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|c171| |z[1]| Anhang.
z: Zum XII. Sontage nach Trinitatis.
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I.
Ist mehr F r e u d e oder mehr E l e n d in der Welt?
I m Alterthume, wo die Menschen bei der grössern Simplicität der Sitten weniger Bedürfnisse hatten; und bei den beständigen Bewegungen des Körpers in frischer Luft mehr Gesundheit genossen, glaubte man, daß Freude und Leid in der Welt gleich sey. Nach dem ältesten unter den Weisen der heydnischen Welt *) [1] liegen in Jupiters Vorsaale zwei Fässer, das eine mit Gutem angefüllt, und das andere mit Uebel, und aus beiden theilt er den Sterblichen gleiche Portionen aus. In spätern Zeiten, wo der zunehmende Luxus, die Kentnisse und Sitten der Menschen verdarb, legte man dem Fasse voll Uebel noch eines bei, und behauptete **) ,[2] neben Einer Freude gebe die Gottheit jedem Menschen Zwei Uebel. Je mehr endlich die richtige Kentniß von G o t t, und das Gefül S e i n e r Gegenwart sich unter den Menschen verlohr; desto finsterer und schwermütiger ward die Vorstellung, welche sie sich von der Welt machten. Die heydnischen Weltweisen stimmten fast alle in der Mei|c172||z2|nung überein, daß die Erde die Wohnung des Elendes sey, wo es eher an Thränen fehle, als an Ursachen zu weinen *) [3]: und die Transer, ein altes Volk in Thracien, weinten bei der Geburth, und frolokten bei dem Tode eines Menschen **) [4].
*)[1] Homer in der Ilias Buch 24. Vers 522. f.
**)[2] Z. E. Pindar in der dritten Pythischen Ode V. 145. f.
|cc172*||zz2*| *)[3] Z. E. Seneka Consolat. ad Polyb. cap. 23.
**)[4] Quintilian Instit. Or. V. 11. 38.
D i e s alles läßt sich aus den angezeigten Ursachen erklären. Aber seltsam ist es, selbst von Kennern, und redlichen Schülern des Christenthums eben diese melancholische Klagen zu hören ***) .[5] Wenn christliche Philosophen und Dichter, die Menschen, Erben und Kinder der Pein nennen; die Reihe menschlicher Trübsahle für so unendlich erklären, daß es uns eher an Seufzern mangeln könne, als an Ursachen zu seufzen; und die Erde wie ein Jammerthal, und eine Wüste mit Dornen, und Schlingen dicht besäet beschreiben
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: so wäre dies schlechterdings unbegreiflich, wenn sie nicht entweder durch poetische Begeisterung hingerissen; oder durch schmerzliche Gefüle gegenwärtiger Leiden betäubt; oder durch die rümliche Absicht, die Nothwendigkeit eines Lebens nach dem Tode zu beweisen geblendet, auf solche dem Neuen Testament geradezu widersprechende Behauptungen gefallen wären.
***)[5] Z. E. W o l l a s t o n in seiner Natürlichen Theol. und Young in seinen Nachtgedanken 1, 235. f.
A b e r „wer, wird man sagen, wer kan es leugnen, daß die Summe des menschlichen Elen|c173||z3|des unübersehlich ist? Und selbst der Weise, der beste Christ unter ungeheuren Lasten desselben seufze? Die Kriege mit allem ihrem schrecklichen Gefolge; die grausamen Tyrannen; die Sklaverei; die Landplagen; und das unermesliche Heer von Krankheiten; den langwierigsten, und peinlichsten Krankheiten: – man ziehe die Summe dieser Artikel! Und wer wird dann noch leugnen wollen, daß das Elend die Freuden bei weitem überwiege; ohne der ganzen Geschichte, und seinen eigenen Sinnen zu widersprechen?“
G l e i c h w o h l ruft uns das Neue Testament fast allenthalben zu, {1 Joh. 4.} G o t t ist die L i e b e! {Jak. 1.} Von I h m dem V a t e r d e r F r e u d e n, kommt N i c h t s, N i c h t s als Gutes auf die Menschen herab? Und auf diese Lehren gegründet, prediget, und empfiehlet es allenthalben, {Phil. 4.} Freude, beständige Freude. Wie ist nun dies mit Erfahrung und Geschichte zu reimen? – – Lasset uns also 1) die Einrichtung der Natur überhaupt, 2) die den M e n s c h e n a l l e n, bereitete Freuden; und 3) die wahre Beschaffenheit unserer Leiden genauer erwägen: sodann wird es sich zeigen, ob jene traurige und bange; oder diese reizende und fröliche Vorstellung die wahre sey?
