absicht zu haben, dem Hrn.Verfasser des Bekentnisses eine andre Ueberzeugung dadurch beizubringen. Hierzu könten äußerliche Umstände, wie in sehr vielen Beispielen, mehr beitragen; als noch so viel Gegengründe. Die ganze Polemik hat auch dieses nicht zur nächsten Absicht, kann und soll vielmehr eine genauere, richtigere und billige Beurtheilung des guten Gewissens befördern, und alle bloße Uebereilung, Leichtsinnigkeit oder Feindseligkeit hindern und abwenden; folglich eine gegründete Toleranz und ganz rechtmäßige Gewissensfreiheit immer mehr empfelen.
Die Beschreibung von jetziger Pflicht des Hrn.Verfassers, alle Ueberzeugung frey und ohne Zurückhaltung zu entdecken – mag ihre Richtigkeit haben; ohne daß es folge, daß nur der ein ehrlicher Mann sey, der mit Muth und Entschlossenheit diese so genante Wahrheit sagt; und daß der, so diese gewälte Art eines Bekenntnisses, seines Theils für unpflichtmäßig hält, allemal ein Heuchler seye, der um des Brots willen seinem Regenten lüge, und mit Verletzung seines Gewissens Menschengunst zu erschleichen suche. Wie der Hr.Verfasser es von sich selbst gestehet, gleich vorher, daß er, um des Schwachen zu schonen und um nicht den Nutzen und Eindruck durch Uebereilung – zu schwächen, der sonst durch guten Vortrag der wesentlichen Religionswahrheiten |b11| gestiftet werden könte, dieses vorher nicht also gesagt habe: so ist es unleugbar, daß jede andre Lehrer in öffentlichen Kirchengesellschaften, es warlich zur Pflicht haben, ihrer eigenen Beurtheilung des besten öffentlichen Verhaltens zu folgen, und daß sie also nicht den geringsten Vorwurf sich zuziehen, wenn sie diese so grobe öffentliche Beschuldigung, (von Heuchlern, die um des Brots willen heucheln) gerade für eine unverantwortliche Uebereilung des Hrn.Verfassers ansehen; dem es gewis, in der so oft mislichen Lage des öffentlichen Lebens, am allerwenigsten zukommen konte, einen fremden Knecht zu richten, und unfreundlichen Verdacht über die Rechtschaffenheit aller der Lehrer anzuspinnen, die in der Ausübung oder Zerrüttung ihres Berufs sich den Hrn.Verfasser nicht zum Muster nemen wollen. Es ist diese grobe Verurtheilung, so vieler öffentlichen Lehrer in den teutschen Kirchen, so gar unter den Augen Sr. kaiserlichen allerhöchsten Majestät, eine Beleidigung, deren mannichfaltiges Verhältnis und großen Umfang ich nicht auf änliche unfreundliche Art entwickeln wil. Es würde in der That keine unpflichtmäßige oder tadelswürdige Zurückhaltung geheißen haben, wenn der Hr.Verfasser diese ganze, ohnehin unwichtige Erklärung, von seiner Ehrlichkeit und Entschlossenheit weg gelassen, und alle so lange in Eide und Pflicht stehenden Lehrer, mit dergleichen Charakteristik verschonet hätte. Ich will mich selbst hier nennen, und fragen, ob mich der Hr.Verfasser einen Heuchler, der ums Brots willen – zu nennen sich herausnemen wolle; da ich nicht nur dergleichen Ehrlichkeit und Entschlossenheit, wider das gute Gewissen so viel tausend frommer Christen, unter den drey Hauptreligionen, in und ausser Teutschland diese Beschuldigungen auszubreiten, keinesweges nachahme; sondern auch ihr, als unpflichtmäßig, widerspreche. Daß treue Lehrer in der Geselschaft, nicht nur Achtung und Liebe, sondern auch ihr Brodt von der Geselschaft angewiesen haben: ist doch nicht zugleich so zu |b12| verstehen, daß die Geselschaft selbst Lügner und Heuchler in Diensten haben wolle; es bleiben vielmehr der Geselschaft alle andre neue Unternemungen, Projecte und Anstalten, zur freien Beurtheilung unterworfen; sie urtheilt selbst, ob sie einen Lehrer für einen gewissenhaften nutzbaren Mann mit Dank und Beifal halten müsse, oder ob sie seine Dienste ihm aufkündiget; er mag seine Unentberlichkeit und Einsichten noch so hoch sich selbst anrechnen. Welche Geselschaft, kirchliche, bürgerliche, häusliche, könte wohl noch bestehen, wenn dis Urtheil nicht ferner bey ihr selbst stehen solte? wenn jemand Richter in seiner eignen Sache seyn wolte?
Ich gestehe also, steht S. 9. 10. daß ich schon seit einiger Zeit überzeuget gewesen, es enthalte unser protestantisch Kirchensystem Lehrsätze, welche weder in der Schrift, noch in der Vernunft einigen Grund haben, und die theils der Gottseligkeit schaden, theils durch ihr vernunft anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Alles eingestanden; was folgt hieraus? daß ich und alle Lehrer der protestantischen Kirchen eben dieses selbst urtheilen, und eben dergleichen angebliches Bekäntnis drucken lassen müssen, wo wir nicht Lügner und Heuchler seyn wollen? Ich denke nicht, daß ein billiger Mensch, geschweige ein erfarner geübter Kenner der christlichen Religion und der bürgerlichen Geschichte, dieses Urtheil über uns sprechen wird. Vor einiger Zeit gab es Schwärmer, die prophezeieten und wünschten den Fal Babels, oder der ganzen äusserlichen Religionsverfassung; es waren Nachkommen der Fanatiker des 16ten Jahrhunderts; sie nenten alle Prediger und Lehrer, Bauchdiener. Dippel , – wer wolte alle Parteygänger herzälen, alle folgten, wie sie sagten, ihrem Gewissen; und griffen allesamt die äusserliche Religionsordnung an, die unter den Staatsgesetzen, nicht unter ihrem Gewissen stund. |b13| Ich wil hier nicht weiter gehen. Es folget aber nichts weiter hieraus, als daß wir einen Theil der moralischen Geschichte dieser Leute und des Hrn.Verfassers, in Absicht seiner eignen Einsichten, nun durch solche Schriften erfaren; daß wir nun wissen, was er von unserm protestantischen Kirchensystem selbst halte und urtheile. Wenn nun diese historische Nachricht nur theils, ohne öffentliche Verunglimpfung aller anders denkenden protestantischen und katholischen Lehrer, uns vorgelegt worden; theils den Sachen und angegebenen oder gebrauchten Gründen nach, richtiger und ungezweifelter wäre: so möchte ja dieses Bekentnis, wie so viele änliche Schriften, dem öffentlichen Drucke übergeben worden seyn. Denn es stehet jedem denkenden Christen frey, ja ist seine Pflicht, wenn er dazu im Stande ist, gewissenhafte und umständliche Untersuchungen über so genant Lehrsystem vorzunemen, so viel, so lange, so scharf er wil, also auch seine eigene Verknüpfung der Begriffe für sich, zu seiner Erbauung und Beruhigung, vorzuziehen; dis macht seine Gewissensfreiheit aus; ein unschätzbarer Vorzug unserer Zeiten; davon wir wenigstens in alten Zeiten keine so öffentlichen feierlichen Grundfesten und Verträge finden. Da aber eben diese Gewissensfreiheit allen andern Zeitgenossen wirklich auch zukommen und gesichert bleiben muß: so ist natürlich, daß die Besitzer und Inhaber dieser Gewissensfreiheit, einander nicht öffentlichen Eingrif thun dürfen, durch einseitige öffentliche Uebung und Hervorziehung ihrer Erkentnis. Es sind daher die Grundsätze, die Hauptsätze, welche grosse ganze Kirchenparteien für ihre zusammengehörige Religionsglieder, in Absicht des öffentlichen Unterrichts und exercitii publici, feierlich ausgesucht und eingefüret haben: auch noch durch öffentliche gesetzgebende Macht bestätiget und festgesetzt worden; mit diesen Grundsätzen kan nun ein jeder Mitgenosse dieser Religionsgeselschaft, nach seinem ganzen Gewissen, für sich, was ihn betrift, aufs ernst|b14|lichste, andächtigste vor GOtt, umgehen, sie selbst zu seiner Erbauung anwenden; sein Urtheil darüber ausdehnen; sich einen Gang seiner Vorstellungen erwälen – kurz er hat alle Gewissensfreiheit, für sich selbst. Und wenn er gar an dem guten Grunde dieser Grundsätze seiner bisherigen Partey zweifeln muß, wenn er die Zweifel nicht überwinden kan, wenn er die Grundsätze einer andern Partey für richtigere, in seinem Gewissen, von nun an, ansehen muß: so hat er das Recht und die Freiheit, die bisherige Religionspartey ganz und gar zu verlassen, und sich in eine andere zu begeben; die entweder auch diese öffentlichen Rechte im römischen Reiche hat; oder mit anderer Einschränkung so oder so gedultet wird; nach dem besondern Gutfinden einzeler Regenten und Staaten. Wenn nun aber dis nicht mehr eigene, particulaire Gewissenssache ist; und ein solcher weiter gehen, und der ganzen Religionspartey, oder allen Religionsparteien im teutschen Reiche bedächtig zumuten wil, sie sollen sein privat Urtheil unter ihren Kirchgliedern geradehin ausbreiten lassen; sie sollen alle Tage lesen, was ein jeder, der sich Ehrlichkeit und Einsicht zur Reforme des Religionssystems zutrauet, drucken lassen wil: so gehört das Urtheil hierüber ganz notwendig der Obrigkeit, welche den äusserlichen Religionsstand ihrer Unterthanen freilich allein zu beurtheilen und zu regieren hat. Sie entscheidet es also, ob solche Anmassungen von algemeiner Verbesserung der christlichen Religion, mit Aufhebung und Verunglimpfung der besondern Religionsparteien, öffentlich Platz und Raum finden sollen, oder nicht; sie verbietet solche Schriften, wenn sie Fanaticismus oder Unruhe und Zerrüttung, nach ihrem Urtheil, mehr nach sich ziehen werden, als grosse und algemeine Verbesserung. Wenn nun eine öffentliche Schrift gar eine feierliche Urkunde der Protestanten, z. E. die augspurgische Confeßion angreift, jetzt sie verbessern und ihren Inhalt, wie es heißt, algemeinnützlicher machen wil: |b15| so ist es höchstnatürlich, daß dieses Unternemen nicht aus der privat Gewissensfreiheit und Ehrlichkeit einen guten Grund entlenen kan; wie ohnehin viel tausend Zeitgenossen über diese Ehrlichkeit erst ihr eigen Urtheil befragen und sie erst untersuchen müssen.
Wenn nun der Hr.Verfasser seit einiger Zeit davon überzeugt gewesen – wie vorhin abgeschrieben worden: so hörte er also auf, ein Mitglied der augspurgischen Confession zu seyn. Er konnte und durfte dis auch bekannt machen, drucken lassen: aber nur nicht mit der seltsamen Anforderung an kaiserliche Majestät, und an die höchsten Häupter der durch Religionsfrieden festgesetzten Religionssysteme, und mit dem Wunsche, (dem jeder Leser das Beiwort geben wird, das er für das schicklichste halten mus.)
S. 15. O möchten doch Ew. kaiserliche Majestät von GOtt auserkoren seyn, alle diejenigen vor der Wuth der Verfolgung zu schützen, welche Kraft und Muth haben, an diesem großen Anliegen der Menschheit zu arbeiten: den unübersehligen Wust der Systemsreligion zu untersuchen, und das reine Gold der göttlichen und seligmachenden Christusreligion wieder heraus zu finden.
Es werden mehrere Leser sich darüber wundern, daß es vorausgesetzt wird, es könne GOtt eine solche Identität gefallen, da wir in dem so großen sichtbaren Reiche der Natur eine tausendfache Verschiedenheit, aber in einer Verbindung, antreffen; wundern, daß dis sogleich Wuth der Verfolgung heißen soll, was natürliche Folge der Rechte einer öffentlichen Gesellschaft ist. Wenn auch eine Uebereilung wider den Hrn.Verfasser jetzt vorgefallen wäre, (wovon gar vielerley Dinge mit möglicher Entschuldigung Ursache seyn können) dürfte es doch nicht Wuth der Verfolgung genant werden; wenigstens war |b16| es die Sprache der ersten Lehrer der hier so genanten Christusreligion nicht; sie verlangten auch nicht, daß alle Gelegenheit zur Geduld und Verläugnung ihrer selbst, unmenschliche Wut und Verfolgung heißen, und daher von Kaisern und Königen mit bürgerlicher Macht, in ihrem Gebiet gleich abgeändert und aufgehoben werden sollte. Wir wissen es, daß GOtt eine solche Religionsfreyheit gar nicht zum Zweck haben könne, ob er gleich Freyheit des Gewissens und die Menschenpflichten verordnet hat. Noch weniger haben wir den bodenlosen Einfall, eine algemeine Religion selbst zusammen zu denken, die mit Ausschließung der stets freien Natur der Menschen, die Besserung und Heiligung der Menschen ganz anders und viel gewisser als von Jesu und der ersten Apostel Zeit an, bewirken müste. Vielmehr, wenn wir dem Ursprung der christlichen Lehre und Religion zusehen, so hat sie nie eine äußerliche Einheit der Lehrform begriffen; indem äußerliche Verschiedenheit unausbleiblich ist, und diese eine Verschiedenheit der Vorstellung mit sich bringt; sie hat sie nie zum Endzweck gehabt; sie gehet auf die Besserung des Gemüts; auf neue Ordnung der Neigungen, welche, bey noch so großer Ungleichheit der Vorstellungen, die der Verstand, nach der so ungleichen Localität, stets bewirken mus, wirklich bey den guten Christen für das Gemüt zu Stande gebracht worden ist; ihr Religionssystem, als Summe und Inhalt der Vorstellungen im Verstande, mochte noch so ungleiche Bilder, Ideen, Theile, Verknüpfung und Stellung behalten; das Wesen des Christentums ist Geist und Wahrheit, oder innerliche Vollkommenheit. Wirksame lebendige Erkentnis, zur innersten heiligsten Anwendung, zu eigener Ausbesserung; der Zusammenhang mit Gedanken und Urtheilen mag noch so mancherley seyn. Und nun will ich den großen Usurpator sehen, der sich anmaßet, für andre Christen aus seinem Kopfe ein allgemeines System zu spinnen, und es ihnen öffentlich aufzudringen, als das |b17| einzige wirksame erbauliche System! An die Historie der Religionsübung unter allen christlichen Parteien, unter Muhammedanern, Braminen, – will ich nicht denken; überal Wirkung in der Seele; Andacht, Hoffnung, Zuversicht – aber der besondre Charakter unterscheidet alle diese Religionsparteien. Können wir ihn aufheben? Ja, wenn wir die Localität aufheben können. Und wer maßet sich an, dieses zu können?
Ich kenne manche Flattergeister, sonst nennte man sie Schwärmer, die allen wahren Beruf in ihrer Gesellschaft ablegten, oder aufkündigten und verdarben; oder eigenmächtig sich die Bestallung gaben, für die ganze Menschenwelt in angemaßter Allkraft, Wohlthaten zu ersinnen und anzubieten, die nur allein aus ihrer Hand noch möglich seyn sollen; wenn sie nicht wären, so wären alle Menschen gänzlich unbesorgt, unberathen, unbelehret und also stets unglückselig. Sie sinnen daher auf eine algemeine Religion, die alle Völker so gar leicht begreiffen sol; so bald man nur die bisherigen Anstalten, von Kirchen, Schulen, Universitäten, und ihre Beschützer, die Reichs- und Landesgesetze, aufheben, und aus ihren fast almächtigen Händen, den neuen Lehrbegrif, den sie eben erst erschaffen wollen, annemen wird; dessen vorzüglich himmlische oder übermenschliche Früchte noch dazu an diesen Leuten ganz unsichtbar sind. Einerley Einbildung reisset alles um, was Erfarungen von Jahrtausenden mit täglicher saurer Mühe und gewisser Erfarung aufgebauet und geordnet hatte; man sorget für die ganze Menschenwelt aus seinem noch so kleinen Gesichtspunkte; Fürsten und Herren sind gleichsam alle zeither auf dem unrechten Wege; ihre Ordnungen über Kirchen und Schulen sind alte Irtümer, welche den neuen Strom von übermenschlicher Weisheit und Klugheit bisher hindern; Drang ist es, ganz erhabner Seelendrang, alles, was die gewisseste Staats- und die gröste Menschenkentnis in der wirk|b18|lichen Menschenwelt bisher bewärt und thunlich erfunden hat, geradehin nur erst um zu reissen; was den neuen Bau betrift, – der wird sich alsdenn schon von selbst finden.
Dieser Art sind wirklich die großen Anmaßungen in diesem Bekentnis; so bald es nur dem Hrn.Verfasser gewis ist: so ist es auch (außer ihm) ganz gewis in der Concretenwelt, ausgemacht, daß unsre Lehrer, im römischen Reich, Lehrsätze in den 3 Religionssystemen haben und behaupten, die weder in der Schrift, noch in der Vernunft einigen Grund haben, und die Quelle sind von – Ob diese Behauptung mit der uns bekanten Geschichte der Menschheit und der unentbehrlichen tausendfältigen Gewissenhaftigkeit, die in moralischen Beschäftigungen nicht felen kann, zutreffe: will ich den Lesern gern überlassen. Ich wolte aber wünschen, der Hr.Verfasser verstünde sich besser auf die Gelersamkeit einer jeden Religionspartey, und kennete den Gang ihrer besondern kirchlichen Grundsätze, und die weise Absicht der öffentlichen Einrichtungen; kennete auch die Gelerten selbst genauer: so würde er blos sagen, daß er für seine Person, in diesen seinen individuellen Umständen, zu dieser Einsicht gelanget sey; und sie heute oder jetzt vorzüglich begünstige; er würde aber alle Billigkeit öffentlich bezeigen, und nicht uns, den Lehrern dieser öffentlichen Religionssyteme, welche nun dem eigenen Gewissen erst Platz machen, so gleich zu muten, wir müsten unsre Augen eben so gewönt haben wie er. Das übrige, es seien Lehrsätze darin, welche theils der Gottseligkeit schaden, theils die Quelle des Unglaubens seien, für tausende: ist gar nichts wichtiges oder sonderbares. Eine jede Partey, von den Braminen und Talapoinen an, bis auf alle Parteien der Christen, sogar untereinander, pflegt diese Beschreibung zu machen; ohne für die denkende andere Partey das allergeringste dadurch zu entscheiden. Wo |b19| haben diese leeren Einbildungen den Grund her, daß es eine aller einzige äusserliche Religion geben solle und könne, worin die Gottseligkeit so leicht, so innerlich unausbleiblich entstehen müsse, daß alle Menschen keinen Anstos, keinen Unglauben, keine Religionsverachtung jemalen mehr fassen und vorziehen könten? Welche Geschöpfe hat man alsdenn auf dem Erdboden vor Augen? Menschen? ich wüste sie nicht zu finden. Sollen wir denn auch in ein christlich Utopien uns auf geradewol einfüren lassen? Ist denn irgend eine Erkentnis, des Cajus und Titius, nun das Model und die algemeine Vorschrift für alle Menschen, in allen noch so verschiedenen Umständen? Wir wollen uns einbilden, da hätten zwey bis drey solche Universalmänner eine Schrift entworfen, als Inhalt einer Universalreligion; was wollen sie davon erwarten? Wir wollen ihr auch, (so unmöglich es ist,) den Beistand und Beifal der kaiserlichen Majestät, aller Könige und Fürsten und Obrigkeit, zum Geleite geben; was wird diese Schrift ausrichten? Ich denke, es wird eben sowol eine neue Theorie darüber nach der andern entstehen; und wer wird diese wieder vereinigen? Niemand; man wird Freiheit des Gewissens haben, wie jetzt; und öffentliche Vorschriften einfüren. Ist das alsdenn eine Universalreligion? Dieses war der weise Grund vom öffentlichen Religionsfrieden; nachdem man einsahe, es gebe keine Vereinigung aller Christen unter Ein System, das immer local seyn müste.
Diese ganze Arbeit und Betrachtung, so weit sie noch einige Realität gewären kan, gehört stets für das einzelne Gewissen eines jeden Individui. Jeder Leser und Zuhörer behält diese eigene Beschäftigung, es mag Christus oder Paulus , Thomas oder Luther oder Socinus lehren: wonach er entweder der Lehre Beifal giebt, oder Anstos hat, nicht glaubet, und diese Religion nicht billigt. Wil denn jetzt jemand so anmassend seyn, durch |b20| seine Lehre mehr auszurichten, als JEsus und Paulus ? Wo bliebe denn das Gewissen der Zeitgenossen, wenn die Lehre, die Beschreibung der christlichen Religion, nur aus den vier Wänden, oder nach dem Papier eines solchen algemeinen Lehrers, eingerichtet werden solte? Und müsten dis sogleich Heuchler, Lügner, Unehrliche, Boshafte, Ungläubige, und Religionsverächter seyn, die diesem neuen Totalsystem (für die Mondwelt) nicht sogleich sich unterschrieben? Wozu also solche factionsmässige Anstalten im Staat? Warum sol kaiserliche Majestät die christliche Religion im teutschen Reiche, nach so einem neuen Papier, einrichten helfen? Muß es nicht den Regenten frey bleiben, über solche Projecte selbst authentisch zu urtheilen? Oder sol sich insgeheim eine Anzal wirksamer Köpfe nach und nach vereinigen, um da oder dort endlich über die andern guten Christen sich zu erheben: die doch noch niemanden die Reforme ihres Gewissens aufgetragen haben, und ihren Landesfürsten selbst dis nicht auftragen, wie diese es nie verlangen? Eine seltsame Wohlthat für uns; wozu die bisherigen Lehrer ihr ganzes öffentliches Verhältnis aufopfern sollen, damit eine kosmopolitische Religion auf einmal alle Menschen, in allen Staaten, umfassen möge!
Nun das Verzeichnis solcher Lehrsätze:
Darunter rechne ich die – von der Erbsünde; von der Zurechnung der Sünde Adams – von der Nothwendigkeit einer Genugthuung – von der blos und allein von dem heiligen Geist in dem, sich leidend verhaltenden Menschen, zu bewirkenden Bekehrung – von der ohne alle Rücksicht auf unsre Besserung und Tugend geschehen sollenden Rechtfertigung des Sünders vor GOtt – von der Gottheit Christi , und des heiligen Geistes, in athanasianischen Sin – von der Ewigkeit der Höllenstrafen – und einige andre.
|b21| Der Zusammenhang ist: diese Lehren, einzeln und alle, haben in der Schrift und Vernunft keinen Grund; schaden theils der Gottseligkeit, theils sind sie die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden; und folglich,
sol das protestantische (und auch das der römischkatholischen Kirche gehörige) Religionssystem nun ganz geändert oder abgeschaft werden, unter Kaiserlicher und Reichsständischer Auctorität; nemlich, doch nur, nach des Verfassers Ueberzeugung? Ich kan sagen, ich weis nicht, wo ich anfangen sol, zu antworten. Sol es freier Gebrauch der Gedanken seyn, wie mancher gute Zeitgenosse, patriotisch, wie er denkt, von Verbesserung der Regierung, der Proceßordnung, der Accise, der Handelsgesetze, des Nahrungsstandes, aus seinen vier Wänden, mit seines Gleichen, ohne Folgen und Schaden, zu sprechen pflegt, und Entwürfe für die ganze Nation in der Stille macht; wegen der Regierung – des Handels – so müste wenigstens die Bescheidenheit gebraucht worden seyn, solchen privat Zeitvertreib nicht öffentlich an Kaiserliche Majestät und teutsche Reichsfürsten anzubieten, und dabey sich doch auf Rechte der Menschheit und Gewissensfreiheit zu berufen. Priuatim stehen solche Beschäftigungen frey, allen denen, die im Staat so wenig zu verrichten haben, daß sie ihre Zeit mit Projecten ins Grosse, für andere, zubringen, auch ungebeten und unbedankt. Ist es aber im Ernst so gemeinet, dis alles gehöre zu dem S. 15. so genanten unabsehlichen Wust der Systemsreligion: so ist es eine unerlaubte und lieblose Beurtheilung des Gewissens viel mehrerer Tausende, als jene je seyn können, welche allesamt hieran Theil nemen sollen; indem wir in allen drey Religionsparteien keine unbestimten, schwankenden, übertriebenen, solitarischen Beschreibungen dieser genanten Gegenstände, zu den Grundsätzen des Christentums, oder der christlichen Religion, in Absicht des eignen Gewissens, |b22| rechnen. Eben so wenig kan man sagen, daß alle, so viele, so gewissenhafte, ganz und stets untadelhaft lebende Lehrer, so vieler Jahre, ja Jahrhunderte, diese Lehrsätze, ihres Theils, ohne Schrift, und zum Anstos ihrer, oder ihrer Zeitgenossen und Zuhörer Vernunft, gleichwol angenommen, und dadurch eine Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung eröfnet hätten. Es wird jedem Leser in die Augen fallen, daß dis durchaus unwahr ist; folglich, sind diese Lehrsätze nicht an sich, geradehin und ihrem wahren Inhalte nach, also zu beschreiben; ohne den kirchlichen Geselschaften und Religionsparteien öffentlich Hohn zu sprechen, und das allerunleidlichste Unrecht anzuthun; zu welcher greulichen Beleidigung ebenfals die sogenante Menschheit und das privat Gewissen und privat Leben, niemanden, mit dem allergeringsten Scheine berechtigen kan. Es muß also heissen, daß der Hr.Verfasser dieses Bekentnisses, allen diesen Lehrsätzen, in aller nur möglichen Bedeutung und Beschreibung, für sich, seinen Beifal versage; das stund ihm frey; aber, wenn er sie so beschreibet, daß diese Religionsparteien im römischen Reiche diese Lehrsätze geradehin ohne Schrift, zum Anstos der Vernunft, als eine Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung, abgefasset, gelehret und bisher beibehalten hätten: so beleidigt und beschimpft er diese Kirchengeselschaften auf eine nicht zu entschuldigende Weise. Es wäre der unvernünftigste Gewissenszwang, es wäre gewaltsame Beeinträchtigung der Rechte der öffentlichen Religionsparteien: wenn jemand alle diese Glieder, vom Obersten bis zum Untersten, bey Strafe dieser Beschuldigung, dahin zu bringen sich vorsetzte: ihme, diesem Reformator allein, die Erklärung der Schrift, den Gebrauch der Vernunft; den glücklichen Eifer in Beförderung und Hochachtung christlicher Religion, zuzuschreiben, und alle ihre Lehrer auf einmal für solche Leute zu erklären, die wider die Schrift und Vernunft, diese Lehrsätze selbst glaubeten und |b23| lehreten, oder gar Lügner und Heuchler wären, die um des Brots willen, in ihrer Geselschaft dis lehreten.
Die berürten Lehrsätze selbst können geradehin, ohne bessere Erklärung ihres Inhalts, nicht einseitig beurtheilt werden; und keinem Christen kan man es wehren, sie in dem und jenem Sinne, als Schrift- und Vernunftmäßig, als eine Quelle gewisser Besserung, Zufriedenheit und geistlicher Wohlfart, von ganzem Herzen und mit recht gutem Gewissen, zu glauben, und zu seiner moralischen oder geistlichen Historie recht vortheilhaft anzuwenden und ihre Richtigkeit also zu erfaren. Ich wil diese Lehrsätze hier nicht einzeln vortragen, mit ihrer doppelten Erklärung; die entweder für einfältigere oder geübtere Leser und Zuhörer so oft schon, und auf so verschiedene Weise vorgetragen worden: daß der Fal gar nicht da seyn kan, in Absicht der Rechte des eigenen Gewissens, man glaube ohne Schrift, wider die Vernunft, und gar zur Vermehrung des Unglaubens und der Verachtung der Religion bey andern. Wie kan ein anderer aus meinem gewissenhaften Glauben und Leben, einen Grund nemen, die ganze christliche Religion zu verachten? Und wenn er es thut, entsteht daraus für mich ein Grund, ihm Recht zu geben? Muß ich seine für mich fremde und unwahre Urtheile nun leichter annemen, als verwerfen? Was nicht mit meinem Glauben und Gewissen bestehen kan, ist und bleibt für mich Sünde; mögen es hundert und tausend Menschen nicht so ansehen. Darum hat ja der Christ Lehrer, daß er von ihnen selbst denken und betrachten lernet; und nun selbst weis, was er glaubet. Hier übt er seine Gewissensrechte; niemanden ist ein eiserner Riegel vorgeschoben, was seine leichtere gewissere Erbauung betrift. Denkende Zeitgenossen wälen also, was ihre eigene Anwendung betrift, eine algemeine oder sinliche Beschreibung, von ihrem moralisch mangelhaften natürlichen Zustande, in Vergleichung des |b24| Umfanges des Christentums; sind auch so wenig an den Namen Erbsünde selbst gebunden, als wenig man ihnen aufleget, mit eigener Vorstellung, eine unmittelbare oder mittelbare Zurechnung der Sünde Adams , zu bestimmen; wer Lust hat, lieset oder fraget nach, um Ausbreitung seiner eignen Vorstellungen hierüber zu samlen. Von Notwendigkeit einer Genugthuung fragt der gelehrte oder fähige Mensch, um mehr zu denken, als er für sich nötig hat. Millionen aber denken nicht an diese Frage. Von der Bekehrung, pur leidlich oder mitwirkend – wie lange ist alle Zweideutigkeit hierüber gehoben? wie so bekant ist die doppelte Lehrordnung, seit der Zeit der sogenanten Synergistischen, Helmstädtischen, der Gewissener, und mancherley neuerer Fragen? In dem Erfolge, in der Beschaffenheit des Zustandes, den man Bekehrung oder Besserung des Menschen nent, kommen alle Lehrer überein; wenn sie gleich in der Vorstellung von der Art und Weise, dieser Begebenheit im Menschen, verschieden bleiben. Kan nun hiebey ein denkender Zeitgenosse, (der zu dem selbstdenkenden und prüfenden Theile der Menschen gehört, oder gehören wil, S. 12. ) klagen, es fele für diesem beschriebenen Zustand, (Bekehrung) an Schrift, es sey der Vernunft anstößig; es entstehe Unglaube und Verachtung der Religion? Zunächst entstehet ja Beurtheilung der Lehrart, welche gegründeter ist; die Sache an sich ist zur Anwendung frey. Es müste jemand uns alle inwendig kennen, oder sich eigenliebig allein das Vermögen zu denken, und ein Gewissen, ausschliessender Weise anmassen. Ich wil die übrigen Sätze, von Rechtfertigung etc. ganz übergehen; es ist gar zu wenig erheblich; leere und unrichtige einseitige Speculation; man redet ja aber von Dingen, die überhaupt keinen Grund haben sollen in der Schrift, zum Unglauben bringen – und doch nent man solche Sätze, wozu die Liebhaber und Anhänger überal Stellen der Schrift anfüren; sie daher von Herzen selbst glauben, |b25| und diese Religion recht aufrichtig lieben und ausüben. Sol auf andre gesehen werden: was gehet es denn uns an, die wir die augspurgische Confeßion keiner Correction bedürftig erachten? Es stehet ja andern frey, die Bibel zu gar nichts für sich zu brauchen; sich selbst eine Religion zu machen; aber sie müssen sie nicht dem teutschen Reiche öffentlich als viel besser und gewisser anbieten. Sollen wir diese Lehrsätze, in der oder jener, noch so guten Erklärung, darum jetzt verwerfen, weil alsdenn zu hoffen stünde, daß der Hr.Verfasser und so oder so viel andre alsdenn die (christliche) Religion behalten wollen? Wie kan diese Sorge für andere uns selbst berechtigen, unsre Erkentnis, um ihrer uns unbekanten Geselschaft und moralischen Lage willen, wegzuwerfen? Wir müsten nicht wissen, was eigenes gutes Gewissen ist, und müsten uns so oft in der Lehrformel ändern wollen, als oft wieder andre Leute sich anmeldeten: daß sie, mit der Bedingung, unserer abermaligen Aenderung, auch unsre Mitchristen und Geselschafter unserer öffentlichen Religionsübungen seyn wolten. Mögen sie doch nicht unsre Religionsgenossen seyn, mögen sie gar Unchristen seyn, oder werden; wir können nicht durch unsere stete Veränderung der öffentlichen Lehrformel, die kein privat Eigentum, kein Gesetz des eigenen Verstandes und Gewissens je gewesen ist, Proselyten machen, an Proselyten kan uns nichts liegen. Diese ganze öffentliche Anforderung also, sogar an Kaiserl.Majestät, und an die höchsten Reichsstände hat gar keinen Grund; ist eine völlige Uebereilung, die durch privat Gutmeinen zu keiner rümlichen und wichtigen Handlung wird; wenn auch tausende, von allerhand Art Leuten, für sich, untereinander zusammen treten, und eben diese seltsame Abänderung der feierlichen öffentlichen Religionssysteme, darum verlangen wollen, weil sie sonst nicht in unsre Religionsgeselschaft ferner gehören könten oder wolten. Das mögen sie also; und mögen ihrem Gewissen für sich folgen, ohne uns eine |b26| Reforme vorzuschreiben, unter der Gestalt der Rechte der Menschheit und des Gewissens. Welche Gestalt! Rechte der Menschheit! welch Gespenst!
Ich habe zwar, heißt es weiter, (S. 10. 11. ) wie es von einem Doctor Theol. augustanae confessionis ohnehin zu erwarten stehet, gegen diese vorgedachten Lehrsätze – vor dem Volk – [(]weder im Predigen noch Catechisiren) niemals directe gelehret, sondern sie entweder gar übergangen, oder doch so davon gesprochen, daß ihr schädliches abgesondert und ihr irriges gemildert worden; (davon meine Predigten über die Person und das Amt Jesu ein Beyspiel sind.)
Wir müssen die Gegenstände wiederholen, wovon hier die Rede ist. Lehre von Erbsünde; Zurechnung der Sünde Adams ; von Nothwendigkeit einer Genugthuung; von der blos leidentlichen Bekehrung; von der Rechtfertigung ohne alle Rücksicht auf unsre Besserung und Tugend; von der Gottheit Christi , und des heil. Geistes im athanasianischen Sinn; von Ewigkeit der Höllenstrafen.
Diese Lehren hat der Hr.Verfasser vor dem Volke entweder gar übergangen, oder ihr schädliches abgesondert und ihr irriges gemildert. Verstehen wir hiemit, was er übergangen hat, in diesen einzelnen Lehren? was er als schädlich und irrig angesehen hat? Z. E. Lehre vom natürlichen Verderben eines jeden Menschen, sol in concreto beschrieben werden, du Cajus, Titius bist von Natur so beschaffen; so geneigt; so gesinnt – Der gemeine Mann hat keine Abstraction lernen sollen, noch weniger die ganze lateinische Disputation, welche, ihrem Zweck nach, nicht zum Unterricht der gemeinen Zuhörer, sondern zur gelerten Uebung der Candidaten und Lehrer, gegen andre Lehrer andrer Parteien, gehöret. Hat er also geleret, Pauli Ausspruch, Röm. 5. alle Menschen sündigen, ἡμαρτον, seie bey vielen Menschen nicht wahr? |b27| oder hat er ihn erkläret nach der täglichen Erfarung? Zurechnung – gehört für Gelerte. Notwendigkeit einer Genugthuung ebenfals; oder hat er die Sache, die neue Möglichkeit unserer christlichen Zuversicht, die sich auf Christi geistliche Lehre und moralische Historie gründet, übergangen, oder für irrig gehalten? Denn Genugthuung an sich, der Sache nach, die nun als ein neu Verhältnis der Menschen in der moralischen Welt da ist, gehört in den Grund der christlichen Religion, den Christen nun mit ihrer Neigung umfassen, so oder so beschreiben; hat er dis weggelassen? so hat er den rechten geistlichen Grund der christlichen Religion gar nicht gekant. An dem Worte liegt nichts. Bekehrung – kann sie auch nur gedacht werden, als ein christlicher moralischer Zustand, ohne geistliche, neue, jetzige Wirkung GOttes durch christliche Wahrheiten? ohne wirkliche fortgehende eigene Veränderung des Menschen? In der gemeinen Lehre siehet man auf die große Anzal; wer psychologisch mit denken kann, der erwartet hier in Absicht seiner nicht eine Lehrart, die dem gemeinen Haufen nutzen und ihn gewis und leicht erbauen sol. Gottheit Christi und des heiligen Geistes, in athanasianischen Sinn – wie ist dieses zu verstehen? von dem Symbolo, das ehedem Athanasii hieße? so kann es nicht so beschrieben werden, im athanasianischen Sinne; indem ein jeder weis, daß Athanasius es nicht geschrieben hat, und daß sein Sinn unmöglich mit dem Sinne des nachherigen wohl 200, 300 Jahr spätern so genau bestimten Symboli einerley ist. Sol es auf den Athanasius gezogen werden: so ist es theils sehr schwer, es klar auszumachen, welches sein Sinn gewesen sey; theils ist unsre, der katholischen Lehrer Erklärung keinesweges der Sinn des Athanasius , oder des 4ten und 5ten Jahrhunderts; und gehört überhaupt alsdenn nicht in den gemeinen Unterricht; ganz und gar nicht. Was soll dis also heißen? Alle Christen glauben an Vater, Sohn oder Christum |b28| und heiligen Geist; dis ist eine ganz gewisse Grundlehre des Christentums; nun kommen die kirchlichen Bestimmungen zu diesen 3 terminis; subiecta, Personen etc. (alle neue Worte der Gelerten für ihres gleichen) Eines und desselben Wesens. Diese Bestimmung hat niemand zum Grund und Inhalt der christlichen Lehre und christlichen Wohlfart gerechnet, ich brauche Hunnii epitomen credendorum nur zu nennen; wohl aber zum Grunde einer besondern sichtbaren localen Kirchengesellschaft. Wer diese Bestimmung nicht annimt, von dem sagt niemand, er seie kein Christ, er habe keine christliche Andacht und Tugend; er könne nicht selig werden; sondern, man sagt, er gehöre folglich nicht zu der katholischen Kirche; nicht zu den 3 Religionsparteien im teutschen Reiche. Er mag nun sagen, diese Bestimmungen und Lehrsätze schaden der Gottseligkeit; sind der Vernunft anstößig, sind Quelle des Unglaubens: so ist es alles gar nichts gesagt, in Absicht unserer und aller Christen, welche den Zusammenhang dieser Lehrsätze wirklich aus der Schrift, mit ihrer Vernunft, zum Inhalt ihres Glaubens und Gottseligkeit, und zum medius terminus ihrer äußerlichen Geselschaft machen, weil sie gar keinen Unglauben oder Religionsverachtung, sondern menschlichen Willen und Vorsatz darin bestätiget und an den Tag geleget finden.
Wenn nun ein Doctor Theologiä, als Mitglied der augspurgischen Confession, über diese Grundsätze aller katholischen Christen, wozu hier auch die Protestanten gehören, sagt: daß er diesen Lehrsätzen selbst, ihrem Inhalt nach, (von terminis ist die Rede nicht) niemalen directe widersprochen; sondern sie entweder übergangen, oder ihr schädliches und irriges abgesondert: so hat er in der That nicht als ein Doctor Theologiä augustanae confessionis rechtschaffen gelehret: sondern untreu gehandelt. Alle lutherischen Doctores Theologiä haben diesen Inhalt der Lehrsätze in ihrem Doctoreide. Es könte auch sonst |b29| wahrlich der ganzen lutherischen Kirche gar nichts an diesen Lehrsätzen liegen, wenn jeder Lehrer diese Lehrsätze so beurtheilen dürfte, sie seien schädlich und irrig gewesen, bis er nun dazu gekommen, und das Schädliche und Irrige mit solcher Klugheit abgesondert habe, daß es das Volk nicht gemerket; daß er aber diese Lehren selbst für falsch und in der Schrift ungegründet – ansehe. Ein für seine Geselschaft treuer und rechtschaffener Lehrer behält die Sache, den Begrif, und schenkt die Worte, Person, Dreieinig- und Dreifaltigkeit, Homousios, Erbsünde etc. dis ist rechtmäßig, und lange bekant, unter treuen lutherischen, ja auch unter vielen römischkatholischen Lehrern, vom Erasmus an, bis auf die Walenburche , die eine secretionem der theologischen Sätze zugaben. Aber die Rede ist von der Lehre, vom Inhalte, oder der Sache selbst. Wer sie gar nicht bejahen kann, der mus sich ja nicht als einen Lehrer der augspurgischen Confeßion aufstellen lassen; er beleidigt ja die Pflichten gegen die lutherischen Kirchen. Will er selbst eine neue Universalkirche stiften: so kann er es anfangen, aber nimmermehr, als doctor theologiae augustanae confessionis. Gleichwol sagt der Hr.Verfasser von dieser seiner Aufführung:
Folglich bin ich auch noch nie von den eigentlichen Verpflichtungen eines protestantischen Lehrers abgewichen, sondern habe mit Klugheit und Vorsicht die Gesetze des Staats mit der Gewissensfreiheit zu vereinigen gesucht; fest überzeugt, daß streitige Religionspunkte nie in den Volksunterricht gehören etc.
Die Beurtheilung, ob er nicht von den eigentlichen Pflichten eines protestantischen Lehrers abgewichen seie: kann er nicht selbst vornemen, und uns, den Lehrern der lutherischen Kirche, geradehin für richtig aufdringen; wie dis wol ein jeder einsehen wird. Ich wil es durch das öffentliche feierlichste Urtheil des gesamten Corporis Euange|b30|licorum bestätigen, was ich hier sage, und den Hrn.Verfasser folglich, nach unsern protestantischen principiis und Rechten, aufs allergewisseste widerlegen. In eben dem vorhin S. 2 f. angefürten pro memoria zu der Gläsenerischen Sache , stehet S. 708. mit diesen Worten:
