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|b310| Vierter Abschnitt. Schöne Wissenschaften.
262.
Wir kommen zu den sogenannten schönen Wissenschaften, wohin man c√Redekunst und Dichtkunst zu rechnen pflegt. – Was haben diese vor andern Wissenschaften und Künsten |c278|eignes? – Darin ist man wohl c√ eins, daß der Redner und Dichter nicht bloß c√ vorstellen, bloß lehren oder erzählen, sondern c√ dergestalt vorstellen wolle, daß er für oder wider die Sache einnehme, Gefallen an der dargestellten Sache, oder Mißfallen errege. Dieses läßt sich entweder durch die Sachen selbst bewirken, (die schon in so fern gefallen, als sie unsre Thätigkeit beschäftigen, und unsre Wißbegierde befriedigen,)oder durch die Art, wie man sie vorstellt. Dieses letztre kan wieder entweder durch Verdeutlichung oder durch Versinnlichung geschehen. Jenes ist der Zweck der strengern, *) dieses der schönen Wissenschaften und Künste. Die schönen Wissenschaften gehen darauf hinaus, vermittelst der Rede, also vermittelst willkührlicher, und nur durch den Gebrauch gebilligter |a261| Zeichen, die gedachte Absicht auszuführen; die schönen Künste aber, durch natürliche Zeichen, |b311| wodurch eine Vorstellung der Sachen bewirket werden kan.
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
1. Jene werden daher auch die redenden, wie diese die bildenden Künste genannt. Aber diese Benennung scheint Künste und Wissenschaften zu vermengen. Dies kommt daher, weil Griechen und Römer die Wörter τέχνη und ars von jeder regelmäßigen Fertigkeit und von jedem Ingebriff der Regeln zu gewissen Verrichtungen brauchten, dergleichen Regeln bey den Wissenschaften sowohl als bey den Künsten statt finden; wiewohl sie noch freyeKünste (artes liberales, ἀβάναυσοι τέχναι) von solchen unterschieden, die mehr Hand- als Geistes-Uebungen erforderten, und daher unter jenem Namen meistens eigentliche Wissenschaften begriffen. In neuern Zeiten hat man Wissenschaften und Künste, und unter den letztern schöne und mechanischeKünste mehr unterschieden. |c279| Der Unterschied der Wissenschaften und Künste scheint darauf zu beruhen, daß jene zunächst zur Befriedigung geistiger, diese zunächst zu Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse dienen (§. 3 ). Diese sinnlichen Bedürfnisse sind entweder nur körperliche, und die zu ihrer Befriedigung abzielenden Künste sind bloß zur Befriedigung der äusserlichen Sinne bestimmt, oder die Bedürfnisse nähern sich mehr den geistigen, und durch gewisse Künste soll mehr der innre Sinn und die Einbildungskraft befriedigt werden. Die von der erstern Art scheint man durch den Namen der mechanischen, die von der letztern aber durch den |b312| Namen der schönen Künste zu bezeichnen. Man vergleiche nur Philosophie,
Tonkunst oder Malerey, und eigentliche Handwerker mit einander, um sich von der Richtigkeit dieses Unterschiedes der Wissenschaften, der schönen und der mechanischen Künste zu überzeugen.
a√
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
2. *) Strengere Wissenschaften sind hier in diesem §. nicht mit den Wissenschaften im strengsten Verstande zu verwechseln, als welche letztere nur solche Wissenschaften sind, deren Inhalt aus der Natur der Sachen selbst bewiesen werden kan, und die hier als eine Art (species) mit unter den strengernWissenschaften, im Gegensatz gegen schöne Wissenschaften, begriffen sind. Auch ist Verdeutlichung hier, im Gegensatz gegen Versinnlichung, im weitern Verstande genommen, so daß sie nicht nur die Entwickelung desjenigen, was in einem Begriffliegt, (intensive Verdeutlichung) sondern auch die ausführlichere Vorstellung der Sachen (extensive Verdeutlichung) in sich faßt. Vergl.
Abkürzungsauflösung von "Vergl.": Vergleiche, Verglichen
§. 223 .
263.
Sonach sind die schönen Wissenschaften solche, welche lehren, wie man den Vortrag versinnlichen, und dadurch an den Sachen selbst Gefallen oder Mißfallen erregen soll. Sie beschäftigen sich also 1) nur mit Bildung des Vortrags oder des Ausdrucks der Sachen durch Worte. |c280| 2) Ihr Zweck ist, Vergnügen, oder das Gegentheil, an den vorgetragenen Sachen zu |a263||b313| erwecken, welches übrigens die Belehrung nicht ausschließt, nur daß diese nicht der nächste Zweck ist. Diesen Zweck suchen sie 3) durch die Form der Vorstellung oder die Art des Vortrags und die Einkleidung der Sachen zu befördern, indem sie dadurch 4) die Sachen sinnlich darstellen, welcher Vortrag eben durch dieses Sinnliche gefallen, und daher auch Gefallen an den Sachen erwecken soll. Durch das erste Stück unterscheiden sie sich von den schönen Künsten; durch die drey letztern von den strengern Wissenschaften. – Da sie aber, abgesehen von der Rede, die sie als Mittel zu jener Absicht bilden sollen, einerley allgemeine Regeln mit den schönen Künsten enthalten: so läßt sich eine allgemeinere Wissenschaft entwerfen, welche die Regeln für schöne Wissenschaften und Künste zugleich, oder die Regeln der Vollkommenheit sinnlicher Erkenntniß und ihres Ausdrucks in sich faßt.
A. G. Baumgarten hat ihr den Namen der Aesthetik gegeben.
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
1. Man nennt schön im weitern Verstande alles, was vollkommen ist, so fern diese Vollkommenheit sinnlich erkannt wird, und in einem engernc√, was, seiner sinnlich erkannten Form nach, vollkommen ist. Schöne WissenschaftenundKünste lehren nicht nur, Sachen, als vollkommen, sinnlich darstellen, sondern auch dieses durch die Art des Ausdrucks, also durch die Form, bewirken; daher haben sie ihren Namen bekommen.
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
2. Da schöne Wissenschaften und Künste zeigen sollen, wie Sachen, die nicht selbst dargestellt |b314| werden können, vermittelst
Editorische Korrektur von: vermittest (a)
des Ausdrucks, |a264| es sey durch Wörter oder natürliche Zeichen, vergegenwärtiget werden müssen: so lehren sie, für die Einbildungskraft arbeiten, die nichts anders ist, |c281| als das Vermögen der Seele, sich Dinge, die nicht selbst da sind, durch Vorstellungen zu vergegenwärtigen.
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
3. Wenn bey uns durch Darstellung gewisser Sachen vermittelst gewisser Zeichen Wohlgefallen erweckt wird: so empfinden wir dieses entweder über die Art der Darstellung, oder über die so dargestellten Sachen selbst. Jenes kan zwar wieder ein Mittel werden dieses zu befördern, es kan aber auch allein da seyn ohne dieses. Nur gar zu oft schränkt man den Zweck der schönen Wissenschaften und Künste bloß auf die Hervorbringung jenes Wohlgefallens ein, und erniedrigt dadurch, daß man sie zum bloßen Werkzeug der Belustigung macht, ihren Werth und große Nutzbarkeit unglaublich. Freylich ist ihre Absicht, durch die Art der Darstellung geradezu Vergnügen zu erwecken, aber was ist dieser Kitzel der Einbildungskraft werth, wenn das Vergnügen darüber nicht wieder eine Quelle des Wohlgefallens an den Sachen selbst wird?
264.
So schwer es ist, die Gränzen bestimmt anzugeben, wo sich Werke der Rede- oder Dichtkunst scheiden: so läßt sich doch der Hauptcharakter von beyderley Werken bey einiger Aufmerksamkeit nicht verkennen. Offenbar nähern sich jene mehr |b315| den Werken der strengern Wissenschaften, (
§. 262 ) diese, den Werken der schönen Künste. Der Charakter dichterischer Werke ist:alles so gegenwärtig als möglich darzustellen, die Vorstellungen davon |a265| so lebhaft zu machen, als es immer die Natur der Sache und der Rede erlaubt, d. i.
Abkürzungsauflösung von "d. i.": das ist
viele klare oder solche Merkmale der Sachen, die eine Menge von Nebenvorstellungen erwecken, wodurch die Sachen selbst klärer oder anzüglicher werden, auf einmal zum Uebersehen darzustellen. Sie ziehen also oft selbst dunkle Vorstellungen mit ins Spiel; Werke der Redekunst hingegen suchen die nemliche Wirkung mehr nachundnach hervor|c282|zubringen, legen das, was zur klaren Vorstellung der Sachen gehört, mehr aus einander, nehmen deutliche Vorstellungen so weit zu Hülfe, als es ohne Schwächung der sinnlichen Darstellung geschehen kan. Gleichwohl haben beyderley Werke den Zweck, durch sinnliche Darstellung der Sachen Gefallen an den Sachen selbst zu erregen, und, da dieses anders nicht als durch Vorstellungen geschehen kan, auch zu belehren. Demnach kan wohl der wesentliche Unterschied zwischen den Werken der Rede- und der Dichtkunst am sichersten nach dem Zweck bestimmt werden, der in beyderley Werken am meisten hervorsticht; und dieser ist, bey Werken der Redekunst, Belehrung, oder extensive Deutlichkeit (
§. 262. Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
2.), wozu Lebhaftigkeit der Darstellung nur als Mittel gebraucht wird, bey dichterischen Werken aber, Lebhaftigkeit, und Belehrung nur so weit, als sie Lebhaftigkeit befördern kan.
|b316|
Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (von J. J. Engel ), Erster Theil, Berlin 1783.
8. im ersten Hauptstück.
|a266|Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
1. Die Schwierigkeiten in genauer Absonderung beyder schönen Wissenschaften, und die Gewohnheit, bald Sylbenmaaß, bald Erdichtung, bald das Ungewöhnlichere des Ausdrucks, als den unterscheidenden Charakter der Poesie anzunehmen, rühren wohl daher: daß, weil dichterische Werke meistens metrisch sind, man Verse und Poesie, ungebundne Rede und Prose, als ganz einerley angenommen hat; daß Poesie nicht zu allen Zeiten und überall gleich vollkommen war, oft Nebenzwecke, z. B.
Abkürzungsauflösung von "z. B.": zum Beispiel
Verse zum Gesang, manchmal nur zum bessern Behalten der Gedanken zu brauchen, den Hauptzweck verdrängt haben; hauptsächlich aber, daß, nach gewissen besondern Arten rednerischer und dichterischer Werke, Redekunst an Poesiez. B.
Abkürzungsauflösung von "z. B.": zum Beispiel
in rührenden Reden, und, wie im Lehrgedichte oder poetischen Erzählungen, Poesie an Redekunst streift. c√
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
2. Aus dem hervorstechenden Zweck bey poetischen Werken läßt sich erklären, warum einförmiges Sylben- Zeilen- und Strophenmaaß, Erdichtung, und bilderreicher, oder überhaupt von dem gewöhnlichen sich entfernender Ausdruck, in dergleichen Werken gebraucht wird; weil nemlich alles dieses die Lebhaftigkeit befördert; daher es auch wegfallen muß, wenn die zweckmäßige Lebhaftigkeit schon ohne dieses erhalten werden kan, oder gar durch diese Dinge gestört werden würde. Es ist |b317| hieraus zugleich begreiflich, warum Gedichte mehr Reitz haben als Werke der Prose.