{E r s t e s Stück} Z u e r s t wollen wir um uns her schauen, und unsern Wohnplaz, die Erde, mit dem was auf und in ihr ist, genauer betrachten. – Sie selbst nun hat eine runde Form, und bewegt sich so regelmäßig um sich selbst, und die Son|c174||z4|ne, daß daraus die vortrefliche Abwechselung des Tages, und der Nacht, der Jahre, und Jahrszeiten entstehet. Sie trägt den Weinstock, das Getreide, Garten-Gewächse, Baum-Früchte, und eine unzäliche Menge von Kräutern, Stauden, und Bäumen; welche uns durch ihren Anblick ergözen, durch ihren Wohlgeschmack erquicken, durch ihren Geruch stärken, und jeden unserer Sinne mit Freuden anfüllen. Die Wälder füllen durch ihre angenehme Dunkelheit; die majestätische Sammlung von Bäumen die zu den Wolken hinaufsteigen; den harmonischen entzückenden Gesang der Vögel; den erquickenden Wohlgeruch der Pflanzen, jede Menschen-Seele mit einer heiligen Stille, und einem angenehmen Schauer: ernären eine zahllose Menge von Thieren die uns nüzen: geben uns Holz unsere Speisen zu bereiten, und unsere Zimmer zu heizen, und Stoff zu den prächtigsten Gebäuden, und tausend andern Ergözlichkeiten des Lebens. Die Flüsse stillen unsern Durst, liefern uns unzäliche Arten von Fischen zur angenehmen Nahrung, machen unsere Leiber und Häuser reinlich, ergözen unser Auge, und befördern die Verbindung der Länder. Das Meer giebt die Dünste her, woraus die Flüsse in den Bergen formiret werden; trägt ungeheure Lasten, und verbindet die entlegensten Welttheile; besezt unsere Tafeln mit unzälichen Arten wohlschmeckender Speisen; näret eine unermesliche Anzahl froher Geschöpfe, in jedem seiner Tropfen eine Welt. Die Berge; die Luft; das Licht; die Sonne; der Mond; die Sterne: alles zeigt in tausend, und aber |c175| |z5| tausend Beispielen, daß alle die L e b- und E m p f i n d u n g s l o s e n D i n g e, zur Freude der E m p f i n d e n d e n eingerichtet sind. – Unter den Empfindenden aber sind die Niedrigsten, die Thiere nämlich, abermahls mit tausend Dingen versehen, die ihnen und dem Menschen Freude, und Nuzen geben. Der organisirte Körper und die sinnliche Erkentnißkraft, welche sie mit dem Menschen gemein haben, machen sie gleicher froher Empfindungen durch die Augen, Ohren, und übrigen Sinne fähig. In jenen erstaunlichen Kunsttrieben, sich zu bewegen, zu nären, zu vertheidigen, zu erhalten, und fortzupflanzen, bringen sie alles mit sich auf die Welt, was ihre Bedürfniß und Freude fordert. Ihre Begierden sind sehr eingeschränkt, weil es ihre Kräfte sind. Sie leben wegen der Zukunft ganz unbekümmert; geniessen jeden Tropfen gegenwärtiger Freude; und fürchten und fülen den sie plözlich hinraffenden Todt nicht. Alles was in der Luft fliegt, auf der Erde geht, unter unsern Füssen sich windet, und im Wasser schwimmt, alles giebt Zeichen des Wohlseyns und der Freude von sich. Und wie unzälich sind die frölichen Schauspiele, die nüzlichen Dienste, die angenehmen Gerichte, und die Gemächlichkeiten, welche sie uns Menschen verschaffen! – – – Lasset uns die Anstalten der Vorsehung noch näher und im Einzelnen betrachten! Die Natur giebt uns ihre Produkte freilich nur roh, wir müssen sie erst verarbeiten, wenn sie uns Freude machen sollen. Die Aere trägt nicht Brod, sondern Körner; |c176| |z6| der Weinstock giebt nur Trauben mit Saft angefüllt, aber nicht Wein. Diese Arbeit kostet uns gemeiniglich