(Daß sich der kaiserliche Reichshofrath darin mengen wolle –)
„Welches um so weniger zu dulten, wenn gleich die Controvers den Grund des Glaubens nicht beträfe, weil derjenige, welcher sich als einen öffentlichen Lehrer bestellen lässet, so lange er das Lehramt füren wil, nicht nach seinen Begriffen, sondern denen symbolischen Büchern gemäs lehren muß, welche die Kirche, wozu er sich bekennet, als eine Regel und Richtschnur angenommen etc.“ Dis ist folglich sonnenklar, und alles übrige, was der Hr.Verfasser von seiner Klugheit hier erzälet und schreibet, ist unnütz und ungegründet. Seine ganze Beschreibung von seinem klugen Verhalten ist höchstens eigene Meinung, ist ungründliche übereilte Denkungsart des Hrn.Verfassers, aber auf diese, im Unterschied von der Lehre der augspurgischen Confession, hatte niemand gerechnet, der ihn für einen Lehrer der augspurgischen Confession halten wolte. So seltsam der Einfall eines Privati war, eine Veränderung mit der augspurgischen Confession so vorzunemen, als er sie jetzt, zu seinem besondern neuen Gesichtspuncte, selbst für dienlich hielte: eben so untreu handelte ein solcher, der zwar sich zur augspurgischen Confession feierlich selbst bekennete, aber selbst dis Urtheil öffentlich behalten wolte, „sie hat schädliche, irrige, in der Schrift nicht gegründete Lehrsätze, von Erbsünde etc.[“] Er hätte da folglich seine eigenen Gedanken zu lehren sich vorgenommen, und hatte doch versichert, er näme die augspurgische Confession zur Vorschrift seiner öffentlichen Lehre an. Ob diese Aufführung nicht wider die Verpflichtung, welche unsre Kir|b31|che ihren Lehrern aufleget, laufe; ob sie eine ganz besondre neue Klugheit entdecke: mus ja unsere Kirche, welche die augspurgische Confession zum Grunde der Vereinigung aller Mitglieder angenommen hat, selbst beurtheilen. Wenn diese dis Verhalten mit einem andern Namen benennet: so hilft jene vorgeschützte Klugheit gar nichts; unsre Kirchen verlangen Gewissenhaftigkeit, Treue, Redlichkeit gegen ihre Glieder, die einem Lehrer zum Unterrichte angeboten werden; durch den Eid, den sie ihm auflegen; nicht aber anmasliche Klugheit in Veränderung der Lehrsätze der Confession. Ist aber etwa hier die Rede von streitigen Religionspunkten? In welchem Verhältnis stehet der Hr.Verfasser, wenn er unsre Confession, ja die ganze römische Kirche zugleich, in der Lehre von der Erbsünde, Bekerung, Genugthuung, Gottheit Christi und des heiligen Geistes, streitiger Lehrpuncte beschuldiget? Sind dis streitige Lehrpuncte bey den Protestanten und Catholicis? wer dis sagen kann, ist ja ipso facto ein Gegentheil der augspurgischen Confession, welche alle diese Lehrsätze, in der so großen Feierlichkeit 1530. als ganz gewisse Lehrsätze, die auch die alte römische Kirche habe, von ihren Angehörigen und Theilnemern versichert, mit der ganzen Ehrlichkeit und Zuverläßigkeit, die keinem Lehrer jemalen eine Gelegenheit zur besondern Klugheit übrig läßt, um das Irrige, Schädliche, und ohne Schrift angenommene darin, in der Confession, zu verändern. Der Hr.Verfasser wirft simpliciter die Sachen, den Inhalt, ganz weg; er sagt, zu solchen Lehren, die ohne Schrift, wider die Vernunft, zum Schaden der Gottseligkeit – in dem protestantischen Religionssystem stehen, rechne ich; die Lehre von der Erbsünde etc. ohne alle Einschränkung. Verstünde er terminos, allerley, abwechselnde, zuweilen nun nicht recht schickliche Worte und Beschreibungen: so bliebe dennoch die Sache, der Begriff selbst. Und diese billige Beurtheilung, daß nicht alle, da und dort eingefürte Worte, |b32| Bestimmungen, Abtheilungen, Beweise, eine unveränderliche Richtigkeit und Unverbesserlichkeit haben, auch nicht beibehalten können, gestunden so gar alle billigen römischen Gelerten seit mehr als hundert Jahren; von sehr vielen Artikeln oder Lehrsätzen; aber sie unterschieden die Sache, von der localen Beschreibung und Modification der Vorstellung davon. Die Sache ist und bleibt ein Theil der christlichen katholischen Lehre; die Beschreibung und Vorstellung kann von jemand verändert, für ihn verbessert werden, auch wol mit öffentlicher Genemhaltung. Z. E. So haben die Brüder Walenburchii , selbst Bossuet , (in der so mühsamen Conferenz mit dem Abt Molanus ) sehr viel in den Beschreibungen nachgegeben; jene nanten es secretionem; dieser Bischof explicationem. Aber hier hat der Hr.Verfasser geradeweg alle diese Begriffe, alle Sachen, weggeworfen: die man mag, ratione rei, von Erbsünde, von Bekerung durch GOttes Wirkung, von Genugthuung, Rechtfertigung, Gottheit Christi und des heiligen Geistes, jemalen zusammen setzen; er verwirft die Sachen selbst; und giebt uns, wenn wir die Absicht der lutherischen Kirchen ihm entgegen setzen wollen, die Antwort:
fest überzeugt, daß streitige Religionspunkte nie in den Volksunterricht gehören; und daß folglich auch von solchen ein kirchliches Lehramt verwaltet werden kann, welche von der Systemsreligion in ihren Ueberzeugungen abweichen; dagegen aber desto eifriger an der reinen Christusreligion halten, und dieselbe gründlich vorzutragen wissen.
Kann diese einseitige angebliche Ueberzeugung des Hrn.Verfassers etwas dazu helfen, daß die lutherische Kirche nun auch überzeugt werde, ihre augspurgische Confession enthalte – Irtümer, in diesen genanten Lehrsätzen? Wil die lutherische Kirche zufrieden seyn, wenn ein Lehrer sich einbildet, er habe mit besondrer Klug|b33|heit und Vorsicht die Gesetze des Staats mit der Gewissensfreiheit zu vereinigen gesucht? diese Arbeit war ihm ja nicht anbefolen, oder in seinen Eid gegeben worden. Die Gewissensfreiheit, als ein Recht eines jeden Unterthanen, gehört ihm selbst; betrift ihn, im Individuo; in seinem Privatstande vor und gegen GOtt. Ein Lehrer, als Lehrer, steht in einem öffentlichen Amte; hat einen öffentlichen Stand, in der öffentlichen ganzen Gesellschaft. Diese Gesellschaft, die ihn selbst bestellet, trauet ihm das zu, daß er, wie sie ihn hat eidlich versprechen lassen, die Lehren der augspurgischen Confession, welche im Staate aufs feierlichste, zur öffentlichen Unterweisung eingefürt ist, als solche augspurgische Lehrsätze, dem Volke vorlegen wil. Und nun wil ein Lehrer sagen: vermöge meiner Klugheit und Vorsicht, wil ich die Gesetze des Staats, (welche die augspurgische Confession zum öffentlichen gemeinen protestantischen Lehrbuch machen, behaupten und schützen,) mit meiner privat Gewissensfreiheit, wonach ich die Confession für irrig und falsch halte, in eine Vereinigung bringen; und ich wil also das nicht lehren, was in der augspurgischen Confession stehet, (denn das sind schädliche Irtümer, die in der Schrift nicht befindlich und der Vernunft anstößig sind,) sondern ich will diese mir anvertraute Glieder der lutherischen Kirche dasjenige lehren, was ich selbst, nach meiner Gewissensfreiheit, für mich, nach meinen besondern Umständen oder Einsichten, glaube und denke. Ist es wohl nötig, das ungeschickte in dieser ganzen Beschreibung weiter zu entwickeln? Ist denn dis rechtschaffen und ehrlich gehandelt gegen diese Gesellschaft? Die verlangte ja nicht ein neues Lehrbuch zu bekommen, sondern sie wil ihre alte augspurgische Confession verstehen lernen, und erklären hören, was ihr wahrer Inhalt, der Sache nach, heut zu Tage noch immer wirklich ist! Uebrigens will ich nichts weiter hier zusetzen; die Folge hieraus, daß folglich auch von solchen ein kirchliches Lehramt verwaltet |b34| werden kan“ – wird eine jede Kirchengesellschaft läugnen; sie verlangt einen solchen Lehrer nicht, der die augspurgische Confession von der reinen Christusreligion (ein neuer Ausdruck) als sehr verschiedene Lehrbegriffe, unterscheidet. Wir lassen das nicht öffentlich lehren in unsern Kirchen, was, aus und nach Privat-Uebung oder Verirrung, unter dem Namen einer reinen Christusreligion, als was ganz anders, uns angeboten wird. Gründlich vorzutragen wissen, ist eine viel zu gemeine Eigenschaft, die sich bey Socinianern, Juden und Muhammedanern finden kann; es komt auf den Lehrinhalt hier zuerst an; nachher auf seine Gründlichkeit für die Zuhörer.
S. 12. Ich muß es also nun schon ferner wagen, bey dieser mir zur Pflicht gemachten öffentlichen Erklärung meiner Privatüberzeugungen, freimütig zu gestehen: daß ich die oberwänten Lehrsätze, nach meiner geringen Einsicht, für schriftwidrig halte und als die Quelle eines doppelten Uebels ansehe.
Es ist nicht nötig, hierauf viel zu erwiedern; nicht jetzt erst ist es zur Pflicht gemacht worden, sich zu erklären, ob man mit der augspurgischen Confession, der Sache nach, einstimme, und mit gutem Gewissen diese Lehrsätze selbst anneme, also auch sie mit reinem Beifal und Einstimmung öffentlich zu lehren im Stande sey. Die besondre Nachfrage oder Anzeige des kaiserlichen Reichshofraths beziehet sich vielmehr darauf, daß schon mehr Merkmale zusammen genommen werden könnten, welche eben diese Denkungsart enthielten, daß der Hr.Verfasser weder den alten öcumenischen oder gemeinen Symbolis der 4 ersten Jahrhunderte selbst beystimme, noch auch den Lehrinhalt der augspurgischen Confession selbst bejahe; folglich eine 4te Lehrform oder Religionshypothese öffentlich für das teutsche Reich in Schwang gebracht werden wolle; welche eben darum zur Gewissensfreiheit |b35| gar nicht gehöret, weil öffentliche Unternemungen im Werke sind, eine ganz neue universelle Religionsform im römischen Reich für andre Christen aufzubringen, mit Aufhebung der 3 feierlich eingefürten und festgesetzten. Dieses Vorhaben einiger emsigen, sehr viel auf einmal umfassenden Personen ist es, worauf die sämtlichen teutschen Kirchen mit allem Recht aufmerksam sind. Der Zusatz, nach meiner geringen Einsicht, ist hier ganz ohne alle Bedeutung und Absicht. Der ganze zuversichtliche anmaslich große Ton des Bekentnisses, der andre Lehrer so leicht Lügner oder Heuchler nent, entdeckt es überal, daß der Hr.Verfasser sich keine geringe Einsicht oder kleine moralische Größe beilege. Er würde sonst die erste Pflicht nicht überschritten haben, sich nicht über alle andre Lehrer so gleich selbst zu erheben; er würde seine Gedanken, die morgen eben so veränderlich seyn können, noch nicht als feste neue Wahrheit den feierlichen Bekentnisschriften aller bisherigen christlichen Kirchen so geschwind entgegen gesetzt haben. Er hält also jene Lehrsätze, den Sachen nach, wie ich schon angemerkt habe, geradehin für schriftwidrig. Dis konte er ohne Sünde gegen GOtt zu begehen, und ohne Pflichten gegen eine Gesellschaft, in der er lebt, selbst zu übertreten. Die allermeisten Kirchen des Orients haben gar keinen Begrif von Erbsünde, in lateinischer Denkungsart, von traduce, wie Augustinus sie am ersten so bestimt hat, für seine Mitglieder im africanischen Lehramte, (nicht als allein seligmachende Wahrheit;) der Hr.Verfasser konte also sagen, ich finde den Lehrsatz von Erbsünde, Rechtfertigung, Genugthuung etc. gar nicht in der Schrift. So hatte er blos sein Gewissen gegen GOtt zu beurtheilen, und zu erwarten, was andre christliche Lehrer ihm antworten würden, nach ihrem Gewissen. Aber er muste die Pflichten gegen seine Zeitgenossen, in der und jener christlichen Kirchenpartey, nicht aufheben und umstossen; folglich 1) nicht vorgeben, daß die auf ihren |b36| Posseß trotzende Geistlichkeit, [(]die eben nicht immer das Vorurtheil der Gelehrsamkeit, Geistesstärke und der kaltblütigen Prüfungsgabe, für sich gehabt habe,) diese Lehrsätze der Welt als allein seligmachende Glaubenswahrheiten aufdringen wolle. Von aufdringen kan die Rede ganz und gar nicht seyn; indem ich schon gesagt habe, wer gar kein Christ seyn wil, kan ein Jude, Muhammedaner, Unchrist werden oder seyn; wer nicht zu Protestanten gehören wil, kan sich zur römischen Kirche begeben, und umgekehrt. 2) In keiner von diesen Kirchen wird die Lehre von Erbsünde etc. geradehin für eine seligmachende Glaubenswahrheit ausgegeben; indem es über diese Lehre so mancherley Ausdehnung und Verknüpfungen der Vorstellungen giebt, die auch jedem Gewissen frey stehen, und es wird doch niemanden, gar niemanden darum der Antheil an innerer moralischer Seligkeit und christlicher Wohlfart abgesprochen, dieweil er mehr oder weniger bestimme, diese oder jene Beweisstelle und Beweisart nicht anneme, als doch diese und jene öffentliche Beschreibung enthalte. Wenn also auch der Hr.Verfasser ganz und gar nichts mehr übrig behält, was man Zerrüttung, Mangelhaftigkeit oder Verderben, Verdorbenheit des Menschen von seinem ersten Daseyn, von Natur her, nent: so trit er zwar ab von allen Bekäntnissen aller Kirchen, die im teutschen Reich eine besondre öffentliche Verknüpfung und vorzügliche öffentliche Rechte haben; aber ich wil ihm deswegen nicht allen Antheil an innerer Seligkeit und moralischer Wohlfart absprechen; wenn er nun sonst seine moralische Unordnung, die er also blos vom Vorsatz an berechnen wird, auszubessern und mit moralisch guten Fertigkeiten zu vertauschen bemühet ist. Braucht er dazu keine Wirkung GOttes, keine Rechtfertigung, in gar keiner Bedeutung; keine Verschaffung, Erwerbung, verdienstvolle Gnade oder Wohlthat Christi ; (meritum et beneficia Christi , setzt die augspurgische Confeßion zusammen,) so |b37| wil ich sie ihm nicht aufdringen; es geht ja mir und andern gar nichts darunter ab oder zu. Glaubt er zu wissen, daß Christus , oder Logus, Monogenes, Erstgeborner aller nachher geschaffenen Dinge, gar keine hermeneutische Möglichkeit habe: so werde ich gewis mit ihm nicht darüber streiten; wie er mich und andre Lehrer nicht auf diese seine Gedanken bringen wird. Aber woher komt denn das Recht zu der Forderung: weil ich, in meinen besondern Umständen, von diesen Lehrsätzen keinen Grund in der Schrift finde: so müssen die christlichen Kirchen in Teutschland, auch alle ihre Bekentnisse faren lassen, und ein neues Bekentnis, so wie meines, öffentlich aufstellen. Ich sage, wo komt dis Recht nun her? Ich dächte zu allererst, würde eine billige Bescheidenheit dieses an Hand geben: daß andre Lehrer mit eben demselben guten Gewissen diese Lehrwahrheiten in der Schrift, da oder da finden, also auch in dem Zusammenhange christlicher Vorstellungen an Ort und Stelle einsetzen können; daß es nun den Landesobrigkeiten zukäme, aller öffentlichen Unruhe und neuen Spaltung ihrer Unterthanen so vorzubeugen, als sie für die Freiheit des Gewissens nötig, und zur gemeinen Verbindung für gut fänden; und wenn sie diese öffentlichen Kirchenbekentnisse behaupten und ausschliessungsweise, was öffentliche Religionsübung und Unterricht betrift, beschützen wolten: so hätte weder der Hr.Verfasser noch irgend ein billiger Zeitgenosse ein Recht, es zu misbilligen. Wir wollen den Fal setzen, der es in der That gar nicht ist, es sind also zwey Parteien; eine sagt, ja, diese Lehren, an sich, ohne die veränderliche Modification, die dem Gewissen stets gehört, haben ihren Grund in der Bibel. Die andre sagt, nein; sie haben gar keinen Grund in der Schrift, und wir verlangen daher, (nach dem Rechte der Menschheit und unsers Gewissens,) daß ihr andern Lehrer uns hierin Recht geben solt; ihr müßt eure Bekentnisse, Catechismos, eurer drey Kirchen etc. nun ab|b38|schaffen und wegwerfen, hört uns zu, wir wollen ein Religionssystem für die ganze Welt machen – und was der Versprechungen aus der Mondwelt mehr sind – Auf welcher Seite wird wohl mehrere Menschenliebe und Ueberlegung sich finden? und wer sol nun im Staat über diese zweierley Angaben oder Vortrag, den Ausspruch thun? Ich denke, die landesherrliche Macht; diese bestimt oder hat schon lange bestimt, die äusserlichen Rechte der gottesdienstlichen Geselschaften, was Uebereinstimmung des ersten Religionsunterrichts betrift; die Gewissen läßt sie überal frey, weil sie wohl weis, daß GOtt allein darüber das Gebiete hat. Diese Anzeige des Hrn.Verfassers hat also keinen andern Erfolg, als für ihn selbst; er trit ab von den katholischen und protestantischen Kirchen. Wenn er aber zugleich sich anmasset, uns zu seinen Jüngern zu machen, und zu eifrigen Theilnemern an einer Universalreligion: so ist diese Anmassung mit gar nichts zu rechtfertigen; und wie sie bey verständigen Leuten mag entschuldiget werden, die aus der Historie an mehr solche neue Projecte denken: wird die Erfarung lehren. Es gränzt, warum solte ich es nicht sagen, sehr nahe an den Fanaticismus, andere sagen, Naturalismus; sie urtheilen nach einerley Rechte, und der Hr.Verfasser wird es ihnen nicht absprechen.
Aber diese Lehrsätze sieht der Hr.Verfasser gar an als eine Quelle eines doppelten Uebels.
Einmal empören sie die gesunde Vernunft, und haben so wenig Beweise für sich, daß es kein Wunder ist, wenn zu allen Zeiten der selbstdenkende und prüfende Theil der Menschen, dieselben anstößig fand, und wenn die meisten davon, um jener Lehrsätze willen, welche die auf ihren Posseß trotzende Geistlichkeit – der Welt als alleinseligmachende Glaubenswarheiten aufdringen wolte, die ganze Religion verwarf.
|b39| Man kan dis alles dem Hrn.Verfasser als seine Gedanken, zugeben; ohne daß hieraus folgte 1) alsdenn wird dieser sogenante selbstdenkende Theil der Welt nicht die ganze christliche Religion verwerfen: wenn wir andern Christen, diese unsre Lehrwahrheiten gänzlich nun ihrem bisherigen Hang zum Unglauben, aufopfern. So viele Lehrer und Christen können dis nicht sagen, daß diese Wahrheiten die gesunde Vernunft empören; oder daß es ihnen an gutem Beweise für solche Lehrsätze fele. Da wir nun vielmehr das Gegentheil sagen, und in der augspurgischen Confession öffentlich lehren, so ist es eine ganz vergebliche Anmaßung: daß die Privatüberzeugung des Hrn.Verfassers mehr und bessern Grund habe, als die eben so freie eigene Ueberzeugung so vieler andern Lehrer. Es ist 2) auch mit nichts zu erweisen, daß zu allen Zeiten denkende Menschen die ganze christliche Religion um jener Sätze willen, verworfen haben. Da dis eine Historie seyn soll: so müste man doch wenigstens einige denkende Leute mit Namen angeben können, unter so vielen, die zu allen Zeiten die ganze Religion, um jener Lehrsätze willen, schon ehedem verworfen haben sollen. Denn da, wie ich schon vorhin gesagt habe, diese Lehrsätze nie in einer einzelnen Form, sondern stets der Sache nach, ohne einzele Bestimmung, auf gar mancherley Weise gelehret werden; sie also nicht einen einzigen und notwendigen Zusammenhang mit der Religion, in irgend einem Subjecto haben: so erfolgte es ja niemalen, daß die ganze christliche Religion darum wäre weggeworfen worden, weil jemand von Erbsünde, Rechtfertigung, Genugthuung etc. eine besondre und verschiedene, ihm eigne Vorstellung hatte. Die ganze so große orientalische Kirche, wie ich schon gesagt habe, hat nichts von dieser Erbsünde; und hat doch darum nicht die ganze Religion weggeworfen. 3) Ich habe schon gesagt, daß niemand der Welt diese dogmatische Ideen gelerter Männer oder nachdenkender Leute, hat als die alleinseligmachende Glau|b40|benswahrheiten aufdringen wollen; sie gehörten in der localen öffentlichen Bestimmung, blos für den gelerten Stand, für die Clerisey, und hatten blos äußerliche Folgen. In der und der Zeit und Provinz wurde es von Candidaten gefordert, also zu reden von peccato originali, um sich als Lehrer in dieser Provinz oder Kirche zu empfelen; wer nicht also reden wolte, wurde kein Lehrer in dieser Gesellschaft; dis war der ganze Erfolg. Von der ganzen übrigen Religion, die man damit annäme oder wegwürfe: war niemalen die Rede. Sehr lange ist dieser Artikel von Erbsünde schon so beurtheilet worden, daß er ad secundarios articulos gehöre, was die genaue Bestimmung der Vorstellungen betrift. 4) Warum sol es geradehin heißen, die Geistlichkeit trozte auf ihren Posseß? sie hat eben nicht immer das Vorurtheil der Gelersamkeit und Geistesstärke, und der kaltblütigen Prüfungsgabe gehabt – Können wol solche algemeine Oerter hier etwas helfen? Muß der Hr.Verfasser jetzt das Vorurtheil der Gelersamkeit und Geistesstärke darum haben, weil er es so leicht den so genanten Geistlichen oder Theologis abspricht? Man meint entweder die Geistlichkeit und Clerisey, vor dem 16ten Jahrhundert: die haben gar nichts von diesen Artikeln ausfürlich gelehret, was den gemeinen Unterricht in Kirchen und Schulen betrift; und davon wird doch hier geredet. Denn der denkende Theil wird doch nicht von den Scholastikern und Gelerten selbst verstanden; die haben wenigstens nicht deswegen die ganze Religion weggeworfen, da sie selbst einander hierüber bestritten haben; es war ihnen vielmehr ihre Lehrart sehr geläufig und gar nicht anstößig. Oder man meint die Geistlichkeit nach der Reformation, und zwar entweder die römischkatholische, oder die protestantische. Von der römischen Kirche ist es mit gar nichts zu erweisen; ihre conuersio und iustificatio, auch die Lehre de peccato originali (worin sie mit uns zu Worms und auf andern Zusammenkünften einstimmeten,) kann auch gar |b41| nicht hierher gezogen werden, wenn anders jemand ihren Lehrbegriff verstehet. Sol es also von protestantischen Lehren gemeinet seyn: so weis ich nicht, wie man mit einigem Scheine sagen könne, die protestantischen Lehrer z. E. 1530. hätten auf ihren Posseß getrotzet; indem ihnen sogar von römischen Gelerten der Vorwurf gemacht worden, von neuen Lehrsätzen; wie ein jeder weis, der die gelerte Geschichte der augspurgischen Confession und ihrer Apologie, nur einiger maßen kennet. Sol es gar auf unser Zeitalter gehen: so weis ich nicht, wo die so trotzigen Geistlichen zu suchen sind, die überhaupt ihrer Obrigkeit gern unterworfen sind, und sich täglich den allerfreiesten Untersuchungen oder gar Spöttereien ausgesetzt sehen. Was für Verstand bleibt also in dieser anstechenden Rede? da nun noch dazu ein jeder denkender Zeitgenosse wirklich alle Freiheit hat, das ihm Anstössige in solchen Beschreibungen wegzuthun, und die Sache an sich, ohne anstössige Bestimmung selbst zu behalten: wie sol irgend jemand innerlich genötigt heißen, die christliche Religion darum wegzuwerfen, weil einige andere Lehrer oder Christen nach ihrem Gewissen etwas anders denken, das ihm jetzt eben anstössig ist? Gar wohl aber läßt sich dieser öffentliche Tadel unserer feierlichen Lehrbücher begreifen, wenn jemand damit umgehet, für Teutschland, für Europa, oder alle Kosmopoliten eine algemeine Religion zu entwerfen; wenn er sichs als etwas großes einbildet, eine einzige öffentliche Religionsform zu machen. Ein Einfal, den alle andre Zeitgenossen gar nicht achten.
Es heißt also auch: daher man jene Lehrsätze mit Recht als den Hauptgrund des überal einreissenden Unglaubens ansieht, welcher sich von den Höfen bis in die Hütten des ärmsten Volks ausbreitet, und bald alle Religion in der Welt verdrängen wird, wenn dem Uebel durch keine andre als gewaltsame und Freiheit kränkende Mittel gesteuret wird.
|b42| So gros dieses ausgedruckt ist, bleibet es doch nur des Hrn.Verfassers privat Gedanke, und wird kein algemein eingestandner, durch Erfarung verständiger wahrer Christen, ausgemachter Satz. Ich wil es nicht wiederholen, was ich gesagt habe; es ist nicht wahr, daß irgend ein Lehrer diese Lehrsätze dem Gewissen eines denkenden Menschen aufdringen wolle, noch dazu als alleinseligmachende Glaubenswahrheiten. Es kann also auch niemand unlustig und mürrisch werden, wie es eine seltsame Gewissenhaftigkeit wäre, darum die ganze Religion wegzuwerfen; weil in diesen und jenen Lehrbüchern gewisse Grundsätze stehen, welche zum Unterschied der Kirchenparteien ein für allemal festgesetzt sind. Was ist aber Unglaube, wovon hier geredet wird? der von Höfen sich ausbreiten soll bis in die Hütten? davon jene Lehrsätze in dem System der protestantischen Religion der Hauptgrund seyn sollen? War denn vor diesen so genanten Religionssystemen, die nun im röm. Reiche öffentlich gelten, kein Unglaube? Herrschete er nicht also wie jetzt, in den und jenen Ländern; bey sehr vielen Menschen? Ja war zur Zeit Jesu und der Apostel, (da gewis diese Systeme und gesamleten Artikel nicht da waren) überal christlicher Glaube in Pallästen und Hütten aufgenommen? Was können solche unstatthafte Declamationen helfen! In den Augen mancher lebhaften Leute, welche freilich mit ihrer Gewissensfreiheit und mit ihrem Standpunkte nicht zufrieden sind, sondern eine Religionsreforme anfangen, und Epoche machen wollen: sind dis große wichtige Projecte und Angaben. Wer aber die Menschen kennet; die Absicht und Natur der Religion bedenket, die entweder öffentlich gelehrt, oder dem Gewissen nach gesamlet und angenommen wird: der wird der so alten sichern Erfarung mehr Gewicht geben, als solchen Ausruffungen. Und wer kan denn diese Aeußerung leiden, der Unglaube würde bald alle Religion in der Welt verdrängen, wo wir nicht unsre öffentliche Religionsbücher abschafften? Wir |b43| wollen einmal die Sache entwickeln. Hier heissen die Lehrsätze, von Erbsünde, Rechtfertigung, Bekehrung durch GOttes Wirkung, Genugthuung, von Gottheit Christi und des heiligen Geistes – die Quelle alles einreissenden Unglaubens. Wollen also diese Sachen, Begriffe, (nicht theologische Formeln allein) erstlich bey uns, (die wir, nicht dem leeren Namen nach, Christen sind, sondern die innere Kraft der geistlichen Religion JEsu , kennen und bewaren,) näher ansehen; ob diese Begriffe und Sachen uns zum Unglauben, zur Untugend verleiten, ob sie Hindernisse der Gottseligkeit, in so fern sie unsre innerste Neigung und Gemütsfassung einschliesset, bisher für uns gewesen sind? Hier rufe ich einen jeden Christen her, er sol mit mir diese Untersuchung und Betrachtung, in seinem Gewissen vornemen. Wissen und gestehen wir es, daß wir leichter zu allerley guten, edeln, reinen, uneigennützigen Gedanken, Vorsätzen, Wünschen, hinhängen, als zu bösen und unrechtmäßigen Vorstellungen, Vorsätzen, Begierden, Entschliessungen? Ich und alle bisherigen augspurgischen und römischen Christen sagen aufrichtig: nein, das wissen wir nicht zu bejahen; zum Guten brauchen wir sehr viel neue Mittel und Gründe; sie wirken nicht stets stark, geschwinde; wir folgen leicht dem Schein des Guten, und suchen es da, wo es nicht ist. ( Pythagoras , Cicero , Seneca , Antonin , Epictet , Arrian haben, ohne Christen zu seyn, eben diese Erfarung über die Menschheit gemacht.) Sind wir durch diese Erfarung und Kentnis, zum gottlosen Leben verleitet worden bisher? Wir sagen alle, nein; vielmehr streiten wir täglich gegen diese in uns voraus liegende Sinlichkeit, Eigenliebe, Einbildung – und haben aus unsrer Lehre von gewisser, leichter Sinnesänderung, tägliche glückliche Erfarung, ich wachs’ und nem im Guten zu; wir reichen dar in diesem Christenglauben, Tugend, fruchtbare Erkentnis, gehörige Einschränkung der sinlichen Begierden, also auch, wenn es nötig ist, Gedult, |b44| und so verehren wir GOtt innerlich; lieben, um GOttes willen, unsre geistlichen Brüder, und alle Menschen, weil sie auch so gebessert werden können, – 2 Petri 1, 5. Die Verzeichnisse der Früchte des Geistes, oder der christlichen neuen Gesinnung kennen wir mit Freuden; weil wir durch unsre Erfarung wissen, daß diese vortrefliche Veränderung der Menschen, wenn sie diese geistlichen Wahrheiten anwenden wollen, wahrlich zu Stande komt. Wir disputiren nicht, über menschliche Mitwirkung, oder pur unmittelbar göttliche Wirkungen; wir halten uns an die Wirkungen selbst, die uns ganz unentberlich sind; es ist gewis, alles Gute, zumal dis innerste geistliche Gute, komt von oben herab; andre Bestimmungen helfen und schaden nichts zur wirklichen Erfarung der Veränderung; gehören nun in die verschiedenen äusserlichen Geselschaften, worin man Abänderungen der Vorstellungen, von den seinigen, freilich entdeckt und antrift; also damit einstimt, oder davon abweicht. Wenn Christen nicht nach äusserlichen Umständen verschieden wären, so würden sie sich einerley Vorstellung und Erklärung machen. Wir sehen nur auf den wirklichen herschenden moralischen Zustand; wenn der durch GOttes Einflus regiert wird: so sind wir zufrieden, und verlangen nicht, daß jemand seine Erfarung in unsre umsetzen sol. Und über Notwendigkeit einer Genugthuung –? Wir danken GOtt, daß er einen solchen Christum bestimt und geordnet hat; für uns eben, wozu wir ihn nötig haben, zur Offenbarung der rechten göttlichen Weisheit, der grösten Gerechtigkeit, der innersten Heiligkeit, der allergrösten volkommensten Erlösung; und daraus, aus dieser unserer eigenen Erfarung und täglichen Proben, entstehet in uns das wärmste Lob, der innigste Ruhm GOttes; den preisen wir nun nach Leib und Geist; weit gefelet, daß diese christlichen für uns so grossen Ideen uns zur Untugend, und auch nur entferntesten Ungottseligkeit verleiten solten. Wir rufen jedem zu, komm und siehe es; |b45| thue erst, und volziehe selbst in dir, für dein Bestes, diesen Willen GOttes, den Christus lehrete; da wirst du es aus deiner Erfarung wissen, was du jetzt, ohne Geist und inneres Leben, so kaltsinnig, so fremd, so unbekant mit unsern Wahrheiten, daher speculirest. Und der Geist GOttes, der uns treibet, (magst ihn beschreiben für dich, ohne seine Wirkung zu kennen), versichert uns, daß wir den rechten neuen Weg der christlichen geistlichen Religion wirklich gehen:
Seinen Geist, den edeln Führer,Giebt mir GOtt in seinem Wort– – – – –Daß er mir mein Herz erfülleMit dem hellen Glaubenslicht.
Dein Geist in meinem Herzen wohne,Und meine Sinnen und Verstand regier.
In diesem Gebrauche unserer Vorstellungen vom Geiste GOttes, solten wir jemalen zur Untugend, zur Ungottseligkeit herabsinken können, wie jene, die fleischliche sinliche Menschen bleiben –! dis ist es ungefär, was unsre frommen Christen hier antworten. Ob heiliger Geist eine Person ist, für sich, eine dritte; oder GOttes heiligende Wirkung: ist in Absicht des Erfolges der Wirkung in dem Menschen, ganz und gar einerley; kan gar nicht eine Quelle des Unglaubens – werden, es ist ganz unmöglich. Diese doppelte Bestimmung theilt nur die Geselschaft der Christen in zweierley Parteien; deren Lieder und Gebete vom heiligen Geiste zweierley Beschreibungen und Worte enthalten; davon also nicht das Eine eben so gut als das andre allen beiden Parteien angemessen und ihren Vorstellungen gleichförmig ist. Dis ist aller Erfolg; weiter gar nichts.
Aber wir wollen zum andern, eben diese Sachen, die in unserm Bewustseyn, in unserer geistlichen Historie |b46| unsrer selbst sind, wegthun, ganz und gar ausstreichen; von Erbsünde an – alles weg. Nun was für ein Glaube und Inhalt der christlichen Religion bleibt denn übrig? Ich sagte, der christlichen Religion; welcher Character ist wol da? Der Hr.Verfasser sol es selbst herschreiben – Alsdenn sol die Religion überal wachsen und zunemen. Was für Religion? die christliche? ganz gewis nicht; sondern eine ganz neue, die den und den Kopf zum Urheber hat. Die christliche Religion, als ein urkundlicher oder beurkundeter Inhalt von Historie und Begriffen darüber, hat ihre ganz charakteristischen Ideen, wonach sie eben dem Juden- und Heidentum, auch als öffentliche Religion, entgegen stehet. In diesem kentlichen Charakter wird sie sogleich auch äusserlich von jeder Religion unterschieden; diese Begriffe werden vor der Taufe, so oder so viel, in dem und jenen jedesmaligen Local der Schüler und Lehrer, mitgetheilet; eben so in christlichen Uebungen angenommen und fortgesetzt. Daher giebt es sehr verschiedene gleichzeitige christliche Parteien, die in Vorstellung über christliche Dinge nicht gleich sind und seyn können; aber in der Gemütsfassung, in der Quelle ihrer Begriffe, in dem Geständnis des Neuen und Ausserordentlichen, alle gleich sind; sie wollen alle der durch JEsum Christum gelehreten Religion anhängen. Sie samlen die Religionswahrheiten aus den christlichen Urkunden. Die gesamleten Lehrsätze selbst, die Vorstellung von ihrem Inhalte, sind bey diesen Parteien oder Geselschaften vom Anfange an, nicht eben dieselben; die Parteien gehören auch daher nicht unter Ein Oberhaupt; sie sind einander den Urtheilen, dem Gebrauche des Gewissens nach, nicht unterworfen; sondern jede folget dem Lehrbegrif, den ihre Lehrer vorgezogen haben. Wir finden also zwar eine immer mehrere Ausbreitung dieser neuen Religion, die von Christo sich herschreibet; aber die einzelen Geselschaften sind gerade nach der Ungleichheit der bürgerlichen und äusserlichen Verhältnisse |b47| der Provinzen, der Städte, der Lehrer, ebenfals stets verschieden; allesamt Christen, aber sie haben nicht einzig einerley Lehrbuch und Lehrform; denn es war von Anfange an keine vnitas idearum über eben dieselbe obiecta; sie war unmöglich; weil Zeit und Ort nicht einerley seyn konten für alle Menschen. Erst, wenn viele Kirchen unter Eine und dieselbe äusserliche oder oberherrschaftliche Regierung nach einerley Zeit und Ort gehören, wird an einer (äusserlichen) Vereinigung mehrerer Geselschaften gearbeitet; die alsdenn katholische Kirchen heissen, wenn sie gegen alle sogenanten ketzerischen Parteien, eben dieser Zeit und Orte, berechnet und verglichen werden; von denen sich diese Katholischen alle abgesondert haben, also schon hiemit zusammen gehören. Wer also eine stets einzige Religionsform für alle Christen in Europa einfüren wolte: müste zuerst schaffen, daß alle Menschen in einerley Zeit und Ort wären und blieben; schaffen, daß alle unabhängige Oberherren in eben diesem Vorhaben, eine einzige Religionslehre durchgängig für alle ihre Unterthanen einzufüren, sich vereinigten; folglich die bisherigen so sehr verschiedenen und besondern Rechte über die äusserliche Religion, unter einander aufhüben; also weiter eine allereinzige Beschreibung des Inhalts der Lehren und der Geschichte JEsu , und ein Mittel festsetzten, diese Beschreibung in allen Menschen mit einerley Gedanken, die sich nicht verändern, ganz unfelbar immer gleich zusammen zu hängen – ich wil gar nicht weiter gehen. Die innere Unmöglichkeit eines solchen Projects fält einem jeden von selbst in die Augen. Man müste zunächst eine algemeine Sprache haben; sonst werden die besondern Nationalsprachen auf einmal alle Einheit der Beschreibung wieder in neue Nationalreligionsformen, in den Köpfen austheilen; und alsdenn – nach vieler langer Zeit komt man wieder auf die politische öffentliche Religionsvereinigung nach dem Unterschied der Staaten, und auf die Gewissensfreiheit der einzelen |b48| Menschen zurück; wo wir jetzt schon sind. Ich behaupte also, ohne alles Bedenken, es giebt kein Urchristentum, in der Bedeutung, der einzigen Identität der angenommenen Vorstellungen; es giebt vielmehr eben so viel gleichzeitige Modification der moralischen und historischen Ideen, als viel es damalen selbstdenkende Zuhörer und Lehrer gab, die nach Zeit und Ort verschieden waren. Wer wird denn nun mehr leisten durch einen neuen Entwurf, als JEsus , Paulus , ja als GOtt selbst unter den Menschen erwartet oder befördert? Wer kan die christliche Religion so beschreiben, sie müsse, dem Inhalte nach, also eingerichtet werden, daß alle Europäer, alle Africaner, Asiaten, kurz alle Menschen, nach so verschiedenen Umständen der Zeit und des Orts, diesen Inhalt gleich gern und leicht annämen? Wenn die Wirkungen des Verstandes so erfolgten, als sinliche Empfindungen bey allen Menschen; wenn das Object hier ein sinliches, äußerliches Ding wäre: so ist kein Zweifel daran, alle Menschen würden einerley Vorstellungen zusammen setzen, wie sie die Augen und Ohren auf eine notwendige Art gleichförmig brauchen; und überal darin übereinkommen, dis sey ein Stein, ein Baum, ein Berg; das Gehen oder Schlagen, Werfen, Essen, Trinken, müsse durch diese Art der Bewegung der Gliedmassen bewerkstelliget werden. Aber wer wil in den Vorstellungen von der christlichen Religion, bey allen Menschen diese Einförmigkeit zu wege bringen? Es giebt also immerfort verschiedene Lehrsysteme, sie sind ganz und gar unvermeidlich für denkende Christen, sind auch unschädlich, was die eigene Religion betrift.
Nun folget die andere Bestätigung, S. 13. Und eben so gewis scheint es mir, daß die meisten der obgedachten Lehrsätze der Tugend und Gottseligkeit schaden.
Wenn es nun aber unsern Regenten und allen von ihnen verpflichteten Lehrern, nicht eben so gewis scheinet? |b49| Haben wir alsdenn ganz gewis ein kurzes blödes Gesicht, oder kein Menschengefül? kein gutes Gewissen?
Denn so bald man die Menschen überredet, daß z. B. a) jeder von Natur und von Mutterleibe an mit allen Neigungen zu allem Bösen behaftet und ein geborner Feind GOttes ist.