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
3. Man könnte die beschriebene Art der sinnlichen Darstellung, die in dichterischen Werken hervorsticht, c√sinnlich lebhafte, und die, welche in rednerischen Werken herrscht, die sinnlich deutliche nennen.
|a267|265.
Hienach würde der den Namen eines Redners (Orator) verdienen, der die Geschicklichkeit besäße, durch einen sinnlich deutlichen, und der c√ den Namenc√Dichters, welcher die Geschicklichkeit hätte, durch einen sinnlich lebhaften Vortrag Sachen annehmlich darzustellen. Die Anweisung zu diesem Vortrag würde die Poetik oder Dichtkunst (als Wissenschaft oder Innbegriff von Vorschriften genommen); die Anweisung aber zu jenem Vortrag, die Redekunst (Rhetorik) im weiternVerstande, oder Theorie derBeredsamkeit seyn.
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Redekunst im weitern Verstande; welche sich also über den ganzen prosaischen Vortrag und Schreibart erstreckte, so fern er mehr als deutlich seyn soll, er möchte in Lehr- oder Geschichtsbüchern, in Briefen oder Gesprächen oder eigent|c284|lichsten Reden gebraucht werden. Gemeiniglich, und zumal bey Griechen und Römern, wird Redekunst im engern Verstande genommen für die Anweisung eine eigentliche Rede, oder Ausführung eines Hauptsatzes auf die erwähnte Art, |b318| abzufassen und zu halten, und darauf die Beredsamkeit eingeschränkt. (Die Anweisung zum Halten einer Rede, oder zum mündlichen Vortrag (Declamatio), gehört doch mehr den schönen Künsten als Wissenschaften zu.) Indessen, da der gute Prosaist sich der Sprache bedienet, und dadurch Vorstellungen erwecken will, welche aufs wirksamste belehren und bewegen sollen: so bedarf er eben sowohl der Grammatik und Logik als der Rhetorik. Der Dichter braucht die Grammatik auch, bedarf aber mehr |a268| des Unterrichts in schönen Künsten, als in den strengen Regeln der Logik.
266.
Schönheit wirkt auf jeden Menschen mit unwiderstehlicher Gewalt, und die schöne Gestalt, unter der eine Sache erscheint, nimmt uns für die Sache selbst ein. Man verweilt gern mit seiner Betrachtung bey solchen Gegenständen, und man kan sicher auf Eindruck bey Andern rechnen, wenn man das, womit man Eindruck machen will, bekleidet mit diesen Reitzen darzustellen weiß. Schon dieskönnte jeden überzeugen, wie nöthig es sey, das zu studieren, was wirklich schön ist, und wie man einer Sache diese Gestalt geben könne; wäre es auch nur 1) um unsre eigne Aufmerksamkeit zu fesseln, unsre Seele zu einer angenehmen Unterhaltung mit gewissen Sachen zu stimmen, unsern Fleiß zu ihrer Untersuchung zu erregen und zu erhalten; noch mehr, um nur vorerst Andre dahin zu bringen, daß sie uns hören, und, wenn |b319| sie dahin gebracht sind, eben den Antheil an der Sache nehmen, den wir ihnen einflößen wollen.
|c285|267.
Und ist denn 2) unsre sinnliche Erkenntniß weniger wirksam als die deutliche? Bedarf sie der Erweiterung, der Berichtigung, der Leitung, weniger als diese? Wir urtheilen und handeln doch häufiger nach Empfindung als nach Ueberlegung, müssen |a269| selbst oft, wenn es uns an Zeit oder hinlänglichen Gründen der Entscheidung fehlt, den Ausspruch der Empfindung überlaßen. Empfindung spricht gemeiniglich stärker als Vernunft, letztre wenigstens weit stärker für oder wider eine Sache, wenn sie durch das Urtheil der Empfindung unterstützt wird. Sinnliche Vorstellungen sind auch die Grundlage der vernünftigen; wo jene ganz mangeln, fehlt es auch an diesen; wo jene irren, theilt sich der Irrthum auch diesen mit. Jene können oft mißleiten; nur die Vernunft sichert den Menschen dagegen, nur sie kan die Gesetze entwerfen, wonach die Sinnlichkeit eingeschränkt und gelenkt werden muß; diese bedarf also sowohl als der Verstand einer regelmäßigen Bearbeitung, Pflege und Richtung. Und wenn der Mensch zwischen den Thieren und den Engeln in der Mitte steht, nicht bloß gröbern Empfindungen, wie jene, folgen darf, und nicht bloß vernünftigen Vorstellungen folgen kan wie diese: was ist zu seiner Bildung nöthiger, als die Bildung feinerer Empfindungen, in welchen sinnliche und deutliche Vorstellungen gleichsam in einander schmelzen?
|b320|268.
Mag es 3) seyn, daß Genie und Geschmack mehr als alle Regeln der Kunst vermag, daß ohne beydes weder ein schönes Werk hervorgebracht, noch auch einmal geschätzt werden kan: so kan doch jenes ausschweifen, und dieser verdorben werden, oder schon verdorben seyn. Beydes be|c286|darf |a270| wenigstens Uebung und Nahrung. Wenn nun Genie nichts anders ist als vorzügliche Stärke der Seelenkräfte, und wenn dazu eine vorzügliche Aufgelegtheit zu sehr lebhaften oder sehr deutlichen Vorstellungen, sowohl als eine vorzügliche Reitzbarkeit des Geistes zu dergleichen Vorstellungen gehört: so wird ein Mann von Genie weit mehr Bedürfnisse fühlen als ein Andrer, er wird nicht mit dem Gemeinen zufrieden seyn, sondern nach den Vollkommnern dürsten, und, ist er zu sehr lebhaften Vorstellungen aufgelegt, so wird er gerade sinnlicher Vorstellungen der Vollkommenheit bedürfen; daher werden eben Werke der schönen Künste das seyn, was dem Genie die meiste Nahrung giebt, weil sie ganz eigentlich dergleichen Vorstellungen gewähren. Weil aber ein lebhafter und reitzbarer Geist auch leichter hingerissen wird: so wird eben darum das fleißige Studium fester Regeln zur Beurtheilung des Schönen, d. i.
Abkürzungsauflösung von "d. i.": das ist
der sinnlichen Vollkommenheit, ihn gegen Ausschweifungen verwahren, und seinen Geschmack, d. i.
Abkürzungsauflösung von "d. i.": das ist
seine sinnliche Beurtheilungskraft, bilden.
|b321|Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Wenn man durch die Gründe, die hernach sollen angegeben werden (
§. 270 –74. vergl.
Abkürzungsauflösung von "vergl.": vergleiche, verglichen
mit Theil 3. §. 105. 96 f.
Abkürzungsauflösung von "f.": folgend
) von dem großen Einfluß des Geschmacks und der Bildung desselben, auf die Denkungsart, den Charakter und die Handlungen der Menschen, überzeugt seyn wird: so wird sich auch ergeben, daß der Einfluß der schönen Wissenschaften und Künste viel weiter reiche, und beträchtlicher sey, als sich die meisten vorstellen.
|a271|269.
Von den schönen Wissenschaften und Künsten können auch 4) viele andre Wissenschaften große Vortheile ziehen. Sie führen uns, wenn man sie fleißig studieret, auf viele feine Beobachtungen über die Kräfte, Triebfedern und Ver|c287|änderungen der menschlichen Seele, und erweitern dadurch nicht nur die Kenntniß der Psychologie, sondern leiten uns auch auf Grundsätze, viele, zum Theil widersprechend scheinende, Erscheinungen zu erklären. Hiedurch gewinnt die Aesthetik, die Logik, das feinere Sprachstudium, die Geschichte, sofern sie pragmatisch behandelt wird, die Moral, in Absicht auf neue oder neubestimmte Pflichten, auf neue Bewegungsgründe, auf bessre Art die Ausübung unsrer Pflichten zu befördern, und eben dadurch selbst die Religion. Wie weit anziehender sind selbst alle diese Wissenschaften worden, und haben die Lernbegierde selbst der Ungelehrten erregt, seitdem man ihnen durch |b322|Hülfe der schönen Wissenschaften ein gefälligeres Gewand gegeben hat?
270.
Was hilft auch 5) alle Erkenntniß, wenn sie nicht wirksam ist? Dies wird sie aber, je lebhafter, und überhaupt je sinnlicher sie uns die Sachen, die wir begehren oder verabscheuen sollen, darstellt; und diese Klarheit und Lebhaftigkeit den Vorstellungen zu geben, ist ganz eigent|a272|lich der Zweck, worauf die schönen Wissenschaften arbeiten. Ihr Studium benimmt der Denkungsart das Trockne und Einförmige, das so wenig reitzt und unterhält, benimmt dem Charakter das Rauhe, und macht ihn geschmeidiger, stimmt die Seele zu sanftern Empfindungen, macht sie theilnehmender an allem, was den Menschen interessirenkan, veredelt unsre ganze Natur. Wie sehr es daher – 6) auf die Leidenschaften wirke, es sey, sie zu mildern und einzuschränken, oder sie in Bewegung zu setzen, wie sehr – 7) auf die Beförderung aller Tugenden, bedarf keiner Ausführung. Wer fühlt die Macht der wahren Beredsamkeit und Dicht|c288|kunst nicht? und was hat von jeher jeden noch so rohen Menschen oder c√ Nation biegsamer und menschlicher gemacht, als Werke der c√ Schönheit c√? – Selbst von den höhern Wirkungen abgesehen, die alle dergleichen Werke hervorbringen können, abgesehen also davon, daß sie die Fähigkeiten des Menschen veredeln, sei|b323|nen thätigen Fleiß in Bewegung setzen und unterhalten, ihn lehren und antreiben, durch Thätigkeit
Editorische Korrektur von: Thätigtigkeit (a)
nach der Vollkommenheit zu ringen, – selbst die Glückseligkeit der Menschen auf Genuß und bloßesVergnügeneingeschränkt: veredlen sie doch schon dieses Vergnügen, sie machen es unschädlicher, sie verhindern die zu frühe Sättigung und Uebermaaß, sie befördern mehr den Geschmack an geistigen Vergnügungen, der nie den Menschen so tief sinken läßt als der Geschmack am gröbern Vergnügen, der doch auch den Geist immer mit beschäftigt, der ihm eher die Rückkehr zum Besin|a273|nen und den Verstand zu Gegenvorstellungen offen erhält.
271.