viele Mühe, und oft saure Beschwerden; und darüber klagen nicht wenige Menschen. Aber diesen Anstalten haben wir alle Künste und Wissenschaften; und die Befreiung von aller Marter der Langenweile und des Müssigganges; nebst den tausendfachen Freuden der Arbeit zu danken. – Die Natur giebt ihre Produkte nicht alle in Einem Lande; sondern hat sie durch die ganze Erde verbreitet: und dadurch wird die Verbindung der Menschen befördert; und in dieser die Quelle unzälicher Freuden geöfnet. – Der Mensch wird ganz hülflos gebohren, und bleibt es eine lange Zeit. Wie wohltätig! hieraus fliessen so viele innige Freuden, der Hülfleistung von der einen Seite, und des Danks von der andern; die Familien werden aufs zärtlichste zusammengeknüpft; und die gebohrnen Geschöpfe durch Erziehung zu Menschen gemacht. – Dem Mangel jedes Himmels-Striches wird auf eine sehr schickliche Art abgeholfen. Der Lappe und Kamtschadale hat sein Rennthier: die in den Sandwüsten lebenden Araber, Kammeele: das unfruchtbahre Norwegen seine Eider Vögel: das sandigte Aegypten seinen Nil: die Otahniter den Papierbaum: die heissen Gegenden ihre grünen Dächer, welche die dicht zusammenwachsenden Bäume formiren; den häufigen Thau; die külen Nächte; die wohltätigen, und majestätischen Palmbäume, nebst einer unendlichen Menge saftiger, und erquickender Früchte: die eiskal|c177||z7|ten Länder ihre Waldungen, Pelze, Nordlichte, die drei-monathlichen Tage, die heissen Sommer, Thiere, die wenig Futter brauchen. Und die Menschen in den Gegenden, welche ewiges Eiß, und vier-monathliche Nacht bedeckt, wo fast keine Pflanze wächst, auch keine Holzungen sind; selbst die Bewohner des allerödesten, und traurigsten Grönlandes, so wie der Feuerländer, werden ihres Daseyns so froh, daß sie ihr Vaterland nicht gegen Italien vertauschen, und in viel reizenderen Gegenden vor Sehnsucht darnach gestorben. – In der ganzen Natur ist nichts s c h l e c h t e r d i n g s Unnüz, Häslich und Schädlich. Was dem einen Geschöpfe Gift ist, ist dem andern Balsam: die Aeser welche uns Eckel verursachen, sind dem Geier Leckerbissen: die Insekten-Schwärme, welche der Unverstand mit dem verächtlichen Nahmen des Geschmeisses belegt, reinigen die Erde von Aesern, erhalten die Pflanzen im Gleichgewicht, geben Seide, Purpur und tausend andere Gemächlichkeiten, und Ergözungen den Menschen. – W i e arbeitet Ein Geschöpf für das Andere, und zwar so daß ihm seine Arbeit Lust wird! Mit Lust schwärmet die Biene in den Blumen herum, und saugt ihre balsamischen Säfte ein, um uns Honig und Wachs zu geben. Die Raupe frisst frölich auf dem Blatt, um den Vogel zu nären, der unser Ohr ergözt, und unsern Geschmack vergnügt. Der Todten-Gräber reiniget die Erde von den faulenden Maulwürfen; und wie angenehm ist ihm sein Posten! – Selbst die gemeinsten Dinge|c178| |z8| enthalten Proben der Güte G o t t e s, die in Erstaunen sezen. Daß
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Graß, welches wir mit Füssen treten, ist so gebauet, daß es sehr wenig Plaz einnimmt; wächst an Orten die zwischen grössern Geschöpfen leedig bleiben; wächst in so ganz unermeslicher Menge; und hat zähe Blätter, damit es von unsern Füssen zertreten, alsbald sich aufrichte, und gleichsam aus unsern Fußtapfen hervorgrüne. – – W e l c h e G ü t e muß das seyn, die eine s o l c h e Einrichtung unsrer Erde getroffen!
