/z|a[357]| |b335| |c349| Evangelium am 1. Advents-Sontagebc1
Matthäi 21, 1–9. verglichen mit Marci 11, 1–10c2 Lucä 19, 29–40c3 und Johannis 12, 12–19.

D i e s war der Einzug Jesu zu seinem Leiden! Sonst war er immer nur im Stillen, ohne alles Aufsehen nach Jerusalem gekommen. Jezt aber, wenige Tage vor seinem peinlichen Leiden und Tode, am Montage, ziehet er so froh, so feierlich in die Stadt ein wo, wie er wuste, ihn Marter und Todt erwartete. Aus Liebe zu Gottc4 und der Welt sehen wir ihn hier, so ruhig, so froh, so triumphirend dem schrecklichen Leiden entgegen gehen, welches Wille GottesGottesc5 Wille verhängete, und das Wohl der Welt /bcforderte! --bc\bc6 Dies flösse auch uns, Christen! den unsrer erhabenenb7 Würde gemässen Muth ein! Wenn der ehrenvolle Dienst der Wahrheit und Tugend uns zu Leiden auffordert: da lasset uns, {Römer 8, 17.} wie Jesus leiden. So werden wir auch, wie Er, mit Ruhm und Glück gekrönet werden!

|a358| {/cvers 1–3b8 c\c9 } A l sc10 sie sich Jerusalem näherten; (oder, nach Johanne 12, 1 vergl. vers 12, „Als Jesus aus Bethanien, einem Flecken etwa eine halbe Stunde von Jerusalemc11, nach der Stadt gieng.“) und nach Bethphage, nämlich nahe herbei, kamen, (ein Flecken, der zwischen Bethanien und Jerusalem, auf dem Oelberge lag) |b336| |c350| an den Oelberg: (ein hoher Berg, nahe bei Jerusalem. Er hat seinen Nahmen von den /cOliven Bäumenc\c12 mit denen er noch jezo bewachsen ist) – da sandte Jesus zweyc13 seiner Jünger, mit dem Befehl, Gehetbc14 hin in den Flecken der vor euch liegt, (nach Bethphage) und bald (gleich nach dem Eintritt in den Flecken Siehe Marci /cvers 2c\c15) werdet ihr eine Eselin finden angebunden nebst einem Füllen bei ihr. Löset sie ab und bringet sie zu mir. Wenn aber jemand euch etwas darüber saget, so sprechet, der Herr bedarf ihr: so wird er sie euch so gleich abfolgen lassen.

{versc16 4. 5bc17 } D i e s alles aber geschahe, damit erfüllet würde, was von dem Propheten (nämlich Zacharias, Kapit. 9, 9. 10c18) gesagt worden: Saget der Tochter Sion, (genauerc19, der Stadt Sion; das ist; der Stadt Jerusalem, die auf dem Berge Sion erbauet warc20) Siehe! dein König kömt zu dir, sanftmütigb21. Er reitet auf einem Esel; nämlich dem Füllen einer lastbaren Eselin. – Im Orient bedienen sich auch die Vornehmsten der Esel, so wie wir der Pferde. Diese werden dort, nur im Kriege gebraucht. In Friedenszeiten aber reiten auch Fürsten auf Eseln. Noch jezo halten die Gesandten europäischer Mäch|a359|te, ihren Einzug auf Eseln. Auf gleiche Artc22 hielte auch Jesus hier, nach der dortigen Landesart, seinen Einzug auf einem Esel. Und diejenigen, welche hierüber lachen, zeigen entweder einen schlechten Verstand, oder ein schlechtes Herz. Ueber Gebräuche fremder Völker lachen, die denen |b337| |c351| zuwider sind, an welche wir, bei unsern Müttern und in unsern Winkeln uns gewönet c23, ist kindischc24. Ueber Dinge lachen die zu einer Religion gehören, welche so viele Tausendbc25 der weisesten, ehrwürdigsten Menschen als ihr Kleinod verehren, ist im höchsten Grade unverschämtc26 und menschenfeindlichc27.

