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Evangelium am 13 Sontage nach Trinitatis.
Lucä 10, bc√ 23–37.
{vers 23. 24.} Seelig sind die Augen die da sehen was ihr sehet! Denn ich sage euch, viele Propheten und Könige begehreten zu sehen was ihr sehet, und habens nicht gesehen; und zu hören was ihr höret, und habens nicht gehöret. Seelig, nicht weil sie den Welt-Heiland und seine Wunder mit ihren Augen sahen.
{Siehe Lucä 11, 27. 28.} Sondern weil sie seinen Unterricht, die
Religion die er die Menschen lehrete, zu kennen das Glück hatten. – Und in der That, welches Volk, welches Menschen-Alter hat so viel richtige und
heilsahme Kentnisse, so viel Kräfte zur Tugend, so viel Trost im Leiden, so viel Aufrichtung gegen den Todt gehabt, als wir
Christen!
Unsre Kinder wissen mehr als die grösten Weltweisen des Alterthums; und die grösten Propheten des
A. T.
{Matth. 11, 9–11} Der kleinste im Himmelreich, ist grösser als der gröste Prophet: „der gemeine Christ weiß mehr als Johannes der Täufer
, der gröste unter den alten Propheten!“ – – Aber eben dies
vorzügliche Glück der
Christen vermehret auch die Strafbarkeit ihres unheiligen Lebens.
{Römer 2, 4. 5.} Solche Reichtümer der Güte
Gottes nicht recht brauchen, das häufet unsre Strafe:
{2 Petri 2, 20. 21} für
|b172| |c187| einen unheiligen Christen wäre es besser, daß er die christliche Religion nie erkant. Hier ist also kein Mittel. Ein
Christ, ist entweder
ausserordentlich glücklich, oder
ausserordentlich Elend.
{vers 25.} Und siehe! da stund ein Gesezgelehrter auf und versuchte Jesum . Es scheint dieser Gelehrte verstand jenen Ausspruch Jesu sehr wohl. Nun machte er sich auf, um ihn in diesem Lobspruche zu Schanden zu machen. Schon ergözte er sich im Geist daran, wie Jesus durch die vorge|a182|legte Frage in Verlegenheit gerathen, zum Stillschweigen gebracht, oder sonst etwa in eine Falle stürzen, und damit auf einmahl als ein Prahler verachtet: er hingegen von der ganzen Versamlung als ein wahrer Gesezgelehrter mit Beifall aufgenommen würde! – So gar etwas anders ist es, Religion haben, und, über die Religion gelehrt und feurig disputiren! Viele Christen, gleich diesem Gesezgelehrten, lesen die Bibel um schriftgelehrt zu werden. Sie können über jeden Punct der Religion mit einem grossen Fluß biblischer Ausdrücke disputiren; ja beinahe die ganze Bibel auswendig hersagen. Aber! Disputirt auch noch so fein und mit noch so viel Eifer über die Religion. In dem allen thut ihr nichts, als was dieser Gesezgelehrte that; welcher darum noch kein Religiöser, kein Mann von Religion war!
{vers 25–28 .} Meister, dies war die allerdings wichtige Frage, womit er das ganze Ansehen
Jesu zu Boden disputiren wolte,
was muß ich thun,|b173| |c188| daß ich das ewige Leben (Glück)
ererbe? (erlange.)
Jesus aber sprach zu ihm,
wie stehet im Gesez geschrieben? Was liesest du da? – Der Gelehrte antwortete,
du solst lieben Gott deinen Herren von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften, und von ganzem Gemüte. (das ist,
über alles, als
Gott, lieben: aufrichtig, inbrünstig, ungetheilt, und
unaufhörlich) Und deinen Nächsten, als (eben so wohl als)
dich selbst. – – Thue das, erwiederte
Jesus ,
so wirst du glücklich seyn. – Dankbare Liebe zu
Gott, und herzliche Liebe zu
Seinen Menschen ist
also der
Inbegrif der wahren Religion!
