|c287| Evangelium am 22 Sontage nach Trinitatis.
Matthäi 18, 21–35. verbunden mit Matthäi 6, 12. 14. 15.
H e r r! wie ofte muß ich meinen Neben-Menschen die mich beleidiget, vergeben? Eine Frage, die im gemeinen Leben täglich vorkomt! Die durch tausend Vorspiegelungen unsers rachbegierigen Herzens verwirret wird! Die für das Wohl jedes Menschen, so wie der ganzen menschlichen Gesellschaft von unaussprechlichem Gewicht ist! Diese hören wir jezo – von dem Untrüglichen Lehrer und Richter der Welt beantwortet!H e r r! wie ofte muß ich meinen Neben-Menschen die mich beleidiget, vergeben? Eine Frage, die im gemeinen Leben täglich vorkomt! Die durch tausend Vorspiegelungen unsers rachbegierigen Herzens verwirret wird! Die für das Wohl jedes Menschen, so wie der ganzen menschlichen Gesellschaft von unaussprechlichem Gewicht ist! Diese hören wir jezo – von dem Untrüglichen Lehrer und Richter der Welt beantwortet!
S i e war es nämlich, die {v. 21.} Petrus unserm Erlöser vorlegte. Herr! wie ofte muß ich meinem Bruder, (meinen Neben-Menschen Malachiä 2, 10) der mich beleidiget, vergeben? Ists genug Siebenmahl? Denn auch hier suchten die jüdischen Lehrer, die Pharisäer besonders, das Gesez Gottes, dieses den sündlichen Lüsten so lästige Gesez weg zu erklären . Sie disputirten – und was kan nicht ein Disputant verwirren! – – darüber, ob man seinem Beleidiger vier-; oder fünf-, oder sieben-mahl vergeben müsse?S i e war es nämlich, die {v. 21.} Petrus unserm Erlöser vorlegte. Herr! wie ofte muß ich meinem Bruder, (meinen Neben-Menschen Malachiä 2, 10) der mich beleidiget, vergeben? Ists genug Siebenmahl? Denn auch hier suchten die jüdischen Lehrer, die Pharisäer besonders, das Gesez Gottes, dieses den sündlichen Lüsten so lästige Gesez weg zu erklären . Sie disputirten – und was kan nicht ein Disputant verwirren! – – darüber, ob man seinem Beleidiger vier-; oder fünf-, oder sieben-mahl vergeben müsse?
|c288| {v. 22. vergl. 3 Buch Mose 4, 24.} J e s u s antwortete, Ich sage dir, Nicht Siebenmahl; sondern wohl Siebenzigmahl Siebenmahl.U n a u f h ö r l i c h also, Christen! sollen wir unsern Beleidigern vergeben. Hier gilt kein Rechnen, keine Ausflucht, nicht die Einwendung „mein Feind hat mich schon so ofte beleidiget!“ – U n a u f h ö r l i c h müssen wir ihm vergeben. Zu allen Zeiten. Auch unzähliche mahl wiederhohlte Beleidigungen. Auch die gröbsten Beleidigungen. Alles, ohne Aufhören, wohl Siebenzigmahl Siebenmahl müssen wir, unserm Beleidiger und Feinde vergeben. Oder – aufhören uns Christen zu nennen; {v. 35} und von aller Vergebung und Gnade Gottes, ewig ausgeschlossen seyn! |c288| {v. 22. vergl. 3 Buch Mose 4, 24.} J e s u s antwortete, Ich sage dir, Nicht Siebenmahl; sondern wohl Siebenzigmahl Siebenmahl.U n a u f h ö r l i c h also, Christen! sollen wir unsern Beleidigern vergeben. Hier gilt kein Rechnen, keine Ausflucht, nicht die Einwendung „mein Feind hat mich schon so ofte beleidiget!“ – U n a u f h ö r l i c h müssen wir ihm vergeben. Zu allen Zeiten. Auch unzähliche mahl wiederhohlte Beleidigungen. Auch die gröbsten Beleidigungen. Alles, ohne Aufhören, wohl Siebenzigmahl Siebenmahl müssen wir, unserm Beleidiger und Feinde vergeben. Oder – aufhören uns Christen zu nennen; {v. 35} und von aller Vergebung und Gnade Gottes, ewig ausgeschlossen seyn!
