cz|c399| |z16| A n h a n gz1
Am zweiten Christtage,z2 oder am Gedächtniß-Tage, Stephani, des ersten christlichen Märtyrers.
L e b e n s- und T o d e s - G e s c h i c h t e, nach Apostel-Geschichtez3 6 und 7.

D i e allererste Christliche, die Mutter-Gemeinde zu Jerusalem befand sich unter einer Obrigkeit und Nation, die dem Christenthume äusserst feind war; und in einer Zeit, wo die häufigen Gärungen und Empörungen gegen die Römer den Untergang des Staats ganz unvermeidlich machten. In einer solchen Laage war nichts nothwendiger, und vernünftiger, als eine Anstalt zu treffen, wodurch der Unterhalt der Gemeinde gesichert ward. Und diese traf man wirklich in der {Kapit. 2, 45. 46. Kapitel.z4 4, 32–37. /zu. Kapitelz\z5 6.} Gemeinschaft der Güter, welche sonst nirgends als zu Jerusalem eingefüret ward; und nichts anders, als eine sehr gemeinnüzige Leib-Renten Anstalt war. Denn ein jeder durfte nur sein ganzes Vermögen, es mochte nun dies ansehnlich, oder geringe seyn, |c400| |z17| zur Gemeindekasse hergeben; so bekam er dadurch das Recht, den Unterhalt für sein ganzes Leben von der Gemeinde zu fordern.

{Kap. 6, 1 f.} D i e s e weise Einrichtung machte, bei dem grossen Anwachs der Gemeinde eine andere nothwendig. Man muste nämlich Gemeinde-Pfleger (Diakonen) bestellen; Personen von Weisheit, und Redlichkeit, welche die Mahlzeiten, und überhaupt den ganzen Unterhalt der Gemeinde besorgten. Und einer dieser Diakonen war Stephanus ein Mann {vers 8.} voll Treue (Redlichkeit Gewissenhaftigkeit) und Wunder-Kraft, welcher nicht allein durch viele und grosse Wunderthaten, sondern auch durch einen beredten, und geistvollen Vortrag dem Christenthum Ansehen und Eingang bei der Nation verschafte.

{vers 9.} G e g e n diesen standen auf, – die Männer, welche Haupt-Reformen im Menschen-Geschlecht waagen und ausfüren, finden immer viel Widerstand, – einige aus der Synagoge, die Libertinische *)[1] genannt, und Kyre|c401||z81[!]|nischen, und Alexandrinischen, auch der Cilicischen, und Asiatischen, und disputirten mit ihm (über die Religion). {v. 10.} Aber sie vermochten nicht der Weisheit zu widerstehen, und der Kraft womit er sprach.

*)[1] D i e Juden waren damahls durch fast alle Länder der bekandten Welt zerstreuet; und genossen beinahe allenthalben unter den Römern die Freiheit, nach den Gesezen ihrer Religion zu leben. In allen Städten hatten sie also ihre Synagogen, und in allen grossen Städten mehrere; z. B. in Alexandrien, und zu Rom. Vermuthlich waren auch mehrere dergleichen zu Jerusalem; weil die Nation aus allen Theilen der Welt, diese ihre Hauptstadt järlich an den gros|c401*||z81[!]*| sen Festen besuchte. (Siehe unten, am Pfingstfest). – Auch Libertina, eine Stadt (oder ein Distrikt) in Afrika beherbergete Juden, und diese hatten zu Jerusalem ihre eigne Synagoge: so wie auch die Kyrener, Alexandiner, Cilicier, und Asianer. (Siehe unten am Ende Anhang 2 von Ausgiessung des H. G.)