{vers 29} Er aber, dieser Gesezgelehrte,
wolte sich selbst rechtfertigen; genauer, sich
zeigen. Die
Pharisäer hatten einen Geist der Spizfin
|a183|digkeit eingefürt, welcher aus Weiß,
Schwarz und aus Licht, Finsterniß
machte und die klärsten Geseze
Gottes so lange
drehete und
torquirte bis sie ein Werkzeug ihres Eigennuzes und schimpflicher Neigungen wurden. Von diesem
getrieben wolte der Gesezgelehrte seine Gelehrsamkeit und Ueberlegenheit über
Jesum zeigen. – Ein Hauptzug in dem gemeinen
Character der Menschen! Sie fragen nicht, um sich zu
belehren, sondern um sich zu
zeigen; um ihre Kentnisse, Geschicklichkeiten zur Schau auszulegen, und sich den Weg zu glänzenden
Discursen der Eigenliebe zu bahnen. Der Weise, der diese gemeine Schwäche der Menschen kennt und recht braucht, findet dadurch allenthalben tausend Mittel, sich nüzliche Kentnisse einzu
|b174||c189|samlen. Der
Listige macht sie zu einem Werkzeuge sich den Ruhm der Welt zu erschleichen. Man höre dem Redner aufmerksam und bewundernd zu, man gebe ihm durch neue Fragen neue Gelegenheit sich zu zeigen: so hat man sicher den Ruhm eines Mannes von Talenten, eines wizigen Kopfes und jeden andern Ruhm in einer
Gesellschaft, durch diese in der
Stadt, und so in einem ganzen Lande erhalten;
und wenn man auch kein Wort von sich hören lassen. – Dies ist die wahre Geschichte des irrdischen Ruhms. Und wie sehr muß er nun, bei jedem Vernünftigen herabsinken! Ist denn so etwas, was auch der Unwissendste und Geschmackloseste erlangen, so leicht erlangen kan, und tausendmahl erlanget;
werth so begierig gesucht, an andern so niedrig beneidet, mit so viel Lieblosigkeit aller Art erworben zu werden?
{v.
29.} Der Disputant um sich zu zeigen, fragte
Jesum ,
wer ist denn mein Nächster? Nichts war natürlicher als diese Frage, wenn von seiner Gemütsart die Rede war. Denn er war ein Mann von ausschweifender Eigenliebe. Und solche Menschen haben keinen Nächsten. Sie lieben ihre
Ne|a184|ben Menschen nicht anders
als wie sie ihre Schaafe lieben, welche sie nären und
pflegen damit sie ihnen Wolle tragen.
Aber das Gesez
Gottes selbst, war klar genug.
Nächster, ein
genau-verbundener, ein
verwandter der uns nahe angehet, war selbst nach dem Geseze
Mosis , ein
jeder Mensch. Denn ein jeder Mensch ist mit uns aus
Einem Blut entstanden, von Einem
Gott geschaffen, durch
|b175| |c190| Eine Natur verknüpfet. Du
solst deinen Nächsten lieben eben so wohl als dich selbst, dies Gesez wird 3 Buch
Mosis 19, 18. 33.
34 und 5 Buch
Mosis 10,
17–19 auch von dem der kein Israelit war, von dem
Fremdlinge erklärt.
Denn, sezt Moses
hinzu,
der Herr euer Gott ist ein Gott aller Götter, und Herr über alle Herren, der keine Person achtet, und kein Geschenk nimt;
nicht wie die Götter der Heiden, der
Gott einer Nation oder dieses und jenes Menschen, der sich durch Geschenke einnehmen läßt und seinen Favoriten alles andre
aufopfert.
Er schaft Recht den Waisen und Wittwen, und liebt die Fremdlinge. Darum solt ihr, auch die Fremdlinge lieben. Dennoch verstand der angesehenste Theil der jüdischen Theologen, die
Pharisäer, durch den
Nächsten den
Gott zu lieben befohlen, bloß den
Juden,
{Matth. 5, 43.} ja gar nur den
Freund.
Jesus , ohne in diese Zänkereien hineinzugehen, wendet sich an das
innere Gefül des Disputanten; welches auf eine geschickte Art erweckt, über seinen Disputir-Geist, selbst über seine Eigenliebe siegen muste.
{vers 30} Die
Juden der damahligen Zeit
entflamt von dem Geist der Hölle, erklärten alle andre
Menschen die keine Juden waren, für verdammt. Die
{Siehe die Bücher Esrä und Nehemiä.} Samariter insbesondre, halb Juden, halb Heiden, waren seit uralten Zeiten ihnen aufs äusserste verhaßt:
{Johannis 4, 9.