S c h w a c h h e i t würde es seyn, wenn man mit diesem Ausspruche, Bösewichtern Straflosigkeit verschaffen wolte. Jesus redet ja nicht, von der Obrigkeit, sondern von einzelnen Menschen; nicht von obrigkeitlicher Bestrafung, sondern von Vergebung der uns angethanen Beleidigungen. Die Obrigkeit, sie heisse nun König, Kaiser, oder Edle, und Volk; trägt das Schwerdt an Gottes Statt. Röm. 13, 1–4. Ihr hat Gott, Sein höchstes Majestäts-Recht, das Bestrafungs-Recht übertragen. Sie kan, sie muß strafen. Denn einen Bösewicht ungestraft lassen, das heißt alle Unschuldige und Tugendhafte an seiner Stelle strafen. Das ist die höchste Unklugheit; die äusserste Ungerechtigkeit; die unbesonnenste Grausamkeit. Ein Hirte, der aus vermeinter Güte den gefangenen Wolf loßläßt, ist gutherzig gegen den Wolf, aber desto grausamer gegen seine Schaafe.S c h w a c h h e i t würde es seyn, wenn man mit diesem Ausspruche, Bösewichtern Straflosigkeit verschaffen wolte. Jesus redet ja nicht, von der Obrigkeit, sondern von einzelnen Menschen; nicht von obrigkeitlicher Bestrafung, sondern von Vergebung der uns angethanen Beleidigungen. Die Obrigkeit, sie heisse nun König, Kaiser, oder Edle, und Volk; trägt das Schwerdt an Gottes Statt. Röm. 13, 1–4. Ihr hat Gott, Sein höchstes Majestäts-Recht, das Bestrafungs-Recht übertragen. Sie kan, sie muß strafen. Denn einen Bösewicht ungestraft lassen, das heißt alle Unschuldige und Tugendhafte an seiner Stelle strafen. Das ist die höchste Unklugheit; die äusserste Ungerechtigkeit; die unbesonnenste Grausamkeit. Ein Hirte, der aus vermeinter Güte den gefangenen Wolf loßläßt, ist gutherzig gegen den Wolf, aber desto grausamer gegen seine Schaafe.
|c289| D o c h dieser Misverstand ist nicht so gemein. Wie aber soll man das Betragen der Christen nennen, welche ihrem Beleidiger nicht vergeben wollen, weil er sie schon so ofte, und so gröblich beleidiget habe? Bei dem sonnenklaren Gesez, unsers Heilandes, und unsers Gottes. Nicht Siebenmahl, sondern wohl Siebenzig Siebenmahl! |c289| D o c h dieser Misverstand ist nicht so gemein. Wie aber soll man das Betragen der Christen nennen, welche ihrem Beleidiger nicht vergeben wollen, weil er sie schon so ofte, und so gröblich beleidiget habe? Bei dem sonnenklaren Gesez, unsers Heilandes, und unsers Gottes. Nicht Siebenmahl, sondern wohl Siebenzig Siebenmahl!
{v. 23.} D a r u m, (oder genauer übersezt, denn, Sintemahl,) ist das Himmelreich gleich einem Könige. – „Gott verfärt gegen die Menschen, so wie ein König.“ Siehe vers 35 – Ein König, der mit seinen Knechten rechnen wolte. Genauer übersezt, „seinen Bedienten die Rechnung abnahm.“ Die Bedienten, selbst die Minister der Könige, heissen im hebräischen, Knechte der Könige 1 Buch der Könige 9, 22. Und der von dem hier die Rede ist, war ein Freigebohrner, denn nach v. 24. wolte ihn der König zum Sklaven verkaufen lassen.{v. 23.} D a r u m, (oder genauer übersezt, denn, Sintemahl,) ist das Himmelreich gleich einem Könige. – „Gott verfärt gegen die Menschen, so wie ein König.“ Siehe vers 35 – Ein König, der mit seinen Knechten rechnen wolte. Genauer übersezt, „seinen Bedienten die Rechnung abnahm.“ Die Bedienten, selbst die Minister der Könige, heissen im hebräischen, Knechte der Könige 1 Buch der Könige 9, 22. Und der von dem hier die Rede ist, war ein Freigebohrner, denn nach v. 24. wolte ihn der König zum Sklaven verkaufen lassen.