{v. 11.} D a nun – als ihnen vernünftige Gründe fehleten, nahmen sie, wie gemeiniglich geschiehet, ihre Zuflucht zum Schmähen und Schlagen, – stelleten sie Männer auf, welche sagen musten, „wir haben ihn gehört Lästerungen gegen Mosen und Gott ausstossen.“ Dies also war die Anklage, er sey ein Gotteslästrer. – {v. 12.} Auch wiegelten sie das Volk auf, sammt den Aeltesten, und Gesezgelehrten; und überfielen ihn, und rissen ihn mit sich fort, und füreten ihn vor den hohen Rath (das höchste Gericht der Nation.) {v. 13.} Auch stelleten sie falsche Zeugen auf, welche sagten, „dieser Mensch höret nicht auf Lästrungen gegen diesen heiligen Ort, (den Tempel, und die Stadt) und das Gesez auszustossen: {v. 14.} denn wir haben ihn sagen gehört, Jesus der Nazarener wird diesen Ort zerstören und die Geseze ändern, die uns Moses gegeben hat.“ – Die Falschheit und Bosheit dieser Anklage bestand nicht darin, daß sie Stephano diese Re|c402||z19|den beilegten: denn das war richtig, Jesus hatte es klar genug mehrmahls gesagt, z. E. Johann. 4, 21–24. und eben das lehreten auch schon damahls seine Schüler. S. z. B. Kapit. 15. Daß sie aber dieses zu Gotteslästerungen dreheten, und den Stephanus deswegen zu einem Gotteslästrer machten: das war Konsequenzenmacherei, Schmähung und Bosheit.

{v. 15.} E s blickten aber alle die im hohen Rath saassen auf ihn, (ohne Zweifel mit Blicken des Grimmes Kap. 7, 54.) und sahen sein Gesicht, wie das Gesicht eines Engels. (Sahen in seinem Gesicht eine ausserordentliche Ruhe, Heiterkeit und Würde.) {Kap. 7, 1.} Dann sprach der Hohepriester (der Präsident des Raths) „Verhält sich denn das so?“ {vers 2.} Er aber sagte, – Männer u. s. f. – Mann merke wohl, im Text steht nicht, er sagte aus Eingebung des h e i l i g e n G e i s t e s. Auch war Stephanus kein Apostel und nirgends finden wir, daß er die folgende Rede durch Inspiration gehalten habe. Sie ist also, gleich andern menschlichen Reden, trüglich. Sie kan Trugschlüsse und Fehler enthalten; und enthält dergleichen auch wirklich. Denn welcher auch so grosse Kopf, und tiefer Gelehrte würde unter gleichen Umständen, ohne Fehler gesprochen haben!

E r s p r a c h, Brüder, und Väter! Höret! Der majestätische Gott erschien unserm Vater Abraham, als er in Mesopotamien war, ehe er zu Haran wohnete, {vers 3.} und |c403| |z20| sprach zu ihm: „Gehe aus von deinem Lande, hin in ein Land, das ich dir anzeigen werde.“ {vers 4.} Da gieng er aus von Chaldäa, und ließ sich zu Haran nieder. Und von dannen versezte ihn G o t t, nach dem Tode seines Vaters, in dieses Land, welches ihr nun bewohnet. *)[2] {vers 5.} Aber er gab ihm nicht einen Fußbreit Eigenthums darin; ob E r gleich versprochen hatte, es ihm und seinen Nachkommen zum Besiz zu geben, als er noch keine Kinder hatte; {vers 6.} denn so redete G o t t: (1 Mosis 15, 13. 14) „Deine Nachkommenschaft wird in einem fremden Lande wohnen; und man wird sie zu Sklaven machen, und mißhandeln 400 Jahre lang. **)[3] {vers 7z6 } Aber das Volk dessen |c404| |z21| Sklaven sie sind, werde ich strafen: sprach G o t t, und dann werden sie ausziehen, und mich an diesem Orte (im Lande Kanaan v. 4. 5) verehren.“ {vers 8.} Hierauf (nach allen diesen Gunstbezeugungen v. 3. f.) gab E r ihm den Befehl der Beschneidung1 Mos. 17. (Es ist also klar, daß G o t t e s Gunst nicht an das Mosaische Gesez gebunden ist.)