{Zweites Stück}U n d das war nur ein Blick aufs Ganze. Jezt wollen wir Zweitens den Menschen insbesondere betrachten, und die Quellen der Freude, die ihm bereitet worden. – Die S i n n e zunächst, sind so eingerichtet, daß wir jene Millionen von Schönheiten und Wohlthaten mit innigem Vergnügen empfinden. Man berechne nur die Freuden eines Einzigen Spazierganges. Der Gesang der Lerche, und Nachtigal, und das sanfte Rieseln des Bachs, und das Gemurmel des Strohmes, und das Geräusche der See, ergözet unser Ohr: hundert Wohlgerüche, und balsamische Düfte geben uns den reizendsten Geruch: und so manche Früchte den erquickendsten Geschmack: das alles zusammen verbreitet über uns ganz nach Leib und Seele, ein ausserordentlich reizendes Gefül von Behaglichkeit und Wohlseyn: und der Anblick aller dieser Schönheiten begeistert, und entzükt unser Auge. Nach dieser Berechnung, wer kan da |c179| |z9| die Freuden zälen, welche durch die fünf Kanäle unsers Körpers in die Seele strömen! – Alle zum Leben nötige und nüzliche Dinge sind mit Vergnügen verbunden. Das Essen und Trinken; die Arbeit und Ruhe; Schlaf und Bewegung: warum ist das alles uns nicht schmerzhaft? Warum nicht gleichgültig? Warum mit so durchdringender Freude begleitet? – F e r n e r, die Vorzüge unserer Seele vor den Thieren sind wahrhaftig unerschöpfliche Quellen der B e s t e n Freuden. Durch die Vernunft können wir nüzliche Kentnisse einsammeln; mit Menschen, die vor Jahrtausenden gelebt, wie mit unsern Mitbürgern umgehen; tausend nüzliche Sachen entdeken; die Pracht, und Wohltätigkeit der Werke auf der Erde, und am Himmel erkennen; durch sie können wir unsern Schöpfer denken, I h n anbeten, S e i n e Grösse anstaunen, S e i n e Liebe fülen; I h n, Freund, und Vater! nennen. Das Gedächtniß, und die Einbildungs-Kraft verdoppelt, und verewigt alle jene Freuden. Die Voraussicht vermehret unsere gegenwärtigen Freuden, noch mit den Freuden der Zukunft, und Ewigkeit, die Freiheit sezt uns in den Stand die edelsten Thaten auszurichten, und macht uns unabhängig von Menschen und Welten. – Das Gewissen knüpfet an jede Tugendthat ein unaussprechliches Vergnügen. Und die Perfektibilität sezet uns in den Stand alle Kräfte der Seele ins Unendliche zu erhöhen; und alle unsere Freuden ins Unendliche zu vergrössern. – W i r leben mit andern Menschen in Gesellschaft|c180||z10|lichen Verbindungen. So viele tausend Neben-Menschen, die wir nie gesehen, von denen wir nie etwas gehöret haben, in Osten, und Westen, in der Nähe, und Ferne arbeiten für unser Vergnügen. Durch den natürlichen Trieb des Wohlwollens, den der S c h ö p f e r in jede menschliche Seele gelegt; und noch mehr durch das Empfehlungs-Schreiben, das E r jedem Menschen an alle seine Neben-Menschen, in der Bibel gegeben hat, sind die Menschen alle durch die festesten, und zärtlichsten Bande mit einander verknüpft. Und dann noch, jene Verbindungen mit unsern Blutsverwandten, und Herzens-Freunden! Welches menschliche Herz hüpft nicht bei den süssesten Nahmen der Eltern, Kinder, Gatten, und Freunde: und bei dem Gedanken an die Häuslichen Freuden! – Wären ferner, die äussern Glücks-Umstände der Menschen alle gleich; so würden wir tausend Gemächlichkeiten, und Freuden entbehren. Bei einem ganz gleichen Reichthum wäre niemand reich, sondern wir alle arm; bei einer völlig gleichen Höhe wären alle niedrig. Jezt aber da Gott diese irdischen Glüks-Güter so sehr verschieden ausgetheilet, und Arme neben Reiche; Niedrige neben die Vornehmen gestellt: nun geniessen nicht allein diese die Freuden des Reichthums, wie jene die unzälichen Freuden der Arbeitsamkeit und Gesundheit; sondern diese Verschiedenheit biethet unaufhörlich Gelegenheiten dar zur Uebung der Wohlthätigkeit an der einen Seite, und der Dankbahrkeit an der andern. – A b e r bei aller |c181| |z11| dieser Verschiedenheit der äussern