{v. 24–25.} A l s er nun die Abnahme der Rechnung anfieng, ward ihm einer vorgestellt, der ihm zehn tausend Talente schuldig war. Eine Summe von mehrern Millionen Reichs-Thaler, wenn man das Talent, auch nur zu Sechshundert Reichs-Thaler rechnet. Dieser Bediente war also, nicht bloß Schuldner, sondern auch ein Betrüger, der die Kasse des Königes bestohlen hatte. Desto gerechter, und nötiger war also das Urtheil seines Herren. Da er nicht bezahlen konte, befahl der Herr, daß man ihn nebst sei|c290|ner Frau und Kindern zu Leibeigenen verkaufe, und das daraus gelösete Geld an die Kasse erseze. So verordneten es die jüdischen Landes-Geseze. Ein Schuldner der nicht bezahlen konte, ward zum Leibeigenen verkauft. 2 Buch Mose 22, 3. 1 Buch der Könige 4, 1.{v. 24–25.} A l s er nun die Abnahme der Rechnung anfieng, ward ihm einer vorgestellt, der ihm zehn tausend Talente schuldig war. Eine Summe von mehrern Millionen Reichs-Thaler, wenn man das Talent, auch nur zu Sechshundert Reichs-Thaler rechnet. Dieser Bediente war also, nicht bloß Schuldner, sondern auch ein Betrüger, der die Kasse des Königes bestohlen hatte. Desto gerechter, und nötiger war also das Urtheil seines Herren. Da er nicht bezahlen konte, befahl der Herr, daß man ihn nebst sei|c290|ner Frau und Kindern zu Leibeigenen verkaufe, und das daraus gelösete Geld an die Kasse erseze. So verordneten es die jüdischen Landes-Geseze. Ein Schuldner der nicht bezahlen konte, ward zum Leibeigenen verkauft. 2 Buch Mose 22, 3. 1 Buch der Könige 4, 1.
{v. 26.} D e r Bediente aber fiel nieder und bat, Herr! habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. Thörichte Hofnung! Ein Bedienter will Millionen bezahlen! Aber nichts ist gemeiner, als daß Menschen, ihren Lüsten mit dergleichen leeren Träumen sich schmeicheln. Was wir wünschen, das hoffen, u. glauben wir leicht. Und diese Hofnung stürzet uns in nicht wenige Sünden. Man leihet Geld in der leeren Hofnung es wieder bezahlen zu können, und wird darüber ein Betrüger. Wie so manche eheliche Verbindungen werden auf den Sand solcher grundlosen Hofnungen gebauet, die am Ende das Unglück ganzer Familien werden? Durch solche Hofnungen bethört unternehmen wir tausend Dinge die wir nicht ausfüren können, und thun tausend Schritte die uns ins Elend stürzen. – Und so machen wir eine der süssesten Empfindungen unsrer Natur, eins der gütigsten Geschenke Gottes, die Hofnung, zum Werkzeuge unsrer Quaal!{v. 26.} D e r Bediente aber fiel nieder und bat, Herr! habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. Thörichte Hofnung! Ein Bedienter will Millionen bezahlen! Aber nichts ist gemeiner, als daß Menschen, ihren Lüsten mit dergleichen leeren Träumen sich schmeicheln. Was wir wünschen, das hoffen, u. glauben wir leicht. Und diese Hofnung stürzet uns in nicht wenige Sünden. Man leihet Geld in der leeren Hofnung es wieder bezahlen zu können, und wird darüber ein Betrüger. Wie so manche eheliche Verbindungen werden auf den Sand solcher grundlosen Hofnungen gebauet, die am Ende das Unglück ganzer Familien werden? Durch solche Hofnungen bethört unternehmen wir tausend Dinge die wir nicht ausfüren können, und thun tausend Schritte die uns ins Elend stürzen. – Und so machen wir eine der süssesten Empfindungen unsrer Natur, eins der gütigsten Geschenke Gottes, die Hofnung, zum Werkzeuge unsrer Quaal!
{v. 27.} U n d der Herr, voll Mitleiden mit dem Bedienten, ließ ihn loos, und die Schuld erließ er ihm auch.{v. 27.} U n d der Herr, voll Mitleiden mit dem Bedienten, ließ ihn loos, und die Schuld erließ er ihm auch.