W a r u m aber hielte Jesus seinen feierlichen Einzug auf einem Esel? Und warum füren alle Evangelisten dies als etwas Merkwürdiges an? – – – Jesus zeigete sich dadurch der Welt, als den Friede und Glück bringenden König. Ein Beweis seiner Demuth, oder freiwilligen Armuth kan es nicht seyn: denn, wie gesagt, auch die Vornehmsten reiten dort auf Eseln. Weil man aber, sich der Pferde nur im Kriege, und der Esel zu Friedens-Zeiten bedienete: so war dieser Einzug Jesu, eine sinlichec28, in die Augen fallende Lehre, daß Er der Beglücker der Welt (der Messias) sey. So erkläret es uns Zacharias selbst, aus dem diesebc29 Stelle genommen. Und ich werde, färetc30 er, unmittelbahr darnach fort im 10 vers,c31 die Streit-Wagen aus Ephraim und die Pferde von Jerusalem entfernen. Der /cStreit Bogenc\c32 wird zerbrochen werden. Denn Er wird Friede den Völkern gebiethen; und seine Herrschaft wird reichen von |a360| Meer zu Meer, und vom grossen Fluß (dem Euphrat) bis an das Ende der Erde.

{/cvers 6c\c33 } D i e Jünger nun giengen hin, und thaten wie ihnen Jesus befohlen hatte. „Sie kamen nämlich dahin[“], so erzälen Marcusc34 und |b338| |c352| Lucasc35 es vollständiger, „und fanden ein Füllen angebunden, an der Thüre, am Kreuzwege. Nun lösenc36 sie es ab,bc37 Einige aber die dabei stunden, sprachen, warum löset ihr das Füllen ab? Sie antworteten, wie ihnen Jesus befohlen. Und nun ließ man es abfolgen.“ – So kleine Umstände! Und so Punctc38 vor Punctc39 trift alles ein! Ein Beweis, daß – Jesus die genaueste Kentniß der Zukunft hatte; also das war wofür er sich angab, ein Gesandter Gottesc40, und der Heiland der Welt!

{/cvers 7–9c\c41 vergl. bei /cMarco versc\c42 7. /cundb43 Luca versc\c44 35.} U n d brachten die Eselin nebst dem Füllen, und legten ihre Kleider darauf. Er aber sezte sich auf das Füllen. Eine sehr grosse Menge Volks aber breitete die Kleider auf den /bcWeg. Andrebc\bc45 hieben Zweige von den Bäumen und bestreueten damit den Weg. Beides aber die Menge die vorangieng und nachfolgete, rief, – Hosanna dem Sohne David! (ein hebräisches Wort, auf deutsch: Heil dem Könige! Siehe bei Johanne vers 13.) – Beglückt sey der Gesandte Gottes! – Gieb Heil, Allerhöchster!

{Siehe bei /cLuca vers 40b46 c\c47 } E i n i g e der Pharisäer aber, die unter der Menge waren, sagten zu Jesu, Herr verweise es doch deinen Jüngern. In der That war es der Neid der aus ihnen sprach. Sie stelleten sich aber an, als wenn dies ein Verbrechen |a361| sey, Jesum als den Messias auszurufen. Denn nichts, weder Religion, noch Eidschwur, noch Gottheit, ist dem Neide zu ehrwürdig. Kein |b339| |c353| Verbrechen ist zu denken, wozu nicht dieses höllische Laster, die Menschen füren könte, und tausend Menschen schon gefüretb48 hat, und tausend noch täglich füret! Jesus aber antwortete ihnen, Ich versichere euch, wenn diese schwiegen so würden die Steine schreien. Mit andern Worten, „Diese Wahrheit muß der Welt bekandt gemacht werden. Eher würde Gottc49 die Steine beleben, als gestatten daß die Lehre von mir dem Welt-Heiland, verborgen bliebe.“ – Und Dank sey der göttlichen Güte! Schon seit mehr als /csiebzehn Jahrhundertenc\c50 ist sie, in alle /cWelt Theilec\c51 erschollen. Und wer kan die Summe der Wohlthaten aussprechen, welche die Welt dadurch empfangen?

A u c h uns wird nun seine Zukunft in die Welt, abermahls in diesen ihrem Andenken gewidmeten Wochen geprediget. Auch uns ruft man zu, Siehe! dein König komt! {Johannis 18, 33–37bc52 } Ein König der durch Wahrheit und Tugend über uns herrschet, oder welches einerlei ist, uns beglücket. Wahrheit also, Aufklärung unsers Verstandes, richtige Begriffe, würdige Grundsäze über Glück und Unglück, und den Werth der Dinge; und Tugend, Bildung aller unsrer Begierden, Gesinnungen und Handlungen nach jenen richtigen, edlen Grundsäzen; das ist es, wodurch Er uns beglücket; was wir bei Ihm suchen und von Ihm begierig annehmen müssen. {Johannisbc53 8, /bc31–36 Apostelgeschichtbc\bc54 3, 18. 19.} Darohne ist seine Zukunft für uns ohne Nuzen, verstärket gar unsre Strafe. Darohne ist für uns – kein Erlöser. – – – |a362| Bessert euch und werdet andre Menschen; so werden eure Sünden ausgelöschet; so |b340| |c354| wird die Zeit der Erquickung für euch kommen; so wird Gott – euch Jesum den Erlöser senden.