Und wo lehret man denn auf diese Art? und wer könte die Menschen hievon überreden? Wenn der Hr.Verfasser sich auf häufige, starke, uneigentliche, sinliche Beschreibungen berufen wil, die in manchen Büchern stünden, zumal in Poesie und Liedern, von den Erwachsenen Menschen gebraucht würden: so ist hiemit weder diese Beschuldigung, daß dis die Lehre der augspurgischen Confession seie; noch auch diese Folge erwiesen, daß das teutsche Reich eine Religionsform und zwar aus solchen Händen, nötig habe; weil sonst die ganze christliche Religion aus der Welt würde verdrenget werden. Wenn nicht mit Worten gespielet werden sol, (wozu Hebraismi, von Mutterleibe an, und der unbestimte Gebrauch des Ausdrucks, alle Neigung zu allen Bösen, geborner Feind GOttes, gehören würde:) so ist dieses geradehin unwahr, daß die augspurgische Confession oder irgend eine öffentliche Religionspartey im teutschen Reiche, diesen Inhalt lehre, der hier ausgedruckt ist. Ein jeder Mensch sol mit allen Neigungen von Natur, oder von der Geburt an behaftet seyn, zu allem Bösen; und es ist doch alles bürgerliche Gute eingestanden. Ein Doctor Theologiä muste die Apologie, und das wormsische colloquium kennen, wo die Beschreibungen schon lange auf Christen sind eingeschränkt worden; was nachdenkende Zeitgenossen schon in jener Zeit betrift. Damalen redete man ganz sicher mit biblischen Ausdrücken, man sahe auf christliche Ideen; es wurde auch richtig der Sache nach verstanden: daß in dem Menschen, wenn er bleibt, wie er durch die Geburt sein Daseyn hat, wenn kein Unterricht, keine bestimmende Richtung ohne und außer ihm noch dazu komt; kein an |b50| sich wirksamer Grund zu der Verschaffung der christlichen oder geistlichen unsichtbaren Volkommenheit schon finde; daß er sie nicht einmal für sich selbst kent; daß er vielmehr durch die Sinnen zur moralischen wirklichen Unvolkommenheit immer mehr geleitet werde. Daß aber hierin, in diesem mangelhaften Zustande, die Menschen einander nicht gleich, sondern nach gar vielerley Stufen verschieden sind. Morbus, vitium originis ist es recht gut lateinisch beschrieben; in der Confession. So bald nun Menschen hievon unterrichtet werden, durch unsre Lehrer, um sie desto leichter zu bessern: so geben sie, viel oder wenige, auf sich Achtung, und fragen ihre Erfarung von sich selbst; sie werden also nicht davon überredet. Und so bald sie diesen Unterricht hören: so sagen wir ihnen auch, daß GOttes bessernde Wirkung nun schon in ihnen seie, und sie nun anfangen sollen, ihre moralische Zerrüttung täglich auszubessern, gute Neigungen in sich zu befördern, und also eine neue Ordnung zu ihrer Wohlfart in sich einzufüren und anzunemen. Beide Belehrung ist gleich beisammen; daher wird diese von Natur, von dem ersten Daseyn her, in dem Menschen befindliche sinliche Neiglichkeit schon immer durch christliche Eltern, Bediente, Lehrer, Beyspiele, etwas geschwächt und aufgehalten. Hiezu braucht nun ein Lehrer diese, der andre jene Schriftstellen, Erklärungen, Erläuterungen; und einer machts besser als der andre, aber alle haben den Zweck, die Menschen von der Quelle alles Bösen in ihnen selbst zu überzeugen, und sie zur wahren innern Besserung zu leiten. Nun wil ich die Leser urtheilen lassen, ob der Hr.Verfasser unsre Lehre richtig angegeben hat; und ob es je nur von weitem möglich ist, daß diese Lehre der Tugend und Gottseligkeit schade? da sie ja die unmittelbare Anleitung zu der leichtesten Besserung, und zum vertraulichsten Begriffe von GOtt ist, der das gewisseste, zulänglichste Besserungsmittel augenblicklich an die Hand gegeben hat, so bald sich ein Mensch moralisch kennen kan. Denn |b51| zum nützlichen Unterricht rechnen unsre Kirchen auch noch das Geschick, das Gewissen und den Ernst des Lehrers; da, im concreto, wo wir diesen Unterricht wirklich ertheilen, ist an kein Hindernis der Tugend und Gottseligkeit jemalen zu denken. Dis erste Stück war also falsch.
b) Daß er zur Befreiung von diesem Elende und zur Besserung seines Herzens und Lebens nichts wirken könne: sondern lediglich den Beistand des heiligen Geistes dazu erflehen müsse.
Die augspurgische Confession, oder alle 3 Religionssysteme im ganzen teutschen Reiche sollen dis enthalten? warum wird es so unvollkommen, so mangelhaft beschrieben? In eben dem 2ten Artikel der augspurgischen Confession stehet: es werden verworfen, die da lehren, hominem propriis viribus rationis, coram Deo iustificari posse. Das lezte, iustificari coram Deo, ist ein christlicher Begriff ( s. die Apologie); die Sache selbst, kann nicht von dem Menschen propriis viribus geschaft werden. Die Rede ist nicht von bürgerlicher Tugend: sondern von christlicher, oder aus der heiligen Schrift hergeleiteter Beschreibung der Besserung, und geistlichen grösten Volkommenheit der Seelenkräfte, oder Anrichtung eines moralischen Zustandes, nach den Bestimmungen der heiligen Schrift. Ganz recht sagt nun der Artikel: Wenn man es dennoch bejahet, so begehet man eine extenuationem gloriae meriti et beneficiorum Christi , das heißt, man gibt zu erkennen, daß einem an dem Inhalt der heiligen Schrift wenig liege. Folglich solte der Hr.Verfasser ehrlicher geschrieben haben: daß ein Mensch propriis viribus, aus eigenen Kräften dieser Natur, sich nicht in den Stand des Wohlgefallens GOttes, (wie es für Christen statt findet,) selbst bringen könne; sondern daß gleichsam eine neue Geburt erst entstehe, durch Wirkungen des heiligen Geistes, und nun Artic. 5. folget: es werden verworfen die, so lehren, daß man, ohne das leibliche Wort des Evangelii (zu hören und zu überlegen, |b52| oder ohne Unterricht und Belehrung aus der heiligen Schrift) den heiligen Geist, (der gleichsam eine neue Geburt schaft) überkommen könne. Ist nun hier eine Lehre, welche der Tugend und Gottseligkeit ein Hindernis macht? Es ist ja das öffentliche Gegentheil. Wir lehren vielmehr, daß ein Predigtamt nötig seie; daß GOtt Evangelium und Sacramente uns gegeben habe, (für die Menschen, die sich aus eigenen natürlichen Kräften, nicht zu diesem geistlichen Leben selbst bringen können;) dadurch GOtt, als durch Mittel, den heiligen Geist gibt, welcher den Menschen gleichsam neu zeuget oder schaft; d. i. ihm, seinem Verstand und Willen, geistliche Kräfte und Bewegung gibt. Da soll ja nun der Mensch freilich diese Kräfte brauchen und ernstlich anwenden; aber sie waren doch nicht ordentliche Wirkungen seiner leiblichen Geburt? In concreto ist alles leicht und erbaulich, vol Ueberzeugung. Gebet und eigene herzliche Wünsche des Menschen sind doch Veränderungen und Wirkungen des Menschen; warum wird alles so versteckt, als wenn wir aus dem Menschen ein Holz machten? Aber wir reden von christlicher Tugend und Volkommenheit; nicht von bürgerlicher, wie schon gesagt.
c) Daß GOtt auch auf alle gute Werke des Menschen und auf allen seinen Eifer in der Gottseligkeit nichts rechne; sondern Vergebung der Sünden, und ewige Seligkeit ihm schenke; nicht wegen seiner Besserung und Tugend, sondern wegen eines für unsre Sünde geschehenen Menschenopfers, und wegen der an unserer Statt geleisteten Tugend des Geopferten.
Wie viel unbillige Declamation! ποιον ἐπος σεον ἐφυγεν ἑρκος ὀδοντων; ist es eine so geringe Sache, alle christliche Religionssysteme, die im römischen Reiche öffentliche Rechte haben, leichtsinniger Weise zu verdrehen, und dafür, zum Lohn solcher öffentlichen Untreue, sich zum Universalreformator anzubieten; und dis gar unter den Augen kaiserlicher Majestät! Mich verdrießt es, auf |b53| solche unrichtige Vorwürfe zu antworten. Ist es denn richtig und wahr geredet von uns Protestanten und von Lehrern der römischen Kirche, wo ebenfals, was gründliche Lehrer betrift, alle Kraft oder Wirksamkeit des Menschen, der gern ein innerlicher ruhiger Christ werden wil, aus dem merito et beneficiis Christi hergeleitet wird: daß irgend jemand so lehre: GOtt rechnet nichts auf alle gute Werke oder Eifer des Menschen? Rechnet GOtt nichts auf die allereinzige von ihm selbst gemachte Ordnung der Sinnesänderung und des Glaubens? und ist diese Fertigkeit ohne viele einzele Versuche und Bemühungen, des nun GOtt gefälliger weise wirksamen Menschen? Wir hatten zuweilen unser Verdienst, oder den menschlichen mangelhaften Grund zur Zuversicht, abgesondert; aber was GOtt in uns für christliche neue Bestrebungen angefangen und uns anbefolen hatte: das haben wir niemalen so irrig beschrieben, GOtt rechnet nichts darauf. Es ist unwürdig, über solche längst abgetragene Sachen nur ein Wort zu verlieren; weis es der Hr.Verfasser nicht anders, und bildet sich unsre Lehre also ein: so weis ich nicht, wie er es habe ignoriren können. Weis er es aber besser, was für viele klare treffende Distinctionen in unsern Lehrbüchern darüber schon lange da sind: so weis ich nicht, warum er hier so gar unrichtig redet. Und wenn man auch die Lehrart der Mystiker so gar gelten läßt: die GOtt wirklich allein thun und wirken lassen: ist dadurch Untugend und Gottlosigkeit bestärkt worden? Wie kan man aber vollend dieses ρημα φορτικον entschuldigen? wir lehreten, wegen eines Menschenopfers, das für unsere Sünde geschehen seie – Ist es erlaubt, Lehrsätze so zu verdrehen, um ihren Inhalt auffallend verächtlich zu machen? Denkt nicht jedermann mit diesem Ausdruck an die Völker, denen man Menschenopfer, aus der und jener Zeit, schuld giebt? und ist in der Historie des Todes Jesu dis enthalten, daß die Juden hätten ein Menschen|b54|opfer verrichten wollen? Oder haben die Christen ein Menschenopfer aus dem Tode Jesu gemacht? So untreu, so leichtsinnig, gestützt auf einheimische auf häusliche Consequenzen, muste der Hr.Verfasser hier handeln? Ich kenne doch die ganze Kirchengeschichte so ziemlich genau, seitdem man die Beschreibung eines geistlichen, rechten, ewigen Opfers, und volkommenen, geistlichen, rechten, ewigen Priesters zusammengesetzt hat, um das würdige Verhältnis und den unendlichen Erfolg des freywilligen Todes Jesu recht gros und lebhaft, wider alle bisher bekante eigentliche Opfer unter allen Religionen, nun zu empfelen. Aber noch niemanden kenne ich in der ganzen Kirchenhistorie, der diese Beschreibung gegeben hätte. Es ist eine Lästerung, die so gar nach dem ordentlichen Kirchenrechte und den gemeinsten Grundsätzen, in Absicht der Religionsrechte, auch der Juden und Heiden, ganz unerlaubt ist. Man sucht und bittet, wie es heißt, Toleranz, und man begehet öffentliche Beleidigungen aller großen Kirchenparteien, deren öffentliche Rechte doch so feierlich, so algemein bekant, so gewis bestätigt sind! Es ist ferner auch nicht an dem, daß diese Begebenheit und Hinrichtung Jesu , als solche, an sich, Vergebung der Sünden nach sich gezogen habe; niemand lehret einen solchen nexum physicum zwischen dem physischen Tode JEsu , und den moralischen Gütern, die wir davon uns zueignen, durch die neue Uebung in geistlichen Erkentnissen. Der Glaube des Menschen wird überal erfordert, in allen Lehrbüchern, wenn der Mensch wil an diesen geistlichen Wohlthaten Christi selbst seinen Theil nemen. Wenn nun der Hr.Verfasser gar nichts selbst weis und kent, von dieser rechten ewigfortdaurenden geistlichen Versönung der Menschen; wenn er das uns allen so heilige Blut Jesu so gering schätzt, und mit einem gräslichen Menschenopfer öffentlich vergleichet: so folgt doch wohl nicht, daß die katholischen Christen, welche, indem sie das geistliche Opfer glauben, allesamt ihrem Gewissen folgen, alsdenn Hin|b55|dernisse der Tugend und Gottseligkeit, statt der grösten Mittel dazu, ergriffen haben! Der unendliche große Grund geistlicher Ruhe und Wohlfart wird hiemit beschrieben, auf neue christliche Weise; und dis solten Quellen des Unglaubens seyn? Wie verkehrt! Der Grund und die Quelle des christlichen Glaubens sol Unglauben erzeugen! Unsre Christen hatten Muth und Stärke, zur Verherrlichung der christlichen Religion, alle Noth und Tod gern zu übernemen; da reden Leute von Toleranz, denen kein Finger wehe thut. Sie wollen, daß wir es leiden, wenn sie unsre Lehre und Religion verdrehen und verunglimpfen; dis sollen wir an ihnen toleriren! Es ist ein seltsamer Tausch! Eine seltsame misliche Aussicht für die algemeine Reforme! Aus des Hrn.Verfassers Historie und Betragen sehen wir eben keine solche Neigung, die Wahrheit, die er doch so grosredend retten wil, auch nur mit einigem äußerlichen Leiden zu bestätigen. Wir haben aber alle den Sinn Christi , nachzufolgen seinen Fustapfen, wie unsre frommen Vorfaren, seit vielen Jahrhunderten; wo mag nun Stärke und Kraft der Tugend und Gottseligkeit festern Grund und größeres Beispiel haben?
Der ganze Nachsatz ist nun ohne alle Wahrheit: so ists unmöglich, daß ächte Reue über die Sünde und Abneigung gegen das Laster entstehen kan; so ists unvermeidlich, daß das Herz gegen die Tugend kalt und gleichgültig werde und aller Eifer der Gottseligkeit ermatte, und es lehrts auch leider die Erfarung genug, daß das heutige Christentum fast alle Kraft zur Heiligung der Menschen verloren hat; und daß seine Zöglinge in Absicht auf Tugend und Glückseligkeit, oft sehr weit hinter einem auch nur gemeinen Heiden stehen.
Diese Strafpredigt, dieser Eifer um algemeine Heiligung – würde mehr eindringendes bey sich haben, wenn sie von jemand anders herkäme; so wenig bin ich Heuchler gegen den Hrn.Verfasser, geschweige gegen meinen Eid und Beruf. So ists unmöglich – wird |b56| ein billiger, ein denkender Leser auch diese grobe Unwahrheit so leicht verdauen! Also seit der augspurgischen Confeßion her, seit dem tridentinischen Catechismus, ist und war es unmöglich, daß ächte Reue über die Sünde – entstehen konte? Nach welcher Psychologie wäre dis? Welche unverzeihliche Rhetorication! Das Herz wird unvermeidlich gegen die Tugend kalt.“ War es etwa ohne diese Erkentnis so warm und thätig? Und was ist denn das für Tugend, wovon dieser Hr.Verfasser so stark spricht? Wie groß, wie glänzend ist denn sein eigen Beispiel, dadurch er dis wider uns und unsre so vielen, so redlichen, ernstlichen Christen erweisen oder bestätigen und erläutern wird? Das heutige Christentum hat fast alle Kraft zur Heiligung der Menschen verloren.“ Nemlich, wie beweiset es der Hr.Verfasser? Wo ist Christentum als eigne Fertigkeit, ohne diese Fertigkeit? Hatte etwa das Christentum, die geistliche Lehre JEsu , zur Zeit JEsu und der Apostel eine andre Art von Kraft? wurden alle Christen so gewis gleich innerlich Heilige? Ich wil daran nicht einmal denken, daß es bey allen vernünftigen Menschen von je her unterschieden worden ist, als eine psychologische Erfarung, video meliora, proboque, deteriora sequor; ohne daß dis an dem Inhalte der Lehrsätze jemalen gelegen hätte. Allein ich gebe nimmermehr diese historische Anzeige zu; ich kenne viel tausend fromme und heilige Christen in der römischen, morgenländischen, teutschen Kirche; deren Gemütsfassung GOtt wohlgefält, wenn sie gleich selbst noch immer klagen, daß sie in der Heiligung ihnen selbst nicht, geschweige GOtte, schon ein Genüge thun. Die letzte Beschreibung ist eben so übertrieben und falsch; wie viel fromme Landleute, fromme arbeitsame Eltern giebt es, die in Absicht unbescholtener bürgerlicher Tugend, und grosser Mäßigung in Wünschen für äusserliche Bequemlichkeit, es vielen kalten Lobrednern der Tugend zuvor thun! Könten wir da in die Seelen einschauen, wir würden ein |b57| grosses Feld erblicken, worauf moralischer Samen in die Höhe wächset, ohne vor Menschen ein groß Geräusche zu machen. Und das ist die eigene christliche Religion.
In eben der wunderlichen Stellung lieset man diese unerwartete Anrede unsers bekanten Hrn.Verfassers an Se. Kaiserl.Majestät, S. 14. 15. Ach allergnädigster Kaiser, König und Herr, wie blutet mir das Herz, wenn ich denke, wie werth, wie hochgeachtet das Evangelium JEsu Christi unter den aufgeklärtesten Menschen in allen Welttheilen seyn könte; was für Siege“ –
Warum denn gerade unter den aufgeklärtesten Menschen in allen Welttheilen! Ist die christliche Religion von nun an vornemlich für aufgeklärte Menschen bestimt: so ist es gewis nicht mehr die Religion JEsu und der Apostel. Solche starke Redensarten, das Herz blutet mir, lese ich gern, wenn Thatsache dabey ist oder öffentlich einstimt; wie z. E. von so viel eifrigen Mißionarien aus allerley Kirchen, die Leben und Gesundheit, und alles dran wagen, ohne erst ein neu und leichteres Evangelium zu machen; wie jene so eifrigen treuen Brüder aus den hernhutischen Gemeinen, nach Grönland, St. Thomas etc. da findet man Herzenswärme; aber in solchen so bequemen Anstalten, daß Kaiser und Könige und Fürsten die im teutschen Reich angenommene Religionssysteme jetzt abschaffen, und sich vom Hrn.Verfasser und dergleichen Liebhabern neuer Entwürfe, eine Universalreligion zu rechte machen lassen möchten – findet man eben nicht, daß ihr Herz dabey blute. Und was würde auch eine einzele noch so ernstliche Gewissensangst oder Sorge für andre hier helfen? Es wäre doch kein andrer Christ verbunden, seine Lehrsätze nach solchem fremden Gewissen einzurichten. Haben wir keine treuen Lehrer, denen das Herz blutet, über der einreissenden ungeistlichen, unmoralischen Lebensart ihrer Zeitgenossen! die eben so klagen als JEsus und Paulus , daß viele sich die Gestalt geben |b58| eines gottseligen Wesens, aber alle Kraft der Gottseligkeit verleugnen! Wir wissen es ja, daß nur wenige sind, die den schmalen Weg selbst zu gehen sich entschliessen; und man wil einen so breiten Weg der Religion machen, da alle sogleich mitgehen würden; solte das wohl die geistliche Religion seyn, die so viel besondre geistliche anhaltende Uebungen der Seele zum immer gewissern Glauben und bessern Leben vorschreibet?
Das Evangeliumwürde ganz anders als bisher auf die Besserung und Heiligung der Menschen wirken; und in die Augen fallende Einflüsse auf Moralität und Glückseligkeit zeigen, wenn es von allem Unrath menschlicher Hypothesen und Meinungen gereiniget und zu seiner ursprünglichen Lauterkeit und Einfalt zurück gefüret würde.
Ich kan hier eben so wenig Gründlichkeit und Wahrheit finden, als in der bisherigen Declamation. 1) Was heißt ursprüngliche Lauterkeit und Einfalt des Evangelii? Hätte der Hr.Verfasser doch einen Versuch gemacht, diese Lauterkeit zu entwerfen, oder in einen Abris zu bringen, so würde er eingesehen haben, daß es überaus leicht seie, im abstracto solche Einfälle zu haben; da aber die Lauterkeit und Einfalt des Evangelii im abstracto ein Ding der Mondwelt ist, und wir stets das Evangelium unter Menschen in concreto gelehret oder angenommen antreffen: so hilft jene Lauterkeit in abstracto, die nirgend da ist, und nirgend gewesen ist, gar nichts zur Verbesserung der Religionslehre, die für irgend eine Geselschaft bestimt ist; geschweige daß denkende und verständige Leute sich beigehen lassen solten, für solche leere Einfälle und Undinge ihre feierlichen Urkunden der öffentlichen Religionslehre wegzuwerfen, und auf solche Grillen mehr zu bauen. Es ist nicht nur für Menschen nicht möglich, irgend einen Begrif oder Satz aufzufassen, und als ihren, als bejaheten von ihnen, anzunemen, ohne ihre |b59| eigene Vorstellung sogleich selbst dazu zu nemen; sondern es ist folglich auch niemalen, zur Lebenszeit JEsu oder Pauli , oder irgend eines Lehrers eine andere Art der Anname des Evangelii, oder der christlichen Lehre zu finden, als mit Einmischung der eigenen Denkungsart der Indiuiduorum, oder ihrer localen Lage. Dis ist also auch nicht geradehin Unrath menschlicher Hypothesen und Meinungen zu nennen; als worunter man vielmehr theologische seichte scholastische Bestimmungen, oder offenbar ungegründete Urtheile ehedem verstunde, in so fern sie die leichte practische Religion hinderten, und an ihre Stelle ganz andre Erfindungen ohne Sprachkentnis setzten. 2) Ueber diese Sachen hat schon ein jeder denkender Christ alle Freiheit, selbst zu urtheilen; und er macht nun damit, was er wil, so bald er den Ungrund solcher Meinungen einsiehet. Es kan ihm hierin niemand allein so vorarbeiten, daß er es ganz darauf ankommen liesse, und sein eigen Urtheil nicht weiter nötig hätte. Wie lange ist schon Theologie, nach ihrem ganz andern besondern Zweck, von Religion unterschieden worden, in allen Parteien! 3) Es giebt aber folglich auch hierin nicht gleichlautende algemeine Urtheile, in Absicht der Subsumtion; so sehr alle verständige Zeitgenossen darin übereinstimmen, daß manche Hypothesen für die leichte und gewisse Uebung des Christentums ganz gleichgültig oder unnütz sind; daß sie nur um äusserlicher Endzwecke willen eigentlich mit Recht gegolten haben. In der besondern Anwendung des Urtheils, dis und dis (in der Lehre von Erbsünde, von ihrer Zurechnung, von Rechtfertigung, von Gottheit Christi und des heiligen Geistes etc.) ist eine solche Hypothese: muß völlige Gewissensfreiheit immer bleiben, wie der Protestant sie dem katholischen Christen lassen muß, in der Lehre vom Abendmal etc. der Katholik umgekehrt sie dem Protestanten lassen muß. Ganz vergeblich ist alle Arbeit von Universal-Lehre oder Vereinigung der Gewissen. Also kan der Hr.Verfasser auch |b60| dieses nicht durch sein Urtheil ausmachen wider alle drey Parteien. 4) Endlich ist es nicht an dem, daß alsdenn jedermann viel leichter das wahre rechte Christentum lieben und ausüben würde; wenn die Grundlehren der drey grossen Kirchen ganz weggeschaft würden. Im ersten Jahrhundert sehen wir ja den Beweis ganz augenscheinlich; da waren die ausdrücklichen Beschreibungen der öffentlichen Lehre noch nicht da, welche jetzt die Grundsätze der drey grossen Kirchen ausmachen; und dennoch ist die Besserung und Heiligung der Menschen nicht so algemein bewerkstelliget worden. Wir können und müssen vielmehr sagen, daß die Art der christlichen Begriffe und Erkentnissen in den folgenden Zeiten immer besser und volkommener erst geworden, als sie im 1sten, 2ten, 3ten und 4ten Jahrhundert schon gewesen; wenn gleich die Gegenstände alle da waren. Ich sehe hier auf die wahre ehrliche Kirchenhistorie zurück; ich weis kein reines Gold und keine Lauterkeit zu suchen, in dieser Bedeutung; der Hr.Verfasser sol es auch bleiben lassen, dis reine Gold zu zeigen. Warum wird also dergleichen Nullität und Unding mit solcher Emphase unsern Lehrsystemen, aller drey Kirchen, öffentlich entgegen gesetzt? Ich wiederhole es, ich weis das Land nicht, die Kirche nicht, die Schriften nicht anzugeben: worin das reine Gold zu sehen wäre. Die Leser müssen eben so ihr Gewissen und Nachdenken erst anwenden, als es bey allen unsern Lehrbüchern ihre Pflicht ist. Ich hoffe diesen Vortrag deutlich genug gemacht zu haben; unsere Lehrbücher sind unsern Zeitgenossen viel nützlicher als ältere Schriften, diese waren für ihre Zeitgenossen gut. Wir wissen auch, wie ich zum Theil gezeiget habe, daß gerade diese Begriffe, die der Hr.Verfasser einen Unrath menschlicher Hypothesen und Meinungen zu nennen sich erkünet, mit unserm guten Gewissen keinesweges von uns dafür gehalten werden können; daß vielmehr unsre christliche Besserung und Heiligung mit diesen Begriffen wirklich recht |b61| gut und leicht zusammen hängt. Wie ungegründet also, um nicht mehr zu sagen, ist der Eifer, der nun in diesen Worten ausgedruckt wird.
O möchten doch Ew. Kaiserl.Majestät von GOtt auserkoren seyn, alle diejenigen vor der Wuth der Verfolgung zu schützen, welche Kraft und Muth haben, an diesem großen Anliegen der Menschheit zu arbeiten; den unübersehlichen Wust der Systemsreligion zu untersuchen, und das reine Gold der göttlichen und seligmachenden Christusreligion wieder herauszufinden.
Wer thut diesen Wunsch? die Leser können selbst antworten. Wenn kaiserl.Majestät diesen Wunsch nicht erfüllen: ist alsdenn zu sagen, GOtt habe die kaiserl.Majestät nicht zu einer, angeblichermaßen, so wichtigen Sache, erkoren? Soll Teutschland kaiserl.Majestät ansehen, als Hinderniß dieser angeblichen Glückseligkeit! Sind so viel erlauchte Staatsräthe, so viel gelerte Leute, blind oder boshaft? Wird es sogleich Wuth der Verfolgung heißen, wenn viele teutsche Fürsten und Stände dieses Project verwerfen, und diese ausschweifende Schrift gar unterdrücken! Der Hr.Verfasser also leitet es her von Kraft und Muth! und so viel würdige, treue, von jeher unbescholtene Männer, sind bisher ohne Kraft und Muth! Ich dächte, die allererste Frage müste auf Geschicklichkeit und notwendige Gelersamkeit gehen; daß der anmasliche, algemeine Reformator auch unsre Lehrsysteme besser und getreuer auslegen könnte, ehe er den drey Religionsparteien hier öffentlich schuld geben dürfte, sie närten und beschützten einen unabsehlichen Wust der Systemsreligion, wozu so ein großer Mann, von Kraft und Muth, nötig gewesen; der auch sogleich das alles seie, was er sich selbst anmaße! O lieber GOtt, wenn unsre Christen sonst bisher das reine Gold der göttlichen Religion, der seligmachenden Christusreligion, (wie es hier heißt) nicht selbst haben herausfinden können, wie doch |b62| ein jeder seines Glaubens leben mus; wenn ihre Lehrer, darunter doch viel herzlich eifrige Christusfreunde und Christuskenner sind, unter allen drey Parteien, ihnen dis reine Gold bisher noch nicht haben zeigen können, bis der Hr.Verfasser für sich selbst, jetzt in seinen Umständen, Kraft und Muth fassete, dis reine Gold ihnen und uns so zu zeigen, als in diesem übereilten Bekentnisse geschiehet: – wehe so viel hunderttausend Christen! Zu dieser neuen Anstalt sol sich kaiserl.Majestät so gar auffordern lassen! Wie erstaunlich gros ist diese Anmaßung und Uebereilung! Und, wenn wir nicht alle gleich Beifal geben, und öffentlich danken, für diese neue Anweisung, das reine Gold der Religion hier so kurz und gut beisammen zu haben: so sol unser Urtheil mit zur Wuth der Verfolgung oder zur Lügen und Heucheley gehören!
Noch mehr solche – Declamation, um es nicht anders zu nennen. Möchte unter allerhöchstdero Regierung der Tag anbrechen, da in dem christlichen Europa alle die für Christen gehalten und in den Rechten des Staats und der Menschheit geschützt werden, welche Jesum Christum verehren und seine Lehren befolgen – ohne gezwungen zu seyn, sich Kephisch, oder Paulisch, oder Papisch, oder Calvinisch, oder Lutherisch zu nennen, und auf Menschenwort zu schwören.
Noch immer ein Nebel und Dampf; kein Licht. Warum sol man so vergebliche unnütze Wünsche thun und äußern! Sollen kaiserl.Majestät über ganz Europa ein Ausschreiben ergehen lassen, um diese seltsamen Einfälle in allen Staaten zu empfelen? Kan ein unfanatischer Christ solche Wünsche mit Bedacht hegen und öffentlich ausbreiten! In Teutschland nicht nur, sondern auch in den meisten europäischen Staaten ist es ja lange ausgemacht, daß derjenige ein Christ ist, der Jesum Christum verehrt und seine Lehre befolget; alle Muhammedaner wissen diesen Satz seit vielen Jahrhunderten. Sie wissen |b63| auch, daß die Verehrung Jesu Christi und die Befolgung seiner Lehren, so viel Verschiedenheit leidet, als verschieden die Localität der Christen ist. Ich lasse auch die Socinianer Christen seyn; und wenn sie andre Lehrer nicht dafür halten, thut es ihrer Gemütsfassung und Tugend nicht den geringsten Schaden. Warum sol aber in Europa eine algemeine Vorschrift hierüber aufgebracht werden? Ein Christ muß es frey behalten, nach seiner Denkungsart zu reden und zu urtheilen. Aber der andre Theil des Wunsches, alle (auch socinianische) Christen solten in den Rechten des Staats und der Menschheit geschützt werden: ist weder christlich und apostolisch, noch sonst gegründet. Jesus selbst hat seinen Aposteln eine ganz andere Vocation ausgestellet; die doch hinten nach von guten Christen nicht wird umgestempelt werden! Man muß einwilligen in alle Leiden als ein Christ, welche das Gewissen vor GOtt mit sich bringt; diese Pflicht hört nicht auf für einen jeden Christen, und es ist nicht zu begreifen, wie man das ganze Gegentheil zu einem neuen Lehrsatz, ja gar zur Pflicht der Christen machen wil. Ob nun die für sich gewissenhaftesten Christen in einem Lande und Staat einerley öffentliche Rechte genießen sollen: gehört gar nicht für Doctores Theologiä, indem sie nicht zu geheimen Staatsräthen berufen sind. Ob Christen, welche seit so viel Jahren eine geselschaftliche Ordnung und Einrichtung unter sich gemacht haben, welche der Staat selbst genemigt hat, so gleich ihre so alten Ordnungen und Einrichtungen aufheben sollen, wenn ein noch so gut meinender Mitchrist oder Zeitgenosse dafür hält, es seie Zeit an einer Universalreligion für ganz Europa etc. zu arbeiten: kann gar nicht zur christlichen Religion gehören; auch gar nicht für das privat Gewissen; es müste denn ein sehr irriges Gewissen seyn; welches doch gar niemanden von uns andern verbindet, als den also irrenden Menschen. Er müßte auch in der That sehr irren, wenn er sich selbst so leicht, aus seinem stillen Stand eines Un|b64|terthan und Privatmans bis an kaiserliche Majestät erhebet, und die protestantischen Mächte und Kirchen hiebey so wenig erst fragt, als die römischkatholischen Erzbischöfe und Bischöfe; um so gleich kaiserliche Mitwirkung zu einer europäischen Christusreligion zu erlangen! Nun ist alles sogleich unabsehlicher Systemwust, was theologische und kirchliche sehr schwere Gelersamkeit, sehr gegründete Klugheit und Erfarung, einschließet; alles ist Systemwust, was die augspurgische Confession dem Reichstag damalen vorlegte, ohne an ein System zu denken; was der römische Catechismus enthält – alles Systemwust. Schon lange wusten alle gründliche Theologi aller Parteien, daß es keine innere eigene christliche Religion geben könte, ohne christlichen Unterricht zu schaffen und vorauszuschicken; daß der gemeine Unterricht um der mislichen besondern Geschicklichkeit willen, den einzelnen Lehrern einer jeden Partei, in einer feierlichen Vorschrift lieber mitgetheilt werden müsse; daß diese Lehrvorschriften gar nicht einzig und allein unmittelbar die Seligkeit, Tugend und eigene Religionspraxin, wirklich schon schaffeten, sondern dazu eine erprobte nützliche Anleitung für die Unterthanen wären; daß also der nächste unmittelbare Zweck und Erfolg die äußerliche Verbindung der kirchlichen Glieder untereinander, in den gemeinen Grundsätzen der Gesänge, der Gebete, der Predigten und Unterweisungen, seie; die eben so verschieden bleibe, unbeschadet der eigenen Religion und Gewissenhaftigkeit, so bald sie da ist: als verschieden die Religionsform, Gesetze und Statuten in der bürgerlichen Geselschaft sind; unbeschadet des ruhigen glücklichen menschlichen Lebens, unter noch so verschiedenen Staatsverfassungen. Ist es nun mit Grund gewünschet, es möchte doch unter kaiserl.Majestät Regierung der Tag anbrechen, da in ganz Europa einerley äußerlich Kirchenrecht gelten müste! Wem mag wol an dergleichen Einfällen und Wünschen etwas gelegen seyn! Denkenden Zeitgenossen, denkenden Christen gewis |b65| nicht; denn die verstehen sich besser auf diese Sachen, als daß sie unmögliche Dinge und moralische Ebentheuer bey andern Menschen, sich zum Zweck setzen sollten; da sie ihre Christusreligion so völlig frey haben, was ihr Gewissen, ihr Herz gegen GOtt betrift; wird es aber gewünschet zu häuslichen bürgerlichen Bequemlichkeiten für andre, die nicht zu uns gehören: so gehört ja die bürgerliche Obrigkeit hieher, mit ihren Einsichten, nicht das Privat-Gewissen. – Eben so matt und unstatthaft ist dieses: ohne gezwungen zu seyn, sich Kefisch oder Paulisch, „oder Papisch oder Calvinisch oder Lutherisch zu nennen.“ Wir sind gezwungen zu diesen Namen? Von wem wol? Wer hat dis befolen, daß wir uns also nennen sollen? Man solte nicht Gewissen und eigene Religion so gleich mit der äußerlichen Religion, mit besondern Rechten in der bürgerlichen Geselschaft vermischen; man erschleicht zur Noth einige Leser, aber man befördert gar keinen Nutzen für die Zeitgenossen. Was das Gewissen und die eigene Religion, als moralische Fertigkeit oder Zustand des Menschen betrift: so kan es diese Namen gar nicht hier geben; es ist kein Platz dazu. Ist aber die Rede von der sichtbaren äußerlichen Geselschaft: so ist der Name Lutherische, Zwinglische, Altkatholische, wie es überal bekant ist, ohne allen Befel oder Zwang aufgekommen, wie eine benachbarte Nation die andre mit einem Namen unterscheidet: wie überhaupt Namen zur ganz nötigen Unterscheidung der Dinge und Menschen aufgebracht und eingefürt worden sind. Kan denn jemand verlangen, wir sollen ohne Unterschied, zwey oder dreierley Geselschaft immer mit einem einzigen Namen nennen, da es doch so viel besondre Religionsgeselschaften gibt, als Regierungen, als Länder und Provinzen? Findet wol jemand Ursache, zu verlangen, es möchten die Namen der Nationen in Europa, alle aufhören? Gibt es aber nicht eben so wol eine kirchliche Geographie, eine theologische verschiedene Diöces? Es ist ja ganz unmöglich, daß alle |b66| Einwoner eines Landes oder gar eines großen Staats, nur eine und dieselbe Religionsform haben; wer will eine kirchliche Universalmonarchie errichten, da wir froh sind, der lateinischen alten Monarchie der Päbste uns entzogen zu haben! Ich halte es also für sehr unwichtige Einfälle, für lang abgetragene Projecte, die gar keine Realität in sich fassen: wenn jemand in seinen vier Wänden sich dergleichen Entwürfe macht, daß die äußerlichen Religionsformen aufhören und in eine einzige eingeschmolzen werden möchten. Ich habe es schon gesagt, daß man seit dem 16ten Jahrhundert, auch noch im vorigen 17ten häufig damit umgegangen ist; daß auch das Ansehen der Könige und Fürsten, ja bey des Abt Molanus so plat ehrlichen Arbeiten auch des kaiserlichen Hofes Ansehen dazu gebraucht worden ist: eine einzige äußerliche Religionsform einzufüren; daß aber endlich alle wirklichen Kenner dieser Sachen solche unthunliche Projecte ganz und gar wieder aufgegeben haben. Welch Verdienst kann es also seyn, daß der Hr.Verfasser, dessen Verhältnis ohnehin sich gar nicht zu diesem Anerbieten und Versprechen reimen läßt, indem er bei keiner öffentlichen Religionspartey in dem erforderlichen würdigen Ansehn stehet und stehen kann, diese alten Einfälle mit solcher großen Gestalt, μετα πολλης φαντασιας wieder aufstellet, und gar Sr. Kaiserl.Majestät vorzutragen sich herausnimt! Unter dem gemeinen Haufen konte er noch weniger erspriesliche Folgen und edle Früchte erwarten.
Aber noch eine Klage,
Viel hundert mal ist dis schon gesagt worden; zuweilen mit seltsamer Stellung und Verknüpfung; wie es an sich selbst, sehr seltsam und auffallend ist, daß man sich beschweret, über die Forderung eines Eides, wegen der öffentlichen Lehrordnung. Worüber oder worauf schwören denn wol Menschen in der ganzen Welt, wo je ein |b67| Eid, oder eine dem gleiche Feierlichkeit, eingefürt ist? Ueberal, aller Orten, beschwöret man das, was andre Menschen von uns auf diese Art bestätigt und versichert haben wollen. Man schwöret auf einen von Menschen vorgelegten Inhalt oder Vertrag; und auf solche Menschenworte oder von Menschen uns vorgelegten Inhalt schwören: ist etwa an sich selbst schon unrecht? Kan man auf GOttes Zusage oder Vorschrift, um GOttes willen, schwören? Man schwöret also oder bestätiget mit einem Eide, daß man diesen Lehrinhalt gewis und unverändert den anvertrauten Zeitgenossen, als ein Lehrer erklären und einschärfen wolle. Worin sol denn hier eine richtige Ursache oder ein kentlicher Grund liegen, zu wünschen und zu fordern, daß kein Lehrer inskünftige auf einen vorgelegten Lehrinhalt schwören oder seiner Geselschaft dis zusagen solle? Ist es erlaubt einen Eid eines Unterthan, nach vorgelegtem Inhalte, wörtlich abzuleisten? Ich denke ja. Ist es erlaubt, daß ein Soldat einen Eid schwöret, auf die ihm vorgelegten Forderungen? O ja. Worin bestehet denn nun die alte Klage oder Beschwerde, dieser und jener Leute, welche darüber unzufrieden sind, daß öffentliche Lehrer eidlich versprechen, sie wollen in ihrem öffentlichen Amte, das sie gegen eine Geselschaft von Zuhörern und Kindern feierlich annemen, eben dieselben Lehrsätze lehren und erklären, die in dieser besondern Geselschaft ausdrücklich festgesetzt und vorgeschrieben sind? Wem kan denn dieser Eid im Wege stehen, als wer öffentlich eine ganz andre Lehre gern einfüren wil? Mag er sie für richtiger halten; das kan sein eigen Gewissen beruhigen in Absicht seiner. Aber diese privat Gedanken sollen nicht die öffentliche Lehre seyn. Einem solchen Lehrer wolte ja die Geselschaft ihre Mitglieder nicht anvertrauen; warum geht er also nicht weiter, und sucht sich einen solchen Zusammenhang aus, wo die Obrigkeit kein äusserlich Kirchenregiment ausübet? Auf diese Weise, wenn noch so zufällige Gedanken sogleich wichtig |b68| werden, weil sie in der jetzigen Zeit gedruckt werden, wo jedermann ins Ganze, ins Grosse, sich ausdehnet, und Allkraft, Allumfassung um sich her spreitet: wird nächstens auch jemand die kaiserliche Wahlcapitulation, und die feierliche Versicherung der Majestäten und Landesherren, reformiren, weil auf Menschenworte geschworen wurde. In welcher Tiefe und Mikrologie mag unser Zeitalter liegen, wenn solche gar grosse Kleinigkeiten lesenswerth, gemeinnützig, und alwichtig heissen können!
Nun ist die Vorrede zu Ende: möchten doch Majestät geruhen, mit Langmut und Schonung auf mich unschuldig Verfolgten vom Thron der Majestät herab zu blicken.
Schon jetzt nent sich der Hr.Verfasser einen unschuldig Verfolgten! worin besteht wol die scheinbarste Verfolgung? daß der kaiserl. Reichshofrath dis Decret wider ihn gegeben hat, oder daß zwey theologische Responsa eingeholet worden sind, über die neue Uebersetzung des neuen Testaments. Das Reichshofrathsdecret hat gar keinen Erfolg haben können, in so weit es eine Anmassung über protestantische wirkliche Kirchenglieder ist; die an sich selbst schon ohne alle Realität ist, wie die steten Principia des Corporis Euangelicorum mit sich bringen. Uebrigens könte ich die noch so genaue Prüfung der neuen Uebersetzung, nicht aus einem Verfolgungsgeiste zunächst herleiten; da es eine natürliche Folge in der gelehrten Welt ist. Wenn auch manche Zeitgenossen zu hart oder zu geschwind von der Absicht dieser Uebersetzung urtheileten: so war es doch noch keine Verfolgung. Hingegen ist es einem noch so kalten und unparteiischen Zuschauer der öffentlichen Historie des Hrn.Verfassers gleich wol sehr auffallend, daß er überal sich so gleich, so leicht Verdrus und Unlust zugezogen hat, ohne daß Dogmatiken und Systeme daran Schuld waren. Und nun sein Glaubensbekentnis; aber ohne Zeitbestimmung, wie |b69| viel davon in Leipzig, Erfurt, Giessen, (wohin ich ihn selbst durch Empfelung auf eine Anfrage aus Darmstadt, hatte bringen helfen,) in Marschlins, in Heidesheim, eigentlich schon entschieden gewesen seyn möge. Ganz ohne Einflus wäre es doch nicht, wenn wir diese historische Kentnis des steten Ganges der gesamleten Vorstellungen zur weitern Beurtheilung anwenden könten. Dis Bekentnis betrift 10 Stücke:

1.

Ich glaube, daß ich und alle Menschen Sünder sind, welche der Gnade und Erbarmung GOttes bedürfen. Daß aber dieses, (daß wir Sünder sind) uns angebohren sey und daß alle Menschen mit der Neigung zu allem Bösen auf die Welt kommen, daran zweifle ich. Vielmehr scheinen mir die Menschen an ihrem Verderben selbst Schuld zu haben. Denn ich bemerke in ihnen von Natur so viel herrliche Anlagen zur Tugend , so viel angebohrne, edle Gefühle und Neigungen, daß vielleicht nur eine andere Erziehungsmethode und von Tyranney und Luxus mehr entfernte Lebensart nöthig wäre, um der Menschheit ihre ursprüngliche Güte wiederzugeben.
Hierbey merke ich an, 1) daß der Hr.Verfasser weder mir noch irgend einem Leser der heiligen Schrift, vorschreiben kan, was wir, durch ihren Unterricht und Wirkung, von uns sagen und bejahen, wenn wir gegen GOtt das Bekentnis thun, o GOtt wir sind Sünder vor dir! dieses Bekentnis begreift eine unzälige Verschiedenheit des moralischen Zustandes, wovon einer mehr der andre weniger lebhafte starke Vorstellung hat. 2) Es stehet ihm frey, daran zu zweifeln, ob uns diese moralische Negation, und eine vorzügliche Leichtigkeit und Neigung zum Bösen, angeboren heissen könne; wie es uns frey stehet, es zu bejahen. Wir sehen aber den grossen Unterschied der Rede; die Lehre von Erbsünde etc. |b70| S. 10. gehöret geradehin unter solche Lehrsätze, die weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben, und theils der Gottseligkeit schaden, theils die Quelle des Unglaubens – bey Tausenden sind. Hier sagt er nur so viel: ich zweifle daran, ob es eine Erbsünde giebt. Ist dis einerley Rede? Wenn er blos zweifelte, wo kam das Recht her, jenes zu schreiben? durfte er jenes schreiben, wie wil er dis blos seinen Zweifel nennen! 3) Alle Theologi aller Parteien lehren, daß alle Menschen an ihrem (wirklichen) Verderben selbst Schuld sind, nicht aber die Erbsünde ohne sie; daß diese natürliche moralische Zerrüttung bey ununterbrochener Wirksamkeit gar eine wirkliche Herrschaft der Sünde, oder Fertigkeit zu sündigen zu wege bringe; hier sagt er also nichts neues oder unbekantes. 4) Hat er nie an sich oder andern bemerket, daß es auch Anlagen zu Lastern, angeborne unedle Triebe und Neigungen gebe? Ich dächte, wenn es von ihm mit Recht hier so beschrieben wird, herrliche Anlagen zur Tugend, angeborne edle Gefüle und Neigungen: so wäre es eben so richtig von unsern Vorfaren beschrieben worden, es giebt angeborne Neigungen zum geistlich Bösen, aber in unzäligen Graden – das hat man Erbsünde genant, um stets die einzelen wirklichen Sünden der Erwachsenen zu unterscheiden.
Warum tadelt er nun die christlichen Religionssysteme, da er selbst angeborne edle Neigungen annimt? hat er sie etwa bey allen oder den meisten Menschen, gleich von Kindheit an, gleich groß, angetroffen? So fand er mehr, als alle Gesetzgeber, welche auf Erziehung der Kinder vornemlich sahen; mehr als alle Philosophen, welche zum Theil gar auf zwey gleiche Grundwesen kamen, um das Gute und Böse in der menschlichen Natur zu erklären. Grotius sagte daher, die Sache selbst, die unter uns mit dem Namen Erbsünde gemeint wird, haben auch die Heiden erkant. Eine andre Erziehungsme|b71|thode – Sind die guten Gesinnungen, in der That ohne alle Erziehung, ohne alles Beispiel, und äusserliche Ursache, in dem Kinde schon gewesen? Wer wird dis aus der Erfarung beweisen? Und was sol denn die ursprüngliche Güte der Menschheit heissen, die man sogar durch eine andre Erziehungsmethode wieder herzustellen hoffen könte? Sie ist also nicht da, wenn sie wieder hergestellet werden sol. Ursprüngliche Güte der Menschheit – wer kan wissen, was der Hr.Verfasser hier denkt? Also angeborne, ursprüngliche Güte der Menschheit gäbe es; angeborne böse Neigungen gibts aber nicht? Ich brauche übrigens davon nicht viel zu sagen, daß aller unser Unterricht nicht auf einen ursprünglichen Zustand der Kinder und Menschen gehet, da es von einer moralischen Historie, in der Kindheit noch gar nicht Platz ist zu reden, wo Kinder noch blos physicalischer Veränderungen fähig sind; wir auch den ursprünglichen Zustand des Cajus und Titius nicht ausmachen können; sondern daß wir auf wirkliche Ausbesserung der nun wirklich bösen und zerrütteten Menschen gerade zu gehen; wonach es unmöglich wahr ist, daß die Lehre von Erbsünde, die Mutter so vieler einzelen Sünden sey, eine Quelle der Untugend und Gottlosigkeit abgebe; diese Lehre hilft vielmehr zur leichten Ausbesserung der Menschen.