{v. 28.} A l s nun der Bediente weggieng, fand er einen seiner Mitbedienten, der ihm hundert |c291| Denarien (ohngefähr zwölf Reichs-Thaler) schuldig war. Wie wenig gegen jene Millionen! Und diese geringe Summe hatte er nicht entwendet, sondern geliehen; wolte, und konte sie auch ehrlich bezahlen. Aber sein Gläubiger griff ihn an, und würgete ihn und sprach, bezahle was du mir schuldig bist. Da fiel der Mitbediente vor ihm nieder, und bat ihn, habe Geduld mit mir; ich werde alles bezahlen. Er aber wolte nicht, sondern gieng hin, ließ ihn ins Gefängniß werfen bis daß er die Schuld bezahlete. Als seine Mitbediente dies erfuhren, wurden sie sehr aufgebracht; giengen hin und berichteten es dem Herrn. Da berief ihn sein Herr zu sich und sprach, du Bösewicht! jene ganze Schuld habe ich dir geschenkt da du mich batest. Soltest du denn, dich nicht auch deines Mitbedienten erbarmen, wie ich mich deiner erbarmet? Entrüstet übergab er ihn den Gerichtsbedienten, bis daß er die ganze Schuld bezahlet hätte. – – E b e n also wird mein allmächtiger Vater auch euch thun, wenn ihr nicht, ein jeglicher seinem Nebenmenschen, seine Beleidigungen vergebet.{v. 28.} A l s nun der Bediente weggieng, fand er einen seiner Mitbedienten, der ihm hundert |c291| Denarien (ohngefähr zwölf Reichs-Thaler) schuldig war. Wie wenig gegen jene Millionen! Und diese geringe Summe hatte er nicht entwendet, sondern geliehen; wolte, und konte sie auch ehrlich bezahlen. Aber sein Gläubiger griff ihn an, und würgete ihn und sprach, bezahle was du mir schuldig bist. Da fiel der Mitbediente vor ihm nieder, und bat ihn, habe Geduld mit mir; ich werde alles bezahlen. Er aber wolte nicht, sondern gieng hin, ließ ihn ins Gefängniß werfen bis daß er die Schuld bezahlete. Als seine Mitbediente dies erfuhren, wurden sie sehr aufgebracht; giengen hin und berichteten es dem Herrn. Da berief ihn sein Herr zu sich und sprach, du Bösewicht! jene ganze Schuld habe ich dir geschenkt da du mich batest. Soltest du denn, dich nicht auch deines Mitbedienten erbarmen, wie ich mich deiner erbarmet? Entrüstet übergab er ihn den Gerichtsbedienten, bis daß er die ganze Schuld bezahlet hätte. – – E b e n also wird mein allmächtiger Vater auch euch thun, wenn ihr nicht, ein jeglicher seinem Nebenmenschen, seine Beleidigungen vergebet.
H i e r sehen wir denn, den Willen, den Ernstlichen, unveränderlichen Willen unsers Schöpfers! – Wir müssen unsern Neben-Menschen, jede Beleidigung, Unaufhörlich, und von Herzen vergeben! Denn, Gott vergiebt uns Unendlich mehr. Und wenn wir nicht also vergeben; so will auch Er, uns nicht verge|c292|ben. – Vergeben sollen wir also, {v. 28.} unsern Neben-Menschen, unsern Mit-Knechten; ihnen die völlig unsers gleichen, so wie wir Knechte Gottes sind. Wie? diesen wolten wir nicht vergeben, da Gott, unser Herr, uns vergiebt, die wir so Unendlich Unter Ihm, nur Seine Knechte sind? – Vergeben, J e d e Beleidigung; und zwar, sie v o n H e r z e n vergeben. Auch die allerärgste, die allerboshafteste. Auch wenn unser Feind unsre Ehre antastet, und heimtückisch unsern ganzen guten Nahmen zu zernichten sucht. Auch wenn er mit mehr als höllischer Bosheit, uns nebst unsrer ganzen Familie zu Grunde richten will. Da können, und sollen wir uns, durch Klugheit und die Macht der Obrigkeit gegen ihn vertheidigen. Aber, {Math. 5, 41–43. Römer 12, 19–21.} nie einen innern Groll gegen ihn hegen; nie ihm böses anwünschen oder gar von Gott erbitten; nie an seinem Unglück Gefallen haben und deswegen ihm zu schaden suchen; nie mit ihm brechen, in Widerwillen und Feindschaft leben. Sondern, allen sich innerlich regenden Groll und Haß unterdrücken; ihm alles Gute herzlich anwünschen; den Umgang mit ihm nie ganz aufheben; auf jede uns mögliche Art sein Vergnügen und Glück befördern; für sein Wohl herzlich zu Gott beten; – – kurz, ihn lieben, sein wahrer herzlicher Freund seyn, und durch Wohlthun und Liebe ihn zu gewinnen, seine Bosheit zu besiegen suchen. Christen! das ist unsre Pflicht, unsre Unveränderliche Pflicht. Denn, {v. 24–27. u. 32–35.} Gott vergiebt uns! Uns, deren Verschuldungen gegen Ihn, Millionen; da die Verschuldungen auch unsrer boshaftesten Feinde gegen uns, nur wenige Gro|c293|schen sind! Das ist unsre Pflicht, denn Gott will auch uns nicht vergeben, auch uns von aller Gnade auf ewig ausschliessen, wenn wir unsern Feinden nicht, so herzlich vergeben. – So von Herzen vergeben sollen wir, auch {v. 22.