Kapitel 8, 48.} selbst die gemeinsten Höflichkeiten und Dienstleistungen versagte man ihnen,
|a185| und ein
Samariter war den Juden, so wie ein Jude jenen, das Allerabscheulichste was er nur denken
|b176| |c191| konte. – Selbst einen
Samariter, muste ein Jude, ein Gesezgelehrter, durch sein inneres Gefül gedrungen, bewundern und loben. So unwiderstehlich war die Wahrheit in dem Munde
Jesu !
{vers 30–32.} Ein Mensch gieng von Jerusalem, ein Bürger also von Jerusalem,
ein Jude, gieng nach Jericho. Auf diesem Wege muste man eine lange, gefärliche Wüste
passiren, die wegen Räubereien und Mordthaten schon lange berüchtigt war.
Schon beim
Josua 15,
7 wird dieser Weg,
{Luther hat das hebräische Wort Adummim, Blut-Vergiessungen, beibehalten.} der blutige Weg genant. Hier nun fiel der Jude von Jerusalem,
unter die Räuber, welche ihn plünderten, verwundeten, und halb todt liegen ließen. Von ohngefär reisete ein Priester denselben Weg, und da er ihn sahe, gieng er an der andern Seite vorüber. Imgleichen ein
Levit, als er an den Ort kam und ihn sahe, gieng gleichfalls an der andern Seite vorbei. Ohne Zweifel rürete sie dieser Anblick. An jedem andern Orte hätten sie dem Elenden, der ihr Lands-Mann war geholfen. Aber die Mordthat war ganz frisch. Die Räuber musten noch in der Nachbarschaft seyn. Bei dem Anblick dieser Gefahr starb ihr Mitleiden. Ihr Leben zu retten entferneten sie sich auf die andre Seite, und eileten vor dem Elenden hülflos vorüber.
Ein Samariter aber kam auf seiner Reise dahin, und
da er ihn sahe, bewegte sich sein Herz von Mitleiden, und gieng zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß Oel und Wein darauf, sezte ihn auf sein Thier, fürete ihn in eine Herberge und pflegete ihn.|b177| |c192| Als er am folgenden Tage abreisete, zog er zwei Denarien heraus und gab sie dem Wirth und sprach zu ihm: Pflege ihn, und alles was du aufwendest will ich dir bei meiner|a186| Rückreise bezahlen. – So half denn der Samariter demjenigen den er für einen Feind seines Volks und seiner Religion halten muste!
Er wagte sogar sein eigenes Leben, um ihm zu helfen: denn der Ort wo er sich so lange verweilete, war
die Wildniß, wo Räuber und Mörder sich aufhielten, und eben jezo diesen Elenden so mörderisch behandelt
c√; der
gefärliche Ort, wo
Priester und
Levit, voll Schrecken über der nahen Todesgefahr vorbeigeeilet. Und welche
allerzärtlichste Sorgfalt trug er für ihn, den Feind seines Volks und Religion? Da er ihn sahe, wird
er bis ins Innerste gerürt. Aber nicht die Wirkung des Bluts und Temperaments war dieses schmerzliche Mitleiden: sondern die Wirkung eines an Menschen-Liebe gewönten Herzens.
Alsbald hebt er ihn auf.
– Verbindet seine Wunden. Sezt ihn auf sein Thier. Jezt gehet er neben ihm her, und füret ihn in die Herberge. Und scheuet keinen Aufwand, um
ihn, durch alle Pflege zum Leben und Gesundheit zu helfen. –
Christlicher Leser! Rürt dich dies; gefällt es dir: so –
{vers. 37.} gehe hin und thue desgleichen!