Wenn die Werke der schönen Wissenschaften und Künste, oder diese selbst, diese angegebnen Vortheile nicht wirklich gewähren, oder wenn sie gar den Geist, das Herz und die Sitten verderben helfen: so liegt die Schuld nicht an ihnen, sondern an dem Mißbrauch, den man mit ihnen treibt. Eigentlich sollte Schönheit der Kunst, wie Schönheit in der Natur, nur dazu dienen, durch erregtes Vergnügen die Seele zu erheitern, zu stärken, und die Fähigkeiten des Menschen zur Thätigkeit, zum Streben nach größrer Vollkommenheit, zu spannen; seine Aufmerksamkeit und seine Neigungen auf das, was wahr, was nützlich, was sittlich |c289| gut ist, zu lenken. Es sollte alle sinnliche Erkennt|b324|niß und Neigung des mit höhern Fähigkeiten gezierten, zu höhern Absichten bestimmten Menschen, unter der Regierung seiner Vernunft stehen, diese, nicht nur die Wahl, das Maaß, das Ziel aller sinnlichen Vergnügungen bestimmen, sondern auch, als Begleiterin der Empfindung, allgemeinere Gesetze zur Beurtheilung des Schönen entdecken und festsetzen, das Genie und den Geschmack regelmäßig machen, und den, der schöne Werke studierte, wenn ihm dazu die Talente nicht versagt sind, zur Verfertigung ähnlicher schönen Werke bilden. Fehlt es an diesen zwey Stücken; – begnügt man sich mit dem Vergnügen, das die Werke der schönen Kunst erwecken; – überläßt man sich bloß den |a274| sinnlichen Eindrücken, studiert man diese Werke nicht nach Regeln, zieht daraus nie das Allgemeinere, was uns in ähnlichen Fällen leiten könnte: so wundere man sich nicht, – wenn man bey steter Beschäftigung mit schönen Werken, doch nie durch diese an Verstand, an Geschmack, an Herzen, an Sitten und im guten Vortrag gebildet wird; – wenn man, von dem Geist dieser Werke entwöhnt, bloß an äusserlichen Verzierungen hängen bleibt, in Tändeleyen seine Nahrung sucht, wichtigere Pflichen darüber vergißt, nach und nach den Geschmack an allem Ernsthaften, an aller deutlichen Kenntniß, an allem, was nicht geschmückt ist, oder keinen Schmuck verträgt, verliert; und – wenn man, indem es uns an Genie oder Geschmack zu wahrhaftig schönen Werken fehlt, den Empfindler oder Gecken spielt, oder, hat man jene Talente, |b325| selbst den Reitz der Schönheit zu Verstellung der Wahrheit und Empfehlung der Laster, wenigstens feinerer Ausschweifungen, mißbraucht.
|c290|
272.
Schöne Wissenschaften und das Bestreben, sich zum anzüglichen und gefälligen Vortrag zu bilden, sollten keinem Gelehrten, am wenigsten dem gleichgültig seyn, der künftig ein Lehrer der Religion werden will. – Mag es seyn, daß Wahrheit, daß deutliche Einsicht und Ueberzeugung, der Haupt- oder vielmehr der nächste Zweck der Wissenschaften sey, daß die überzeugende und eindringliche Kraft der Wahrheit selbst ihr Beyfall verschaffe, daß es oft genug sey, diesen durch deutliche Darlegung der |a275| Gründe zu befördern: so liegen doch in denen, die man überzeugen will, Hindernisse genug, welche dieser Ueberzeugung und dem Eindruck den Zugang versperren
Editorische Korrektur von: versperrren (b)
oder die Ueberzeugung nicht zur Entschließung, die Entschließung nicht zur That kommen laßen, und der Eindruck, den die Wahrheit macht, kan doch immer durch den Vortrag verstärkt werden. Wenn daher ein Lehrer der Religion alles Mögliche thun muß, um ihr und allem Guten Eingang zu verschaffen: so muß er nichts vernachläßigen, was seinen Vortrag eindringlich und annehmlich machen kan. Ein trockner oder geschmackloser Vortrag erweckt Widrigkeit gegen Sachen selbst, oder verhindert doch den Antheil, den man daran nehmen sollte. Ein Vortrag, der |b326| sich durch seine Annehmlichkeit empfiehlt, erregt die Aufmerksamkeit, und unterhält sie, macht den Zuhörer geneigt das Vorgetragne zu untersuchen, und das Empfohlne zu versuchen, bricht dadurch die Macht der Gleichgültigkeit, der Vorurtheile und bösen Gewohnheiten, theilt den Antheil, den der Lehrer an den Sachen verräth, auch dem Zuhörer mit, verstärkt wenigstens durch seine Reitze den Eindruck noch mehr, den die Wahrheit und das Gute |c291| an sich, und die Gründe dafür in der Seele erregen können. Wenn ein Lehrer keine Fähigkeit, Hülfsmittel oder Muße hätte, sich ausgebreitete und ganz deutliche Erkenntniß zugleich mit der Geschicklichkeit im Vortrag zu erwerben: so wäre es verzeihlicher, sich mit einer guten aber mäßigen Erkenntniß zu begnügen, und desto mehr Fleiß auf den Vortrag zu wenden, alsbey dem eifrigen Bestre|a276|ben nach Weitläufigkeit und Deutlichkeit der Erkenntniß, diesen zu vernachläßigen.
c√ Je ausgebreiteter
Editorische Korrektur von: ausgebreiter (a)
das Gefühl für das Schöne und der gute Geschmack unter denenjenigen ist, auf die man wirken will, je mehr Leichtsinn oder Gleichgültigkeit unter ihnen herrscht, und je mehr bey ihnen das Ansehen der Vernunft und Religion gesunken, und das Interesse dagegen gering ist: je nöthiger ist es, auf den guten und anziehenden Vortrag bedacht zu seyn.
|b327|273.
Und gewiß hat doch auch der Lehrer, der selbst eines gewissen Ansehens und guten Vorurtheils bedarf, um die Religion wirksamer empfehlen zu können, Ursach genug, sich dieses durch feinere Sitten zu erwerben und zu erhalten. Aber der vernünftigere Theil der gesitteten Welt schätzt und erwartet diese nach derjenigen Art von Ausbildung, die der Charakter und Beruf eines Gelehrten oder Lehrers mit sich zu bringen scheint, das ist, nicht nur nach ausgebreitetern und gründlichern Kenntnissen, die ihn über Andre erheben, sondern auch nach der Geschicklichkeit, diese aufs wirksamste mitzutheilen. Bemerkt man diese Geschicklichkeit an einem Lehrer, und sieht man, daß er sie geflissentlich zu erwerben und zu benutzen suche: so giebt dieses den Zuhörern die |c292| Ueberzeugung, daß es ihm nicht gleichgültig sey, ihnen zu gefallen, sich zu ihnen herabzulaßen, ihnen auf dem Wege beyzukommen, wo sie am liebsten mit ihm wandeln; welches nothwendig mehr Zutrauen und Liebe erwecken muß, als wenn man wahrnimmt, daß ihm das Wohlgefallen der Zuhörer an seinem Vortrag gleich|a277|gültig, und ihm alles für diese Zuhörer gut genug scheine.
274.
Sogar um sein selbst willen sollte ein Lehrer der Religion in Bildung seines Vortrags nicht |b328|nachläßig seyn. Denn wenn das wahr ist, was oben (§. 59 f.
Abkürzungsauflösung von "f.": folgend
) über den Einfluß der Sprache auf die Bildung des Verstandes und Herzens gesagt wurde: so wird seine Erkenntniß weit klärer, lebhafter und lebendiger werden, wenn er sie aufs möglichste zu versinnlichen sucht, so weit es immer ohne Nachtheil der deutlichen Erkenntniß geschehen kan. Dazu dient aber das Studium der schönen Wissenschaften (
§. 262. 263 ); und bey praktischen Wissenschaften, wie die Religion ist, die er eigentlich praktisch vortragen muß, sind die angegebnen Eigenschaften der Erkenntniß, wo nicht noch wichtiger, doch wenigstens eben so wichtig, als deutliche und bestimmte Erkenntniß. – Und wenn die immer mehrere Ausbreitung des guten Geschmacks, wie unten erhellen wird, sehr viel zur Aufklärung in der Religion und zur Läuterung der Frömmigkeit beytragen kan: sollte nicht der Lehrer der Religion auch mit dahin arbeiten, daß selbst durch sein Beyspiel, in dem Kreise wenigstens, wo Er wirken kan, auf einer Seite der gute Geschmack allgemeiner, und somit der Anhänglichkeit an unfruchtbaren Untersuchungen, der Schwärmerey und dem Geiste der Kleinigkeit oder Sonderlichkeit, den verächtlichen Begriffen von Religion und Frömmigkeit gesteuret, auf der andern aber der Geschmack mehr veredelt würde, mehr Festigkeit und eine bessere Richtung |a278| auf dasjenige bekäme, was wahrhaftig gut und des vernünftigen Menschen würdig ist, wenn er angefangen hat sich zu nichtswürdigen Dingen und |b329| zur Weichlichkeit oder gar zur Empfehlung der Ausschweifungen zu neigen?
275.
Wenn aber die schönen Wissenschaften so leicht dem Mißbrauch unterworfen sind, wenn die Beschäftigung mit ihnen so manchen guten Kopf, so manches gute Herz verdorben, für die Welt unbrauchbar, wenigstens minder brauchbar gemacht hat: wie weit wäre das Studium derselben, a√ wenigstens dem zu empfehlen, der nicht ausserordentliche Anlagen zum Redner oder Dichter hat, der nicht ganz eigentlich dazu geboren zu seyn scheint? – Vorausgesetzt, daß es jemandem nicht ganz an Fähigkeit, sich ordentlich auszudrucken, und von dem, was er vortragen will, mit Antheil zu sprechen, fehlte – denn ohne dieses hat er zu einem künftigen Lehrer der Religion gar keinen Beruf: – so sollte man 1) nie eher an die Verschönerung des Vortrags denken, ehe man nicht ordentlich denken, und 2) rein sich auszudrucken gelernt hätte. Wahrheit und Richtigkeit der Gedanken soll doch nur durch Schönheit empfohlen werden; Schönheit ohne Wahrheit ist ein bloß betrügliches Blendwerk; Ordnung ist unentbehrlicher als Zierlichkeit; und es ist gar zu ungereimt, c√ auf
Verzierung des Hauses, hernach erst, oder vielleicht gar nicht, auf Festig|c294|keit und Nutzbarkeit Bedacht zu nehmen. |a279| Wer also noch nicht deutlich und ordentlich c√ denken |b330|kan, wer sich noch nicht selbst versteht, wer noch nicht einmal rein und den Sachen gemäß lesen, sprechen und schreiben kan, der müßte c√ nicht schon etwas schön ausarbeiten, er müßte nicht einmal schöne Werke, als solche, studieren wollen. Er würde sich sonst zum schönen Unsinn gewöhnen, seinen Geschmack und Verstand verderben, wenigstens sich gewöhnen, nach bloßem Vergnügen zu haschen, und der Schönheit die weit wesentlichern Vollkommenheiten des Wahren und Guten, der Verständlichkeit und Ordnung, aufzuopfern.
276.
Ueberhaupt ist das bloße Vergnügen kein genug edler Zweck für die Würde des Menschen, der immer nach größerer Vollkommenheit streben soll. Das Vermögen zu angenehmen Empfindungen ist uns nur gegeben,unsre Seele zu erheitern, unsre erschlafften Kräfte zur Vollkommenheit wieder zu spannen, und in Thätigkeit zu setzen. Selbst das edlere, geistige Vergnügen, das den Menschen den Vorzug vor den Thieren giebt, läßt sich ohne Wahrnehmen und Gefallen an Wahrheit, Ordnung, Deutlichkeit und aller Vollkommenheit unseres Geistes, die daraus entsteht, nicht denken. Daher kan auch 3) alle Beschäftigung mit schönen Wissenschaften und Werken, die nicht mit auf jene höhere Vollkommenheit geht, oder den Fleiß vermindert, den wir auf das Wachsthum in dieser wenden sollen, nicht anders als verderb|b331|lich seyn. Sie ist eine Schwelgerey, die uns um |a280| die gesunde Nahrung des Geistes bringt, die Auszehrung der vernünftigen Seele.
|c295|277.