A l l e s unser Elend ist die Frucht der Sünde; und alle unsre Sünden entspringen aus den verkehrten Vorstellungen unsers Verstandes. Mit einem Wort, die Unvernünftige Sinnlichkeit, welche uns unser ganzes und höchstes Glück, in Befriedigung unsrer Triebe und dem Besiz der irrdischen Güter suchen lehret; welche kein andres oder doch kein höheres Glück kennet als Reichthum, Ruhm und Ansehen vor der Welt und andre Güter der Erde; und kein andres oderbc55 grösseres Unglück, als Armuth, Niedrigkeit und andre Leiden dieses Lebens. Diesem uns schändenden und ins Unglück stürzenden Irthumc56, uns zu entreissen; {2 Corintherc57 4, 18bc58 } unser Augenmerk von dem Sichtbahren, Vergänglichen, auf das Unsichtbahre, Ewige zu lenken, das ist der Zweck des ganzen Christenthums. – Und dazu kan uns auch die Geschichte von Jesu Einzuge zu Jerusalem dienen.

S i e lehret, oder vielmehr sie zeiget uns; daß Ruhm und Beifall der Welt unsrer BESTEN Wünsche unwerth ist. – BESTEN sagec59 ich. Denn ihn ganz verachten, sich über alle Urtheile der Welt hinaussezen, ist das sicherste Kenzeichen eines niederträchtigen, weggeworfenen Gemüts. Tief, tief unter der edlen erhabenen Denkungsart welche das Christenthum dem Menschen einflösset! Aber an der andern Seite ist es nicht weniger, ein sicheres Kenzeichen eines |a363| |b341| |c355| schwachen Gemüts; wenn man darauf alle, oder doch seine vornehmsten Wünsche und Bestrebungen richtet; wenn man seine wahre Ehre den Urtheilen der Welt unterwirft. Denn wer sind gemeiniglich die, welche diesen Ruhm austheilen? {vers 8. 9bc60 } Pöbel war es, der hier alles in Unruhe sezte, und Stadt und Feld mit dem Geschrei erfüllete, Heil dem Gesandten Gottes! Beglückt sey der kommende König! Und Pöbel niedriger und vornehmer, gelehrter und ungelehrter, ist es auch ofte, dessen Ausspruch den irrdischen Ruhm bestimmet: Menschen ohne Kopf und Characterc61, die nichts weniger verstehen als das, wovon sie sich zu urtheilen anmaassen, und nur darauf ausgehen Partheien, /cFactionenc\c62 zu stiften. Die Menge ist es ja, die den grösten, lautesten Ruhm in der Welt giebt. Aber die Menge sind unstreitig Thoren. Von nichtswürdigen also, hängt gemeiniglich der irrdische Ruhm und Beifall ab. Und ferner – W i ebc63 Leichtsinnig und Partheiisch ist er? Die meisten von denen die hier das Lob Jesu ausschrien, verstundenc64 nichts von der Sache die sie lobten. Sie lobten gar gerade das an Jesu, was für Ihn eine Schande gewesen seyn würde; nämlich /cein Armseeliger, Irrdischer Königc\c65 zu seyn. Der gröste Theil wuste gar nicht |a364| einmahl wovon die Rede war; einige stimmeten das Lob Jesu an, und nun schalleten alle andre, gleich einer tönenden Materie, es wieder: {/cvers 15c\} auch Knaben schrien das Hosanna. Alle aber ohne Ausnahme thaten es aus Eigennuz: Siege, Gesundmachungen und andre irrdische Güter hoften sie von Jesu. – Die Anwendung auf |b342| |c356| unsre, und jede andre Zeit ist leicht. Allenthalben und Immer; am Hofe und auf dem Felde hinter den Heerden, vor tausend Jahren und jezo, sind sich die Menschen gleich: von eben denselben Leidenschaften geblendet und beherrscht. Der ganze Unterschied bestehet in gewissen Gestalten, die ihnen Erziehung und Umgang geben: in der Sache selbst ist der Hirte hinter seiner Heerde, ganz vollkommen derselbe Mensch als der /cStaats Ministerc\c66 am Hofe. – – D a r u m ist denn auch, dieser irrdische Ruhm und Beifall so höchst veränderlich. Eben dieses Volk welches hier Jesu entgegen strömete, die Kleider vor ihm her breitete, Seinen Weg mit Blumen bestreuete, und Ihn voll Begeisterung unter Jauchzen und Glückwünschen in die Stadt und durch die Stadt begleitete: eben diese Menge sezte Ihnbc67 vier Tage nachher einem Mörder nach, schrie Kreuzige ihn! und ruhete nicht ehrc68 als bis sie ihn am Kreuz sahe. |a365| – Aber lasset uns auch die vortheilhaftesten Umstände setzen. Unser Ruhm sey der Lobspruch vernünftiger Männer, sey auf Prüfung und Wahrheit gebauet, und gegen alle Zufälle gesichert, so ist doch aller irrdischebc69 Ruhm, In Sich Selbst nur sehr wenig bedeutend. Zwanzig loben uns, aber dreyssigbc70 vielleicht tadeln uns; und Tausenden sind wir gleichgültig; und Millionen wissen nicht einmahl unsern Nahmen. Und alles dieses Lob, auch wenn ihr wollet von Millionen, bloß für sich betrachtet, abgesondert von den guten christlichen Thaten wodurch wir es etwa verdienet oder wozu wir es gebrauchen, kan uns auf dem Krankenlager, noch weniger auf dem Sterbebette |b343| |c357| erquicken, und am wenigsten über das Grab hinaus in die Ewigkeit nachfolgen. – Und der Schluß aus diesem allen? – D e n Ruhm der Welt, bloßc71 um sein selbst willen suchen; ihnc72 ängstlich rastloosbc73 suchen; ihnc74 gar mit Sünden erkaufen: das ist nicht Ehrbegierde. Das ist Ruhmsucht, kindische Eitelkeit; folglich wahre Niederträchtigkeit. – – Unsre einzige Wahre und Allerhöchste Ehre, bestehet in dem Beifall des Unendlichen Verstandes der nie irret,c75 des Unpartheiischen den nichts blendet; desb76 Unwandelbahren der sich nie ändert; desc77 Ewigen der nie stirbt,c78 |a366| und des Allmächtigen, der seinen Beifall durch Millionen Welten wirksam machen kan. Diesen Beifall des Unendlichen und Ewigen über alles andre suchen, oder vielmehr, nur ihn alleinec79, und den irrdischen Ruhm nur in so ferne suchen als er uns zu jenem /cfüret. Dasc\c80 ist ächte Ehrbegierde, das ist c81 Grösse des Geistes! 1 Corintherc82 3, 21–23bc83 Kapitel 7, 23.z\