Glücks-Umstände treffen wir eine völlige Gleichheit der angenehmen Empfindung bei allen Arten des Vergnügens an. Der Schlaf erquikt, und stärkt den Armen eben sowohl, oder vielmehr noch besser, auf seinem Stroh, als den Reichen in seinen Federn, und Polstern. Brodt und Wasser schmekt dem Armen gemeiniglich viel besser, als die kostbahrsten Lekerbissen dem Reichen. Das Vergnügen der Gesundheit, der Kentniß, und der Tugend, fült der Tagelöner eben so stark, als der Kaiser. – U n d noch sind die vornehmsten Quellen der Menschen-Freuden zurück: die geistlichen, und ewig daurenden Wohlthaten unsers S c h ö p f e r s. Die Gnade der Erlösung öfnet uns gleichsam das ganze Vaterherz G o t t e s, und breitet Heiterkeit und Freude über die ganze Natur aus. Durch die Offenbahrung in der Bibel haben wir täglich ein Buch in Händen, worin G o t t selbst zu uns redet, und in jedem Falle unsers Lebens, Rath, Trost, Hülfe, Stärke, und Freude ertheilet. Die Langmuth, mit welcher uns G o t t oft viele Jahre trägt; die Begnadigung und Aufnahme zu S e i n e r Freundschaft, und Kindschaft; die väterliche Nachsicht, womit E r die Mängel, und Fleken unserer Tugend duldet und bessert; der unaufhörliche Beistand zur Tugend; das Väterliche Betragen bei unsern Leiden; die Erlaubniß zu beten; und dann noch – jene Seeligkeiten des Himmels: wie |c182| |z12| viele tausende Millionen der Innigsten und Besten Freuden verschaffen uns diese!
{D r i t t e s Stük. Betrachtung der menschlichen Leiden.} F r e i l i c h umgiebt uns hier auch ein Heer von L e i d e n. Aber wenn wir uns selbst nicht blenden wollen, so müssen wir gestehen, daß der allerkleinste Theil unsers menschlichen Leidens von Einrichtung der Natur herkömt. Bei einer unpartheiischen Prüfung der Leiden die uns drüken, findet sich, daß bei weitem die meisten davon, die Wirkung unserer eignen Schuld sind. Auch die von der menschlichen Natur unzertrennliche Trüglichkeit abgerechnet, verursachen wir gemeiniglich unsere Leiden durch vorsäzliche Sünden und Laster; oder durch Schein-Tugenden. Die Schmerzen des Schwelgers; die schändliche Plage des Unzüchtigen; die Verachtung des Thoren; die Verfolgung des Lieblosen, und Stolzen; die unaufhörlichen Krankheiten des Mannes der sich mit nüzlichen Arbeiten überladet, um seinem geheimen Ehrgeiz, oder Geldgeiz Opfer zu bringen: diese, und änliche Leiden machen den bei weitem Grösten Theil der menschlichen Leiden aus, wovon Geschichte und Erfahrung voll sind. Sezet noch die grosse Menge derjenigen Leiden hinzu, welche durch Schuld anderer Menschen auf uns kommt: die Schreken des Krieges; die Martern des Hungers, den nie die Kargheit der Natur, sondern immer die Haabsucht, Schwelgerei und Thorheit der Menschen verursacht; die Plagen des Feuers; die Quaalen der Lästerung, Schmähung und Verfolgung! |c183| |z13| Ziehet diese Summen von der Rechnung unsrer Leiden ab: und es bleibt gewiß kaum unter Zehn Eines übrig, welches wir mit Recht der Einrichtung der Natur zuschreiben können. – – Und alle diese, verschuldete, und unverschuldete Leiden werden noch über das alles, wenn wir nur selbst wollen, für uns Wohlthat oft die gröste Wohlthat. David ward zu einem Guten, und Joseph zu einem Vorzüglichen Menschen; jener durch den selbst verursachten Jammer seiner Familie, und dieser durch die Plage des Gefängnisses gebildet. Nie hätte Paulus so viele, so unaussprechlich viele Tugendthaten verrichtet, und dadurch so unaussprechlich grosse Freuden genossen; wenn ihm nicht das Heer seiner Leiden Gelegenheit, Trieb, und Kraft dazu gegeben. Wie viele von uns, meine Leser! riß eine Krankheit, oder der Verlust eines kostbahren Gutes aus dem Taumel des Lasters, und machte uns gut, ruhig, und froh! Und täglich sehen wir Menschen, welche das Leiden von einem lasterhaften, und quaalvollen Leben befreiet; und zu einem tugendhaften, und glücklichen füret!