2.

Ich glaube, daß der Mensch, so wie er alles Gute GOtt zu verdanken hat, auch all sein moralisches Gute, was in ihm ist, der Gnade GOttes schuldig sey. Daß aber GOtt die Besserung der Menschen selbst wirke und der Mensch nichts thue, als GOtt stille halte, ist wider die Schrift, und beruhet dieser Irrthum gröstentheils auf dem Wort Gnade, welches die meisten Lehrer der Kirche bisher gemisdeutet haben.
Wir wollen 1) annemen, es seie wider die Schrift, daß der Mensch zu seiner Besserung nichts thue etc. kan |b72| dieser Irtum zur Untugend und Verachtung der Religion gereichen? Bringt diese Ueberzeugung, die ein Mensch angenommen hat, GOtt ist es, der in mir alles Gute wirket, in dem Menschen Sünde und Hinderniß des moralisch guten hervor? Ich denke nicht. Man mus nur dazu nemen, daß z. E. Cajus täglich den Wunsch und Gedanken fortsetzt, immer besser zu werden; er wünschet folglich und verlangt innigst von GOtt diese ihm so nötige Wirkung; dis wird in ihm eine Fertigkeit; er nimt täglich in dieser Gemütsfassung zu. An so vielen Beispielen unserer und voriger Zeit wissen wir auch, daß die wirkliche Erfarung diese hier gegebene Erklärung bestätige; es ist also dieser Lehrsatz keinesweges eine Quelle des Unglaubens; der Mensch, der darnach handelt, hat vielmehr den stärksten Antrieb und die tägliche gröste Erleichterung und Beförderung seiner innigsten Frömmigkeit. 2) Ist es in der That gar nichts neues, oder uns unbekantes, daß viele Lehrer, latini nemlich, die Augustino folgeten, mit dem Worte gratia einen besondern Begrif verbunden, und diese gratiam actualem, victricem etc. sehr viel enger verstanden haben, zu Folge einer angenommenen Prädestination. Schon einige Jahre vor der augspurgischen Confession hat der bekante Lambert, von Avignon , da er noch zu Wittenberg lehrete, alle species gratiae, welche die Thomisten und andre Scholastiker nach einander herzunennen und abzutheilen pflegten, geradehin öffentlich verworfen. In der römischen Kirche ist der so alte lange Widerspruch gegen die Partey der Thomisten, Dominicaner und Augustinianer, schon einige Jahrhunderte lang unaufhörlich fortgesetzt, und von der andern Partey eine solche gratia efficax per se geleugnet worden; wie seit dem Jansenius der heftige Streit de auxiliis gratiae erneuert und noch nicht entschieden worden. Da aber dieses alles in die gelerte und theologische Uebung gehört, und im gemeinen Unterrichte gar nicht vorkommen kan, es müste denn ein Lehrer sehr ungeschickt |b73| handeln: so ist nicht abzusehen, wie der Hr.Verfasser diese gelerte Subtilität hier vorbringt: da die Rede doch seyn solte, von Lehren, die in den öffentlichen gemeinen Religionssystemen bisher so enthalten wären, daß sie eine Quelle des Unglaubens – seien. Die Jansenisten sind die eifrigsten Christen, recht zufolge dieser Lehre de gratia. 3) Es ist noch nicht ausgemacht, daß die Beschreibung, der Mensch thut zu seiner innerlichen Besserung nichts selbst, er verhält sich passiue, hinlänglich deutlich, und dem Sinne unserer Lehrer gemäs ist. Ich wil nur anmerken, 1) wenn wir dieses lehren: so hängt es gar nicht mit der lateinischen Schullehre de gratia efficaci zusammen; wir haben keine solche gratiam angenommen, die der freyen vernünftigen Natur des Menschen nicht angemessen seie; kein Mensch, der unter christlicher Geselschaft lebt, ist jemalen in dem blos menschlichen Zustande, worin ihm die Wirkung dieser Gnade GOttes, die wir unter den Wahrheiten wirksam nennen, felen könten; von Kindheit an. Daher sagen wir, alles, was der Mensch christlich gutes thut und in sich ausrichtet, ist GOttes geistliche Wirkung. Solte dieses wider die Schrift seyn, da ja der Inhalt der Schrift eben diese Wirkung GOttes enthält und fortsetzt? Die Schrift ist ja eben darum da; als Mittel zu diesem Erfolge, daß wir was geistlich gutes nun wirken können und sollen. In unsern Zeiten ist sogar die ehemalige historische Vorstellung des so genanten Pelagianismus von der Sache, oder factum von iure, so genau und deutlich unterschieden worden: daß es ausgemacht ist, es seie hier sehr viel Wortstreit. Die Sache ist, der Mensch muß in Ansehung aller seiner Fähigkeiten eine moralische volkommenere Richtung und Regung in sich bewirken lassen; alles Gute komt von GOtt, dem müssen wir es danken; also sagen wir auch in dieser Absicht mit Recht, diese Besserung des Menschen wird von GOtt unter den Christen befördert. Solte wol dieser erhabene fröliche Gedanke |b74| eine Quelle des Unglaubens seyn? Kurz, weder in der lutherischen, noch reformirten, noch katholischen Theorie von der Gnade GOttes, ist eine solche irrige Lehre enthalten, die eine Quelle des Unglaubens seie; hier müssen alle gewissenhafte fromme Christen aus ihrer Erfarung reden; und nun ist gar nichts in der Lehre selbst zu ändern; die Methode, – ist stets frey.

3.

Ich glaube, daß uns GOtt aus blosser Gnade unsre Sünden vergiebt, und daß unsre Tugend und unser Eifer im Guten, da er selbst im Grunde Wohlthat GOttes und mit so viel Mängeln und Unvollkommenheiten befleckt ist, einer ganzen Ewigkeit voll Lohn und Seeligkeit nicht werth sey: Daß aber doch unsere Besserung und Tugend auf der einen Seite die Bedingung sey, unter welcher uns GOtt Vergebung der Sünde und ewige Seeligkeit um Christi willen (d. h. weil er diese Gnadengeschenke allen Tugendhaften durch Jesum Christum verheißen und versiegelt hat) ertheilet, und daß sie auf der andern Seite die natürliche Quelle der höchsten Seeligkeit ist, aus welcher dieselbe von selbst erfolget. Daß aber GOtt blos um eines Menschenopfers willen mir meine Sünden vergebe und um einer fremden Tugend willen die Flecken der meinigen übersehe, das ist wider meine Vernunft und habe ich auch nie etwas davon in h. Schrift gefunden.
1) Ich merke an, daß hier gesagt wird: unsre Tugend, und unser Eifer im Guten, ist selbst im Grunde Wohlthat GOttes; und vorhin wurde doch gesagt, die Besserung des Menschen ist im Grunde nicht GOttes Wirkung, sondern gehört dem Menschen selbst. Warum sollen wir so ungleich und widersprechend von unserm Eifer, von unsrer Tugend reden? Ist sie selbst im Grunde doch Wohlthat GOttes, wie sie es ist: warum sollen wir |b75| es denn nicht lehren: daß aller unser Eifer im Guten eine Wohlthat GOttes selbst ist und bleibet? 2) Ob man die Einwilligung in eine innerliche Besserung sol eine Bedingung nennen oder nicht: ist eine alte Streitigkeit; daher ist es auch auf beiden Seiten lange ausgemacht, in welcher Bedeutung es ja oder nein heißen müsse. Daß diese unsre Besserung eine natürliche Quelle der höchsten Seligkeit ist, und eben darum von GOtt uns auferlegt und anempfolen worden: ist eben so lange bekant. 3) Ob um Christi willen heißen sol, dieweil es GOtt durch Jesum Christum verheißen und versiegelt hat; oder aber, GOtt hat eben um Christi willen, dessen Historie und Zusammenhang mit neuen Folgen er vorher kante, dieses alles verheißen und versiegelt; wird der Hr.Verfasser sich nicht anmaßen für uns zu entscheiden. Weil Christus durch seine ganze Historie einen so großen Umfang von geistlichen Wohlthaten und Realitäten zu stande gebracht, und folglich auch die Kentnis und Gewisheit derselben uns geschaft hat; und dieser neue Umfang nun ganz unfelbar alle diese möglich neuen Wohlthaten, nur in einer besondern Bestimmung, in der besondern Gemütsfassung, für einzele Menschen, aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit übergehet: so weis es und glaubt es der Mensch, daß diese Beschreibung in der Schrift, um Jesu , um Christi willen, ist GOtt auch mir gnädig, vielmehr bedeutet, und einen ganz andern Grund für die Vorstellung anbietet, als hier der Hr.Verfasser mit manchen Socinianern es erkläret. GOtt hat den Menschen durch Christi Lehre, z. E. versprochen, er wil ihnen die Sünde vergeben und sie zu ewiger geistlichen Wohlfart befördern. Dis mus GOtt nun um Christi willen, der sonst nicht wahr geredet hätte, halten; so erklärt es der Hr.Verfasser. Wir katholischen Christen aller drey Parteien, sagen viel mehr; weil durch dieses Leben und Tod Christi eine neue Aussicht, neuer Grund und Boden für sonst unbekante geistliche Wohlthaten eröfnet und geschaffet wor|b76|den; indem das Leben und der Tod Christi wirkliche Dinge und große Begebenheiten in einem Zusammenhange mit geistlichen Wohlthaten, einschließet: so entstehet hier ein kentlicher Grund, warum GOtt dieses Leben und Tod Christi also verordnet und genemiget hat, und warum er jedem gläubigen Christen, der diese geistlichen Wohlthaten, die er Christo zu danken hat, herzlich wünschet und begehret, die ganze Fülle von geistlichen Wohlthaten unfelbar zueignet. Wer wolte hier die geistvollen erbaulichen Entwickelungen des gläubigen Christen hindern oder abschneiden? Ist jemand mit wenigerm zufrieden, so hat er doch kein Recht, unsre gläubige Uebung des Verstandes und Willens uns zu verbieten. Ich denke, daß ich deutlich genug hierüber mich erklärt habe; es gehöret dis für unser Herz und Gewissen; wir haben eine gar ernstliche große Beschäftigung des Glaubens; wir finden darin göttliche unendliche Ruhe und Zuversicht; denn hier ist alles unendlich, ewig unaufhörlich; weil es nichts Zeitliches ist. Wie solte dieser unser so lebendiger, so in GOtt unaufhörlich eindringender Glaube, eine Quelle des Unglaubens werden? Wie so gar schlecht und untreffend ist dis hingeschrieben! So viel fromme Lehrer und Christen haben Noth und Elend des äußerlichen Lebens, Quaal und Marter, Tod und Todesschrecken durch diesen lebendigen Glauben überwunden: warum sollen wir diese vortrefliche Lehre mit einer andern kleinern vertauschen, die wir nicht so gut in der Schrift gegründet finden, als unsere. 4) Daß aber der Hr.Verfasser abermalen schreibt, wir lehreten in allen drey Parteien, daß GOtt um eines bloßen Menschenopfers willen uns unsre Sünden vergebe etc. Daran redet und thut er Gewalt und Unrecht; beschimpfet alle drey Parteien, und ihre so vielen Mitglieder, aufs unverantwortlichste. Ich habe schon vorhin, wo diese Vorbereitung und unerlaubte Empfindlichkeit zum ersten mal vorkam, mich dawider erkläret; da er es aber wiederholet, so wil ich noch mehr hinzusetzen. |b77| Wuste er nicht, die große Beschreibung, Hebr. 9, 14. Cap. 13, 20. wo das Opfer und Blut Christi ganz ausdrücklich, ganz charakteristisch auf eine unvergleichliche Weise, seinem innern Werthe, seinem geistlichen Gange und der Wirkung nach, bestimt wird? Wuste er diesen großen Begrif nicht? Christus hat sich selbst GOtte dargebracht, ohne Tadel, δια πνευματος αἰωνιου, so daß eine ewige unaufhörliche Wirkung dieses Opfers auf unsern Geist, ganz begreiflich ist. Dis Blut hat geistlicher volkommener Weise einen neuen Bund gestiftet. Kann man diese Sache so untreu, so unwürdig beschreiben, daß wir Christen glaubeten, GOtt vergebe uns die Sünden um eines Menschenopfers willen? In diesem Briefe an die Hebräer ist gerade die Stärke und Hauptsache des Inhalts eben diese: äußerliche, gemeine, sichtbare Opfer haben für das Gewissen der Menschen keine Wirkung, keinen Erfolg; sie betreffen blos das äußerliche Verhältnis in der Geselschaft. Christus aber ist in dem grösten volkommensten Verstande ein Priester; er hat GOtte ein einziges Opfer, durch sich selbst, gebracht; dis hat aber so eine Beschaffenheit, so einen Umfang, begreift solche große Grundsätze und Wahrheiten in sich: daß wir in unsern Gewissen eine neue unaufhörliche Kraft erfaren, alle jene Sünden künftig zu meiden, und in die geistliche rechte Verehrung GOttes einzuwilligen. Sind dis Begriffe, die ein Leser mit dem greulichen Namen Menschenopfer verbindet? Warum sol nun Christus mit einem so unwürdigen Namen beschrieben werden? Haben wir Christen diesen unwürdigen Begrif? Ist es eine natürliche Folge unsers übrigen Systems? bey keiner Partey nicht. Arianer hatten eine physische Vereinigung des Logus und JEsus angenommen, und beschrieben daher den begreiflichen Grund, daß das Blut JEsu (im Abendmal) eine besondre große Kraft hätte, die Menschen von der Sünde und dem Tode, zur Frömmigkeit in diesem Leben, und zur seligen Unsterblichkeit zu erheben. Gnostiker ließen |b78| ebenfals alle Kraft und Wirksamkeit zur moralischen Ausbesserung der Menschen, aus der Person des himmlischen, ewigen Aeon, Christus , herkommen. Sabellianer lehren eine Einwirkung GOttes auf Jesum , und beschreiben eine moralische Ausbesserung der Menschen, durch änliche Wirkung GOttes, als in Jesu war. Da man ferner ausdrücklich diese Person aus zwey Naturen zusammensetzte, beschrieb man den steten Einflus der göttlichen Natur, um die großen Wirkungen begreiflich zu machen, die in der Menschheit ihren Grund nicht hätten. Nie hat man also aus dem Tode Christi ein Menschenopfer gemacht. Die freye Einwilligung Jesu in diesen Tod, um die großen Folgen für die Menschen zu verschaffen, die bey allen ungeistlichen Opfern nicht entstehen konten: nent die h. Schrift ein Opfer, das Jesus GOtte geleistet habe. Kann dis ein Menschenopfer seyn? Man müste ja alles verdrehen. Und wer könte unter Christen so sehr unwürdig und leichtsinnig es beschreiben? Sie sagen selbst, GOtt hat den Tod Christi um eines großen Zwecks willen, uns zu gute, verordnet; die Christen kennen diesen Endzweck; nun wird dis als das rechte volkommenste Opfer beschrieben; seine moralischen Folgen sind ewig; wer konte in diesem Zusammenhange so reden, GOtt hatte sich ein Menschenopfer bestelt? Ist es billig und ehrlich, Consequentien zusammen zu setzen, und sie den andächtigen Christen nun Schuld zu geben? Dis konte, durfte, solte der Hr.Verfasser denken: proprie ist Christus kein Priester und kein Opfer; GOtt hat die Menschen mit ihm selbst versönet, und läßt diese Predigt von einer geistlichen rechten Versönung nun öffentlich bekant machen; dis sind alles moralische Sachen. Denn mit den Sinnen sahe man zwar JEsum kreutzigen und tödten; aber den Zusammenhang mit einem neuen Erfolge für die neue Kentnis und Zuversicht der Christen, konte niemand sehen oder mit den Sinnen empfinden. Moralische Dinge und Begebenheiten bringen also keine so einzige Vor|b79|stellung von sich und ihrer Absicht oder Zusammenhange mit, als sinliche Dinge und ihre Veränderungen. Giebt es also mehrere Vorstellungen über den Zusammenhang des Todes Christi , mit Folgen für die neue Erkentnis und Anwendung der Menschen: so kan ich nicht fordern, daß alle Christen in Ansehung der Beschreibung, (Christus ist ein geistlich Opfer für unsre Sünden; er hat uns mit GOtt aufs volkommenste versönet etc. wir brauchen keine gemeinen sinlichen Opfer;) eine einzige Vorstellung und Bestimmung dieser Begriffe haben sollen; es geht mich auch ein fremdes Gewissen gar nichts an; ich wil auch kein Lehrer der augspurgischen Confeßion seyn, ich gehöre selbst zu keiner der drey Religionsparteien; ich kan also meiner eigenen Vorstellung für mich und meines gleichen Zeitgenossen den Vorzug geben. Aber ich darf die Beschreibung der Christen, die sie ebenfals aus Gewissenhaftigkeit annemen, nicht nachtheilig verdrehen. Dieses hätte der Hr.Verfasser denken und schreiben dürfen. Endlich, wenn es auch, seit einiger Zeit, wider die Vernunft des Hrn.Verfassers ist, wenn er auch nie in der heiligen Schrift davon etwas gefunden, daß GOtt um der volkommensten Tugend JEsu willen, die wir uns wünschen, die Flecken oder Mängel unserer Tugend und Pflichten übersehe: so hilft es ja nicht dazu, daß dieses sogleich auch wider die Vernunft anderer Christen seyn müsse, und daß sie diese Sache nicht in der heiligen Schrift fänden. Viele der ersten Christen konten es nicht einsehen, daß GOtt das mosaische Gesetz nun für unnütz, zu moralischen Absichten, erklären könne und wolle; war dis nun zugleich ein Grund wider alle übrige Christen, die dieses wirklich ganz leicht einsahen? Wer auch nur die Schrift des gelehrten Anselmus , cur Deus homo, gelesen hat, (und wer eine solche Reforme der christlichen öffentlichen Lehrbücher vornemen wil, müste sie doch auch gelesen haben) der kennet eine grosse Menge von würdigen erhabenen Gedanken, die alle höchst vernünftig und ge|b80|gründet sind, über den vortreflichen Zusammenhang der volkommensten Frömmigkeit und des Wohlgefallens GOttes, mit der Beruhigung aufrichtiger Christen, die sie aus dieser von GOtt gemachten Ordnung und Folgen, die sie selbst so gern einwilligen, herleiten. Die Tugend Christi , ist auch nicht eine fremde Tugend, in Absicht aller gläubigen Christen; wenn sie gleich nicht subjectivisch schon wirklich ihre Tugend ist; sie ist dem Anfange, dem heissesten Wunsche nach, auch schon ihre Tugend. Wie GOtt den Vorsatz und Wunsch dis und jenes Böse zu volziehen, mit Recht als volzogen für den Menschen ansiehet: so ist es gleiches Recht und Würde GOttes, uns, die wir die volständigste Tugend Christi gern selbst haben wolten, um Christi willen, das ist um sein selbst willen, weil er ein solcher GOtt ist, über unsre Mängel zu beruhigen. Dis finden wir überal in der Schrift; warum sollen wir nicht unsrer Erkentnis folgen, die ohnehin die Erkentnis und der Glaube aller katholischen Christen ist? Und wer solte uns wol vorschreiben, was wir für Betrachtungen und Gedanken zu unserer christlichen Erbauung machen müsten? Man griffe ja in das heilige Recht unsers Gewissens; das wäre eine neue Art von Toleranz; deren Anhänger den Vorsatz ausfüren wolten, veteres migrate coloni.

4.

Ich glaube, daß GOtt den Aposteln seinen Geist gegeben hat; daß aber dieser Geist eine dritte Person in der Gottheit sey, davon bin ich nicht überzeugt: vielmehr finde ich in heiliger Schrift keine andere Bedeutung von dem πνευμα ἁγιον als diese beyden: daß es entweder göttlich gewirkte Gaben, Talente und Kräfte anzeigt, oder das nomen Dei selbst, welcher diese Gaben mittheilt.
Wenn der Hr.Verfasser nicht vorhin namentlich dieses angefüret hätte, unter den Lehren, welche die Quel|b81|len des Unglaubens und der Religionsverachtung seyn sollen: so würde man es aus dieser hier gegebenen Erklärung nicht einsehen oder wissen können. Diese Erklärung steht ihm eben so frey, als die andern Urtheile über die Lehrformen im teutschen Reiche; allein nur in Absicht seines eigenen Gewissens; gar nicht aber, insofern er zugleich sich ein Recht geben wil, unsre Lehre vom heiligen Geiste, die wir öffentlich abgefaßt haben, so zu beschreiben, sie seie gar nicht in der h. Schrift gegründet; warum? dieweil er diese Bedeutung vom h. Geist, als einer Person in der Gottheit, gar nicht finde. Dis ist eine Uebereilung. Ich bin davon nicht überzeugt, schreibt er hier; und dort schrieb er, dieser Lehrsatz gehöre mit unter diejenigen, welche keinen Grund in der h. Schrift haben, und eine Quelle des Unglaubens – seien. Wie kan er dieses so geradehin behaupten, wenn er blos ungewis ist, und nur nicht überzeugt ist? Wenn er aber auch wirklich überzeugt wäre, unsre Lehrbestimmung habe gar keinen Grund: Folgt es denn, daß also niemand davon überzeugt seyn könne, und daß sie in der Bibel nicht gegründet seie? War denn Clarke es nun nicht? Er hat aber ausdrücklich diese Bestimmung, als die Bedeutung mancher Stellen, ganz überzeugt und sicher angenommen. Warum zeichnet also der Hr.Verfasser diesen Lehrsatz doch an, unter denen, welche alle Christen faren lassen solten? Ich habe schon angefürt, daß an dem Namen, dritte Person, gar nichts lieget; wenn die Christen nur aus heiliger Schrift glauben, der heilige Geist bedeutet den Urheber der geistlichen Wirkungen zu ihrer Besserung und ewigen Wohlfart. Was die Sache selbst betrift: so ist es lange Zeit her schon eingestanden, daß πνευμα ἁγιον nicht überal, in allen Stellen, eine Person oder alium agentem anzeige; daß vielmehr, sehr oft, da und dort, durch eine Metonymie, die Wirkung und Gaben des heiligen Geistes selbst mit diesem Namen belegt würden. Die Apostel haben den heiligen Geist in dieser Bedeutung em|b82|pfangen; da giebt es ein ungleiches Maas des heiligen Geistes. Es ist hier der Ort nicht, alles zu wiederholen, was unsre drey Systemata hiervon gemeinschaftlich enthalten; aber ich wil doch ganz kurz etwas anfüren. πνευμα und πνευματα, heißt unleugbar in recht vielen Stellen des neuen Testaments, eine unsichtbare selbst handelnde Substanz; ein Subject, das Verstand und Willen in Wirkungen selbst anwendet. Es wird oft von dem Geiste GOttes geredet, wie ein Geist des Menschen oder im Menschen unterschieden wird, den man in GOttes Hände befelen kan, wenn der Mensch dem Leibe nach stirbt. Nachdenkende Christen wusten es, daß sich diese Vergleichung (wie der Geist, der im Menschen ist) nur auf diese, alle andre Mitkentnis ausschliessende, Absicht GOttes beziehen solle und müsse; indem der Geist GOttes nicht, wie in einem menschlichen Körper, durch den Tod getrent und abgesondert werden kan; es müsse also der Geist GOttes ganz anders zu GOtt gehören, als der Geist des Menschen jetzt zum Menschen als ein Theil eines endlichen Ganzen gehöret. Sie fanden auch, im Namen des heiligen Geistes, neben der Beschreibung im Namen des Vaters, des Sohnes, oder im Namen Christi ; daß auch dem Geiste GOttes ein Wollen, Thun, Wirken, Reden, Lehren etc. beigelegt werde, also leiteten sie diese Vorstellung aus solchen Stellen ab: heiliger Geist ist in manchen Stellen ein subiectum agens, ohne Vervielfältigung und Veränderung eben des einzigen höchsten Wesens. Ueber diesen Lehrsatz vereinigten sich nach und nach alle katholischen Kirchen und Lehrer, mit steter Schonung der Gewissen denkender Christen, die ja nicht eine absurde unwürdige, widersprechende Vorstellung zu diesem Lehrsatz rechnen sollen. Man läßt auch die Wahl und Erklärung der Stellen frey; und es haben die Christen einen so guten Zusammenhang ihrer Vorstellungen, von den grossen Wohlthaten GOttes, des Vaters, des Sohnes oder Eingebornen und des heiligen Geistes: |b83| daß ihr ganzes Herz vol andächtiger gläubiger Bewegung und geistlicher Ordnung ist. Wie wil hier eine Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung entstehen? Es ist jetzt die Rede vom Verhältnis der Lehrsätze der augspurgischen Confeßion, oder des christlichen Glaubens, in Absicht des gemeinen öffentlichen Unterrichts für alle Christen; gar nicht vom Verhältnis gegen den Stand der Gelehrten; alle gelehrten Bestimmungen bleiben ein Geschäfte des besondern Standes in der äusserlichen Geselschaft; haben keine Beziehung auf die eigene moralische Volkommenheit und Seligkeit der Christen. Und Gelehrte, als Gelehrte, müsten sich schämen, wenn sie in den Lehrsätzen de trinitate einander solche Irthümer schuld geben, die die eigene Seligkeit anstiessen und umwürfen; denn so wichtig sind alle Fragen der Scholastiker und Dogmatiker niemalen geachtet worden. Folglich hat der Hr.Verfasser zwar seine Meinung hier erzälet; aber nichts vorgebracht, das da zeigte, unser gemeiner Unterricht vom heiligen Geiste, als Urheber geistlicher Wirkungen in uns, durch die christlichen Wahrheiten, seie eine Quelle des Unglaubens. Daß aber Leute, die schon ein Kitzel sticht, in abstracto etliche Begriffe oder Sätze dahin stellen, und nun auf und abdiscuriren, und sich entschliessen, die Lehrbücher der drey Religionsparteien aufzuheben, und einen Entwurf einer algemeinen Religion zu machen: kan gar nicht angesehen werden, als eine endliche Folge unserer so erbaulichen so leichten Lehre; da diese Folge nur in ihren Köpfen und in ihrer Denkungsart ist; deren christliche Beschaffenheit wir nicht gestehen. Endlich ist es auch nicht gut ausgedruckt: πνευμα ἁγιον zeigt entweder an, göttlich gewirkte Gaben, Talente und Kräfte; oder das nomen Dei selbst, welcher diese Gaben mittheilt. Was sol denn dis heissen, πνευμα ἁγιον zeigt das nomen Dei selbst an? In welcher Stelle wol? Z. E. Taufet im Namen des Vaters, und des Sohnes und des heiligen Geistes; da sol es heissen, taufet im Namen des |b84| Vaters, des Sohnes, und im Namen GOttes selbst? Ich kenne doch keine Stelle, wo πνευμα ἁγιον das nomen Dei selbst anzeige; GOtt hat geredet durch πνευμα ἁγιον, durch seinen Geist – Die Sache verhält sich vielmehr anders; die besondre moralische Geographie, oder die Ungleichheit der Schriften, woraus in einer Provinz eine Geselschaft ihre Vorstellungen samlete: ist die Ursache von der ungleichen Bedeutung des Ausdrucks, Geist GOttes, heiliger Geist. Wie heiliger Geist und Christus in manchen Schriften der ältern christlichen Lehrer einerley bedeutet hat, wo heiliger Geist gewis weder Talent noch Namen GOttes heißt: so hat hingegen dieser Ausdruck bey andern zu gleicher Zeit eine innere Wirkung GOttes auf den Verstand und Willen der Menschen bedeutet. Folglich sind christliche Ausleger und Schriftsteller gleich vom Anfange an hierüber getheilet gewesen; aber in keiner Bedeutung ist dieser Ausdruck eine Quelle des Unglaubens; am wenigsten, in dem öffentlichen Religionssystem, das mit gutem Gewissen hier angenommen oder so und so weit verlassen wird. Wo solte bey gutem Gewissen Unglaube und Verachtung der Religion bestehen können? Auch sogenante Pnevmatomachi blieben Christen, und gerieten in keine Verachtung der christlichen Religion.

5.