*)[2] I n d i e s e r Geschichte vom Abraham, die Moses 1 Buch 11, 30. bis Kap. 12, 5 erzälet, begeht der würdige Mann folgende Gedächtniß-Fehler. 1) Abraham, sagt er, habe, ehe er nach Haran zog, in Mesopotamien gewohnet. Aber er wohnete damahls zu Ur in Chaldäa, 1 Mosis 11, 31. und überdem liegt Haran selbst in Mesopotamien. 2) G o t t habe ihm diesen Befehl ertheilet ehe er zu Haran wohnete, und hierauf sey er aus Chaldäa nach Haran gezogen. Nach 1 Mos. 11, 30 – 12, 1. aber, war Tharah (Abrahams Vater) mit seiner Familie bereits aus Ur in Chaldäa nach Haran gezogen; und hier empfing er alle jene Befehle. 3) Dieser Auszug Abrahams von Haran sey nach dem Tode seines Vaters geschehen: welcher aber, nach 1 Mos. 11, 32 vergl. mit 12, 4. damahls noch lebte.
**)[3] D i e Israeliten waren 430 Jahr in Aegypten 1 Mos. 15, 13 vergl. 2 Mos. 12, 40.

N u n zeugte er den Isaak, und beschnitt ihn am achten Tage: Isaak den Jakob; und Jakob die zwölf Patriarchen (Familien-Häupter.) {1 Mos. 37. vers 9.} Die Patriarchen aus Neid gegen Joseph verkauften diesen nach Aegypten. G o t t aber war mit ihm, {vers 10} und rettete ihn aus allen seinen Nöthen, und gab ihm Anmuth und Weisheit beim Pharao, dem Könige Aegyptens und (der König) bestellte ihn zum Stadthalter über Aegypten und sein ganzes Haus. {vers 11} Da kam Hunger und grosse Noth über das ganze Land Aegypten und Kanaan; und unsere Väter fanden keinen Unterhalt. {vers 12} Als aber Jakob hörete, daß Lebensmittel in Aegypten seyn, sandte er unsere Väter zum erstenmahl; {vers 13} und zum zweitenmahl ward Joseph von seinen Brüdern erkandt, und Pharao erfuhr das Geschlecht Josephs. {vers 14} Nun sandte Joseph hin, und hohlete seinen Vater Jakob, nebst der ganzen Verwandschaft: fünf und siebenzig Seelen. *)[4]

*)[4] S t e p h a n u s citirt hier die griechische Uebersezung des A. T. denn diese ward von allen |c405*| |z22*| griechisch redenden Juden gelesen, das Hebräische verstanden sie nicht. Im Hebräischen Original stehen nur siebenzig. – Dieser ganze Abschnitt v. 9–15 enthält eine feine allegorische Schilderung der Unschuld Jesu, in dem Beispiel Josephs; und der Bosheit der damahligen Juden in dem Beispiel der mörderischen und neidischen Brüder Josephs.

|c405| |z22| {vers 15} J a k o b zog also hinab nach Aegypten und starb (nämlich daselbst) er und unsere Väter: {vers 16} und diese wurden nach Sichem gebracht, und in das Grabmahl gelegt, welches Abraham von den Sönen Hemors des Vaters Sichems für Geld kaufte. **)[5]

**)[5] D e r Redner verwechselt hier, durch einen sehr natürlichen Gedächtniß-Fehler den Kauf Abrahams mit dem Kaufe Jakobs. Abraham kaufte nach 1 Mos. 23, 3–Ende, von den Hethitern zu Hebron eine Höle zum Begräbniß-Plaz: Jakob aber nach 1 Mos. 33, 18–20. und Josua 24, 32 ein Feld von den Hemoritern zu Sichem.