{Viertes Stük.Schlüsse.} L a s s e t uns nun aus allen diesen Betrachtungen die unpartheiischen Schlüsse ziehen! – Allerdings ist die Zahl menschlicher Leiden sehr groß! Auch lebt kein Mensch auf Erden, in dessen Freuden nicht mancherlei Leiden gemenget wären. Aber E r s t l i c h ist die Zahl der Freuden sehr viel grösser, als die Zahl der Leiden; und Z w e i t e n s je aufgeklärter, und tugend|c184||z14|hafter ein Mensch ist; desto geringer sind seine Leiden, und desto zahlreicher, und ungemischter seine Freuden. – Berechnet nur 1) das viele frohe Gute, welches wir in unserm vorigen Leben schon genossen haben: die vielen Jahre ununterbrochener Gesundheit u. s. f. 2) die vielen und grossen stets zusammen-fortwärenden Freuden! den freien Gebrauch unserer Sinne, Seelenkräfte u. s. f. 3) die vielen ausserordentlichen Freuden, im glücklichen fortgange unsrer Arbeiten u. s. f. 4) die mannigfaltigen Erleichterungen, und Versüssungen unserer Leiden; 5) die zahllosen Freuden unserer Neben-Menschen: daß so viele tausend die stärkste Gesundheit geniessen, wärender Zeit wir siech und krank sind; so viele tausend sich in unschuldigen Lustbahrkeiten ergözen, indem wir unter einem Schmerze, alleine in unserm Zimmer seufzen; und 6) endlich, die unzälichen, innigen und besten Freuden, welche uns die Uebung der christlichen Keuschheit, Versönlichkeit, Mitleidens, Beifreude, Wohltätigkeit, und der andern Tugenden schaffet. Und wir werden gerürt bekennen, – daß kein Leben so geplagt sey, welches nicht weit mehr Freude haben kan, wenn nur der Mensch selbst will!
U n w i r k s a h m, und vergebens sind indessen alle diese Beweise für ein Herz, das nicht durch das Christenthum redlich gebessert worden. Die übergrosse Meinung von uns selbst; der Mangel aller Freuden der Tugend; die unseelige Gewohnheit bei dem Leiden unsere Augen gegen |c185| |z15| alle Freuden zu verschliessen; und die Foltern des Neides bei dem Anblick unserer frohen Neben-Menschen: diese nehmen allen jenen Wahrheiten ihre Kraft; hängen über die ganze Natur einen Flor; und füllen unsere Seele mit schwarzen, düstern, melancholischen Vorstellungen und Empfindungen. Wollen wir unser Herz jeder frölichen Uberzeugung öfnen; so müssen wir vor allen Dingen, durch das Christenthum die täglichen, seeligsten Freuden der Tugend und Andacht schmecken können; müssen besonders, in täglicher und stündlicher Bemerkung der Göttlichen Wohlthaten leben; müssen unsere Unwürdigkeit und Strafbarkeit immer tiefer fülen; und immer fester unsere Blicke auf den Himmel heften. Dann werden wir nicht bloß mit dem Munde, oder mit kalter Ueberzeugung; sondern mit Zustimmung unsers ganzen Herzens bekennen, daß – G o t t Alles, Alles wohl macht, und d e r V a t e r d e r F r e u d e n ist.
z: Zum XII. Sontage nach Trinitatis.
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