Ich glaube, daß GOtt in und mit Christo war, und daß wir folglich alle den Sohn zu ehren verbunden sind, wie wir den Vater ehren: allein wie GOtt in Christo war, ob nach Athanasius Vorstellungsart (welche ich gerade für die schlechteste halte) oder nach Arius oder Sabellius oder eines andern Meynung, das ist für den Zweck der Religion d. h. für die Besserung und Beruhigung der Menschen, sehr gleichgültig, und solte nie mit kirchlicher Autorität entschieden sondern jedem überlassen werden, wie er sichs denken will. |b85| Indessen scheint mir so viel aus Vernunft und Schrift bis zur höchsten Evidenz erweislich, daß Christus und der einige GOtt Jehovah, den er seinen Vater nennt, sehr verschieden sind, und daß wenigstens Christus nicht in dem nämlichen Sinne GOtt heisse, in welchen es der einige GOtt Jehovah heißt; wie er sich denn selbst über diese Benennung Joh. 10. deutlich und ehrlich genug erklärt hat; wenn er denen, die ihm Gotteslästerung vorwarfen, sagt: – Wenn die Schrift alle die GOtt nennt, προς οὐς ὁ λογος θεου ἐγενετο, d. h. die göttliche Aufklärungen zu Belehrung der Menschen erhalten haben, wie könnte ich mir über diese Benennung einen Vorwurf machen, (ὁν ὁ πατηρ ἡγιασε,) da mich der Vater so ganz besonders ausgezeichnet hat.
Hiebey mache ich folgende Anmerkung. 1) Es wäre nötig, wenigstens sehr gut gewesen, die hier blos abgeschriebenen Worte und Texte, GOtt war in Christo , wir sollen alle den Sohn ehren, wie wir den Vater ehren, mit einer deutlichen Erklärung zu versehen; zumal in einem öffentlichen Bekentnis. 2) Das Urtheil, ob nach des Athanasius Vorstellungsart, die der Hr.Verfasser gerade für die schlechteste hält, habe ich schon vorhin kurz erläutert; was sol es denn hier heißen? Leser wissen nun nicht, welche Vorstellungsart hier so geschwind, (die schlechteste) beurtheilt werde. 3) Daß die genaue einzige Bestimmung, entweder des Arius , oder des Sabellius , oder der nachherigen hintereinander folgenden katholischen Lehrer, für den Zweck der Religion, d. i. für die Besserung und Beruhigung der Menschen sehr gleichgültig sey, ist des Hrn.Verfassers eigene Meinung; und kann doch wenigstens nicht machen, daß alle Lehrer und alle Christen eben so urtheilen müsten oder könten. Denn, wenn es genau genommen wird, so redet der Hr.Verfasser von der privat Religion, von der eigenen innerlichen Religion, indem er die Besserung und Beruhigung der Menschen |b86| ausdrücklich nent; welches ganz gewis zur Privatreligion gehöret. Nun kan aber der Hr.Verfasser über die privat Religion gewis noch weniger ein Gebot ausgehen lassen, als er dis dem Athanasius , Arius , Sabellius selbst zugestehet. Folglich müssen es alle Christen ganz und gar auch frey behalten, zu urtheilen, ob für sie selbst dis wahr ist; daß ihre Beruhigung eben so gewis und sicher statt finde, wenn sie verneinen wollen, daß Christus schon vorher zu GOtt gehöre. Dis kann der Hr.Verfasser nicht nach seiner eignen Einsicht ausmachen. Allein, wie hängt dis nun zusammen, mit seinem vorigen Ausspruche, die Lehren, welche weder in der heiligen Schrift, noch in der Vernunft Grund haben, und eine Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung sind, seien diese, die in unsern Lehrbüchern stünden: von Erbsünde – von Gottheit Christi und des heiligen Geistes. Ich sage, wie hängt dieses nun zusammen? Hier sagt er, es ist für den Zweck der Religion gleichgültig, man mag Christum zu GOtt rechnen, nach unserer kirchlichen öffentlichen Lehre, oder nicht. Dort aber sagte er: diese Lehre gehört zum unabsehligen Systemwust, sie ist eine Quelle des immer mehr einreissenden Unglaubens? Wenn in einem so kurzen Bekentnisse, das doch wohl gehörige Ueberlegung erforderte, solche unreimliche sich aufhebende Beschreibungen vorkommen: wie sollen denn Leser dem Hrn.Verfasser die nötige Einsicht und Ueberzeugung zutrauen, wenn er gleich seinen Muth und Unerschrockenheit rümet, womit er alle unsre öffentlichen Lehrschriften, allen Systemwust umreissen, und eine neue Religionsforme oder neuen Systemwust entwerfen wil? Da nun noch dazu unsre öffentlichen Lehrbücher zur feierlichen äußerlichen Religionsordnung, als Vorschrift, gehören, um eben dergleichen tägliche Anmaßungen und Uebereilungen einzeler Schriftsteller zu verhüten, und der unabsehligen Verwirrung der Zeitgenossen vorzubauen; wie kann nun daraus, daß Privaturtheile über diese Lehrformen, die für die öf|b87|fentliche Geselschaft bestimt sind, noch dazu enthalten können, es seie dem Zweck der Privatreligion gleichgültig, es mag Athanasii oder Sabellii Bestimmung priuatim vorgezogen werden; wie kann, sage ich, hieraus folgen, daß also der Hr.Verfasser mit allem Rechte eine Abschaffung unserer Lehrbücher öffentlich wünschen und fordern dürfe? Unsre Kirchengeselschaft verwechselt die Rechte und Pflichten des Christen nicht mit den Pflichten des Lehrers, den sie öffentlich prüfen und bestellen läßt. Dem und jenen Christen ist es freilich vielleicht genug, (denn entscheiden kann dis niemand) zu wissen und zu glauben, GOtt hat in Christo mich mit ihm ganz gewis versönet; und er denkt nun, was er kann; – aber von dem Lehrer wil man ja nicht eine Privatreligion jetzt wissen, sondern ob er zu unserer Geselschaft, wie sie von andern öffentlichen kirchlichen Geselschaften unterschieden ist, wirklich selbst als ihr Lehrer und Vertheidiger gehöre! Aber eben dis scheinet der Hr.Verfasser für unrecht zu erklären; denn er sagt nun weiter, dis solte nie mit kirchlicher Auctorität entschieden, sondern jedem überlassen werden, wie er sichs denken wil. Wenn dis auch zu den neuen Wohlthaten gehören sol, womit die algemeine Religion uns beglücken wil: so ist in der That wenig im Ernst zu erwarten. Es ist ja abermalen Verwechselung der Rechte des eigenen besondern Gewissens, welches blos gegen GOtt es beurtheilen wil, ob diese Entscheidung in meinem Gewissen selbst muß angenommen werden, welche nun die katholische, die arianische, sabellianische, socinianische heisset; mit den öffentlichen Rechten einer ganzen Geselschaft. Wie diese ein für allemal alles entscheidet, was durch Zeit und Ort bestimt werden kan, ob die öffentliche Versamlung zum Gottesdienst diese oder jene Umstände und Einrichtung begreifen sol, ohne alle Tage dem Lehrer Abänderungen zu verstatten; ob die Kanzel und Orgel, da oder dort stehen sol, wenn gleich viele einzele Mitglieder darüber anders denken mögen: so entscheidet sie auch die |b88| Redensarten, welche zum öffentlichen gemeinen Unterricht, zu Gesängen und Gebeten gleichförmig gebraucht werden sollen. Wenn nun ein Lehrer oder Zuhörer in solche Beschreibungen und Redensarten nicht einwilligen kan und wil: so muß er nicht der Geselschaft es anbieten, sie solte sein täglich anderes Urtheil über sich gelten lassen; sondern er hat die Freiheit, sich von dieser Geselschaft, die dieses festgesetzt hat, zu trennen, und eine andre gottesdienstliche Geselschaft sich auszusuchen. Alle Schüler und Anfänger sind nicht im Stande selbst zu urtheilen, indem sie erst den Unterricht anhören und kennen lernen wollen; für diese wird in der öffentlichen Geselschaft gesorget, durch einen gemeinen Unterricht. Die Lehrer, welche den Unterricht ertheilen sollen, werden von der Geselschaft angewiesen, den Unterschied dieser öffentlichen Partey von andern öffentlichen Parteien selbst zu kennen und fortzusetzen; denn die Geselschaft hat gar die Grundsätze nicht, sich, in Absicht der äusserlichen Umstände und Rechte, mit allen andern Parteien zu vereinigen; weil sie weder Grund noch Mittel dazu kennet. Sie bestimt also den Unterschied von socinianischer Lehre, und wil ihre Mitglieder nicht zu Schülern des Socinus selbst machen, weil sie gar keinen Grund dazu hat; es wäre wider die eingewilligten Grundsätze der Geselschaft; es würde tägliche Zerrüttung der öffentlichen Rechte, die ausser dem Gebiet des einzelen Gewissens liegen. Wie kan nun ein Privatus sein Urtheil so hoch ansehen, daß er verlangt, es sol gar keine äusserliche Religionsgeselschaft mehr sich unterscheiden von den andern; sie sollen alle Merkmale eines noch so gewissenhaften Unterschiedes wegschaffen, weil der Privatus glaubt, dieser Unterschied seie ohne allen wahren, gültigen, äusserlichen, oder politischen Grund? Ich sehe nicht ein, wie der Hr.Verfasser sein privat Urtheil so gleich und so leicht so hoch erheben kan, daß er Ort und Zeit, die Quellen der Individuation und der ungleichen Denkungsart, die ganz unvermeidlichen Un|b89|terscheidungsstücke aller äusserlichen Geselschaften, gleich aus den Augen setzt; als gäbe es unter Menschen eine Geselschaft, die freilich nach Zeit und Ort von allen andern Geselschaften änlicher Bestimmung und Absicht, verschieden seyn müste, aber dennoch, ohne festgesetzte Bestimmung der gebrauchten Beschreibungen über ihre Grundsätze und Hauptideen, eine zusammengehörige äusserliche Geselschaft seyn könte. Da möchte ich doch das Band kennen, wodurch es Eine zusammengehörige Religionsgeselschaft wirklich ist?
Indessen scheint mir so viel aus Vernunft und Schrift bis zur höchsten Evidenz erweislich, daß Christus und der einige GOtt Jehova, den er seinen Vater nent, sehr verschieden sind, und daß wenigstens Christus nicht in dem nemlichen Sinne GOtt heisse, in welchem es der einige GOtt Jehovah heißt.
Diese Beschreibung ist so sehr mangelhaft, daß ich sagen muß, ein jeder lutherischer, reformirter, katholischer Lehrer sage und schreibe ja eben dieses; was hat also der Hr.Verfasser hiemit gesagt, um sich von der eigenen Kirche, zu der er bisher gehört hatte, mit kentlichem Grunde zu trennen? Denn, so lange das Subiectum, Christus , so unbestimt bleibt, und das Praedicatum, sehr verschieden, keine Anzeige der wirklichen Verschiedenheit, worin sie bestehet, bey sich hat: ist gar keine Bedenklichkeit dieses zu sagen, Christus und der einige GOtt Jehovah sind sehr verschieden; indem es ganz ausgemacht ist, daß niemand sagen kan, der einige GOtt Jehovah ist eben jener Christus ; indem dis der Christus GOttes ist; folglich muß freilich eine Verschiedenheit da seyn. Es ist auch an dem, daß Christus , GOtt, nicht in dem nämlichen Sinne GOtt heißt, in welchem es der einige GOtt Jehovah heißt; denn Jehovah wird z. E. von den Juden aus den Schriften des alten Testaments beschrieben als der, der den Christus sendet; und so können sie so wenig |b90| als wir Christen sagen, Meßias, Christus , ist in dem nämlichen Sinne eben der Jehovah, als dis Wort im alten Testament als ein Name des höchsten Wesens, an sich, vorkomt, welcher Jehovah den Christus sendet. Wenn nun noch dazu die alte christliche Bestimmung des τροπος ὑπαρξεως, oder ἰδια ὑποστασεως περιγραφη, und notio personalis mit dem Worte Jehovah verbunden wird, wie es in den christlichen katholischen Lehrbüchern vorkomt: so ist es ausgemacht, daß Christus nicht in der nämlichen Bedeutung, derselben Person, GOtt heissen könne. Wozu diente also diese unfruchtbare Anzeige, die in den gemeinen Unterricht der Christen gar nicht gehört? wenigstens ist die Bestimmung der Person nur von Gelehrten zum Widerspruch gegen andre Gelehrte, und zum Unterschied der äusserlichen Geselschaft, aufgebracht worden. Konte es nicht in der grösten Deutlichkeit gesagt werden: Logus, der Eingeborne Sohn, ist auch GOtt, wenn gleich nicht ὁ Θεος, Logus war immer bey GOtt; Logus und JEsus machen den Christus oder Meßias του Θεου aus. Christus ist also GOtt, ohne die Person zu seyn, die zwar Jehovah heißt, aber niemalen Christus heissen kan. Nun wäre alles klar und deutlich; wer nun den Logus nicht als GOtt und Urheber und Retter der unsichtbaren Welt und der geistlichen Kentnissen, annemen wil; wer an diesem Stück des Evangelii Johannis gar zweifelt, (obgleich sogar der Kaiser Julian zu seiner Zeit noch keinen Zweifel an der Aechtheit dieses Stücks kante, und es der einfältigen Denkungsart, des ἠλιθιος Johannes geradehin zuschreibet): der muß nun dis sagen, daß er dieses bezweifle und nicht glaube; aber in der wissentlichen Zweideutigkeit des Worts Jehovah, das Ein einzig Subject hier bedeutet, kan er keinen Grund finden. Ich will ganz gerne zugeben, daß Jehovah im hebräischen ein einzigs Subject, oder Person, anzeige; weil die den katholischen Christen geläufige Auslegung mancher Stellen, von dem Meßias oder En|b91|gel des Angesichtes GOttes, zunächst auf dem Einflusse der Beschreibungen des neuen Testaments beruhet. Wie diese Beschreibungen wieder eine besondre Auslegung mancher Stellen des alten Testaments zum Grund haben, welche Auslegung ebenfals local und nicht allen Juden gleich gemein gewesen. Aber, wenn nun auch Christus , als GOtt und Urheber der geistlichen Welt, jetzt erst diesen besondern Zeitgenossen bekant worden, wogegen Jehovah, den die Juden bisher in der sichtbaren Welt über sich regieren liessen, die eher bekante Person nun hies: hatte diese neue Kentnis eines göttlichen Subjects keinen eben so gewissenhaften Grund für diese Liebhaber der geistlichen unsichtbaren Welt? Sie haben also den Namen Jehovah, oder ὁ Θεος των ὁλων, von nun an unterschieden von dem Logos, oder Eingebornen, und von Christus ; aber dieser Unterschied betraf ja nicht das, was das allerhöchste Wesen an sich ausmacht, und von endlichen Dingen, die ausser einander sind, durch Vervielfältigung ihrer Natur, unterscheidet; hie ist Θεος und ὁ Θεος einerley; sondern einen anders bestimten τροπον ὑπαρξεως des Einen höchsten Wesens, dessen weitere Entwickelung entweder, der Unbegreiflichkeit wegen, gar nicht versucht wurde; oder von Lesern des neuen Testaments eben aus den Beschreibungen, mein Vater, der Vater, der Eingeborne, der einzige höchste Sohn, der Erstgeborne, durch den alles geschaffen ist – nach ihrem gutem Gewissen zusammen gesetzt worden, welche in dieser unsichtbaren Welt sich auch einen Zusammenhang GOttes dachten, wozu sie allerley Schriftstellen erbaulich anwendeten. Ist hier etwas geradehin unvernünftiges und tadelnswürdiges? Es ist der freie Gebrauch des Gewissens gegen den Inhalt daseiender Schriftstellen oder mündlicher Belehrungen: welcher Gebrauch des Gewissens jederzeit die eigene Religion bestimt und ausmacht.
|b92| Daß sich Christus Johan. 10. deutlich und ehrlich (welch eine Beschreibung! ehrlich genug?) genug erklärt habe: ist ja ebenfals nichts weiter, als des Hrn.Verfassers eigene Meinung, wodurch eine richtigere und volständige Auslegung nicht aufgehoben werden kann. Der Zusammenhang der Rede ist ein Vortrag Christi von dem geistlichen Verhältnis des Meßias; v. 24. fragten die Juden, bist du denn der Christus? sage es uns doch gerade heraus. Jesus antwortet also: schon lange habe ich euch durch meine Lehre und Handlungen zu überzeugen gesucht, daß eure Begriffe vom Meßias gar nicht mit den Absichten GOttes einstimmen; aber ihr wolt keinen solchen Messias; ihr gehört nicht zu der Heerde, die GOtt dem Messias angewiesen hat; meine Schaafe folgen mir, wie ich sie füre und lehre; freilich füre ich nicht in ein leibliches Reich auf Erden: sondern ich füre sie alle zum ewigen Leben; da ist kein Untergang der Heiden zu erwarten; aller Widerstand, den ihr mir entgegen setzt, ist vergeblich. Die Verordnung GOttes kann niemand umstossen; ihr werdet doch glauben, daß ihr GOtt nicht überwinden könt. Ich, der ich dieses lehre und immermehr bewerkstellige, was GOtt haben und durch den Meßias ausrichten wil; und mein Vater, der nur einen solchen Meßias verordnet hat, sind Eins; wer sich mir widersetzet, der widersetzet sich GOtte. Da wolten die Juden ihn steinigen; du bist doch ein Mensch und wir sollen dich eben so ehren als GOtt; das ist eine Lästerung – Jesus antwortet nun: euer Eifer ist sehr ungegründet und ist sogar euren heiligen Schriften entgegen. Nicht wahr, der Name Elohim wird dort ohne allen Anstos solchen Menschen beigelegt, die im Namen GOttes diese und jene Aussprüche bekant machten; weil sie hiemit an dem Ansehen und der Hoheit GOttes Theil namen? Nun schließt vom Kleinen aufs Große! Kent ihr die alten Grundsätze nicht mehr, wonach man den Meßias also beschreibet, daß GOtt ihn über alles außer ihm gesetzt habe; daß dis der |b93| Sohn GOttes ist, der immer bey dem Vater in der unsichtbaren Welt ist; wenn nun GOtt diesen Sohn in die Welt gesendet hat, wie er mich wirklich gesendet hat: ist das eine Lästerung, wenn ich sage, der Sohn und sein Vater sind Eins? beurtheilet, was ich zeither unter euch vorneme, ob es große GOtt würdige Anstalten sind? wenn sie es nach euren guten Gewissen nicht sind, alsdenn habet ihr ein Recht, mir nicht zu glauben etc.
Nun wollen wir diese Rede Christi näher untersuchen. Der Satz, den er den Juden vorhält, ist als Obersatz von ihnen eingestanden; es gibt einen Sohn, der bey GOtt ist, der von GOtt selbst von jeher über alle endliche Dinge gesetzt ist, (ἡγιασε) und der in die Welt kommen sol, um das wahre Verhältnis des Meßias auszurichten oder zu bewerkstelligen. Ja, sagen die Juden, das wissen wir. Der Untersatz aber, dieser Jesus ist in irgend einer Bestimmung dieser Meßias und Sohn GOttes, wird von ihnen geleugnet, weil sie die algemeine geistliche Bestimmung des Meßias nicht kanten und glaubeten. Vorausgesetzt also, das bisherige unsichtbare Daseyn dieser Person bey GOtt, ehe sie in die sichtbare Welt gesendet, oder unter den Menschen nun weiter bekant wird: wie unbillig und unehrlich müsten wir handeln, wenn wir nicht aus eben diesem Evangelio Johannis und aus andern Stellen, die von dieser so charakteristischen Person reden, uns alle nur mögliche Belehrung aus allerley Zeiten und Schriften der Apostel samlen wolten? Es ist ja vielmehr klar, daß Jesus für diese Zuhörer jetzt ein mehrers nicht anbringen konte; deswegen aber blieben ja alle jene ausfürlichen Begriffe, welche andre von diesem Meßias sich gesamlet hatten, wirklich stehen, wenn gleich Jesus diesen Juden nicht alle einzele Stücke hier jetzt vortragen konte. Er wil ja offenbar diese Zuhörer nur auf die erste Stufe des eigenen gewissenhaften Nachdenkens bringen, und den allerersten Anstos ihnen benemen. Dis |b94| ist aber folglich nicht die allerdeutlichste Stelle, wonach man alle andern wieder einschränken und ihren Inhalt kleiner machen dürfte. Wer wolte so unbillig und unrecht handeln? Die Juden setzen hier voraus, Jesus ist ein gemeiner Mensch; Jesus sagt, ich bin jener Meßias, jener Sohn GOttes, dem sein Vater das allergrößte unendliche moralische Verhältnis beigelegt hat; der sonst bey dem Vater, und auf Erden noch nie beschäftiget war; den er nun zu euch gesendet hat. Hat dieser nicht das Recht, dis sein großes unendliches Verhältnis gegen GOtt euch bekant zu machen, und es sich bey euch beizulegen? Hier wil nun der Hr.Verfasser sagen, Jesus wolle deutlich und ehrlich nur so viel anzeigen, ich kan mir über diese Benennung keinen Vorwurf machen. Es ist ja die Rede nicht davon, ob sich Jesus einen Vorwurf machen könne, oder nicht könne: sondern ob die Juden nicht einräumen müssen, daß der Meßias vielmehr seie, in einem viel größern Verhältnis gegen alle Menschen stehe, als je ein gewesener Prophet oder ehemaliger Oberster ihres einzelen Volks? Wenn nun dis keine Gotteslästerung war, daß die Schrift schon ehedem solche Menschen Elohim nent: wie können Juden einen Grund haben, denjenigen einer Gotteslästerung zu beschuldigen, der sich als den Meßias angibt; von welchem Meßias sie alle gestehen, daß GOtt ihm eben das algemeine Verhältnis beigelegt habe, wonach ihm Menschen, wenn er in die Welt komt, eben die Ehre beilegen sollen, und eben so glauben, als GOtt, sein Vater, ihm schon beigelegt hat. Alles ist hier Historie; ist vorausliegende Vorstellung denkender Juden von dem Meßias; aber noch immer unbestimte jüdische Vorstellung. Eben der Johannes setzt nun die christliche neue Bestimmung dazu; Logus ist GOtt, oder ein Subiect, das zu GOtt, und nicht zu Geschöpfen gehört; er war immer bey GOtt; der Eingeborne, der gleichsam im ewigen Schooße des Vaters ist; und nun alle Beschreibungen aus dem Briefe an die Hebräer und |b95| andern Briefen Pauli . Die müssen zu unserm christlichen Unterricht notwendig jener localen Rede Jesu vorgezogen werden, der mit Juden zu thun hatte, welche von der Kentnis der ewigen geistlichen Welt noch weit entfernt waren. Nimmermehr aber fält es einem Christen ein, den einigen GOtt, in Ansehung des wesentlichen Verhältnisses dem GOtt Logos, oder dem Eingebornen, der immer bey GOtt ist, der unendlichen Natur nach, zu opponiren; das Gewissen des Christen behält es frey, dis dem Begrif der Unendlichkeit anzurechnen, daß er weiter davon nichts verstehen kann; dis überhebt ihn aber der Pflicht nicht, den Urkunden der christlichen Religion aufrichtig selbst nachzudenken, und an den Vater und Sohn des Vaters gleichgut zu glauben. Wir überlassen also dem Hrn.Verfasser, es mag ihm dis oder jenes scheinen; wir glauben, daß Eingeborner, Erstgeborner vor aller Creatur, einer der im Schooße des Vaters ist, zu GOtt und zur Ewigkeit gehöre; wenn wir gleich es nicht, der bestimten Art und Weise nach, verstehen und erklären können; wie es uns mit andern wesentlichen praedicatis des allerhöchsten Wesens gehet, die wir doch gewis glauben, wenn wir sie gleich nicht ihrer innern Beschaffenheit nach erklären können, weil wir endliche eingeschränkte Menschen sind, die das Unendliche nicht aus ihren Gesichtskreise berechnen dürfen. Oder ist das höchste Wesen sonst nichts, als was ich durch meine Gedanken erst bestimme und festsetze?

6.

Daß für Christen der Glaube an Jesum Christum die unausbleibliche Bedingung der Seeligkeit sey, ist unleugbar. Allein daß sich diese Verbindlichkeit auch auf die Nichtchristen erstrecke, halte ich für unvernünftig, unmenschlich und schriftwidrig. Und daß dieser Glaube in einer Ergreifung und Zueignung des Verdienstes Christi bestehe, halte ich für eben so falsch. |b96| Wenigstens steht im neuen Testament so wenig von diesem Begrif des Glaubens, daß es mir ein Räthsel ist, wie die Lehrer der Kirche je haben drauf fallen können. Der Glaube an Christum ist Annehmung und Befolgung der Lehre Jesu , und festes Vertrauen auf seine mit seinem Tode besiegelten Verheißungen einer künftigen Seeligkeit der Tugendhaften.
1) Stehet denn etwa in den symbolischen Büchern der drey Parteien dergleichen Behauptung? daß auch diejenigen, so nichts von der christlichen Religion gehört haben, gar nichts davon wissen, dennoch danach, nach den Grundsätzen der Christen, von GOtt gerichten werden? Wissen wir etwa nicht, was Paulus Röm. 2, 12. schon gelehret hat, von denen, die ἀνομως, ohne ein geschrieben jüdisches Gesetz leben? Jederman, der zu Gelehrten gehört, weis es, seit dem alten Urheber der Bücher de vocatione gentium – warum wird also hier diese ganz zufällige Anzeige eingerückt? 2) Daß der Glaube an Jesum Christum in einer Zueignung des Verdienstes Christi bestehe: hält der Hr.Verfasser für falsch; glaubt auch, daß davon nichts im neuen Testament stehe; sagt also, es seie ihm ein Räthsel, wie die Lehrer der Kirche je haben drauf fallen können. Ist denn nun dis was großes und wichtiges? Dem Hrn.Verfasser kann gar vieles als ein Räthsel vorkommen, und dieses, sein Denken, hat doch weiter gar keine Wichtigkeit. Uns mus es sonderbar vorkommen, daß er solche unerhebliche Anzeigen drucken läßt; und so alte socinianische Anmerkungen als wichtige Verbesserungen des öffentlichen Lehrbegrifs, öffentlich empfielet. Ueber Worte sol doch wol nicht jetzt ein Krieg entstehen? Wohlthaten oder Gnade Christi ; das ist, was wir ihm von geistlichen Vortheilen zu danken haben: und Verdienst Christi , ist in der ganzen christlichen Welt einerley. Christus meruit nobis, und Christus peperit, procurauit, consecutus est suis studiis hominum bono, |b97| ist einerley, in der lateinischen christlichen Welt; und diesem Hrn.Verfasser ist es ein Räthsel, wie die Christen sich diese Wohlthaten Christi , dieses meritum Christi , id, quod meruit Christus, zueignen wollen? Es ist ihm ein Räthsel! Christus ist Urheber und Mitler eines neuen bessern Bundes, hat einen neuen lebendigen Weg geöfnet, hat eine ewige Erlösung von der Sünde geschaft; durch Christum Jesum ist eine solche Erlösung geschaft worden, worin sich lauter Gnade GOttes thätig offenbaret, –; und wir sollen keinen Grund haben, zu sagen, wir eignen uns durch den Glauben durch lebendige Vorstellung und Genemhaltung zu, alle diese Wohlthaten Christi ? Wil denn der Hr.Verfasser Oberherr über unsern Verstand, über unsre Urtheile, und die darin gegründeten wörtlichen Aeußerungen und Beschreibungen seyn? Und wie beschreibet er denn den Glauben an Christum ? Er sagt: der Glaube an Christum ist Annemung und Befolgung der Lehre JEsu , und festes Vertrauen auf seine mit seinem Tode besiegelte Verheissung einer künftigen Seligkeit der Tugendhaften.“ Folglich, weil er nur also den Glauben an Christum beschreibet, so haben alle bisherige Christen unrecht, da sie sagten, der Glaube an Christum bestehet in Ergreifung und Zueignung seines Verdienstes oder seiner Wohlthaten. Ich gestehe es wieder, daß es mich verdrießt, auf solche Kleinigkeiten und Mikrologien etwas zu antworten. 1) Die Verheissungen Christi sind also doch auch ein Gegenstand des Glaubens an Christum , und zwar der erste Gegenstand, wider die falschen Einbildungen der Juden und Heiden, in Absicht ihrer äusserlichen gottesdienstlichen Beschäftigungen; die ersten Verheissungen Christi betreffen unsere jetzige Seligkeit, die wir sonst nicht kennen und nicht finden; enthalten eine neue volkommenere Art, GOtt wohlzugefallen, mit Vergebung unserer Sünden. Wer nun diese verheissenen Sachen ergreift, der glaubet selbst an Christum ; wer diese Verheissungen als Wohlthaten, die Chri|b98|stus geschaft und versichert hat, mit eigenem Wunsche annimt: der ergreifet dasjenige, was ihm ohne Christo felete, und ihm doch unentberlich ist zu seiner jetzigen geistlichen Wohlfart und Seligkeit. Wenn nun der Glaube bestehet in Annemung und Vertrauen auf die Verheissungen Christi : und unsre christlichen Vorfaren haben vor mehr als 1000 Jahren gesagt, ich ergreife diese Wohlthaten und dieses Verdienst Christi : warum sol denn von andächtigen Christen in unserer Zeit nicht mehr also geredet werden? Dis wäre ja ein unerhörter Zwang und eine Tiranney über die Gewissen und Gedanken der Christen? 2) Christus lehret nicht blos, was wir in unserm Leben thun und beobachten sollen, als Pflichten gegen andre Menschen; sondern er lehret auch von sich selbst, wofür wir ihn halten und annemen sollen, wozu GOtt den Christus gemacht und bestimt hat; hier hat der Glaube des Christen freies offenes Feld, und läßt es sich von niemand, geschweige von dem Hrn.Verfasser, verengern; Christus ist meine rechte Versönung, meine Gerechtigkeit, die muß GOtte wohl gefallen; denn er hat Christum für mich gemacht zur Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung, daß ich gerecht, weise und erlöset würde, Christus ist mein allerbester Hoherpriester; ist mir alles, was ich zu geistlicher Wohlfart brauche. Dis lehret ja Christus auch von sich; ich bin der Weg, die Volkommenheit, das Leben etc. wenn also der Glaube bestehet in der Anname und Befolgung der Lehre Christi ; und Christus uns lehret, was er ist, wozu er uns von GOtt bestimt seie: so ist es ja ein armseliger Wortstreit, ob man reden und sagen darf, mein Glaube ergreift Christi Verdienst, oder alle seine geistlichen Praedicata und Wohlthaten; und ich befolge freilich auch herzlich gerne, Christi Vorschriften, wonach er lehret, was ich nun seyn und werden sol. Es ist hier also kein Räthsel; sondern wir sehen, der Zustand des Gemüts, das eine starke lebendige Vorstellung hat von seinen geistlichen Mängeln und |b99| von dem grossen moralischen Elend, treibt den unruhigen Menschen am ersten zur geistlichen, volkommenen Ruhe und Zufriedenheit, die ihm GOtt durch Christum , der dis auch gelehret und verheissen hat, so reichlich, so unendlich groß geschaft hat; nun lebt der Mensch auch Christo , und ziehet Christum an, um ihm dankbar zu seyn. Da lebt nicht der vorige Mensch, sondern Christus lebt in ihm; er ist und wird immer mehr ein neuer Mensch; diese gleichzeitigen Früchte des Glaubens erfordern wir auch in allen Lehrbüchern. Und also ist es die alte Leier; ob die socinianische Beschreibung besser seie. Wer nun diese als besser vorziehet, muß deswegen nicht sich anmassen, andre christliche Lehrbücher, die in der Geselschaft ein öffentliches Ansehen haben, öffentlich so zu beschreiben, daß sie eine Quelle des Unglaubens seien etc. 3) Eben so ist es unnütze Wortstreitigkeit, und unbillige Anmassung, wenn jemand seine eigene, individuelle Vorstellung, (die Verheissungen Christi sind mit seinem Tode besiegelt worden,) durchaus allen Christen aufdringen wil, als die einzig wahren oder am meisten erbaulichen. Wo sol das Recht herkommen, uns zu tadeln, daß wir sagen: der Tod Christi ist eine fruchtbare Begebenheit, welche in einem grossen reellen Zusammenhange von neuen Folgen und Früchten stehet, die sich als Wirkungen gegen eine Ursache verhalten; wir kennen die Wirkungen und ihre Ursache. Warum sol ich durchaus uneigentlich und tropice reden, besiegelte Verheissungen? Der wirkliche moralische Erfolg für unsre Einsicht und Ueberzeugung, hängt ja zusammen mit dem Tode Christi ; nicht wie caussa physica einen effectum physicum überal hat, es mag Menschen geben oder nicht, die ihn bemerken; sondern wie caussa moralis wirken kan. Die Einsicht der Wahrheit der Lehren und Versicherungen Christi , von geistlicher Verehrung und Geniessung GOttes, ist durch das Leben und durch den Tod Christi , für unser Gemüt, möglich gemacht, wirklich befördert, geschaft |b100| worden. Der Tod Christi , in dem Zusammenhange mit der Absicht GOttes, giebt Sätze und Begriffe her, die sonst gar nicht statt finden, ohne einen gläubigen wahren Christen; der muß auch dabey seyn, wie Luther sagte. Ist es nun der Mühe werth, hierüber ein Bekentnis abzufassen, worin zur Noth die individuelle enge Lage der Denkungsart des Hrn.Verfassers sich entdeckt? Hat er damit unsern, den so alten, so erbaulichen Lehrbegrif, umgestossen? konte er ihn umstossen? Kan er, oder irgend ein vernünftiger Socinianer, es sich nur einfallen lassen, dis thun zu wollen?