Auch kan man nicht oft genug sagen, wie nöthig es sey, mit Unterschied und Ueberlegung (Discretion) Schönheiten in schönen Werken aufzusuchen, und in seinen eignen Arbeiten anzubringen. Es ist nicht jedem leicht, das Schickliche wahrzunehmen und auszudrucken. Nicht zu gedenken, daß es auch einen besondern Geschmack giebt, welchen nachzuahmen vielleicht, nur unter ähnlichen Umständen mit einem Meister eines schönen Werks, erlaubt seyn möchte: so hört Schönheit auf, Schönheit zu seyn, wenn sie am unrechten Orte angebracht wird, d. i.
Abkürzungsauflösung von "d. i.": das ist
bey Sachen, die ihrer Natur nach eigentlich keiner Verschönerung, wenigstens nicht ohne Nachtheil der Deutlichkeit, fähig sind, oder die der Verschönerung nicht bedürfen, oder durch Verschönerung mehr zerstreuen, und von der Hauptsache, die empfohlen werden soll, die Aufmerksamkeit zu sehr abziehen, mit einem Wort, wo sie unnatürlich, zwecklos, oder gar zweckwidrig seyn würde. Auch sollte man nicht alles, was man selbst schön findet, und wirklich schön seyn mag, in seinen eignen Arbeiten Andern wieder mittheilen wollen; man sollte vielmehr durch das Studieren schöner Werke seinen eignen Geschmack so zu bilden suchen, daß man |b332| das Gefühl des Schicklichen immer mehr zur Reife brächte, und daß man lernte, nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen derer, vor wel|a281|chen wir zu reden oder zu schreiben haben, die Wahl und den Gebrauch des Schönen zu bestimmen.
In so fern kan gerade das Lesen der schönsten und bewundertsten Schriftsteller, vornemlich Dichter, für den Prediger, dem es am Verstande und Gefühle des Schicklichen fehlt, am verderblichsten werden.
Der Ton |c296| der sogenannten guten Gesellschaft und der Schauspiele darf nicht der Ton der Kanzel werden; was dem erlaubt ist, der lauter oder meistens Zuhörer von sehr gebildeten Geschmack hat, ist dem nicht erlaubt, der meistens vor Zuhörern ganz andrer Art redet; und selbst jene, wenn sie wirklich gebildeten Geschmack haben, werden es abgeschmackt finden, da, wo Belehrung und Würde des Ausdrucks erfordert wird, Glanz und Schimmer oder gesuchte Schönheit anzutreffen.
278.
Eben deswegen kommt viel darauf an, wie man die schönen Wissenschaften treibt? – Wie bey dem Studium der Sprachen (§. 68 ), so würde auch hier,Theorie, Lesung guter Schriftsteller und eigneUebung zu verbinden seyn. – Ich setze 1) immer voraus, daß man nicht eher nach Schönheit des Ausdrucks trach|b333|ten sollte, ehe man nicht richtig denken, und sich gutausdrucken gelernt hätte. Die Theorie des vernünftigen Denkens, Uebung in Bemerkung der Wahrheit, der Ordnung und der Deutlichkeit bey einem Schriftsteller, Uebung in der Ausarbeitung wohl durchdachter, zusammenhängender, gut geordneter, verständlich und bestimmt geschriebner Aufsätze, müßte immer vorangehn; und Sprachrichtigkeit in der Sprache, worin man Schrif|a282|ten lesen, oder Aufsätze verfertigen will, müßte man vor allen Dingen in seiner Gewalt haben.
279.
Hätte man alsdann das Glück, unter Anleitung eines Mannes von reifem Geschmack, gute Schriftsteller lesen zu können: so würde 2) dieses Lesen unstreitig vor aller eigent|c297|lichen Theorie vorhergehen müssen. Denn es ist anziehender und unterhaltender als trockne Theorie, die, wenn sie deutlich und praktisch werden soll, ohnehin alles durch Beyspiele erläutern muß, welche man immer besser im Zusammenhange beurtheilen und schätzen lernt, als in abgerissenen Stücken. Vornemlich befördert dieses Lesen die Aufmerksamkeit und das eigne Gefühl des Schönen, und lehrt uns, ob wir dieses haben, ohne welches man sonst auf schöne Wissenschaften Verzicht thun müßte. – Sollte man aber eine solche Aufsicht und Anleitung eines guten Führers nicht genießenkönnen: so wäre wohl eher zu rathen, daß man |b334| sich die Grundsätze der schönen Wissenschaften und des guten Geschmacks aus guten Schriften bekannt machte, welche in der Absicht geschrieben sind, um durch Beyspiele der Schönheit und darüber gemachte Bemerkungen den Anfänger zu bilden. Für die Dichtkunst würden vorzüglich Engels Anfangsgründe einer
Th. der Dichtungsarten (§. 264 ), für die Redekunst ein Buch wie die
Principes pour la lecture des Orateurs, à Paris 1754
in gr.
Abkürzungsauflösung von "gr.": groß
12, und noch weit mehr
J. J. Eschenburg's Anhang zu dessen Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften, enthaltend eine Beyspielsammlung aus den besten Schriftstellern in alten und neuen Sprachen, Berlin, 1788–1791
in 6 Bänden gr.
Abkürzungsauflösung von "gr.": groß
8, zu empfehlen seyn.
c√
|a283|280.
Aber nach einer solchen Anweisung müßte man 3) sogleich zum Lesen der besten Schriftsteller fortschreiten, weil auf die anschauliche Erkenntniß des Schönen so viel ankömmt, und Theorie mehr den Geschmack bessert, und den guten befestigt, als hervorbringt und ernährt. Wie diese, in Rücksicht auf Schönheit, in ihrem ganzen Umfange zu lesen wären, ist schon oben (§. 84 ) gesagt. Hier möchten noch folgende Räthe nicht am unrechten Orte stehen.
|b335|281.
Hat man c√ musterhafte Schriftsteller in seiner eignen Sprache: so verdienten 4) diese – in der Art c√ Schriften, wo sie musterhaft, und fremden gleich sind – vornemlich studiert zu werden. Denn in unsrer Muttersprache denken und schreiben wir doch meistens, und sollten uns in ihr gut und schön zu denken und vorzutragen vorzüglich bilden. (§. 92 f.
Abkürzungsauflösung von "f.": folgend
) Selbst verstehen können wir die feinern eigenthümlichen Schönheiten und Anspielungen der Fremden weniger als die unsrigen; und jede Nation hat ihren eignen Geschmack, der, so fern er auch in seiner Art gut ist, doch nur mit Ueberlegung und Vorsicht in den unsrigen überzutragen wäre, und nicht die gute Originalität des unsrigen durch auswärtige erborgte Schönheiten, wenn sie uns zumahl nicht c√ so natürlich sind, zu verdrängen. (a√ §. 104. )
|c299|282.
Ob man 5) eher und mehr Dichter oder Prosaisten studieren sollte? ist eine Frage, worüber die |a284| Stimmen sehr getheilt seyn möchten. Wahr ists, Dichter gefallen meistens mehr, weil sie näher auf Vergnügen als Belehrung arbeiten, und weit mehrere Arten der Schönheit c√ vereinigen können als der Prosaist; überdies sind ihre Schönheiten hervorstechender, und also für den Anfänger bemerkbarer. Allein – Belehrung ist doch noch wichti|b336|ger als Vergnügen, und führt ihr eignes Vergnügen mit sich, ohne es erst von der Einkleidung erborgen zu müssen. – Eben das hervorstechende Schöne in den Werken der Dichtkunst verwöhnt auch den Geschmack eher, und verursacht, daß hernach das wirklich aber weniger auffallende Schöne der prosaischen Werke nicht genug Reitz für uns hat, und überhaupt der Geschmack an natürlicher Schönheit, über der Liebe zur Schönheit der Kunst und des Ausserordentlichen, geschwächt wird, wo nicht verlohren geht. – Endlich bedürfen wir der Prose häufiger als der Dichtkunst, da wir mehr in jener, seltner aber als Dichter denken, empfinden und reden, und wenn die meisten guten Köpfe gute Prosaisten werden können, so sind doch nur wenige, die Fähigkeiten haben, gute Dichter zu werden.
283.
Vorzüglich sollte man 6) die, auch in Absicht auf den Vortrag, besten Schriftsteller studieren, die in dem Fach gearbeitet haben, welchem wir uns eigentlich widmen. Denn es verräth doch entweder großen Unverstand, oder beweiset, daß man schöne Schriften nur zum Vergnügen und nicht |c300| zu höhern Absichten lese, wenn einer, der sich zum künftigen Lehrer der Religion bilden soll, sich mit Lesung |a285|der Romanen, der Schauspiele, und überhaupt der Schriften, die ihre größeste Schönheit von der Erdichtung haben, weit mehr beschäftigt, als mit solchen, welche eigentlich die Religion, Kenntniß,|b337| der Menschen, zumal derer, mit denen wir zu thun haben, ihre wirkliche Beschaffenheit, Denk- und Handlungsart, und was am meisten auf sie wirkt, betreffen. Mögen diese gleich weniger Reitz und Unterhaltung für die gewähren, welche entweder für Alles, was ernsthaft und vernünftig ist, oder die Angelegenheiten der Seele betrift, keinen Sinn, oder ihren Geschmack durch stetes Haschen nach sinnlichen Vergnügen verwöhnt haben: so sind sie doch nicht nur wichtiger zur wahren Vollkommenheit des Menschen als jene, sondern sie sind auch eben sowohl der sinnlichen Darstellung fähig, die das Wesen der Schönheit im Vortrag ausmacht. Aber es giebt verschiedne Arten und Grade der Schönheit, und man kan nicht eben dieselben von dem Prosaisten wie von dem Dichter, von dem geistigen wie von dem sinnlichen Gegenstande, fordern. Ein Vortrag, der sich durch natürliche Schönheit, durch c√ Einfalt, durch klare Bestimmtheit, durch lichtvolle Ordnung, durch anständige Würde empfiehlt, der die Sachen dem schlichten Menschenverstande von annehmlichen Seiten vorstellt, der sanfte Empfindungen erregt, der mehr belehrt als hinreißt, mehr das Herz erwärmt als erhitzt, ist gewiß auch schön. Solche Wirkungen sind, wenn gleich minder lebhaft, doch heilsamer und dauerhafter, und es zeigt von einem weit feinern Gefühl des wahrhaftig Schönen, wenn man |a286| diese verborgnern, als wenn man nur die hervorstechenden Schönheiten empfinden kan. – Und haben wir nicht auch unsre
Mosheims ,
Jerusalems ,
Spaldinge,
Tellers ,
Eberharde ,|b338|
Döderleins ,
Niemeyers und andre, denen man selbst feinere Schönheiten des Vortrags, mit Discretion, ablernen kan? – der treflichen Schriftsteller, unserer
Gellerte ,
Leßings ,
Mendelsohns ,
Garvens ,
Engels und andrer nicht zu gedenken, die, wenn gleich nicht alle in Schriften über die Religion, doch in andern eigentlich dogmatischen, den Ruhm der classischen behaupten.
c√
284.