} U n a u f h ö r l i c h. Gar an jedem Tage, wohl siebenzigmahl siebenmahl. Denn Gott vergiebt uns auch, an jedem Tage. – Und dies endlich thun, a u s d a n k b a h r e r L i e b e z u G o t t. Durchdrungen von Empfindung der unermeslichen Gnade und Wohlthätigkeit Gottes; welcher uns durch Jesum Christum, alle unsre ehemaligen Sünden vergeben; unsre täglichen Schwachheiten mit solcher herzrürenden nie zu ermüdenden Nachsicht trägt; und über uns ganz Unwürdige, uns Sünder, Ströme von Wohlthaten und Segnungen jeden Augenblick ergiesset! – Dies, dies, Christ! lerne nur erst recht fülen! Fülen, was du im Verdienste des Sohnes Gottes hast! Fülen daß Gott auch gegen dich, lauter Liebe ist! Und sicherlich! du wirst bei jeder Regung der Rachbegierde, bei jeder Ausflucht des rachbegierigen Herzen, vor dir selbst erröten! Da wirst du dich willig, und mächtig genug fülen, auch {Lucä 23, 33. 34.} für Feinde die dich kreuzigen, wie dein Erlöser, mit übermenschlicher, mit göttlicher Seelen-Grösse zu beten, Vater vergieb ihnen denn sie wissen nicht was sie thun. H i e r sehen wir denn, den Willen, den Ernstlichen, unveränderlichen Willen unsers Schöpfers! – Wir müssen unsern Neben-Menschen, jede Beleidigung, Unaufhörlich, und von Herzen vergeben! Denn, Gott vergiebt uns Unendlich mehr. Und wenn wir nicht also vergeben; so will auch Er, uns nicht verge|c292|ben. – Vergeben sollen wir also, {v. 28.} unsern Neben-Menschen, unsern Mit-Knechten; ihnen die völlig unsers gleichen, so wie wir Knechte Gottes sind. Wie? diesen wolten wir nicht vergeben, da Gott, unser Herr, uns vergiebt, die wir so Unendlich Unter Ihm, nur Seine Knechte sind? – Vergeben, J e d e Beleidigung; und zwar, sie v o n H e r z e n vergeben. Auch die allerärgste, die allerboshafteste. Auch wenn unser Feind unsre Ehre antastet, und heimtückisch unsern ganzen guten Nahmen zu zernichten sucht. Auch wenn er mit mehr als höllischer Bosheit, uns nebst unsrer ganzen Familie zu Grunde richten will. Da können, und sollen wir uns, durch Klugheit und die Macht der Obrigkeit gegen ihn vertheidigen. Aber, {Math. 5, 41–43. Römer 12, 19–21.} nie einen innern Groll gegen ihn hegen; nie ihm böses anwünschen oder gar von Gott erbitten; nie an seinem Unglück Gefallen haben und deswegen ihm zu schaden suchen; nie mit ihm brechen, in Widerwillen und Feindschaft leben. Sondern, allen sich innerlich regenden Groll und Haß unterdrücken; ihm alles Gute herzlich anwünschen; den Umgang mit ihm nie ganz aufheben; auf jede uns mögliche Art sein Vergnügen und Glück befördern; für sein Wohl herzlich zu Gott beten; – – kurz, ihn lieben, sein wahrer herzlicher Freund seyn, und durch Wohlthun und Liebe ihn zu gewinnen, seine Bosheit zu besiegen suchen. Christen! das ist unsre Pflicht, unsre Unveränderliche Pflicht. Denn, {v. 24–27. u. 32–35.} Gott vergiebt uns! Uns, deren Verschuldungen gegen Ihn, Millionen; da die Verschuldungen auch unsrer boshaftesten Feinde gegen uns, nur wenige Gro|c293|schen sind! Das ist unsre Pflicht, denn Gott will auch uns nicht vergeben, auch uns von aller Gnade auf ewig ausschliessen, wenn wir unsern Feinden nicht, so herzlich vergeben. – So von Herzen vergeben sollen wir, auch {v. 22.} U n a u f h ö r l i c h. Gar an jedem Tage, wohl siebenzigmahl siebenmahl. Denn Gott vergiebt uns auch, an jedem Tage. – Und dies endlich thun, a u s d a n k b a h r e r L i e b e z u G o t t. Durchdrungen von Empfindung der unermeslichen Gnade und Wohlthätigkeit Gottes; welcher uns durch Jesum Christum, alle unsre ehemaligen Sünden vergeben; unsre täglichen Schwachheiten mit solcher herzrürenden nie zu ermüdenden Nachsicht trägt; und über uns ganz Unwürdige, uns Sünder, Ströme von Wohlthaten und Segnungen jeden Augenblick ergiesset! – Dies, dies, Christ! lerne nur erst recht fülen! Fülen, was du im Verdienste des Sohnes Gottes hast! Fülen daß Gott auch gegen dich, lauter Liebe ist! Und sicherlich! du wirst bei jeder Regung der Rachbegierde, bei jeder Ausflucht des rachbegierigen Herzen, vor dir selbst erröten! Da wirst du dich willig, und mächtig genug fülen, auch {Lucä 23, 33. 34.} für Feinde die dich kreuzigen, wie dein Erlöser, mit übermenschlicher, mit göttlicher Seelen-Grösse zu beten, Vater vergieb ihnen denn sie wissen nicht was sie thun.