7.

Daß GOtt alle Tugendhafte in einem andern Leben höchstseelig machen werde, glaube ich; daß er aber eben so geneigt sey, die Bösen in alle Ewigkeit zu martern und dem Teufel zu übergeben, glaube ich nicht. Denn er selbst sagt: ich bin ein eifriger GOtt, der über die, so mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied, aber denen so mich lieben und meine Gebote halten, denen thue ich wohl bis ins tausende Glied. Daraus schließe ich gegen die, welche GOtt gern eben so strafgierig als gütig machen möchten: wie sich verhält 4 gegen 1000, so verhält sich GOttes Neigung zu strafen, gegen seine Neigung zu belohnen.
Hierin ist 1) nicht gut oder bedächtig ausgedruckt, daß GOtt eben so geneigt seie, die Bösen in alle Ewigkeit zu martern, so auch nachher, GOtt strafgierig machen. Kein verständiger Christ redet so, daß GOtt geneigt oder gierig seie, die bösen Menschen zu martern. Seit mehr als tausend Jahren ist die Frage von duplici praedestinatione, ad vitam, ad mortem, eben in dieser Absicht untersucht worden, daß nach der Ungleichheit des obiecti in GOtt die praedestinatio nicht einerley seie; da|b101|her so viel Unterscheidungen aufgebracht worden, die Wirkung des Willens oder der Neigung GOttes hier kleiner und anders zu beschreiben, als wenn die Rede ist von unmittelbarer Beförderung alles Guten. Es ist auch bekant genug, daß bey dieser langen Streitigkeit, von ewigen Strafen, der Grund dazu nicht in einer Neigung GOttes eigentlich gesucht worden, sondern in dem nun notwendigen unveränderlichen Zustande und wachsender Fertigkeit des bösen Menschen. 2) Was die angebrachte Stelle aus 2 Mos. 20, 5. betrift, ich bin ein eifriger GOtt etc. so wird es jedem denkenden Leser auffallen, daß der Hr.Verfasser diese Stelle in diese Aufgabe und Frage gebracht hat; die sich auf gar keine Weise hierzu schickt. 1) Wird hier von unglückseligen Folgen in diesem Leben geredet, wo böse Menschen auch noch die Folgen von dieser Sünde, die ihre Väter begangen hatten, erfaren sollen; nemlich wegen der vorsetzlichsten Sünde der Abgötterey, wovon hier allein die Rede ist; nicht aber von Strafen, die nach dem Tode einem jeden um seiner eigenen vielerley Sünden willen zukommen; welche Sünden eine viel größere Beschaffenheit haben, und den Menschen innerlich mehr zerrütten, als die äußerliche hier verbotene Abgötterey. 2) Wenn in GOtt die unendliche Abneigung vom Bösen eben so gros ist, als die unendliche Neigung zum Guten: wie kan man eine so arme Rechnung machen, in GOtt verhält sich die Neigung das Böse zu strafen und zu hindern, gegen die Neigung zu belohnen, wie 4 zu 1000? Diese Beschreibung ist recht treffend für dieses Volk, das an dem Wohlergehen seiner Kinder besonders seine eigene Glückseligkeit berechnete. Eltern können schwerlich länger Zuschauer des Glücks und Unglücks ihrer Nachkommen seyn, als bis auf Enkel und Urenkel, oder ins dritte und vierte Glied. Es wird also den Vätern, die Abgötterey erwälen würden, gedrohet, daß sie zu desto größerer Empfindung das Unglück ihrer Kinder und Nachkommen erleben sollen, hingegen fromme Israe|b102|liten sollen sicher seyn, daß ihre Frömmigkeit in unzäligen Nachkommen hier noch belonet werden solle. Diese so ausdrücklich angepassete Beschreibung, die auf diese Leser und ihren kleinen moralischen Gesichtskreis rechnet, welche vornemlich durch äußerliche Dinge gerürt wurden: solte für geistvolle Christen ein Maasstab seyn, wonach sie GOttes Neigung zum Guten, in Absicht der geistlichen Belonung; und Abneigung vom Bösen, in Absicht der geistlichen Strafen, nach diesem Leben, berechnen dürften? Wer so schliessen kan, muß sehr bereit seyn, das überal zu finden, was er sucht. 3) Ich wil den ganzen Schluß sogar umkehren, wenn man ja so rechnen sol; und zwar, wie Calvinus schon also geschlossen hat. (Institut. lib. 2. c. 8.) Wenn GOtt die Sünden der Väter straft bis ins dritte und vierte Glied; so wird die Strafe der Verdamten, noch viel grösser seyn, als sie um ihrer eigenen Sünde willen seyn müste. Wenn also der Hr.Verfasser nichts gründlicheres weis, so wird diese Rechnung nichts helfen. Uebrigens muß ein öffentlicher Lehrer auch hier dasjenige öffentlich lehren und vortragen, was die Lehrvorschrift enthält; seine privat Gedanken gehören nicht her. Die Lehrart aber darf und sol man so gut einrichten, als es unserer Zeit gemäs ist; wie schon Origenes wider den Celsus die Fähigkeit des gemeinen Haufens unterschieden hat, den die Bilder von Feuer und Schwefel am ersten rüren. Der bessere reichere Unterricht muß nicht wegfallen, so bald er Eingang finden kann.

8.

Daß es Engel und Teufel giebt, mag wahr seyn: daß sie aber das sind, wofür das Kirchensystem sie ausgiebt – daß sie leiblich die Menschen besitzen, daß sie sich als Gespenster zeigen, daß sie in die Seelen der Menschen wirken, und böse Gedanken und Vorsätze hervorbringen können, dazu habe ich nie einen hinreichenden Grund gefunden es zu glauben.
|b103| 1) Kirchensystem? welches Buch meint der Hr.Verfasser damit? Weder in der augspurgischen Confession, noch sonst in irgend einem symbolischen oder feierlichen Lehrbuche, stehen diese Dinge als algemeine Lehrsätze und Theile der christlichen Religion. Daß sie leiblich Menschen besitzen – wer lehret dieses wol als eine Glaubenslehre der Christen? Wie algemein bekant ist es, daß so gar kaiserl.Majestät die Gaßnerischen Auftritte geradehin untersagt, und glücklich geendigt haben! Wer kent nicht die vortreflichen Ausschreiben der würdigsten Erzbischöfe von Salzburg und Prag? an die freien Urtheile vieler Gelerten in Baiern etc. nicht zu denken. Nirgend, in der ganzen christlichen so weiten Welt, hat man diese Gedanken, von leiblichen Besitzungen, von Gespenstern – als Glaubenstheile, als christliche algemeine Lehrsätze angeboten und behauptet; Meinungen sind es häufig gewesen; aber die Rede solte ja seyn, von Glaubenslehren und von Lehrsätzen der 3 Parteien. Eben so wenig hat man es zu christlichen Lehrsätzen gerechnet, daß böse Geister (mittelbar oder unmittelbar) in die Seelen der Menschen wirken und böse Gedanken und Vorsätze hervorbringen können. Schon von den Scholastikern an, noch vor dem Cartesius , ist es als eine Aufgabe angesehen worden, die nur in sofern unter theologische Fragen gerechnet wurde, als manche Schriftstellen und ihre Auslegung mit eingemischet wurden. Dieses ganze 8te Stück also gehört gar nicht her; der Hr.Verfasser hat es nicht wohl überlegt, wie der ganze Aufsatz diesen sichtbaren Mangel hat.

9.

Daß die göttlichen Schriften neuen Testaments göttliche Belehrungen der Menschen zur Glückseligkeit enthalten, denen wir alles Vertrauen und allen Gehorsam schuldig sind, davon bin ich gewis; daß aber GOtt alle in diesen Schriften enthaltene Worte einge|b104|geben habe, davon habe ich noch nie einen befriedigenden Beweiß gelesen.
Dis ist wirklich eben so beschaffen; daß alle Worte in der Schrift von GOtt eingegeben seien: ist niemalen ein Theil des christlichen Glaubens gewesen; von den Vätern an, von den Scholastikern her, von der so bekanten öffentlichen Streitigkeit an, so die jesuitischen Lehrer zu Löwen, Douai – mit den Dominicanern geraume Zeit gefüret haben; in unserer Kirche ist es vollend seit Calixti Zeit so ausgemacht: daß diejenigen Zeitgenossen, welche Num. 8. und 9. mit unter die Beweise setzen wollen, warum sie die christliche Religion nicht selbst annemen oder behalten wollen, sehr unwissende, einfältige, leichtsinnige Leute seyn müssen. Der Lehrinhalt der heiligen Schrift, die Wahrheiten, haben ihren Ursprung von GOtt, und seiner jetzigen Mittheilung; aber ob die Worte auch eingegeben sind, ist eine Aufgabe; kein Glaubensartikel – Daß übrigens auch in der Samlung der Bücher des alten Testaments ebenfals göttliche Belehrungen der Menschen enthalten sind, zur geistlichen Glückseligkeit: denen wir alles Vertrauen und allen Gehorsam (aus mitfolgender Ueberzeugung unsers Gewissens, aus Erfarung) schuldig sind: gehörte auch noch her; ob gleich der Hr.Verfasser nichts davon hergeschrieben hat.

10.