7) DieAesthetik (
§. 263 ), oder der Theil derselben, der sich mit der Schönheit der sinnlichen Erkenntniß beschäftigt, (§. 177 Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
2)d. i.
Abkürzungsauflösung von "d. i.": das ist
die Theorie der schönen Wissenschaften undKünste, ist freylich nicht ihrem ganzen Umfang nach, und in Absicht auf die Beobachtungen und Regeln feiner Schönheiten, jedem zu wissen nöthig, der
Editorische Korrektur von: der der (a)
sich nicht vorzüglich diesen Wissenschaften widmen will. Sie ist auch, weil sie sich mit dem dunklern Theil der Seele, mit den Empfindungen, beschäftigt, und ein sehr feines Studium der Seele erfordert – wenn sie anders den Charakter wahrer Philosophie behaupten und deutlich erklären soll,– nicht jedem zugänglich. Die meisten könnten sich daher wohl mit den allgemeinen Grundsätzen der Schönheit, sonderlich der Schönheit der Rede, ohngefähr so wie sie in den alten Griechen und |a287|Römern, vornemlich in den
hieher gehörigen Schriften des Ari|c302|stoteles,Cicero und Quintilian , vorgetragen sind, und mit dem fleißigen Studieren schöner Schriften begnügen. Aber |b339| Grundsätze und Regeln überhaupt machen doch auf manches unerkannte und unmerkliche Schöne des Vortrags aufmerksam, und so gewiß es ist, daß der fleißige Beobachter des Schönen in schönen Werken sich selbst c√ Regeln des Schönen abziehen kan, so erleichtern doch bewährte Regeln feiner Beobachter diese Beschäftigung gar sehr. Vornemlich aber verbessern dergleichen Regeln den Geschmack, leiten ihn sichrer, und geben ihm mehr Festigkeit.
Vorzügliche Schriften, die dergleichen Theorien über den ganzen Umfang oder über einzelne Theile der schönen Wissenschaften enthalten, können, nach dem Zweck dieses Buchs, nicht angeführet werden.⌇cDie Theorie der schönen Künste undWissenschaften, von Joh. Aug.Eberhard , dritteAufl.
Abkürzungsauflösung von "Aufl.": Auflage
Halle 1790.
in 8.⌇cund der ⌇cEntwurf einer Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften von Joh.JoachimEschenburg , Neue Aufl.
Abkürzungsauflösung von "Aufl.": Auflage
Berlin 1789.
in gr.
Abkürzungsauflösung von "gr.": groß
8. sind zwar nur zu Vorlesungen bestimmt, also dem Anfänger ohne diese nicht ganz verständlich und brauchbar. Sie verdienen aber vor allen andern hier angeführt zu werden, weil sie sich nicht nur durch den zusammengedrängten Reichthum der Sachen, die Gründung der Regeln auf die feinsten Beobachtungen der besten Köpfe und die Natur des Schönen selbst, und durch sorgfältige Bestimmtheit empfehlen, sondern auch die auserlesenste Literatur und Anzeige der besten zu den schönen Wissenschaften gehörigen Schriften enthalten.
|a288||b340|285.
Wenn man sich 8) in Abfassung solcher Aufsätze üben will, die sich auch von der Seite des schönen Vortrags empfehlen sollen: so muß man nie vergessen, die strengste Kritik Andrer, die davon wirklich zu urtheilen im Stande sind, zu Rathe zu ziehn, und zu benutzen. Kan man dergleichen Richter nicht finden: so wird uns selbst das unbefangne Urtheil gemeiner Leser oder Zuhörer, für deren |c303| Bedürfnisse man einen solchen Aufsatz bestimmt hat, und denen es, auch bey geringem Grade der Ausbildung, nicht an gesunden Menschenverstande und Gefühl des Verständlichen, Schönen, Schicklichen und Eindrücklichen fehlt, von großem Vortheil seyn. Je mehr man Schriften studiert, die eine genaue und scharfe Kritik schöner Werke enthalten, – worin die
Briefe, die neueste Literatur betreffend, Berlin 1761–65
in 24 Theilen in 8, die
Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste, Leipz. 1757–65
in 12 Bänden, nebst 2 Anlagen und einem Hauptregister, und die Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften etc.
Abkürzungsauflösung von "etc.": et cetera
Leipz. 1766–91
bisher in 43 Bänden in gr.
Abkürzungsauflösung von "gr.": groß
8. vorzügliche Muster sind: – je mehr wird man selbst zu einer solchen Kritik gebildet werden. Uebrigens bedarf es kaum der Erinnerung, daß bey diesen eignen Uebungen die obigen Anmerkungen §. 278 und 283. nie sollten vergessen werden a√.
c√
Tonkunst
D.i. die Kunst des Komponisten, nicht die des Töpfers.
A. G. Baumgarten hat ihr den Namen der Aesthetik gegeben
Vgl. I § 177.
§. 262
Gemeint ist I § 261 c.
§. 262. Anm. 2
Gemeint ist I § 261 c Anm. 2.
Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (von J. J. Engel), Erster Theil, Berlin 1783. 8. im ersten Hauptstück
Das erste Hauptstück trägt den Titel Von dem Gedicht überhaupt. Der Autor Johann Jakob Engel wird auf dem Titelblatt nicht genannt (vgl. I § 256). In der dritten Auflage der Anweisung werden die Anfangsgründe unter dem Titel Poetik erneut angeführt (vgl. I § 279 c).
§. 270–274
Gemeint ist I § 269–274 c. I § 271 fehlt in der dritten Auflage der Anweisung (s.u.).
272
In der dritten Auflage der Anweisung fehlt I § 271. Auf I § 270 folgt I § 272.
§. 262. 263
Gemeint ist I § 261.262 c.
auf Verzierung des Hauses, hernach erst, oder vielleicht gar nicht, auf Festigkeit und Nutzbarkeit Bedacht zu nehmen
Hier ist auf die Begriffe firmitas (Festigkeit), utilitas (Nützlichkeit) und venustas (Schönheit) angespielt (vgl. I § 211), die seit Vitruvs (1. Jh. v. Chr.) De architectura libri decem als Grundprinzipien der Architektur gelten (vgl. Vitr. I 3,2).
Der Ton der sogenannten guten Gesellschaft und der Schauspiele darf nicht der Ton der Kanzel werden
Vgl. III § 66.
Th.
D.i. Theorie.
Principes pour la lecture des Orateurs, à Paris 1754
Bei dem Autor handelt es sich um den Enzyklopädisten Edmé-François Mallet (Abbé Mallet) (1713–1755), alle drei Bände dieses Werkes stammen aus dem Jahr 1753. Hier könnte ein Nachdruck genannt sein.
J. J. Eschenburg's Anhang zu dessen Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften, enthaltend eine Beyspielsammlung […] Berlin, 1788–1791 in 6 Bänden
Johann Joachim Eschenburgs (1743–1820) Beispielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften ist in insgesamt acht Bänden (1788–1795) erschienen.
J. Priestley's Vorlesungen über Redekunst und Kritik. Aus dem Englischen von Wackerbarth. Berlin 1797
Den Titel Vorlesungen über Redekunst und Kritik trägt Joseph Priestleys (1733–1804) A course of lectures on oratory and criticism (1777) in der 1779 in Leipzig erschienenen Übersetzung Johann Joachim Eschenburgs (1743–1820). August Joseph Ludwig von Wackerbarths (1770–1850) Übersetzung ist dagegen als Vorlesungen über schriftlichen und mündlichen Vortrag (1793) erschienen und 1797 erneut aufgelegt worden.
Hugo Blair's Vorlesungen über Rhetorik und schöne Wissenschaften. Aus dem Englischen von Schreiter, 4 Theile. Leipzig 1785 ff.
Bei dem Übersetzer handelt es sich um den Leipziger Philosophieprofessor Carl Gottfried Schreiter (1756–1809), die vier Teile sind zwischen 1785 und 1789 in Leipzig und Liegnitz erschienen (vgl. III § 57).
J. F. Engel's Poetik. Berlin 1806
Hier handelt es sich im Wesentlichen um Johann Jakob Engels bereits zuvor (vgl. § 264) angeführte, unvollendet gebliebene Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (1783), die unter dem Titel Poetik als elfter Band (1806) seiner Schriften erneut herausgegeben wurden.
Mosheims
Johann Lorenz von Mosheim (1693–1755) wurde nach dem Studium in Kiel 1723 Professor in Helmstedt, zunächst für Kontroverstheologie, später für Kirchengeschichte, 1747 wechselte er an die noch junge Universität Göttingen. Wissenschaftlich ist Mosheim v.a. als Kirchenhistoriker, aber auch im Bereich der Homiletik hervorgetreten (vgl. auch II § 204 c) und wird aufgrund seines pragmatisch-anthropozentrischen Kirchengeschichtsverständnisses nicht selten als Vater der neueren Kirchengeschichtsschreibung angesprochen. Daneben bekleidete er zahlreiche kirchen- und hochschulorganisatorische Ämter und war ein bedeutender Prediger. Insgesamt zählt Mosheim zu den prägenden Theologen in der ersten Hälfte des 18. Jh.s.
Jerusalems
Nach dem Theologiestudium in Leipzig und Wittenberg sowie einem zweijährigen Bildungsaufenthalt in Holland übernahm Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709–1789) 1734 die Stelle eines Hofmeisters in Göttingen. Hier als Professor vorgesehen, unternahm er zunächst eine auf fast drei Jahre ausgedehnte Englandreise. Zurückgekehrt entschied er sich jedoch gegen eine Professur und für eine Stelle als Hofprediger und Erzieher des jungen Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand (1735–1806) am Braunschweiger Hof, den er entscheidend mitprägte (z.B. Gründung des Collegium Carolinum). 1749 wurde er Abt von Marienthal und 1752 von Riddagshausen. Jerusalem, 1748 in Helmstedt zum Dr. theol. und 1787 in Göttingen honoris causa promoviert, war ein führender Aufklärungstheologe, als Hauptwerk sind die unvollendeten, mehrfach aufgelegten und übersetzten Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion (1768) zu nennen. Erwähnt sei, dass der Selbstmord seines Sohnes Karl Wilhelm (1747–1772) als Vorlage für Goethes Werther (1774) diente.
Spaldinge
Johann Joachim Spalding (1714–1804) gehört zu den bedeutendsten Gestalten der deutschen Aufklärungstheologie, sein Werk Die Bestimmung des Menschen (1748) markiert den Beginn der Neologie, er selbst ist ihre große Kulminationsgestalt. Aus dem kirchlichen Dienst heraus – Spalding hat (trotz zweifachen Rufes nach Greifswald) nie eine Professur bekleidet, sondern war nach der Erlangung des philosophischen Doktorgrades im Jahre 1736 zunächst Hilfsprediger in seiner Heimatstadt Tribsees, später Pastor in Lassan und Barth und schließlich Oberkonsistorialrat und Propst an der Berliner Nikolai-Kirche – konnte er neben seinen Schriften v.a. als Prediger eine große Breitenwirkung entfalten und so maßgeblich zur Überführung des protestantischen Christentums in die Moderne beitragen. Seine Schriften und Predigten liegen mittlerweile in kritischer Edition vor (SpKA). Nicht zufällig spielt die Anweisung gleich im ersten Satz auf Spaldings epochemachende Bestimmung aus dem Jahr 1748 an (vgl. I § 1).