{vers 17} A l s aber die Zeit der Verheissung, die G o t t dem Abraham eidlich gethan hatte, herannahete, mehrete sich das Volk sehr in Aegypten, {vers 18} bis daß ein anderer König herrschte der den Joseph nicht kandte. {vers 19} Dieser überlistete unser Geschlecht, und plagte unsere Väter, um sie zu vertilgen, dergestalt, daß sie selbst ihre Kinder wegstellen musten. {vers 20} Um diese Zeit ward Moses gebohren, der sehr schön war. Er wurde drei Monath im väterlichen Hause auferzogen: {vers 21} nachdem |c406| |z23| {vers 21} er aber weggestellet worden, nahm ihn Pharaos Tochter auf und erzog ihn als ihren Sohn.{vers 22} So ward Moses in aller Weisheit der Aegyptier unterrichtet, und ward mächtig in Reden und in Thaten. *)[6]

*)[6] E i n grosser Redner war Moses, wie man auch aus seinen Schriften siehet z. B. 5 Mose 28 – 30. es fehlete ihm nur das Aeussere, das was man Beredsamkeit des Körpers nennt, 2 Mos. 4, 10. Und selbst Kenner der Politik und Krieges-Kunst bewundern ihn als einen grossen Helden und Gesezgeber.

{vers 23} N a c h d e m er aber vierzig Jahre zurückgelegt hatte, fiel es ihm ein, seine Brüder, die Israeliten zu besuchen, {vers 24} und als er {2 Mos. 2, 11. 12.} einen Unrecht leiden sahe, vertheidigte er, und rächte den Unterdrükten, indem er den Aegypter erschlug. **)[7]{vers 25} Er glaubte nun, seine Brüder würden es merken, daß G o t t ihnen durch ihn Rettung schaffen wolte: sie aber merkten es nicht. {vers 26} Am folgenden Tage sahe er sie streiten, und trieb sie zum Frieden an. „Männer, sprach er, ihr seyd Brüder. Warum beleidiget ihr euch einander?“ {vers 27} Der aber welcher den Nächsten beleidiget hatte, stieß ihn von sich, und sprach: „Wer hat dich zum Regenten und Richter über uns bestellt? {vers 28} Wilst du mich tödten, wie du gestern |c407| |z24| den Aegypter tödtetest“? {vers 29} Da flohe Moses wegen dieser Rede, und ließ sich in Midian nieder, wo er zwei Söne zeugete. {vers 30} Nach vierzig Jahren erschien ihm in der Wüste des Berges Sinai (d. i. die Arabische, wo der Berg Sinai liegt) ein Engel des Herrn (nicht Gott selbst, sondern ein Gesandter G o t t e s nach 2 Mos. 3, 2.) in dem brennenden Busch. {vers 31} Moses verwunderte sich über diesen Anblick, und als er hinzu gieng es zu besichtigen rief ihm der Herr[(]nämlich durch jenen Engel. s. Vers 35) zu, {vers 32}ich bin der G o t t deiner Väter, der G o t t Abraham und der G o t t Isaak, und der G o t t Jakob.“ (d. i. derjenige, welchen Abraham, Isaak und Jakob als den wahren G o t t anbeteten) Moses erschrocken waagte nicht es zu besichtigen: {vers 33} der Herr aber sprach zu ihm, „Löse die Schuhe von deinen Füssen ab, denn der Ort wo du stehest ist ein heiliger Boden. *)[8] {vers 34} Ich habe gesehen die Mishandlung meines Volks in Aegypten, und ihre Seufzer gehöret; und bin herabgestiegen sie zu befreien. Jezt also wohlan! ich sende dich nach Aegypten.“ {vers 35} Diesen Moses, welchen sie mit den Worten verwarfen, w e r h a t d i c h z u m R e g e n t e n, u n d R i c h t e r ü b e r u n s g e s e z t? D i e s e n |c408| |z25| sandte G o t t durch den Engel, der ihm in dem Busch erschien, zum R e g e n t e n und Retter. {vers 36} D i e s e r fürete sie aus, nachdem er viele grosse Wunder in Aegypten, und beim Rothen Meer undz7 in der Wüste vierzig Jahr lang gethan hatte! {vers 37} D i e s e r Moses ist es, der zu den Israeliten sprach, „einen Propheten wie mich wird der Herr euer G o t t aus euren Brüdern aufstellen.“ {vers 38} D i e s e r ist es, welcher in jener Versammlung (d. i. der Versammlung zur Anhörung der Gesezgebung 2 Mos. 19) sich mit dem Engel, der auf dem Berge Sinai zu ihm sprach, und mit unsern Vätern unterredete (d. h. der Dollmetscher, der Mittler zwischen dem Engel, und unsern Vätern war, Galat. 3, 19. 2 Mose 19) und beglükende Gottessprüche empfieng sie uns zu geben. ***)z8 [9] {vers 39} Ihm wolten unsere Väter nicht gehorchen, sondern stiessen ihn weg, und kehreten mit ihren Herzen nach Aegypten zurück. (Eine schöne Figur. |c409| |z26| Jenes häufige Murren und Fordern der Rükkehr nach Aegypten, und Uebung des ägyptischen Gözendienstes war eben so gut, als hätten sie sich aufgemacht, und wären nach Aegypten zurück gegangen) {vers 40} und sprachen zum Aaron, „mache uns Götter, die uns anfüren, denn der Moses, der uns aus Aegypten fürete, wir wissen nicht, was mit ihm geschehen.“ {vers 41} Dann machten sie ein Kalb, und opferten den Gözen, und freueten sich über die Werke ihrer Hände. {vers 42} G o t t aber wandte sich von ihnen und ließ sie das Heer des Himmels (Sonne, Mond, und Sterne 5 Mose 4, 19) anbeten: wie im Buche der Propheten, (Amos 5, 25–27) geschrieben steht: „Habt ihr mir nicht blutige und unblutige Opfer vierzig Jahre lang in der Wüste gebracht, ihr von der Familie Israels? {vers 43} Aber ihr truget das Gezelt des Moloch, und das Gestirn, nämlich euren Gott Remphan, *)[10] die Bilder, die |c410| |z27| ihr machtet sie anzubeten. Darum werde ich euch jenseit Babel versezen.“ *)