W e l c h e Moral! – Seinen Feind, Lieben! Sich nicht durch seine Bosheit besiegen lassen; sondern seine Bosheit, durch Wohlthun besiegen! – Millionen Feindseligkeiten der Beleidiger, und Millionen peinliche Schmerzen bei Beleidigten, |c294| würden weniger seyn. Die gröbsten Bösewichter die gleich reissenden Thieren wüten, würde man allmählig zahm werden sehen: ihr Herz erweichen; sie zu Freunden des Beleidigten; sie zu Tugendhaften Menschen; und dadurch zu Wohltätern der Welt machen. Und die Beleidigten, wie viel tausend süsse, innige, entzückende Freuden würden sie fülen! Mit einem Wort, Unzäliches Elend würde aus der Welt verbannet, und Unzäliche Freuden in sie geleitet werden, wenn diese Moral mehr Erkant und Geübt würde! oder, wenn es mehr Christen gäbe!W e l c h e Moral! – Seinen Feind, Lieben! Sich nicht durch seine Bosheit besiegen lassen; sondern seine Bosheit, durch Wohlthun besiegen! – Millionen Feindseligkeiten der Beleidiger, und Millionen peinliche Schmerzen bei Beleidigten, |c294| würden weniger seyn. Die gröbsten Bösewichter die gleich reissenden Thieren wüten, würde man allmählig zahm werden sehen: ihr Herz erweichen; sie zu Freunden des Beleidigten; sie zu Tugendhaften Menschen; und dadurch zu Wohltätern der Welt machen. Und die Beleidigten, wie viel tausend süsse, innige, entzückende Freuden würden sie fülen! Mit einem Wort, Unzäliches Elend würde aus der Welt verbannet, und Unzäliche Freuden in sie geleitet werden, wenn diese Moral mehr Erkant und Geübt würde! oder, wenn es mehr Christen gäbe!
D e n n, wer diese Pflicht vorsäzlich verlezet, wer sie nicht aus allen Kräften zu üben trachtet, der ist kein Christ! der muß diesem erhabenen Ruhm; der muß allem Antheil an Jesu; allem Antheil an Gottes Gnade entsagen. Ja! – und was kan entsezlicher seyn! selbst dessen Gebete werden Flüche gegen sich selbst. – {Math. 6, 12,} Vergieb uns unsre Sünden; so lehret uns Jesus im Vater Unser beten, so wie wir auch unsern Beleidigern vergeben. Und damit wir nicht etwa glauben, wir könten doch ein anderes Gebet, alsdenn erhörlich beten: so sezt er so gleich die Versicherung hinzu: {v. 14. 15.} Denn wenn ihr den Menschen ihre Beleidigungen vergebet, so wird auch euch, euer allmächtiger Vater vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Beleidigungen nicht vergebet, so wird – auch euch euer allmächtiger Vater nicht vergeben. Was sind nun, bei einem unversönlichen, rachbegierigen, gegen unsern Feind lieblo|c295|sen Herzen, was sind da nun unsre Gebete? – Feierliche Verwerfungen der Gnade Gottes. Feierliche Aufforderungen des Allmächtigen, uns unerbittlich, und ewig zu strafen! „Du weißt, Allwissender, daß ich meinem Feinde nicht vergebe, und wilst mit mir so verfahren, wie ich mit meinem Feinde verfahre. Ich entsage hiemit feierlich, der Vergebung bei Dir. Immerhin entziehe mir Deine Gnade. Laß alle die Strafen Deiner Allmacht über mich im Leben, Leiden, und Sterben fallen!“ Dies sagen wir denn, bei jedem unsrer Gebete. Denn, wir Christen wissen ja den Willen Gottes, Seine Erklärung daß er mit uns eben so verfahre als wir mit unsern Feinden: und wollen ihn nicht thun. Was heißt das anders, als, wir entsagen feierlich aller Gnade Gottes?D e n n, wer diese Pflicht vorsäzlich verlezet, wer sie nicht aus allen Kräften zu üben trachtet, der ist kein Christ! der muß diesem erhabenen Ruhm; der muß allem Antheil an Jesu; allem Antheil an Gottes Gnade entsagen. Ja! – und was kan entsezlicher seyn! selbst dessen Gebete werden Flüche gegen sich selbst. – {Math. 6, 12,} Vergieb uns unsre Sünden; so lehret uns Jesus im Vater Unser beten, so wie wir auch unsern Beleidigern vergeben. Und damit wir nicht etwa glauben, wir könten doch ein anderes Gebet, alsdenn erhörlich beten: so sezt er so gleich die Versicherung hinzu: {v. 14. 15.} Denn wenn ihr den Menschen ihre Beleidigungen vergebet, so wird auch euch, euer allmächtiger Vater vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Beleidigungen nicht vergebet, so wird – auch euch euer allmächtiger Vater nicht vergeben. Was sind nun, bei einem unversönlichen, rachbegierigen, gegen unsern Feind lieblo|c295|sen Herzen, was sind da nun unsre Gebete? – Feierliche Verwerfungen der Gnade Gottes. Feierliche Aufforderungen des Allmächtigen, uns unerbittlich, und ewig zu strafen! „Du weißt, Allwissender, daß ich meinem Feinde nicht vergebe, und wilst mit mir so verfahren, wie ich mit meinem Feinde verfahre. Ich entsage hiemit feierlich, der Vergebung bei Dir. Immerhin entziehe mir Deine Gnade. Laß alle die Strafen Deiner Allmacht über mich im Leben, Leiden, und Sterben fallen!“ Dies sagen wir denn, bei jedem unsrer Gebete. Denn, wir Christen wissen ja den Willen Gottes, Seine Erklärung daß er mit uns eben so verfahre als wir mit unsern Feinden: und wollen ihn nicht thun. Was heißt das anders, als, wir entsagen feierlich aller Gnade Gottes?