Tellers
Nach dem Studium in seiner Heimatstadt Leipzig wurde Wilhelm Abraham Teller (1734–1804) 1761 zunächst Professor in Helmstedt. Seine v.a. im Lehrbuch des christlichen Glaubens (1764) vertretenen neologischen Positionen führten hier jedoch zu heftigen Reaktionen seitens der Orthodoxie, so dass Teller 1767 als Propst und Oberkonsistorialrat nach Berlin übersiedelte. Dass auch das Woellnersche Religionsedikt (1788) nichts an Tellers aufklärerischen Standpunkten änderte, zeigt sein positives Votum über den als „Zopfschulz“ bekannt gewordenen Johann Heinrich Schulz (1739–1823), auf das hin Teller im Erscheinungsjahr seines Spätwerks Die Religion der Vollkommnern (1792) ohne Gehalt für drei Monate suspendiert wurde. Neben zahlreichen gedruckten Predigten (vgl. III § 65 c) ist sein bis 1805 mehrfach aufgelegtes Wörterbuch des Neuen Testaments (1772) hervorzuheben (vgl. II § 147), das im Rahmen der Bibliothek der Neologie ediert wird (BdN IX).
Eberharde
Johann August Eberhard (1739–1809) wurde nach dem Studium in Halle zunächst Lehrer und Prediger in Halberstadt, wechselte 1774 als Prediger nach Charlottenburg und kam hier mit der Berliner Aufklärung in Kontakt. 1778 kehrte er als Professor für Philosophie nach Halle zurück, erhielt den philosophischen Doktorgrad und hat als wichtiger Vertreter der halleschen Schulphilosophie Leibniz-Wolff'scher Prägung und Kritiker Kants u.a. auf den Studenten Friedrich Schleiermacher (1768–1834) gewirkt. Sein umfangreiches, in der Anweisung breit rezipiertes Werk ließ ihn 1786 zum auswärtigen Mitglied in die Berliner Akademie der Wissenschaften, 1805 zum Geheimrat und 1808 auch zum Doktor der Theologie werden. Hervorzuheben sind die Neue Apologie des Sokrates (1772), der später ein zweiter Band folgte (vgl. I § 18), die Allgemeine Geschichte der Philosophie (1788) und Der Geist des Urchristenthums (1807–1808) (vgl. I § 214 c), zudem war Eberhard auch Herausgeber kantkritischer philosophischer Magazine (vgl. I § 213). Zu seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten vgl. I § 100 c.
Döderleins
Der als „Melanchthon seiner Zeit“ bezeichnete Johann Christoph Doederlein (1746–1792), nach dem Studium zunächst Hauslehrer und Diakon, ab 1772 Professor in Altdorf, ab 1783 in Jena, ist v.a. durch alttestamentlich-exegetische, aber auch durch dogmatische und moralphilosophische Arbeiten hervorgetreten. Mit den Fragemente[n] und Antifragmente[n] (1778/1779) hat er sich in den sog. Fragmentenstreit eingeschaltet, bedeutend ist seine mehrfach aufgelegte Institutio Theologi Christiani (1780/1781), der nach der dritten Auflage der Christliche Religionsunterricht nach den Bedürfnissen unserer Zeit folgte (vgl. II § 174). Zudem gab Doederlein die Auserlesene Theologische Bibliothek (Leipzig 1780–1792) heraus. Die in nur einem Stück erschienenen Materialien zum Kanzelvortrag (1774) setzen sich äußerst kritisch mit Spaldings Ueber die Nutzbarkeit des Predigtamtes (1772) und der auch von Johann Gottfried Herder (1744–1803) kritisierten Forderung nach einer dogmenfreien Predigt auseinander, empfehlen aber doch Spaldings Predigtstil. Nicht gemeint ist der Pietist Christian Albrecht Döderlein (1714–1789).
Niemeyers
Als Urenkel August Hermann Franckes (1663–1727) besuchte August Hermann Niemeyer (1754–1828) das Pädagogium in Halle, studierte anschließend ebenda Theologie und wurde nach der 1777 erfolgten Promotion zunächst Privatdozent und 1784 schließlich ordentlicher Professor. Zusätzlich übernahm Niemeyer, in Verbindung mit weiteren Ämtern, die Leitung der Franckeschen Stiftungen und des theologischen Seminars und richtete außerdem ein pädagogisches Seminar ein. Im Zuge der Eroberung Halles durch Napoleon (1806) nach Frankreich verschleppt, wurde er nach seiner Rückkehr Kanzler und rector perpetuus der Universität. Hervorgetreten ist Niemeyer v.a. als bedeutender Pädagoge, sein Ansatz wird im Handbuch für christliche Religionslehrer (1795/96; 71829) und besonders in den über mehrere Auflagen teils massiv umgearbeiteten Grundsätze[n] der Erziehung und des Unterrichts (1796) ansichtig, die ihren Autor zum Mitbegründer der akademischen Erziehungswissenschaft werden ließen (vgl. BdN V). Als ergebener Schüler Nösselts hat Niemeyer zudem nicht nur die dritte Auflage der Anweisung besorgt, sondern auch eine umfassende Biographie seines Lehrers und väterlichen Freundes verfasst (vgl. Vorrede Hg. c XIf.). Aufgrund seiner Predigerbibliothek (Halle 1782–1784), die später u.a. von August Hermann Niemeyer bearbeitet wurde (vgl. I § 43 c), könnte an dieser Stelle auch an dessen älteren Bruder David Gottlieb Niemeyer (1745–1788) gedacht sein.
Zollikofer
Der im schweizerischen St. Gallen geborene Georg Joachim Zollikofer (1730–1788) übernahm nach dem zuletzt in Utrecht absolvierten Studium ab 1754 kirchliche Anstellungen in Murten, Monheim und Neu-Isenburg, bevor er 1758 eine Stelle als Pfarrer der reformierten Gemeinde in Leipzig antrat, die er bis zu seinem Tod versah. Hier anvancierte Zollikofer, der mit zahlreichen Gelehrten seiner Zeit in Briefkontakt stand, zu einem über Stadt und Gemeinde hinaus gefeierten Prediger (die nach seinem Tod herausgegebenen Sämmtliche[n] Predigten [1789–1804] umfassen 15 Bände) und trug v.a auf diesem Wege zur Verbreitung einer aufgeklärten Theologie bei. Daneben ist Zollikofer auch als Kirchenlieddichter und Gesangbuchherausgeber (Leipzig 1766; 81786) sowie als Übersetzer englischer und französischer Schriften hervorgetreten.
Lavater
Gemeinsam mit dem Theologen Felix Hess (1742–1768) und dem Maler Johann Heinrich Füssli (1741–1825) unternahm Johann Caspar Lavater (1741–1801) 1763 nach dem Studium am Zürcher Collegium Carolinum und der Ordination eine Bildungsreise nach Norddeutschland, auf der er bedeutende Zeitgenossen, allen voran Johann Joachim Spalding, kennenlernte. Nach seiner Rückkehr nach Zürich war Lavater zunächst literarisch tätig und versah ab 1769 unterschiedliche kirchliche Ämter. Dem neuen aufklärerischen Gedankengut gegenüber durchaus kritisch eingestellt, vollzog er bereits 1768 eine tiefgreifende theologische Umorientierung, durch die Christus als Vermittler eines völlig transzendenten Gottes in den Mittelpunkt seines Denkens rückte und die Lavater v.a. aufgrund seiner Wundergläubigkeit zunehmend den Vorwurf der Irrationalität einbrachte. Lavater hat ein umfangreiches Gesamtwerk hinterlassen, besondere, europaweite Bekanntheit erlangte er durch das vierteilige Werk Aussichten in die Ewigkeit (1768–1778), das ohne sein Wissen veröffentlichte Geheime Tagebuch (1771/1773) und die ebenfalls vierteiligen Physiognomische[n] Fragmente (1775–1778).
Reinhardt
Nach dem Studium in Wittenberg stieg Franz Volkmar Reinhard (1753–1812) nach der 1777 ebenda erfolgten Habilitation für Philosophie und Philologie zum Professor der Theologie und 1790/1791 auch zum Universitätsrektor auf. 1792 wurde er zum Oberhofprediger in Dresden berufen und als Vizepräsident des Oberkonsistoriums 1810 mit der Visitation und Revision der sächsischen Universitäten und Fürstenschulen beauftragt. Mit sonntäglich bis zu viertausend Zuhörern gilt Reinhard als einer der erfolgreichsten Prediger der späten Aufklärung und blieb im deutschsprachigen Raum über seinen Tod hinaus stilbildend. Seine Predigten (einige auch ins Französische, Niederländische, Dänische, Schwedische und Englische übersetzt) sind in insgesamt 42 Bänden (1815–1821) veröffentlicht, aus seinen übrigen Werken sei v.a. das mehrfach aufgelegte und weitverbreitete System der christlichen Moral (vgl. II § 204 c) hervorgehoben. Eigens erwähnt sei Reinhards Aufmerksamkeit erregende Reformationspredigt des Jahres 1800, in der er den Abfall der Kirche von Luther und seiner Rechtfertigungslehre beklagte und damit wesentliche Fragen nach dem Kern des protestantischen Christentums aufwarf.
Gellerte
Der Pfarrerssohn Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769) studierte Theologie und Philosophie in Leipzig und war, nachdem er sich vergeblich als Prediger versucht hatte, zunächst als Privatlehrer tätig. Nach Erlangung des Magistergrads im Jahr 1743 und einer mit der Habilitation 1744 verbundenen Vorlesungstätigkeit an der Leipziger Universität wurde Gellert 1751 ebenda Extraordinarius für Dichtkunst und Beredsamkeit. Eine freigewordene ordentliche Professur für Philosophie wie auch Rufe nach Hamburg und Halle lehnte er ab. Aus dem umfangreichen Werk des bereits zu Lebzeiten hochverehrten Dichters sind v.a. seine Fabeln, aber auch seine Kirchenlieder hervorzuheben. Zudem ist Gellert auch als Moralphilosoph hervorgetreten. Insgesamt gehört Gellert zu den meistgelesenen und bildungsgeschichtlich bedeutsamsten Autoren seiner Zeit.
Leßings
Nach dem Studium in Leipzig und Wittenberg ließ sich Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) zunächst in Berlin nieder, war später als Sekretär in Breslau und als Dramaturg am Nationaltheater in Hamburg tätig und wurde im Jahre 1770 schließlich Bibliothekar an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. In diese Zeit fallen so berühmte Werke wie Emilia Galotti (1772) oder Nathan der Weise (1779). In der Anweisung wird auf die gemeinsam mit den Berliner Freunden Friedrich Nicolai (1733–1811) und Moses Mendelssohn herausgegebenen Briefe, die Neueste Litteratur betreffend verwiesen (vgl. I § 285), zudem ist auf Lessings berühmte Erziehung des Menschengeschlechts angespielt (vgl. II § 44).