Hier sehen wir denn, was
ächte Menschen-Liebe? wer ein
wahrer Menschen-Freund ist? Es giebt
tausende von Menschen die höflich, fein, und gefällig im Umgange sind; aber ihre Untergebenen desto härter behandeln, und ihre Gläubiger
|b178| |c193| desto gröber betrügen. Menschen die
bei jedem Trauer Spiel weinen; aber bei dem
wirklichen Elende ihrer Neben-Menschen
lachen, ohne Bedenken ganze Familien und Gesellschaften, durch Handlungen der Unzucht, durch Verleumdung und Ungerechtigkeit zu Grunde richten. Menschen die zwanzig Personen durch Allmosen erfreuen, aber hundert andre durch bittren Spott betrüben. Menschen die gegen alles was ihnen nicht im Wege stehet, ganz
Zärtlichkeit, aber gegen ihre Amts-Ge
|a187|hülfen, Beleidiger und Feinde,
tygermässig grausam sind. – Nein! So leicht erkauft man nicht den Ehren-Nahmen, die erhabene Würde eines Menschen-Freundes! Das ist die Menschenliebe des Pharisäers. Nicht aber die Menschenliebe des Samariters. –
{vers 37} Gehe hin und thue desgleichen. 1)
Sey ein herzlicher Freund, jedes Menschen. Alles was Mensch ist, auch
dein Mitwerber, der deinen irrdischen Ruhm und Vortheil verdunkelt und schwächet; auch dein
ärgster Feind der auf die Zerstörung deines ganzen Glücks sinnt; auch
der welcher dir scheint ein Feind Gottes zu seyn, muß von dir aufrichtig und herzlich geliebet werden. Denn;
{vers 30. 33} so liebte der
Samariter, den
Juden. 2)
Liebe ihn thätig. Nicht bloß mit süssen Worten, und gefälligen Reden. Sondern aus allen deinen Kräften. Mache ihn glücklich mit deinem Gelde, mit deinem Verstande, mit deinen Einsichten, mit deinem Ansehen, mit deinen mächtigen Verbindungen. Suche so viel Freude und Wohlfarth, als dir nur möglich ist, allenthalben um dich her zu verbreiten.
{vers 29.} Der
Gesezgelehrte, so wie der
Priester und
Levit, disputirten viel und
|b179| |c194| gelehrt über die Nächsten-Liebe.
{vers 33–38} Der
Samariter aber der darüber nicht disputiren konte, übte sie aus
. 3)
Thue dies, wenn es die Umstände fordern, auch mit deiner Ungemächlichkeit. So verband der Samariter dem Elenden seine Wunden, und
gieng selbst zu Fusse neben ihm her. So muß auch uns, die Menschen-Liebe etwas kosten. Bald einen eigenen Vortheil aufopfern, bald eine Beschwerde übernehmen, und Ungemach dulden. 4)
Ja gar, dein Leben wage, und opfere gern auf, wenn es die
Menschen-Liebe fordert. Feige flohen der Priester und Levit. Mit
heldenmässiger Grosmuth wagt sich der Samariter. Die Furcht seiner Gesundheit zu schaden, das Schrecken vor den nahen Mördern, der Anblick der Todes-
|a188|Gefahr; nichts
konte ihn bewegen den halb-Sterbenden hülfloß umkommen zu lassen; nichts
konte seiner Liebe
Grenzen sezen. Noch immer giebt es Fälle, wo das gemeine und besondre Wohl der Menschen, von uns durch angreifende Arbeiten, gefärliche Unternehmungen, strenge Verschwiegenheit,
u. s. f.
Gesundheit und Leben zum Opfer fordert. Da
nun, besonders, sollen wir
hingehen und nach dem Muster des Samariters handeln.
{1 Johannis 3, 16.} Da sollen wir für unsre Neben-Menschen auch das Leben lassen.
Ein –
Solcher,
ein christlicher Menschen-Freund, – das ist in der That der Inbegrif aller wahren Würde, der Gipfel der Grösse menschlicher Seelen! Ihr sehet ihn vielleicht nicht
bei Trauer Spielen weinen; ihr höret ihn nicht über die Menschen-Liebe disputiren und
declamiren, und
|b180| |c195| immer jene erhabene Nahmen im Munde füren, und immer in
flammende Lobpreisungen derselben ausbrechen. Aber desto geschäftiger
treft ihr ihn allenthalben, im
gemeinen Leben; hier eine Thräne abzutrocknen, dort in ein verwundetes Herz den Balsam des Trostes zu giessen, einem angehenden Handwerker
Capitale ohne Zinsen zu leihen,
Waisen zur Religion zu erziehen, seine Mitwerber durch rümliche Urtheile zu empfehlen, seine Feinde vom Untergange zu retten; und wo möglich jeden Tag durch irgend ein freudiges Gesicht und Herz seiner Neben-Menschen auszuzeichnen. Fürt euch die Vorsehung auf eurem Wege, zu einem
solchen Mann: o den schäzt über alles, völlig sicher leget euer Glück ganz in seine Hände. Denn ihr habt einen ächten Freund
Gottes, und
Seiner Menschen gefunden. Einen Menschen-Freund, nicht nach der neuen Mode; sondern nach
dem uralten Exempel des Samariters!