bc1: Advents-Sontage. c2: 1—10. c3: 29–40. c4: Gott c5: Gottes bc6: forderte! – b7: erhabnen b8: 1–3. c9: v. 1–3. c10: Als c11: Jerusalem c12: Oel-Bäumen c13: zwei bc14: gehet c15: vers 2. c16: v. bc17: 5. c18: 10. c19: („genauer c20: war“ b21: sanfmütig c22: Weise c23: haben c24: kindisch bc25: tausend c26: unverschämt c27: menschenfeindlich c28: sinnliche bc29: die c30: (färet c31: vers,) c32: Streit-Bogen c33: v. 6. c34: Markus c35: Lukas c36: löseten bc37: ab. c38: Punkt c39: Punkt c40: Gottes c41: v. 7–9. c42: Marko v. b43: u. c44: u. Luka v. bc45: Weg, andre b46: 40. c47: Luk. v. 40. b48: geführet c49: Gott c50: siebzehn Jahrhundert c51: Welt-Theile bc52: 33–37. bc53: Joh. bc54: 31–36. Apost. Gesch. bc55: und c56: Irrthum c57: Korinther bc58: 18. c59: sagte bc60: 9. c61: Charakter c62: und Faktionen bc63: Wie c64: verstanden c65: einer der Armseeligen Irrdischen Könige c66: Staats-Minister bc67: ihn c68: eher bc69: Irrdische bc70: dreissig c71: bloß c72: ihn bc73: rastlos c74: ihn c75: irret; b76: den c77: des c78: stirbt; c79: allein c80: füret: das c81: wahre c82: Korinther bc83: 21–23.