Daß alle Christen die Religionslehren der Schrift, welche ohne Kunstauslegung darinnen zu finden sind, zu glauben und zu befolgen verbunden sind, ist gewiß, daß aber der Kirche, (darunter ich mir doch eigentlich nichts als den großen Haufen {plurima vota} der Geistlichkeit denke, die, wie schon oben gesagt worden, zu keiner Zeit das Vorurtheil der tiefen Einsicht, Gelehrsamkeit und unpartheyischen Prüfungsgabe, gehabt hat) das Recht zustehe, mir, aus den Sätzen der Schrift künstlich gefolgerte Lehren und Begriffe aufzu|b105|dringen, das glaube ich nicht. Wenigstens wäre dieß ganz wider die Grundsätze des Protestantismus, welcher im deutschen Reich mit dem Catholicismus gleiche Herrschaft und Rechte behauptet. Denn nach diesen Grundsätzen bin ich in Absicht auf meinen Glauben an keines Menschen Ansehn gebunden, sondern habe das Recht, alles zu prüfen, und nur das zu behalten, wovon ich mich aus GOttes Wort überzeugt fühle. Und dieses Recht erstreckt sich bey protestantischen Lehrern noch weiter als bey gemeinen Protestanten. Denn als ein solcher bin ich ein Theil der repräsentirenden Kirche, und bin daher nicht nur verpflichtet, die Lehrsätze meiner Kirche zu prüfen, sondern auch das Resultat meiner Prüfung, wenn es von Wichtigkeit ist, meinen Glaubensbrüdern vorzulegen, wie ich bisher in einigen meiner Schriften gethan habe, auch fernerhin thun werde, und in diesem meinem öffentlichen Bekenntniß jetzt zum ersten male vor dem allerhöchsten Richterstuhle thun zu können, gewürdiget werde.
Wenn der Hr.Verfasser nicht parteiisch, oder nicht eilfertig und nachläßig zu handeln sich vorgesetzt hätte: so hätte dieses Stück auch ganz und gar wegbleiben müssen. Aber auf diese Bedingung und Voraussetzung, hätte das ganze, obgleich sehr kleine, Glaubensbekentnis, gar nicht zum Vorschein kommen dürfen. Um nur auf dieses 10te Stück etwas zu antworten, so ist 1) in allen unsern compendiis und systematibus, ohnerachtet sie lauter Wust enthalten sollen, seit Gerhards Zeiten die vortrefliche wahre Anleitung befindlich: der Lehrer solle elementaria unterscheiden, und in der heiligen Schrift heraussuchen, zur öffentlichen Lehre; denn die seien einem jeden Leser und Zuhörer leicht, faslich und unmittelbar erbaulich. Es ist auch unsern Kindern bekant, die auch einen Auszug von Sprüchen und Lehrsätzen lernen. Und in der so langen Streitigkeit, über den Gebrauch der Schrift |b106| für alle Leser, über ihre Deutlichkeit oder Dunkelheit: ist dieses unzälige mal auseinander gesetzt und bestätiget worden. Man hat daher auch schon zur Zeit Lutheri , vielerley Summarien oder Auszüge drucken lassen, wie besonders Veit Dietrich : um jene andern Theile der Schrift, die zur Abfassung in der damaligen Zeit, zum locali gehören, abzusondern von dem algemeinen nützlichen Inhalt, wie schon Paulus , 2 Tim. 3, 16. diese vortrefliche Unterscheidung anempfolen hatte. In allen Jahrhunderten, seit dem 2ten und 3ten, gibt es solche Eclogas, Synopses, Capitula, (des Prätextatus, über Pauli Briefe,) speculum in Augustini Werken etc. und so gar in der römischkatholischen Kirche hat kein gelerter Mann ferner Theil genommen, an den Uebereilungen des Gretser und Tanner auf dem colloquio zu Regenspurg, welche auch den Satz, das Hündlein wedelte mit dem Schwanze, weil es ein Theil der Schrift seie, zu Glaubensartikeln gerechnet hatten. Calixti Lehrart unter uns hierüber, ist auch bekant genug.
2) Sagt der Hr.Verfasser weiter: daß aber der Kirche, (darunter ich mir doch eigentlich etc.) Hier wünschte ich, daß diese hitzige Beurtheilung, die schon einmal da gewesen ist, nicht wäre wiederholet worden. Geradehin ist sie nicht wahr. Man müste unwissend oder vorsetzlich parteiisch seyn, wenn man die Kirche blos und geradehin so beschreibet, sie ist der große Haufen der Geistlichkeit, hat zu keiner Zeit das Vorurtheil der Einsicht etc. gehabt. Es hat in vorigen Zeiten und Jahrhunderten, wenigstens schon vom 3ten an, Bischöfe und Presbyteros gegeben, von Einsicht, Gelersamkeit und innigster Rechtschaffenheit; wenn gleich der größere Haufe diese praedicata nicht haben konte. Insbesondre aber kann dem Hrn.Verfasser nicht unbekant seyn, daß die Protestanten unter dem Namen Kirche, keinesweges den großen Haufen der Geistlichkeit verstehen; er konte dis an dem |b107| Beispiel der Fürsten und Obrigkeiten wissen, welche die augspurgische Confession, als den Lehrinhalt der Kirchen ihres Landes aufgestellet, und in den schmalkaldischen Artikeln, sich von jener gemeinen Art der Concilien und Macht der Kirche, so öffentlich schon losgesagt haben. Wie nun in dieser Zeit diese protestantischen Fürsten und Herren das ius circa sacra publica auf eine ganz andere Art, und in ganz anderer Absicht stets selbst ausgeübet und behauptet haben, als es sonst in den Händen des Pabsts und der Bischöfe war, zum steten Nachtheil der landesherrlichen Hoheit; wie unsre Vorfaren eben den Grundsätzen der landesherrlichen Macht, welche das Beste ihrer Unterthanen schaft, auch was äußerliche Religion, und daher möglichen Schaden und Unruhe betrift, gefolget sind, als der Kaiser, der König von Frankreich etc. befolgeten, da sie zu Costnitz und Basel, und nachher durch concordata etc. die Anmassungen der Päbste einschränkten, wie alle Kaiser und Fürsten schon in jenen Zeiten thaten, da Päbste über Investituren so viel Unruhe erregten: so wäre es warlich eine sehr ungerechte Beurtheilung, wenn der Hr.Verfasser die iura unserer Obrigkeiten und Stände, in Absicht der öffentlichen Religion, damit leugnen wolte: daß er sagt, die Kirche hat kein Recht, mir – Lehren und Begriffe aufzudringen. Eben dieselbe Kirche, welche einen Superintendenten oder Prediger setzt; eben derselbe Landesherr, der einen professorem theologiae der augspurgischen Confession in Dienste nimt etc. hat ja wohl das Recht, auf der öffentlichen Absicht zu bestehen, wofür das salarium oder die Besoldung ausgezalet wird. Solte dis der Hr.Verfasser leugnen: so wäre es abermal die seltsamste Vermischung der Rechte seines eigenen Gewissens, und der iurium, welche der Fürst oder Staat über alle seine besoldeten Kirchenbedienten hat. Wenn der Hr.Verfasser also die vorhin genanten Lehrsätze der augspurgischen Confession, von Erbsünde, von Genugthuung, Rechtfertigung etc. für solche |b108| Begriffe ansiehet, welche künstlich (aber ohne Grund) aus der heiligen Schrift gefolgert wären: so urtheilet er nach seinem eigenen richtigen oder unrichtigen Gewissen. Aber er irrt sich gewaltig, wenn er nun die Obrigkeit nach seinem Gewissen bestimmen wil, in Regierung und Beschützung der öffentlichen Religion, die ein gemeinschaftliches Gut und Recht lutherischer Unterthanen ausmacht, denen die Obrigkeit allen Schutz zugesichert hat, diesem Glaubensbekäntnis des Hrn.Verfassers von nun an das Uebergewicht zu geben. Dis ist so klar, daß der Hr.Verfasser wol mit der Widerlegung zurück bleiben wird. Er müste aus allen Staaten, wo obrigkeitliche Aufsicht über sacra publica ist, wo so viel tausend Vocationen, allemal mit Befel und Anweisung auf die symbolischen Bücher und augspurgische Confession insbesondre ausgestellet werden, nachdem der Candidat erst hierüber examinirt worden, wo so viel Consistorialverordnungen täglich ausgefertigt werden – sich entfernen; und er müste der Geselschaft eben so ernsthaft vorsagen, daß sie ihm die Besoldung eben so ungerecht aufdringe, als die Vorschrift der öffentlichen Lehre. Und wie ganz ungeschickt und lächerlich wäre diese Klage oder Beschwerde! So viel gründliche Abhandlungen de iure principis circa sacra, solte der Hr.Verfasser mit einer so kahlen Erzälung seiner eigenen Einfälle, oder mit seiner selbst verursachten Lage, so leicht umstoßen! Der Staat und die Landesobrigkeit hält Universitäten; da sollen künftige Lehrer zubereitet werden, und durch den gelerten und gewissenhaften Unterricht selbst sich überzeugen, von der Richtigkeit und Erweislichkeit der Lehrsätze, welche diese öffentliche Religionspartey von andern unterscheiden. Niemand dringt dem studirenden jungen Menschen etwas auf; entweder er studirt gründlich und folgt eigener Einsicht, kan sie auch nun aufrichtig wieder von sich geben; ist untadelhaften Lebens, und wird also zum öffentlichen Lehrer für die und die Gemeine ernent. Oder er studirt wenig; wil |b109| ein Originalkopf seyn, lebt auch als Original, stößt gute Leute an etc. und wird nicht in dieser Geselschaft in Kirchendienste genommen. Nun wil er sich der übrigen lutherischen Kirchengeselschaft aufdringen? Wil ihr zumuten, sie solle ihre Lehrbücher, um seines Schicksals willen, aufheben, und von ihm solche Beschreibungen der christlichen Religion annemen, die ganz gewis, wie er verspricht, Tugend und Moral vielmehr befördern würden. Ist es wol zu erwarten, daß dieser angebotene Tausch sonderlichen Eingang finden wird? Die ganze Sache ist so natürlich in der Lage, als die Bauren im 16ten Jahrhundert ihre 12 Artikel ausgehen ließen; daß es Leser nicht reuen wird, in jene Zeit zurück zu gehen, und Luthers , Melanchthons und andrer Lehrer Antworten jetzt wieder zu lesen; um zu sehen, daß Güter und Gelder der Landesobrigkeit gehören, welche zu öffentlichen Kirchen- und Schuldiensten angewendet werden, in Absicht auf öffentliche Religionsübung und Ausbreitung; der gebilligten Grundsätze; nicht aber, wie Thomas Münzer und Nachbar Andres, Carlstadt , in schwärmerischen Träumen, für gut fanden. Daher auch Kirchenvisitationen vorgenommen wurden, um den Zustand der Lehrer und Zuhörer, in Absicht gemeiner Grundsätze der öffentlichen Religionsübung, in einerley zweckmäßiger Ordnung zu halten. Es ist daher übel angebracht, wenn der Hr.Verfasser weiter sagt: wenigstens wäre dis ganz wider die Grundsätze des Protestantismus, welcher im deutschen Reiche gleiche Herrschaft und Rechte behauptet. Denn nach diesen Grundsätzen bin ich in Absicht auf meinen Glauben an keines Menschen Ansehn gebunden, sondern habe das Recht, alles zu prüfen, und nur das zu behalten, wovon ich mich aus GOttes Wort überzeugt fühle.
Und wozu denn dieses? Der Protestantismus ist doch nicht das Eigentum des Hrn.Verfassers! Die protestantischen Fürsten und Herren waren es, welche diese |b110| Protestation damalen einlegten, wider das jetzt einzufürende wormsische Edikt; sie protestireten als Reichsfürsten, aus landesherrlicher Macht, über die beste Art der öffentlichen Religion, ihren Unterthanen selbst dienliche Vorschriften und Verordnungen zu machen. Eben diese Fürsten setzten Professoren und Pfarrherren ein, mit der Anweisung wider jenes gemeine Pabstum unaufhörlich zu predigen. Notwendig ist ein öffentliches Lehramt abhängig von einem öffentlichen Auftrage; und der öffentliche Auftrag erfordert nun öffentliche Anwendung dieses ertheilten Rechtes; und mehr kann es nicht angewendet werden, als es in der ertheilten Bestellung oder Vocation beschrieben ist. Nun lauten alle Vocationen aller Lehrer und Prediger in den lutherischen Kirchen, auf die augspurgische Confession. Der Lehrer handelte ja also ganz verkehrt und zweckwidrig, der da sagen wolte: ich wil zwar dieses Lehramt haben, aber ich wil die Grundsätze des Protestantismus, die wider den damaligen Pabst gehen, jetzt anwenden wider die augspurgische Confession; ich widerspreche ihr, oder ich unterdrücke sie, in der Lehre von Erbsünde, von Genugthuung, von Gottheit Christi und des heiligen Geistes etc. und wenn man mir dis nicht erlauben wil, so sage ich, ich bin in Ansehung meines Glaubens an keines Menschen Ansehn gebunden – Ich sage dis ist ja verkehrt und zweckwidrig gehandelt. Eben darum haben ja unsre Vorfaren diese Confession oder Apologie, wie sie zuerst hies, öffentlich bekant gemacht: um sich von den täglichen Schwärmereien und Zerrüttungen öffentlich zu unterscheiden, welche die Anhänger des Münzer und der Wiedertäufer überal erregten. Wenn Cajus sol ein Prediger oder Lehrer bey der Universität oder Gemeine in – werden: so ist doch eine Obrigkeit dazu nötig, die das Recht hat einen zu bestellen, und ihm zu seinem Unterhalt eine Besoldung anzubieten. Nun hätte Cajus sehr gern seinen Unterhalt; er nimt also diese Vocation an, und verspricht auch der Geselschaft, |b111| sich nach der eingefürten öffentlichen Lehrvorschrift zu richten. Allein nun behält er für sich eine reseruationem mentalem, welche selbst alle Jansenisten an jenen politischen Jesuiten verabscheueten; und spricht, ich bin ein Protestant; ich bin also an keines Menschen Ansehen in meinem Glauben, (also auch in meinem öffentlichen Amte, an keinen Eid und Versprechen,) gebunden. Ich wil nur das behalten, wovon ich nach GOttes Wort mich selbst, für mein Gewissen, überzeugt füle; also heute dis, morgen jenes. – Giebt es wol einen ehrliebenden Menschen unter uns, der diese Aufführung genemhalten und billigen wil? Cajus kan ja sein Lehramt nicht mehr behalten, als ein ehrlicher teutscher Biederman, geschweige als ein Christ, der ein so zartes Gewissen haben wil. So mus er also seiner Obrigkeit die schuldige Treue beweisen, und es anzeigen; ich kan und wil dis nicht lehren, was ihr mir aufgetragen habt; ich lege mein Amt also wieder in eure Hände nieder; sucht einen andern Lehrer. Aber unser Hr.Verfasser ist viel klüger, als daß er dieses thät, was jeder Biederman in der ganzen Welt thut; er sagt, dieses Recht erstreckt sich bey protestantischen Lehrern noch weiter, als bey gemeinen Protestanten.Was für ein Recht? Seinem Gewissen zu folgen; und es nicht zu verheimlichen, wenn status confessionis da ist. Recht gut. Ist dis aber das Recht eines protestantischen Lehrers? Es ist ja Pflicht eines gewissenhaften Christen. Der Hr.Verfasser irret sich abermal; Lehrer dieser Geselschaft ist er nicht mehr, so bald er die feierliche Norm seiner öffentlichen Lehre hintansetzt; denn er ist nicht weiter Lehrer, als die Geselschaft dieses Recht ihm läßt und es fortsetzt. Sie nimt aber sogleich dieses öffentliche ihm ertheilte Recht und Verhältnis zurück, sobald sie es weis, daß Cajus nicht mehr nach ihrer Lehrform sich richten wil. Und nun ist Cajus ein privat Mann in dieser Geselschaft, er mag noch so gelehrt oder geschickt seyn. Alle gemeinen Protestanten oder privat Leute, haben eben dieses Recht |b112| ihres Gewissens, Lehrsätze nach der heiligen Schrift zu prüfen, und faren zu lassen, wenn sie keinen Grund dazu finden. Cajus ist nun ein privat Mann worden: er hat also nicht das allergeringste Recht voraus, wenn er ein protestantischer Lehrer gewesen ist, und es nicht mehr ist; er ist es aber nicht mehr, per hypothesin. Die Vergleichung des Catholicismus und Protestantismus ist gerade wider den Hrn. Verfasser. Beide beziehen sich auf die öffentliche Religionsübung; diese beruhet auf landesherrlichem Schutz und Behauptung der Grundsätze der öffentlichen Religion; dis ist ganz ausgemacht. Nimmermehr verstattet der Protestantismus dergleichen einzele Anmassungen dieses und jenen Lehrers, daß er selbst die Grundsätze des Protestantismus wider protestantische feierliche Kirchenordnungen anwenden dürfe; so wenig Catholicismus dergleichen Rechte verstattet. Was sol also diese so grosse Confusion, die nur aus einem Fanaticismus sich ein Recht holen und borgen kan? Dis würde die greulichen Revolutionen zurück rufen, aus dem 16ten Jahrhundert; da wolten auch theils schwärmerische, theils listige, theils einfältige Leute, das Reich Christi , die Christusreligion viel besser und algemeiner einfüren; für sich waren sie nicht zufrieden, mit ihrer Gewissensfreiheit; sie wolten öffentliche Anstalten und Vorschriften für alle andre Glieder des bisherigen Staats einfüren. Was hatten sie aber für Recht, sich zu Lehrern aufzudringen? Wer sie hören und leiden wolte, der that es ja ohnehin; warum wolten sie aber mit diesem privat Stand nicht zufrieden seyn? Wenn sie der Churfürst von Sachsen, der Stadtrath zu – nicht bey sich dulten wolte, warum wendeten sie nun Mittel an, sich einen Anhang, und dadurch sich nach und nach gewaltig zu machen?
Ja, sagt der Hr.Verfasser, als ein (gewesener) protestantischer Lehrer, bin ich ein Theil der repräsenti|b113|renden Kirche; und ich bin daher nicht nur verpflichtet, die Lehrsätze meiner Kirche zu prüfen, sondern auch das Resultat meiner Prüfung, wenn es von Wichtigkeit ist, meinen Glaubensbrüdern vorzulegen; wie ich bisher in einigen meiner Schriften gethan habe etc.
Welche neue Vorstellungen hat der Hr.Verfasser hier mitgetheilet! Wer hat ihm denn das ius repraesentandi, und daher eine besondere Obliegenheit aufgetragen und mitgetheilt? Zum Beispiel, wie er in Giessen stund, wer kan es verstehen, ein Superintendens in Giessen, sey hiemit ein Theil der repräsentirenden Kirche! Wohin geht denn der Auftrag von seiner Repräsentation? Es wäre ja gar zu seltsam, wenn ein Superintendens oder Prediger, sich hiemit, daß er zu der besondern lutherischen Kirche in Giessen oder in Heidesheim gehört, ansehen wil, er seie ein Theil der repräsentirenden Kirche. Dis mag in terris infidelium seyn; hier unter uns, bey allen lutherischen Kirchen, sieht ihn niemand für einen Repräsentanten an; denn es felet die besondre feierliche Bestimmung zu einem besondern Endzweck, der mehrern Kirchen gemein wäre, die daher so oder so viel Repräsentanten nach N. N. abschickten. Die Theologi zu Augspurg, Worms, Trident etc. konten sich einen Theil der irenden Kirche nennen; aber ein jeder einzeler Lehrer kan nicht sich selbst dafür halten. Ich wil aber diesen ganz neuen Sprachgebrauch übergehen; und nur anmerken, daß die Repräsentanten im Namen ihrer Geselschaft zu handeln haben, folglich die erhaltene Volmacht zu der und der Sache anwenden müssen. Wer hat aber dem Hrn.Verfasser aus irgend einer lutherischen Kirche eine Volmacht gegeben, als ihr Repräsentant, bey kaiserlicher Majestät solche Anträge und Einfälle anzubringen? In seinen Schriften – wer hatte wol aus irgend einer lutherischen Kirche ihn bevolmächtiget, dis oder jenes, wider die augspurgische Con|b114|feßion, zu lehren und zu schreiben? Dis ist alles ungegründete und übereilte Anmassung. Wenn er fernerhin allerley schreibt: so wil er dafür angesehen seyn, daß er es als ein Theil der repräsentirenden Kirche thue. Welcher Kirche? Er gehört ja zu gar keiner Kirchengeselschaft, die im römischen Reiche öffentliche Rechte und ein ius repraesentandi hat. Und gar wil er als ein Theil der repräsentirenden Kirche dieses Bekentnis an Se. Kaiserliche Majestät geschrieben haben! Ich brauche es nicht zu erinnern, daß nicht einmal das kleinste Dorf im römischen Reiche ihm einen solchen Auftrag gethan habe; geschweige diejenige Kirche, in der er ehedem eine öffentliche Stelle, und zwar wider ihre ganze Intention, wie er es selbst vorhin sagte, eine Zeitlang verwaltet hatte. Nun wollen wir doch auch die Sachen besehen, wozu er als ein Theil der repräsentirenden Kirche, eine Verpflichtung haben wil. 1) Er sey nicht nur als ein Theil der repräsentirenden Kirche verpflichtet, die Lehrsätze seiner Kirche zu prüfen; sondern auch etc. In der That hatte die Kirche, die ihm einen öffentlichen Dienst aufgetragen, die völlige Meinung, er habe diese Lehrsätze, die er nun zu lehren auf sich nahm, lange schon gekant und geprüfet; keinesweges solte er sie nun zu lehren auf sich nemen und erst nachher prüfen. 2) Ist er gar verpflichtet, das Resultat seiner Prüfung seinen Glaubensbrüdern mitzutheilen: so weit dis wahr ist, so ist es eine innere Obliegenheit und Stimme seines eigenen Gewissens. Wenn diese nun in Collision komt mit den äusserlichen Pflichten, die er zu leisten übernommen hatte: so muste er es anzeigen, bey seinen Obern; und da er keine besondern Obern mehr hat, also auch kein Lehramt: so fält diese angebliche Verpflichtung, wie gesagt, nicht auf ihn als Lehrer, und anmaslichen Repräsentaten, denn das ist er nicht gewesen, und jener ist er nicht mehr: sondern als privat Mann, wenn er gleich noch so gelehrt wäre. Nun stehet es bey den Obern aller lutherischen, reformirten |b115| und römischkatholischen Kirchen, ob sie diese unreife Frucht eines irrigen Gewissens in ihren Landen wollen öffentlich lesen und brauchen lassen; oder ob sie diese ganze Ausschweifung lieber unterdrücken und verbieten wollen. Wenn nun dis letzte geschiehet, so ist es vollend klar, daß diese Kirchen es keinem Lehrer zur Pflicht machen, sich als Repräsentant von ihnen selbst anzusehen; und das Resultat seiner privat Prüfung für so wichtig zu halten, daß er es drucken lasse. Indes, da es nun gedruckt ist: so komt es weiter darauf an, wie diese Kirchen, deren Lehrbücher der Hr.Verfasser so wenig richtig verstund, und doch geradehin so übel beurtheilet hat, daß sie die Quelle des Unglaubens enthielten: dieses sein Bekentnis, und die Beschuldigung ihrer Lehrer, daß sie heucheln und lügen, ferner öffentlich behandeln werden. Ich habe nun meiner Pflicht, die ich als öffentlicher Lehrer der augspurgischen Confeßion habe, ein Genüge gethan, und den Ungrund dieses so übereilten und untreuen Bekäntnisses, öffentlich entdeckt; bin auch gewis, daß alle gewissenhafte Lehrer aller drey Religionen mir in der Hauptsache recht geben werden.
Ich muß noch eine Stelle beleuchten, welche in der Anrede an Kaiserl.Majestät S. 7. sehr auffallend vorgetragen wird.
Wie ich nun beiden höchstvenerirlichen Conclusis mich sogleich demütigst unterworfen, auch mein Amt bereits verlassen, und alles, was mir, meiner Gattin, und vier kleinen unerzogenen Kindern bisher Quell des Unterhalts und der Verpflegung gewesen war, sogar mein im gräflichen Leiningischen Schlosse Heidesheim, mit einem Aufwande von mehr als 6000 Rthlr. errichtetes, und von tausend gutdenkenden Menschen gebilligtes Erziehungsinstitut, mit dem Rücken angesehen, und ohne alle bestimte Aussichten mich in ein ander Land begeben habe: also eile ich etc.
|b116| Nach dieser Erzälung, hat der Hr.Verfasser sogar ein Erziehungsinstitut in Heidesheim mit dem Rücken angesehen, das mit einem Aufwande von mehr als 6000 Rthl. errichtet worden; welches Institut er daher sein nent. Ich wil mich nicht darauf einlassen, zu untersuchen, ob der Inhalt des kaiserl. Reichshofrathsconclusi in der That hierauf gehe, dem Hrn.Verfasser alles eigenen rechtmäßigen Vermögens so eilfertig zu entsetzen, daß er in gröster Eil davon reisen müsse, und das Seine mit dem Rücken ansehe! Ich wil nur die gegründete Befremdung äußern, worein die Leser ganz natürlich geraten, wenn sie nicht nur allerley schriftliche Nachrichten und Briefe vergleichen, worin des Hrn.Verfassers heimliche eilfertige Abreise aus Heidesheim, und die geschwinde Nachreise des Hrn. –bers aus Heidesheim, und noch zweier ansehnlichen creditorum, mit besondern Umständen erzälet wird, die es sonnenklar machen, daß kein Reichsfiscal und keine kaiserliche execution auf irgend einige Weise hieher zu rechnen ist, was diese Verlassung des dortigen rechtmäßigen Eigentums betrift; sondern auch öffentliche Impressa in der frankfurtischen kaiserlichen privilegirten Zeitung lesen, die einen solchen Zusammenhang an den Tag legen, der gar nicht zur demüthigsten Unterwerfung an jene conclusa in diesen Umständen gehören kan. 1) In dem 81sten Stück Frankfurter Staats-Ristretto, auf den 22sten May, wird von der hochgräfl. Leiningen-Dagsburgischen Regierungscanzley, zu Dürkheim an der Haard, den 19ten May, folgendes bekant gemacht: da durch die Dienstentlassung des Hrn. D. Bahrdten , und von ihm hierauf aus eigener Bewegung vorgenommenen Niederlegung des Fürsorger Amtes über das Erziehungsinstitut in dem hochgräflichen Leiningen-Dagsburgischen Schlosse zu Heidesheim, diese Anstalt weiter keine Veränderung erlitten, als daß sie unter unmittelbarer Aufsicht der Landesregierung zweckmäßiger eingerichtet, und nicht nur für die beste Verpflegung der Zöglinge gesorget, son|b117|dern auch insbesondre zu Beförderung der wissenschaftlichen und sittlichen Erziehung derselben, unter einer unermüdeten Aufsicht, mit unerwartetem Erfolge, die vorzüglichsten Mittel bereits in Wirksamkeit gesetzt worden: so hat man solches zu Beruhigung der Eltern und Vormünder, welche Kinder oder Mündel wirklich zu Heidesheim haben, oder noch dahin zu schicken gedenken, hiedurch bekant zu machen nicht ermangeln wollen. Dürkheim etc.
Nach dieser Anzeige vom 19ten May, erfolgte eine andre vom 25sten May, (also kaum 5–6 Tage nachher) in dem 83sten Stück genanter Frankfurter Zeitung, Seite 334. von eben derselben hochgräfl. Leiningen-Dagsburgischen Regierungscanzley zu Dürkheim, dieses Inhalts:
Nachdem die ökonomische Geselschaft des Heidesheimer Erziehungsinstituts die gehorsamste Anzeige gethan, wie sich bey genauer Berechnung der zur Bestreitung eines anständigen Unterhalts desselben erforderlichen Kosten ergeben, daß solche die Einnahme bey weitem übersteigen; weswegen sie sich außer Stande befinde, die weitere Fortsetzung desselben zu unterstützen; und solchem nach besagtes ganze Institut nicht weiter bestehen kan, sondern pro futuro gänzlich aufhören muß: als wird dieses unter Beziehung auf das 81ste (oder vorige) Stück dieser Zeitung befindliche Avertissement, mit dem Anhange und unter der Versicherung, daß einstweilen die Zöglinge, bis sie von den Ihrigen werden zurückgenommen werden, wohl verpfleget und zweckmäßig unterrichtet werden sollen, hiemit jederman bekant gemacht. Dürkheim an der Haard etc.
In eben diesem 83sten Stück, folget unmittelbar auf die vorige Nachricht diese anderweitige Anzeige, die aus Heidesheim den 21sten May unterschrieben ist, von der öconomischen Geselschaft der Erziehungsanstalt daselbst. Demnach der bisherige Fürsorger des Erziehungs|b118|instituts zu Heidesheim Hr. D. Bahrdt zwar dieses sein Fürsorgeramt freywillig niedergelegt, daraufhin aber, sich von hier wegbegeben hat; diese Erziehungsanstalt hingegen unter unmittelbarer Direction der höchgräflichen Landesregierung annoch bestehet: so hat die öconomische Geselschaft mehr gedachten Instituts solches hiermit bekant machen, und zugleich nicht nur alle Eltern und Vormünder, welche Kinder oder Mündel darein haben, oder noch anhero zu schicken gesonnen seyn möchten; sondern auch alle diejenigen, welche ex alio quocunque capite etwas hieher schuldig sind, geziemend bitten wollen, an den Hrn. D. Bahrdt weder pensions noch sonstige Gelder vor Rechnung des hiesigen Instituts zu bezahlen, sondern sich disfals an die öconomische Geselschaft selbsten um so mehr gefälligst zu addressiren, als dieselbe alle an den Hrn. D. Bahrdt geschehene Zahlungen nicht anerkennen, sondern solche als nicht geschehene ansehen; dahingegen aber vor die an sie selbst addressirte und ihr zukommende Gelder, getreue Rechnung halten wird.
In einem andern Blat, (der Frankfurter kaiserlichen Reichsoberpostamts-Zeitung,) auf den 2ten Jul. Num. 105. auf der letzten Seite, stehet nun noch eine andre Anzeige, datirt den 28sten May 1779, Dürkheim:
Nachdem sich der ehemalige hiesige erstere Superintendens und curator des von ihm auf eigene Kosten und Gefar errichteten Erziehungsinstituts, in dem hochgräfl. Schlosse zu Heidesheim, Hr. D. Bahrdt , aus hiesigen Gegenden, mit Zurücklassung, einiger, sogleich nach seinem Abzug in ein gerichtlich Inventarium gebrachter Effecten, entfernet; und aus denen bereits gegen ihn und die öconomische Societät seiner Anstalt, eingeklagten Schulden, sich ergiebet: daß dessen zurückgelassene Effecten zu Tilgung derselben schwerlich hinlänglich seyn dürften: als werden alle und jede, so an ihn, D. |b119| Bahrdt , oder die öconomische Societät seines Instituts irgend einige Forderung ex quocunque capite zu machen sich berechtiget glauben, hiemit vorgeladen, von dato an, nach Verflus von 6 Wochen, welcher terminus sub praeiudicio praeclusionis anberaumet wird, vor dahiesiger hochgräflichen Regierungscanzley entweder in eigner Person, oder durch einen dazu hinlänglich Bevolmächtigten zu erscheinen, und von dem 12ten Jul. h. a. und folgende Tage, als in diesem ad liquidandum bestimten Termin, in Ansehung ihrer etwa habenden Forderungen gehörige Liquidation zu pflegen, sofort weitern rechtlichen Bescheid zu gewärtigen. Zur hochgräfl. Leiningen-Dachsburgischen Regierungscanzley verordnete, Director, Hof- und Regierungscanzley Räthe.
Ich wil nicht die geringste Anmerkung hierüber machen, wie diese 6000 Rthl. mit so viel dortigen schon eingeklagten Schulden einstimmen; noch weniger andre Nachrichten hier ausbreiten, was die Schulden und creditores betrift. Aber es ist doch ganz gewis, daß der Hr.Verfasser in einer sehr schlechten Lage sich befunden hat, als er von Heidesheim, wo er freilich nicht mehr bleiben konte, das Glaubensbekentnis handschriftlich nach Berlin schickte, um es in den Druck zu bringen; da er gerade am allerwenigsten für die 3 Religionen im römischen Reich, und für die rechte Christusreligion, und für grösseste Rechte der Menschheit, sondern blos für sich selbst zu sorgen Ursache hatte. Die Zeit wird den Erfolg von diesem ganzen Zusammenhange weiter lehren. Alle studiosos theologiae erinnere ich an jene alte vortrefliche Vorschrift, Μανθανετωσαν, οἱ ἡμετεροι, καλων ἐργων προϊστασθαι, εἰς τας ἀναγκαιας χρειας, ἱνα μη ὠσι ἀκαρποι. Halle den 20sten August, 1779.
D. Joh. Salomo Semler .
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Pflicht, meine Ueberzeugungen frey und ohne alle Zurückhaltung, offenherzig zu entdecken
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
den Heuchler, der, um des Brods willen, seinem Regenten leugt, und mit Verletzung seines Gewissens Menschengunst zu erschleichen sucht
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
um der Schwachen zu schonen, und nicht, durch übereilte Bekanntmachung meiner Einsichten in Dingen, die nach meiner Ueberzeugung das Wesen der Religion nichts angehen, den Nuzen und Eindruck zu schwächen, den ich durch einen guten Vortrag der mir wesentlichen Religionswahrheiten stiften zu können glaubte
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich gestehe also, daß ich schon seit einiger Zeit überzeugt gewesen, es enthalte un|a10|ser protestantisches Religionssystem Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
O möchten doch Ew. Kayserl. Majestät von Gott auserkohren seyn, alle diejenigen vor der Wuth der Verfolgung zu schützen, welche Kraft und Muth haben an diesem großen Anliegen der Menschheit zu arbeiten, den unübersehligen Wust der Systemsreligion zu untersuchen und das reine Gold der göttlichen und seeligmachenden Christusreligion wieder herauszufinden.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Unter diese Lehrsätze rechne ich: Die – von der Erbsünde – von der Zurechnung der Sünde Adams – von der Nothwendigkeit einer Genugthuung – von der blos und allein durch den heiligen Geist in dem sich leidend verhaltenden Menschen zu bewirkenden Bekehrung – von der ohne alle Rücksicht auf unsere Besserung und Tugend geschehen sollenden Rechtfertigung des Sünders vor Gott – von der Gottheit Christi und des heiligen Geistes im Athanasianischen Sinn – von der Ewigkeit der Höllenstrafen – und einige andere.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Rechte der Menschheit und des Gewissens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
unübersehligen Wust der Systemsreligion
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Heuchler, der, um des Brods willen, seinem Regenten leugt
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
selbstdenkende und prüfende Theil der Menschen
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Rechte der Menschheit und des Gewissens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich habe zwar, wie es von einem Doctore Theol. Augustanae confessionis |a11| ohnehin zu erwarten stehet, gegen diese vorgedachten Lehrsätze, – vor dem Volk – (weder im Predigen noch Catechisiren,) niemalen directe gelehret, sondern sie entweder gar übergangen oder doch so davon gesprochen, daß ihr schädliches abgesondert und ihr irriges gemildert worden: (davon meine Predigten über die Person und das Amt Jesu ein Beyspiel sind:)
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Unter diese Lehrsätze rechne ich: Die – von der Erbsünde – von der Zurechnung der Sünde Adams – von der Nothwendigkeit einer Genugthuung – von der blos und allein durch den heiligen Geist in dem sich leidend verhaltenden Menschen zu bewirkenden Bekehrung – von der ohne alle Rücksicht auf unsere Besserung und Tugend geschehen sollenden Rechtfertigung des Sünders vor Gott – von der Gottheit Christi und des heiligen Geistes im Athanasianischen Sinn – von der Ewigkeit der Höllenstrafen – und einige andere.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
folglich bin ich auch noch nie von den eigentlichen Verpflichtungen eines protestantischen Lehrers abgewichen, sondern habe mit Klugheit und Vorsicht die Gesetze des Staats mit der Gewissensfreyheit zu vereinigen gesucht:
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
fest überzeugt, daß streitige Religionspunkte nie in den Volksunterricht gehören,
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
rechne ich: Die – von der Erbsünde
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
fest überzeugt, daß streitige Religionspunkte nie in den Volksunterricht gehören,
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
und daß folglich auch von solchen kirchliches Lehramt verwaltet werden kann, welche von der Systemsreligion in ihren Ueberzeugungen abweichen, dagegen aber desto eifriger an der reinen Christusreligion halten, und dieselbe gründlich vorzutragen wissen.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
mit Klugheit und Vorsicht die Gesetze des Staats mit der Gewissensfreyheit zu vereinigen gesucht:
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
daß folglich auch von solchen kirchliches Lehramt verwaltet werden kann
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich muß es also nun schon ferner wagen, bey dieser mir zur Pflicht gemachten öffentlichen Erklärung meiner Privatüberzeugungen freymüthig zu gestehen, daß ich die oberwähnten Lehrsätze, nach meiner geringen Einsicht, für schriftwidrig halte und als die Quelle eines doppelten Uebels ansehe.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die auf ihren Posseß trotzende Geistlichkeit, (die eben nicht immer das Vorurtheil der Gelehrsamkeit, Geistesstärke und der kaltblütigen Prüfungsgabe für sich gehabt hat,) die Welt als alleinseeligmachende Glaubenswahrheiten aufdringen wollte
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
als die Quelle eines doppelten Uebels
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Einmal empören sie die gesunde Vernunft, und haben so wenig Beweise für sich, daß es kein Wunder ist, wenn zu allen Zeiten, der selbstdenkende und prüfende Theil der Menschen, dieselben anstößig fand, und wenn die meisten davon, um jener Lehrsätze willen, welche die auf ihren Posseß trotzende Geistlichkeit, (die eben nicht immer das Vorurtheil der Gelehrsamkeit, Geistesstärke und der kaltblütigen Prüfungsgabe für sich gehabt hat,) die Welt als alleinseeligmachende Glaubenswahrheiten aufdringen wollte, die ganze Religion verwarf.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Daher man jene Lehrsätze mit Recht als den Hauptgrund des |a13| überall einreissenden Unglaubens ansieht, welcher sich von den Höfen bis in die Hütten des ärmsten Volks ausbreitet, und bald alle Religion in der Welt verdrängen wird, wenn dem Uebel durch keine andere als gewaltsame und freyheitkränkende Mittel gesteuert wird.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Und eben so gewiß scheint es mir, daß die meisten der obgedachten Lehrsätze der Tugend und Gottseeligkeit Schaden
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Denn so bald man die Menschen überredet, daß z. B. a) jeder von Natur und von Mutterleibe an mit allen Neigungen zu allem Bösen behaftet und ein gebohrner Feind Gottes ist
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
der Tugend und Gottseeligkeit Schaden
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
daß er b) zur Befreyung von diesem Elende und zur Besserung seines Herzens und Lebens nichts wirken könne, sondern lediglich den Beystand des heiligen Geistes dazu erflehen müsse
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
daß Gott c) auch auf alle gute Werke des Menschen und auf allen seinen Eifer in der Gottseeligkeit nichts rechne, sondern Vergebung der Sünden und ewige Selig|a14|keit ihm schenke, nicht, wegen seiner Besserung und Tugend, sondern wegen eines für unsere Sünde geschehenen Menschenopfers und wegen der an unserer statt geleisteten Tugend des Geopferten
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
so ists unmöglich, daß ächte Reue über die Sünde und Abneigung gegen das Laster entstehen kann; so ists unvermeidlich, daß das Herz gegen die Tugend kalt und gleichgültig werde, und aller Eifer der Gottseeligkeit ermatte; und es lehrts auch leider die Erfahrung genug, daß das heutige Christenthum fast alle Kraft zur Heiligung der Menschen verlohren hat, und daß seine Zöglinge in Absicht auf Tugend und Glückseeligkeit oft sehr weit hinter einen auch nur gemeinen Heiden stehen.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
so ists unvermeidlich, daß das Herz gegen die Tugend kalt und gleichgültig werde
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
daß das heutige Christenthum fast alle Kraft zur Heiligung der Menschen verlohren hat
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ach, allergnädigster Kayser, König und Herr! wie blutet mir das Herz, wenn ich denke, wie werth, wie hochgeachtet das Evangelium Jesu Christi unter den aufge|a15|klärtesten Menschen in allen Welttheilen seyn könnte, was für Siege
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
das Evangelium
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
ganz anders als bisher es auf die Besserung und Heiligung der Menschen wirken, und was für in die Augen fallende Einflüsse auf Moralität und Glückseeligkeit dasselbe zeigen würde, wenn es von allen Unrath menschlicher Hypothesen und Meinungen gereiniget und zu seiner ursprünglichen Lauterkeit und Einfalt zurückgeführt würde.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
das reine Gold
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
O möchten doch Ew. Kayserl. Majestät von Gott auserkohren seyn, alle diejenigen vor der Wuth der Verfolgung zu schützen, welche Kraft und Muth haben an diesem großen Anliegen der Menschheit zu arbeiten, den unübersehligen Wust der Systemsreligion zu untersuchen und das reine Gold der göttlichen und seeligmachenden Christusreligion wieder herauszufinden.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Möchte unter Allerhöchstdero Regierung der Tag anbrechen, da in dem christlichen |a16| Europa alle die für Christen gehalten und in den Rechten des Staats und der Menschheit geschützt werden, welche Jesum Christum verehren und seine Lehren befolgen – ohne gezwungen zu seyn, sich Kefisch oder Paulisch oder Papisch oder Calvinisch oder Luthrisch zu nennen und auf Menschenwort zu schwören.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
unübersehligen Wust der Systemsreligion
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
oder Papisch oder Calvinisch oder Luthrisch zu nennen
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
möchten doch Allerhöchstdieselben geruhen, mit Langmuth und Schonung auf mich unschuldig Verfolgten vom Thron der Majestät herabzublicken
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich glaube, daß ich und alle Menschen Sünder sind, welche der Gnade und Erbarmung Gottes bedürfen. Daß aber dieses (daß wir Sünder sind) uns angebohren sey und daß alle Menschen mit der Neigung zu allem Bösen auf die Welt kommen, |a17| daran zweifle ich. Vielmehr scheinen mir die Menschen an ihrem Verderben selbst Schuld zu haben. Denn ich bemerke in ihnen von Natur so viel herrliche Anlagen zur Tugend, so viel angebohrne, edle Gefühle und Neigungen, daß vielleicht nur eine andere Erziehungsmethode und von Tyranney und Luxus mehr entfernte Lebensart nöthig wäre, um der Menschheit ihre ursprüngliche Güte wiederzugeben.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Unter diese Lehrsätze rechne ich: Die – von der Erbsünde – von der Zurechnung der Sünde Adams – von der Nothwendigkeit einer Genugthuung – von der blos und allein durch den heiligen Geist in dem sich leidend verhaltenden Menschen zu bewirkenden Bekehrung – von der ohne alle Rücksicht auf unsere Besserung und Tugend geschehen sollenden Rechtfertigung des Sünders vor Gott – von der Gottheit Christi und des heiligen Geistes im Athanasianischen Sinn – von der Ewigkeit der Höllenstrafen – und einige andere.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich glaube, daß der Mensch, so wie er alles Gute Gott zu verdanken hat, auch all sein moralisches Gute, was in ihm ist, der Gnade Gottes schuldig sey. Daß aber Gott die Besserung der Menschen selbst wirke, und der Mensch nichts thue, als Gott stille halte, ist wider die Schrift, und beruhet dieser Irrthum gröstentheils auf dem Wort Gnade , welches die meisten Lehrer der Kirche bisher gemisdeutet haben.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich glaube, daß uns Gott aus blosser Gnade unsre Sünden vergiebt, und daß unsere Tugend und unser Eifer im Guten, da er selbst im Grunde Wohlthat Gottes und mit so viel Mängeln und Unvollkommenheiten befleckt ist, einer ganzen Ewigkeit voll Lohn und |a18| Seeligkeit nicht werth sey: Daß aber doch unsere Besserung und Tugend auf der einen Seite die Bedingung sey, unter welcher uns Gott Vergebung der Sünde und ewige Seeligkeit um Christi willen ( d. h. weil er diese Gnadengeschenke allen Tugendhaften durch Jesum Christum verheißen und versiegelt hat) ertheilet, und daß sie auf der andern Seite die natürliche Quelle der höchsten Seeligkeit ist, aus welcher dieselbe von selbst erfolget. Daß aber Gott blos um eines Menschenopfers willen mir meine Sünden vergebe, und um einer fremden Tugend willen die Flecken der Meinigen übersehe, das ist wider meine Vernunft, und habe ich auch nie etwas davon in h. Schrift gefunden.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich glaube, daß Gott den Aposteln seinen Geist gegeben hat; daß aber dieser Geist eine dritte Person in der Gottheit sey, davon bin ich nicht überzeugt: vielmehr finde ich in heiliger Schrift keine andre Bedeutung von dem πνευμα αγιων als diese beyden: daß es entweder göttlich gewirkte Gaben, Talente und Kräfte anzeigt, oder das nomen Dei selbst, welcher diese Gaben mittheilt.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Ich glaube, daß Gott in und mit Christo war, und daß wir folglich alle den Sohn zu ehren verbunden sind, wie wir den Vater ehren: allein wie Gott in Christo war, ob nach Athanasius Vorstellungsart (welche ich gerade für die schlechteste halte) oder nach Arius oder Sabellius oder eines andern Meynung, das ist für den Zweck der Religion d. h. für die Besserung und Beruhigung der Menschen, sehr gleichgültig, und sollte nie mit kirchlicher Autorität entschieden, sondern jedem überlassen werden, wie er sichs denken will. Indessen scheint mir so viel aus Vernunft und Schrift bis zur höchsten Evidenz erweißlich, daß Christus und der einige Gott Jehovah, den er seinen Vater nennt, sehr verschieden sind, und daß wenigstens Christus nicht in dem nämlichen Sinne Gott heisse, in welchen es der einige Gott Jehovah heißt; wie er sich denn selbst über diese Benennung Joh. 10. deutlich und ehrlich genug erklärt hat; wenn er denen, die ihm Gotteslästerung vorwarfen, sagt: – Wenn die Schrift alle die Gott nennt, προς ους ο λογος θεου εγενετο , d. h. die göttliche Aufklärungen zu Belehrung der Menschen erhalten haben, wie könnte ich mir über diese Benennung ei|a20|nen Vorwurf machen, (ον ο πατηρ ηγιασε ) da mich der Vater so ganz besonders ausgezeichnet hat.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Lehrsäze, welche weder in der Schrift noch in der Vernunft einigen Grund haben und die theils der Gottseeligkeit schaden, theils, durch ihr der Vernunft Anstößiges, die Quelle des Unglaubens und der Religionsverachtung bey Tausenden sind.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
unübersehligen Wust der Systemsreligion
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Hauptgrund des |a13| überall einreissenden Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
sollte nie mit kirchlicher Autorität entschieden, sondern jedem überlassen werden, wie er sichs denken will.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Indessen scheint mir so viel aus Vernunft und Schrift bis zur höchsten Evidenz erweißlich, daß Christus und der einige Gott Jehovah, den er seinen Vater nennt, sehr verschieden sind, und daß wenigstens Christus nicht in dem nämlichen Sinne Gott heisse, in welchen es der einige Gott Jehovah heißt
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Daß für Christen der Glaube an Jesum Christum die unausbleibliche Bedingung der Seeligkeit sey, ist unleugbar. Allein daß sich diese Verbindlichkeit auch auf die Nichtchristen erstrecke, halte ich für unvernünftig, unmenschlich und schriftwidrig. Und daß dieser Glaube in einer Ergreifung und Zueignung des Verdienstes Christi bestehe, halte ich für eben so falsch. Wenigstens steht im neuen Testament so wenig von diesem Begrif des Glaubens, daß es mir ein Räthsel ist, wie die Lehrer der Kirche je haben drauf fallen können. Der Glaube an Christum ist Annehmung und Befolgung der Lehre Jesu , und festes Vertrauen auf seine mit seinem Tode besiegelten Verheißungen einer künftigen Seeligkeit der Tugendhaften.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Der Glaube an Christum ist Annehmung und Befolgung der Lehre Jesu , und festes Vertrauen auf seine mit seinem Tode besiegelten Verheißungen einer künftigen Seeligkeit der Tugendhaften.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Daß Gott alle Tugendhafte in einem andern Leben höchstseelig machen werde, glaube ich; daß er aber eben so geneigt sey, die Bösen in alle Ewigkeit zu martern und dem Teufel zu übergeben, glaube ich nicht. Denn er selbst sagt: ich bin ein eifriger Gott, der über |a21| die, so mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied , aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten, denen thue ich wohl bis ins tausende Glied. Daraus schliesse ich gegen die, welche Gott gern eben so strafgierig als gütig machen möchten: wie sich verhält 4 gegen 1000, so verhält sich Gottes Neigung zu strafen, gegen seine Neigung zu belohnen.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Daß es Engel und Teufel giebt, mag wahr seyn: Daß sie aber das sind, wofür das Kirchensystem sie ausgiebt – daß sie leiblich die Menschen besizen, daß sie sich als Gespenster zeigen, daß sie in die Seelen der Menschen wirken, und böse Gedanken und Vorsätze hervorbringen können, dazu habe ich nie einen hinreichenden Grund gefunden, es zu glauben.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Daß die göttlichen Schriften neuen Testaments göttliche Belehrungen der Menschen zur Glückseeligkeit enthalten, denen wir alles Vertrauen und allen Gehorsam schuldig sind, davon bin ich gewiß; daß aber Gott alle in diesen Schriften enthaltene Worte eingegeben habe, davon habe ich noch nie einen befriedigenden Beweis gelesen.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Daß alle Christen die Religionslehren der Schrift, welche ohne Kunstauslegung darin|a22|nen zu finden sind, zu glauben und zu befolgen verbunden sind, ist gewiß, daß aber der Kirche, (darunter ich mir doch eigentlich nichts als den großen Haufen {plurima vota} der Geistlichkeit denke, die, wie schon oben gesagt worden, zu keiner Zeit das Vorurtheil der tiefen Einsicht, Gelehrsamkeit und unpartheyischen Prüfungsgabe, gehabt hat) das Recht zustehe, mir, aus den Sätzen der Schrift künstlich gefolgerte Lehren und Begriffe aufzudringen, das glaube ich nicht. Wenigstens wäre dieß ganz wider die Grundsätze des Protestantismus, welcher im deutschen Reich mit dem Catholicismus gleiche Herrschaft und Rechte behauptet. Denn nach diesen Grundsätzen bin ich in Absicht auf meinen Glauben an keines Menschen Ansehn gebunden, sondern habe das Recht, alles zu prüfen, und nur das zu behalten, wovon ich mich aus Gottes Wort überzeugt fühle. Und dieses Recht erstreckt sich bey protestantischen Lehrern noch weiter als bey gemeinen Protestanten. Denn als ein solcher bin ich ein Theil der repräsentirenden Kirche, und bin daher nicht nur verpflichtet, die Lehrsätze meiner Kirche zu prüfen, sondern auch das Resultat meiner Prüfung, wenn |a23| es von Wichtigkeit ist, meinen Glaubensbrüdern vorzulegen, wie ich bisher in einigen meiner Schriften gethan habe, auch fernerhin thun werde, und in diesem meinem öffentlichen Bekenntniß jezt zum erstenmale vor dem allerhöchsten Richterstuhle thun zu können, gewürdiget werde.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
daß aber der Kirche, (darunter ich mir doch eigentlich nichts als den großen Haufen {plurima vota} der Geistlichkeit denke, die, wie schon oben gesagt worden, zu keiner Zeit das Vorurtheil der tiefen Einsicht, Gelehrsamkeit und unpartheyischen Prüfungsgabe, gehabt hat)
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
das Recht zustehe, mir, aus den Sätzen der Schrift künstlich gefolgerte Lehren und Begriffe aufzudringen
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Wenigstens wäre dieß ganz wider die Grundsätze des Protestantismus, welcher im deutschen Reich mit dem Catholicismus gleiche Herrschaft und Rechte behauptet. Denn nach diesen Grundsätzen bin ich in Absicht auf meinen Glauben an keines Menschen Ansehn gebunden, sondern habe das Recht, alles zu prüfen, und nur das zu behalten, wovon ich mich aus Gottes Wort überzeugt fühle.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
dieses Recht erstreckt sich bey protestantischen Lehrern noch weiter als bey gemeinen Protestanten.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Denn als ein solcher bin ich ein Theil der repräsentirenden Kirche, und bin daher nicht nur verpflichtet, die Lehrsätze meiner Kirche zu prüfen, sondern auch das Resultat meiner Prüfung, wenn |a23| es von Wichtigkeit ist, meinen Glaubensbrüdern vorzulegen, wie ich bisher in einigen meiner Schriften gethan habe, auch fernerhin thun werde, und in diesem meinem öffentlichen Bekenntniß jezt zum erstenmale vor dem allerhöchsten Richterstuhle thun zu können, gewürdiget werde.
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
die Quelle des Unglaubens
Zitat aus a) D. Carl Friedrich Bahrdts Glaubensbekenntniß:
Wie ich nun beyden höchstvenerirlichen Conclusis mich sogleich demüthigst unterworfen, auch mein Amt bereits verlassen, und alles, was mir, meiner Gattinn und vier kleinen unerzognen Kindern bisher Quell des Unterhalts und der Verpflegung gewesen war, so gar mein im Gräflichen Leiningischen Schlosse Heidesheim mit einem Aufwande von mehr als 6000 Rthlr. errichtetes und von tausend gutdenkenden Menschen gebilligtes Erziehungsinstitut mit dem Rücken angesehen, und ohne alle bestimmte Aussichten, mich in ein ander Land gezogen habe; also eile |a8| ich nunmehro auch noch diejenige Erklärung und Bekänntniß meiner Lehrsätze, Ew. Kayserlichen Majestät zu Füßen zu legen, welche Allerhöchstdieselben von mir zu fodern geruhet haben.