*) [11] A b e r m a h l s eine feine allegorische Schilderung des Betragens der Juden gegen Jesum, „So wie ihre Vorfahren Mosen lästerten, so auch diese eben so schlimme Nachkommen Jesum.“

**)[7] D i e s e That ist freilich nicht ganz zu billigen, aber weit entfernt ein Mord zu seyn. Sie war ein edler, nur übelverstandener und gelenkter Patriotismus.
*)[8] D i e Alten giengen, wie auch noch viele Völker thun, mit entblösten Füssen in den Tempel: aus eben dem Grunde warum wir in die Zimmer grosser Herren nicht mit beschmuzten Schuhen treten. Um den Ort nicht zu beschmuzen zogen sie ihre Pantoffeln oder Schuhe aus.
***)z9 [9] S t e p h a n u s behauptet also, das Gesez auf Sinai sey nicht von Gott unmittelbahr, sondern durch einen Engel gegeben; und eben das sagten auch die Juden seiner Zeit, Hebr. 2, Galat. 3, 19. Nach Mose aber 2 Buch 19 ward es von G o t t selbst publicirt. Dieses kan man nach einem gewönlichen Tropo so verstehen, daß es von G o t t durch einen Engel gegeben worden. Will man aber das nicht annehmen, so erinnere man sich nur, daß Stephanus nicht aus Eingebung des h e i l i g e n G e i s t e s, sondern als ein blosser Mensch hier redet. Siehe bei v. 1.
*)[10] M o l o c h ist der Nahme der Sonne, welche die Ammoniter unter diesem Nahmen anbeteten: Remphan ist eben dasselbe Gestirn unter dem ägyptischen Nahmen. Das Gezelt war das kleine Behältniß, worin die Bilder der Gözen aufbewahret, und herum getragen wurden. Da mann in den ältesten Zeiten keine prächtigere Wohnungen kandte, als Gezelte; so wurden jene Gözen-Behältnisse in Form der Gezelte gemacht. – Der Sinn dieser ganzen Rede ist: „An Opfer hat es nicht gefehlet, diese habt ihr mir genug auf eurer Reise dargebracht: aber ihr seztet mich den Gözen an die Seite.“