Mendelsohns
Der Philosoph Moses Mendelssohn (1729–1786) gilt als der bedeutendste Vertreter der jüdischen Aufklärung (Haskala). Nach erster sorgfältiger Ausbildung in seiner Heimatstadt Dessau folgte der hochbegabte Mendelssohn seinem Lehrer David Fränkel (1707–1762), der als Oberrabbiner nach Berlin berufen worden war, im Jahre 1742 nach. Hier wurde er nach dem Studium zunächst Privatlehrer im Haushalt eines Seidenhändlers, in dessen Fabrik er sich bis zum Teilhaber emporarbeitete. Daneben führte seine Freundschaft mit Lessing (auch Johann Wilhelm Ludwig Gleim [1719–1803] gehörte zu seinen engen Freunden) zur Mitarbeit an Friedrich Nicolais Briefe, die Neueste Litteratur betreffend (vgl. I § 285), so dass Mendelssohn überdies zu einem einflussreichen Literaturkritiker avancierte. Bekannt ist die Auseinandersetzung mit Johann Caspar Lavater, der ihn aufforderte, entweder das Christentum zu widerlegen oder zu konvertieren. Mendelssohn war Ehrenmitglied der Mittwochsgesellschaft und soll auch dem Montagsclub angehört haben, die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften scheiterte.
Garvens
Der von Zeit- und Fachgenossen hochgeschätze (teilweise aber auch als zu seicht empfundene) Aufklärungsphilosoph Christian Garve (1742–1798) kehrte nach dem Studium in Frankfurt/Oder und Halle (v.a. bei Semler und Nösselt) 1767 zunächst in seine Heimatstadt Breslau zu seiner ihm äußerst eng verbundenen Mutter zurück. Kurz darauf übernahm er eine außerordentliche Professur für Philosophie in Leipzig, doch zog es ihn bereits 1772 erneut nach Breslau, wo der seit seiner Jugend kränkelnde Garve, mittlerweile Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, über zwei Jahrzehnte später starb. Hinterlassen hat Garve ein v.a. moralphilosophisches, essayistisch angelegtes (vgl. III § 95) Werk, zudem ist er als Kommentator und Übersetzer etwa von Cicero (vgl. I § 200 a; II § 204) und Alexander Gerard (1728–1795) (vgl. III § 105) hervorgetreten. Bekannt ist Garves Auseinandersetzung mit Kant, die mit seiner von Johann Georg Heinrich Feder (1740–1821) (vgl. I § 213) abgeänderten Rezension der Kritik der reinen Vernunft (1781) begann.
Engels
Gemeint ist der Philosoph und Schriftsteller Johann Jakob Engel (1741–1802), der nach der Verleihung des philosophischen Doktorgrades in Bützow in Leipzig ein Theologiestudium aufnahm, sich jedoch schnell philologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien zuwandte und erste Bühnenstücke veröffentlichte. 1776 übernahm er eine Professur für Philosophie und die Schönen Wissenschaften am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin und war gleichzeitig als Privatlehrer – als prominenteste Schüler dürfen der spätere Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) und Wilhelm von Humboldt (1767–1835) gelten – tätig. Daneben verfasste er weiter erfolgreich Bühnenstücke und wurde unter Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) schließlich Direktor des Berliner Nationaltheaters. Engel gilt als repräsentativer Vertreter der Berliner Aufklärung und Verfechter einer moralisierenden, popularphilosophisch durchsetzten Schriftstellerei, aus den theoretischen Arbeiten sind die zweibändigen Ideen zu einer Mimik (1785/86) und seine unvollendet gebliebenen Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (1783) (vgl. I § 264; I § 279 c) hervorzuheben.
L. A. Schaller's Handbuch der klassischen Literatur und Dichtkunst von Leßing bis auf gegenwärtige Zeit, 2 Theile. Halle 1816
Der Name des Autors lautet Karl August Schaller (gest. 1819), der Titel des ersten, die poetische Literatur enthaltenden Bandes lautet Handbuch der neuern deutschen klassischen Literatur von Lessing bis auf gegenwärtige Zeit (1811), der des zweiten, die philosophische Literatur umfassenden Bandes Handbuch der klassischen Literatur der Deutschen von Lessing bis auf gegenwärtige Zeit (1816). Von dem zweiten Band ist nur die erste, die spekulativ-philosophische Literatur enthaltende Abteilung erschienen.
§. 263
Gemeint ist I § 262 c.
hieher gehörigen Schriften des Aristoteles, Cicero und Quintilian
Zu den rhetorischen Werken des Aristoteles und des hier in der gängigen Schreibweise genannten Quintilian vgl. I § 146 bzw. I § 42. Die rhetorischen Schriften Ciceros stellen einen gewichtigen Teil seines Gesamtwerkes dar (vgl. I § 60). Zu nennen sind in diesem Zusammenhang v.a. das Frühwerk De inventione, De oratore, der Orator, die Partitiones oratoriae, die kurze Schrift De optimo genere oratorum sowie der Brutus. Ein besonderer Fall ist die bereits in der Antike Cicero zugeschriebene Rhetorica ad Herennium. Während man die Autorschaft Ciceros heute nahezu ausschließt, wird die Rhetorica im 18. Jh. noch immer Cicero zugerechnet (vgl. Bibl. Nöss. 400 Nr. 272).
Desselben Handbuch der Aesthetik für gebildete Leser aus allen Ständen, 4 Theile. Halle 1809
Ob die erste (1803–1805) oder die zweite Auflage (1807–1820) gemeint ist, ist nicht zu entscheiden. Der zweite Band der zweiten Auflage stammt aus dem Jahr 1809.
F. Bouterweck Aesthetik, 2 Theile. Leipzig 1816
Die beiden Bände der Erstauflage sind 1806 erschienen, zudem findet sich eine in Göttingen erschienene, berichtigte und völlig umgearbeitete zweite Ausgabe aus dem Jahr 1815.
Al. W. Schreiber's Lehrbuch der Aesthetik. Lübeck 1809
Aloys Wilhelm Schreibers (1763–1841) Lehrbuch ist in Heidelberg erschienen.
Briefe, die neueste Literatur betreffend, Berlin 1761–65 in 24 Theilen
Die Briefe, die Neueste Litteratur betreffend 1 (1759)–23/24 (1765/1766) stammen von Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai (1733–1811).
Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste, Leipz. 1757–65 […] Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften etc. Leipz. 1766–91 bisher in 43 Bänden
Die zwölfbändige Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste (Leipzig 1757–1765) wurde von Friedrich Nicolai (1733–1811) und Moses Mendelssohn, ab dem fünften Band von Christian Felix Weiße (1726–1804) herausgegeben. Wohl bis zu Bd. 35 (1788) verantwortete Weiße als Nachfolgeorgan auch die Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste 1 (1765/66) – 72 (1806), die der Leipziger Verleger Johann Gottfried Dyck (1750–1815) danach allein fortführte.
Allgemeinen Literaturzeitungen
Gemeint sind etwa die Allgemeine Literatur-Zeitung (Jena/Leipzig bzw. Halle 1785–1849), von der sich die im Vergleich zu ihrem halleschen Pendant bald bedeutendere Jenaische Allgemeine Literaturzeitung (Jena 1804–1841) abspaltete, die 1739 als Göttingische Zeitungen von Gelehrten Sachen gegründeten und bis heute erscheinenden Göttingische[n] Gelehrte[n] Anzeigen oder die zum Zeitpunkt des Erscheinens der dritten Auflage der Anweisung bereits eingestellte Allgemeine deutsche Bibliothek (Berlin/Stettin 1765–1806) (ab 1793 unter dem Titel Neue allgemeine deutsche Bibliothek).
meine Briefe an christliche Religionslehrer, 3te Sammlung, Br. 23. 24
August Hermann Niemeyers Briefe an christliche Religionslehrer sind in zwei Auflagen erschienen. Die drei Bände der ersten Auflage (1796–1799) sind als Sammlungen erschienen, die zwei Bände der zweiten Auflage (1803) als Theile, wobei der zweite Teil die dritte Sammlung enthält. Hier kann nur die zweite Auflage gemeint sein, da die Erstauflage der dritten Sammlung mit dem 22. Brief endet.
a:
ø
a:
264
c:
261
c:
in der gewöhnlichen Bedeutung
c:
Frägt man zuerst, was
c:
von
c:
als eigenthümlich unterscheidet, so
c:
darin
c:
etwas
c:
ø
c:
es
a:
Sache
c:
Mißfallen, oder Interesse
c:
unsere
a:
beschäftigen
c:
unsere
c:
befriedigen),
a:
Art
c:
Letztere kann
c:
Gegenstände bewirkt
c:
kann
ac:
Anm.
a:
genannt, und
c:
Dieß
a:
Inbegrif
c:
bei
c:
bei
c:
freie
a:
man hernach die freyen
c:
Künste
c:
3.
c:
äußerlichen
c:
innere
c:
Malerei
c:
Künste,
a:
den mechanischen unterschieden hat, deren Zweck Befriedigung bloß körperlicher, wie jener, zugleich oder allein Befriedigung geistiger Bedürfnisse ist
a:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
2. Hienach läßt sich vielleicht der Unterschied zwischen Wissenschaften und Künsten etwas bestimmter angeben, und erklären, woher die so schwankenden Begriffe von dem Unterschied derselben kommen. Alle Kenntnisse dienen zur Befriedigung der Bedürfnisse, entweder der Seele, die sie belehren, überzeugen oder bewegen sollen, oder des Körpers, oder beyder zugleich. Nimmt man nun Wissenschaften und Künste (objectiue) für den zusammenhängenden Inbegrif gewisser einen gemeinsamen Gegenstand betreffenden Kenntnisse: so entstehen im angegebnen ersten Fall Wissenschaften, im zweyten mechanische, im dritten schöne Künste. Diese letzten sind mit den freyen Künsten der Alten einerley, sofern man bey diesen, welches die Alten nicht thaten, Künste noch von eigentlichen Wissenschaften unterscheidet; sie bringen, z. B.
Abkürzungsauflösung von "z. B.": zum Beispiel
|a262| Mahlerey und Tonkunst, zunächst angenehme Bewegungen im Körper oder den äusserlichen Sinnen, zugleich aber auch angenehme Empfindungen des innern Sinnes hervor. Weil nun die schönen Wissenschaften und Künste die Hervorbringung dieser letztern angenehmen Empfindungen mit einander gemein haben; so läßt sich leicht einsehen, wie man habe in Versuchung gerathen können, sie beyderseits unter die freyen Künste zu rechnen.
c:
Anm.
a:
Anm. 3.
c:
ø
a:
Innhalt
c:
Sache
c:
kann
a:
hier,
a:
Wissenschaften
a:
Begrif
c:
liegt
c:
Verdeutlichung),
a:
226
a:
265
c:
262
a:
die
c:
drei
a:
strengen
c:
einerlei
ac:
Anm.
c:
Alles
c:
sofern
c:
wird;
c:
Verstande
c:
und
c:
bewirken. Daher
ac:
Anm.
c:
sei
c:
vergegenwärtigt
c:
sie
ac:
Anm.
c:
bei
c:
Sachen,
c:
wird,
c:
kann
c:
werden,
c:
kann
a:
blossen
a:
grosse
c:
Freilich
c:
erwecken;
c:
eines höhern
a:
266
c:
263
c:
scheiden,
c:
beiderlei
c:
bei
c:
Wissenschaften
a:
264 )
c:
262. ),
a:
ist,
c:
Alles
c:
klarer
c:
anziehender
a:
nehmliche
c:
nämliche
c:
und
c:
kann
c:
beiderlei
c:
sinnliche Darstellung
c:
Gegenstände
c:
ihnen
c:
kann
c:
kann
c:
beiderlei
c:
hervorsticht:
c:
bei
a:
Belehrung
a:
264.
a:
3.)
c:
wird; bei
c:
kann
c:
ø
ac:
Anm.
c:
beider
c:
daher,
c:
ungebundene
c:
einerlei
c:
Poesie,
c:
|c283|⌇c Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (von J. J. Engel ), Erster Theil, Berlin 1783.