S o weit die Moral dieser Erzälung unsers Herren! Sie erinnert uns aber auch, noch an andere wichtige Wahrheiten, die mit jener in genauer Verbindung stehen. – D i e Verschuldungen jedes Menschen gegen Gott, sind ungeheuer groß, und können von ihm selbst, nimmermehr gut gemacht werden. {v. 24.} Millionen war der Bediente seinem Herren schuldig; eine Summe, die er nimmermehr bezahlen konnte. Gerade in diesem Fall bist du mein Leser! und ich, und jeder Mensch, und besonders jeder Christ. Daß wir dieses nicht fülen, ja nicht einmahl erkennen, dies komt daher, weil wir Sünde, nicht nach Gottes Gesezen sondern nach bürgerlichen Gesezen bestimmen; und nicht wissen, oder nie |c296| darüber nachgedacht, was Sünde auf sich hat. S ü n d e ist, alles was irgend einem Geseze Gottes zuwider ist. Nicht bloß was selbst die Welt verabscheuet: nicht allein Ehebruch und Blutschande, sondern auch eben so wohl jede schlüpfrige Rede, jeder verfürerische Scherz: nicht allein Einbruch, sondern auch eben so wohl die Uebertheurung unsrer Waaren und Arbeiten: nicht allein die groben Schimpf-Worte und pöbelhaften Anfälle unsrer Feinde, sondern auch eben so wohl die geheimen feinen Anschwärzungen derselben u. s. w. Und nicht allein die äussern Thaten, sondern auch die bloß innerlich gehegten Lüste: nicht bloß die wirkliche Uebertretung eines göttlichen Gesezes, sondern auch die Vernachlässigung desselben, alles das ist Sünde. – Und eine jede solcher Sünden ist, die eine mehr die andre weniger, Ein Ungehorsam gegen unsern Schöpfer; Ein schnöder Misbrauch Seiner Gaben; Eine Beunruhigung und Beschädigung Seines Reichs, der menschlichen Gesellschaft; und – Ein Undank der allerschwärzesten Art, Undank gegen Gott! – Sezet nun auch, einen Christen der seinen Taufbund nie gebrochen. Dieser hat zwar nie vorsäzlich gesündiget. Aber selbst der wird bekennen müssen; daß kein einziger Tag hingegangen, wo er nicht auf die eine oder andre Art, nicht selten auch mehrmahls, in Thaten, Reden und Gedanken Gesündiget: das heißt, Gottes Gesez übertreten; Seine Gaben gemisbraucht, Seine Menschen beleidiget, und gegen I h n undankbahr gewesen.S o weit die Moral dieser Erzälung unsers Herren! Sie erinnert uns aber auch, noch an andere wichtige Wahrheiten, die mit jener in genauer Verbindung stehen. – D i e Verschuldungen jedes Menschen gegen Gott, sind ungeheuer groß, und können von ihm selbst, nimmermehr gut gemacht werden. {v. 24.} Millionen war der Bediente seinem Herren schuldig; eine Summe, die er nimmermehr bezahlen konnte. Gerade in diesem Fall bist du mein Leser! und ich, und jeder Mensch, und besonders jeder Christ. Daß wir dieses nicht fülen, ja nicht einmahl erkennen, dies komt daher, weil wir Sünde, nicht nach Gottes Gesezen sondern nach bürgerlichen Gesezen bestimmen; und nicht wissen, oder nie |c296| darüber nachgedacht, was Sünde auf sich hat. S ü n d e ist, alles was irgend einem Geseze Gottes zuwider ist. Nicht bloß was selbst die Welt verabscheuet: nicht allein Ehebruch und Blutschande, sondern auch eben so wohl jede schlüpfrige Rede, jeder verfürerische Scherz: nicht allein Einbruch, sondern auch eben so wohl die Uebertheurung unsrer Waaren und Arbeiten: nicht allein die groben Schimpf-Worte und pöbelhaften Anfälle unsrer Feinde, sondern auch eben so wohl die geheimen feinen Anschwärzungen derselben u. s. w. Und nicht allein die äussern Thaten, sondern auch die bloß innerlich