8. im ersten Hauptstück.
ac:
Anm.
c:
bei
c:
Sylben-,
a:
bilderreicher
c:
nämlich
c:
befördert:
c:
kann
ac:
Anm.
c:
die
a:
267
c:
264
c:
Hiernach wird
a:
besässe
c:
besitzt
c:
ø
c:
aber
a:
eines
c:
eines
c:
hat
c:
Gegenstände anziehend
c:
ist
c:
Dichtkunst
a:
Innbegrif
c:
Inbegriff
a:
jenen
a:
Verstande
c:
Beredtsamkeit
ac:
Anm.
c:
Verstande, erstreckt
c:
Vortrag, sofern
c:
mag nun
c:
Gesprächen,
c:
bei
c:
Anweisung,
a:
erwehnte
c:
Beredtsamkeit
a:
Rede
c:
bedient
a:
268
c:
265
c:
bei
c:
kann
c:
bei
c:
dieß
a:
könte
c:
sei
c:
unsere eigene
c:
unsere
a:
unsren
a:
mehr
c:
Andere
a:
einflössen
a:
269
c:
266
c:
unsere
c:
Ueberlegung;
a:
dem
ac:
überlassen
c:
Vernunft; letztere
c:
kann
c:
höheren Geistern
a:
kan,
c:
kann,
a:
270
c:
267
c:
Beides
c:
kann
c:
kann
c:
Beides
a:
andrer,
c:
Anderer;
c:
dem
c:
bedürfen. Daher
c:
wird,
ac:
Anm.
a:
unten
c:
270 –274.
c:
96.
a:
werden,
a:
grossen
c:
Menschen
c:
sei
c:
Meisten
a:
271
c:
268
c:
andere
a:
grosse
c:
studiert
c:
Hierdurch
c:
bessere
c:
unserer
c:
geworden
c:
den Einfluß des veredelten Geschmacks
a:
272.
c:
269[.]
c:
Dieß
c:
Gegenstände
c:
darstellt:
c:
unterhält;
a:
Rauhe
c:
Allem
a:
intereßiren
c:
kann
c:
ø
c:
sei
c:
ø
c:
Beredtsamkeit
c:
Was
c:
jede
c:
Kunst und des Geschmacks, in welchen die
c:
idealisirt ist
a:
des
a:
blosses
c:
eingeschränkt, veredeln
c:
Vergnügen;
c:
unschädlicher;
c:
ø
c:
Uebermaaß;
c:
läßt,
c:
an den gröberen
a:
ø
c:
für die Reflexion
a:
273
c:
270
c:
angegebenen
c:
größerer
c:
auch
c:
zwei
c:
ø
c:
ø
c:
Eindrücken;
c:
ø
c:
bei
a:
in
c:
ø
c:
äußerlichen
c:
Tändeleien
c:
Allem
c:
ø
c:
wahrhaft
a:
274
c:
272[!]
c:
Schöne Wissenschaften
c:
anziehenden
c:
Lehrer
c:
Religion
c:
Haupt-,
c:
sei
c:
Beifall
c:
sei
c:
Eindrucke
a:
versperren
a:
Entschliessung
a:
Entschliessung
a:
lassen,
c:
lassen;
c:
kann
a:
mögliche
c:
verschaffen,
a:
vernachläßigen
c:
vernachlässigen,
c:
kann
ac:
geneigt,
c:
Vorgetragene
c:
Empfohlene
a:
Musse
c:
erwerben;
a:
als,
c:
bei
c:
vernachlässigen
c:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
c:
bei
a:
es
a:
275
c:
Ansehns
a:
vernünftige
c:
Andere
c:
sei
ac:
herabzulassen
c:
beizukommen
c:
Vortrage
c:
Alles
a:
276
c:
nachlässig
c:
wurde,
c:
klarer
c:
Möglichste
c:
Deutlichkeit derselben
c:
kann
c:
263.
a:
264. 265.
c:
bei
c:
angegebenen
c:
Deutlichkeit
c:
höchste Bestimmtheit
c:
beitragen kann
c:
Beispiel
c:
kann
a:
allgemeiner
c:
unfruchtbare
c:
Schwär|c293|merei
c:
gesteuert
c:
hat,
a:
auf nichtswürdige Dinge
c:
von
a:
277
c:
sind;
a:
wenigstens dem künftigen Lehrer der Religion,
c:
außerordentliche
a:
Fähigkeit
a:
auszudrücken
c:
Beruf
c:
Verschönerung
c:
ordentlich
c:
rein
a:
auszudrücken
c:
Blendwerk:
c:
zuerst
c:
dann
c:
zu
c:
vermag
c:
kann
c:
noch gar
c:
ø
c:
schreiben
c:
dahin kommen
a:
blossen
a:
278
a:
blosse
c:
bloße Vergnügen
c:
hinreichend
a:
grösserer
a:
gegeben
c:
unsere
c:
unsere
c:
spannen
c:
kann
c:
Schwelgerei
a:
279
c:
kann
c:
sei
c:
eigenen
ac:
auszudrücken
c:
bei
c:
Einem
c:
Alles
c:
eigenen
c:
eigenen
a:
ø
c:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Insofern kann
c:
ø
c:
vornehmlich
a:
dem
c:
an richtigem Verstande
c:
Gefühl
c:
werden. Was
c:
größtentheils
c:
gebildetem
a:
Zuhörer
c:
anderer
a:
redet,
a:
280
c:
bei
c:
hier
c:
eigene
a:
ausdrücken
c:
bei
c:
geschriebener
c:
muß
c:
vorangehen
c:
muß
a:
281
c:
Hat
a:
alsdenn
a:
reifen
c:
können,
c:
wird
c:
Alles
c:
Beispiele
a:
lernt
a:
abgerißnen
c:
Vornehmlich
a:
geniessen
c:
können,
c:
Beispiele
a:
266
a:
1754. in drey Bänden
a:
12.
c:
ø
c:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Für die Redekunst gehören dahin:
J. Priestley's Vorlesungen über Redekunst und Kritik. Aus dem Englischen von Wackerbarth . Berlin 1797.
Ganz vorzüglich
Hugo Blair's Vorlesungen über Rhetorik und schöne Wissenschaften. Aus dem Englischen von Schreiter , 4 Theile. Leipzig 1785
ff.
Abkürzungsauflösung von "ff.": folgende
Dann auch:
J. G. Maaß Grundriß der allgemeinen, und besonders reinen Rhetorik. Halle 1798.
J. C. Adelung über den deutschen Styl, 2 Theile. Berlin 1800.
Für die Dichtkunst
J. F. Engel's Poetik. Berlin 1806.
C. A. H. Clodius Entwurf einer systematischen Poetik, 2 Theile. Leipzig 1804.
|c298| Als Beispielsammlung würde aber
J. J. Eschenburg's Anhang zu dessen Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften, enthaltend eine Beispielsammlung aus den besten Schriftstellern in alten und neuen Sprachen, Berlin 1788–1791.
kann, ohne sie und ihre Eigenthümlichkeit sclavisch nachzuahmen, – der trefflichen älteren und neueren Prosaisten, wie Gellert,Leßing,Mendelsohn,Garve,Engel und anderer
a:
claßischen
c:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Ein brauchbares Hülfsmittel zu ihrer Kenntniß ist unter andern:
L. A. Schaller's Handbuch der klassischen Literatur und Dichtkunst von Leßing bis auf gegenwärtige Zeit, 2 Theile. Halle 1816.
a:
286
c:
4) Tiefere Ergründung der
a:
265
c:
263.
c:
des Theils
c:
welcher
a:
174 Anm.)
c:
177. Anm. 2.)
c:
Künste betrifft, ist
c:
Umfange
a:
will; sie
c:
gerade nicht von jedem zu fordern. Sie
c:
dunkleren
c:
Psychologie
c:
soll
a:
ø
c:
Meisten
a:
ohngefehr
c:
ungefähr
c:
Werken der
c:
Römer, vornehmlich
c:
hierher
ac:
Quintilian
c:
aufmerksam;
c:
die
c:
desselben
a:
kann;
c:
kann,
c:
Grundsätze
c:
Vornehmlich
c:
sicherer
a:
einzle
c:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Als schätzbare Handbücher sind zu betrachten:
a:
ø
c:
Wissenschaften
c:
J. A.
a:
zweyte
c:
ø
a:
1786.
c:
⌇c
Desselben Handbuch der Aesthetik für gebildete Leser aus allen Ständen, 4 Theile. Halle 1809.
c:
J.
a:
ø
c:
Eschenburg.
a:
1783.
c:
⌇cdesgleichen
F. Bouterweck Aesthetik, 2 Theile. Leipzig 1816.
K. H. L. Pölitz Aesthetik für gebildete Leser, 2 Theile. Leipzig. 1807.
Al. W. Schreiber's Lehrbuch der Aesthetik. Lübeck 1809.
a:
287
c:
5)
c:
sollen,
c:
Anderer
c:
ziehen
c:
Kann
c:
finden,
c:
unbefangene
c:
bei
ac:
gesundem
c:
Kräftigen
a:
grossen
a:
ø
a:
Briefe
a:
ø
a:
1757 flgg.
Abkürzungsauflösung von "flgg.": folgende
a:
neue
a:
Wissenschaften, die noch fortdauert,
a:
sind;
c:
desto
a:
280
a:
285
a:
ø
a:
sollten
c:
ø
c:
Anm.
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung
Hierzu kann die Lesung solcher kritischer Schriften und so gründlicher Recensionen, wie früherhin die Briefe die neueste Literatur betreffend, dann die Bibliothek der schönen Wissenschaften, späterhin mehrere der bekannten
Allgemeinen Literaturzeitungen, neben vielen oberflächlichen enthielten, allerdings sehr nützlich seyn, wenn man Zeit hat, langsam und prüfend zu lesen. Nicht minder aber sind eigene praktische Uebungen, zumal unter dem Auge eines kritischen Lehrers, oder wenigstens kritischen und talentvollen Freundes, schon auf der Universität sehr zu empfehlen. Ueberhaupt aber sollte auch der Theologe und Prediger den Werken des Geschmacks nie fremd werden. Sie sind vorzüglich geschickt, den Geist vor der Erstarrung oder dem Herabsinken in das Niedrige und Gemeine zu bewahren, was leider an so vielen Mitgliedern dieses Standes wahrgenommen und beklagt werden muß. Man vergl.
Abkürzungsauflösung von "vergl.": vergleiche
meine Briefe an christliche Religionslehrer, 3te Sammlung, Br.
Abkürzungsauflösung von "Br.": Brief
23. 24. A. d. H.
Abkürzungsauflösung von "A. d. H.": Anmerkung des Herausgebers
Abkürzungsauflösung von "Anm.": Anmerkung