gehegten Lüste: nicht bloß die wirkliche Uebertretung eines göttlichen Gesezes, sondern auch die Vernachlässigung desselben, alles das ist Sünde. – Und eine jede solcher Sünden ist, die eine mehr die andre weniger, Ein Ungehorsam gegen unsern Schöpfer; Ein schnöder Misbrauch Seiner Gaben; Eine Beunruhigung und Beschädigung Seines Reichs, der menschlichen Gesellschaft; und – Ein Undank der allerschwärzesten Art, Undank gegen Gott! – Sezet nun auch, einen Christen der seinen Taufbund nie gebrochen. Dieser hat zwar nie vorsäzlich gesündiget. Aber selbst der wird bekennen müssen; daß kein einziger Tag hingegangen, wo er nicht auf die eine oder andre Art, nicht selten auch mehrmahls, in Thaten, Reden und Gedanken Gesündiget: das heißt, Gottes Gesez übertreten; Seine Gaben gemisbraucht, Seine Menschen beleidiget, und gegen I h n undankbahr gewesen.
{v. 26. 27, 32–35.} A b e r, so lange noch dies jezige Leben dauret, ist Gott immer bereit jedem Men|c297|schen, alle seine Sünden zu vergeben: wenn sie auch noch so schwer und zahlreich wären: und sie ihm gänzlich zu vergeben. – Jedoch nur unter der Bedingung der redlichen Besserung.{v. 26. 27, 32–35.} A b e r, so lange noch dies jezige Leben dauret, ist Gott immer bereit jedem Men|c297|schen, alle seine Sünden zu vergeben: wenn sie auch noch so schwer und zahlreich wären: und sie ihm gänzlich zu vergeben. – Jedoch nur unter der Bedingung der redlichen Besserung.
{v. 21. 32. vergl. mit v. 35.} U n d, ohne Aufhören will er uns vergeben. Wie trostvoll, wie unaussprechlich wichtig ist dies, selbst für den rechtschaffenen Christen! Auch der Held in der Tugend, behält hier immer noch seine Flecken. Täglich sündiget auch der Beste: zwar nie mit Vorsaz; aber auch Schwachheits- und Uebereilungs-Sünden, sind wirkliche Sünden. Ofte an einem Tage mehr als einmahl. Zuweilen fällt er gar, wenige Augenblicke hernach da er von Gott die Vergebung eines Fehltrittes erbeten; in eben denselben. Müsten wir da nicht am Ende muthlos werden, und an Gottes Huld verzweifeln? Hier aber, Freunde der Tugend! hier ist die ausdrückliche Versicherung unsers Erlösers. An jedem Tage, Unzälichemahl, ohne Aufhören vergiebt uns Gott, w o f e r n e wir eben so unsern Beleidigern vergeben. {2 Petr. 1, 3–11} Aber eine jede einzelne Tugend schliesset alle übrige mit in sich. Und für uns Christen, giebt es gar keine Tugend ohne wahren Glauben an die Lehre und das Verdienst Jesu.{v. 21. 32. vergl. mit v. 35.} U n d, ohne Aufhören will er uns vergeben. Wie trostvoll, wie unaussprechlich wichtig ist dies, selbst für den rechtschaffenen Christen! Auch der Held in der Tugend, behält hier immer noch seine Flecken. Täglich sündiget auch der Beste: zwar nie mit Vorsaz; aber auch Schwachheits- und Uebereilungs-Sünden, sind wirkliche Sünden. Ofte an einem Tage mehr als einmahl. Zuweilen fällt er gar, wenige Augenblicke hernach da er von Gott die Vergebung eines Fehltrittes erbeten; in eben denselben. Müsten wir da nicht am Ende muthlos werden, und an Gottes Huld verzweifeln? Hier aber, Freunde der Tugend! hier ist die ausdrückliche Versicherung unsers Erlösers. An jedem Tage, Unzälichemahl, ohne Aufhören vergiebt uns Gott, w o f e r n e wir eben so unsern Beleidigern vergeben. {2 Petr. 1, 3–11} Aber eine jede einzelne Tugend schliesset alle übrige mit in sich. Und für uns Christen, giebt es gar keine Tugend ohne wahren Glauben an die Lehre und das Verdienst Jesu.