{vers 44} D a s Gezelt der Lehre (dies ist die Uebersezung, welche die sogenanten 70 Dollmetscher von dem Hebräischen Nahmen, Versamlungs-Gezelt, machen: Luther nennt es die Stifts-Hütte. Es war übrigens dieses Gezelt, der Trage-Tempel der Israeliten) hatten unsere Väter in der Wüste (auf ihrer Reise nach Kanaan, durch die arabische Wüste) so wie der welcher mit Mose redete, es befohlen hatte, nach dem Bilde, das er sahe, zu machen. {v. 45.} Dieses füreten auch unsere Vorfahren nebst Josua (im Griechischen heißt er, Jesus) da sie es von den ihrigen empfangen hatten, in die Wohnung der Völker, welche G o t t vor unsern Vätern ausstieß, bis zur Zeit Davids. (nämlich hatten sie es, Siehe V. 44) {v. 46.} Dieser gefiel G o t t, und baat sich aus, daß er eine Wohnung dem G o t t Jakobs aussuchen möchte. {v. 47.} Salomon aber (David empfing die Erlaubniß nicht, sondern sein Sohn, Siehe 2 Samuel) bauete I h m ein Haus. {v. 48.} Wiewohl, der A l l e r h ö c h s t e wohnet nicht in Tempeln von Händen gemacht (1 Könige 8, 27.) wie der Prophet (Jesaias 66, 1.) sagt, {v. 49.} „der H i m m e l ist mein Thron, und die |c411| |z28| E r d e mein Fußtritt! Welch ein Haus wollet ihr mir bauen? spricht der H e r r. Oder welcher Ort soll meine Wohnung seyn? {v. 50.} Hat nicht meine Hand das Alles gemacht?“ *)[11]

*)[11] D e r Sinn dieser sublimen Rede ist der; „Nicht ein Haus von Steinen, und mit Menschen-Händen gemacht, sondern – die ganze Welt ist G o t t e s Tempel!“ – – Auch dieser Abschnitt V. 43–50. ist sehr schicklich; denn er beantwortet auf eine feine, sanfte, und unmerkliche Art die Anklage seiner Feinde, Kap. 6, 14.

* * *

{v. 51.} I h r **)[12] Hartnäckige, und an Herzen, und Ohren Unbeschnittene! (d. i. Fülloß gegen das Gute, und taub gegen alle Ermahnungen.) Ihr widerstrebt stets dem h e i l i g e n G e i s t, wie eure Väter, so auch ihr! {v. 52.} Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? oder getödtet? ***)[13] Sie welche die Ankunft dieses Tugendhaften (Jesu), dessen V e r r ä t e r, u n d |c412| |z29| M ö r d e r i h r g e w o r d e n, a n k ü n d i g t e n! {v. 53.} Ihr die ihr das Gesez durch Anordnungen (Befehle) der Engel: (siehe V. 38.) empfangen habt, aber es nicht haltet! *)[14]

**)[12] M i t dem 50 Vers schließt sich die Rede Stephani; denn das folgende ist offenbahr abgebrochen, und hängt mit dem vorigen gar nicht zusammen. – Als er nämlich so weit in seiner Rede gekommen war, da unterbrachen ihn wahrscheinlich seine wilden Zuhörer, mit Geschrei und Mishandlungen, so wie den Erlöser Johannis 19, – Was noch folgt V. 51–53 ist ein Fragment von dem, was er hernach gesprochen.
***)[13] D i e s e r Vorwurff ist im eigentlichsten Verstande von allen den Propheten wahr, die in ihren heiligen Büchern genannt werden; Moses, Samuel, Elias, Elisa u. s. w.
*)[14] D i e s e s beziehet sich wieder auf die Anklage „Ihr eifert für die Beibehaltung des Mosaischen Gesezes, und schaffet es doch selbst, durch euer Betragen, ab.“

{v. 54.} A l s sie das höreten, ergrimmeten sie, und knirschten mit den Zänen über ihn. {v. 55.} Er aber ward voll heiligen Geistes; (vom heiligen Geist mit Muth und Kraft angefüllet.) blikte in den Himmel; und sahe (mit den Augen des Geistes, Ephes. 1, 11) die Majestät Gottes und Jesum zur Rechten Gottes stehen, {v. 56.} und sprach, „Ich sehe, ich sehe den Himmel geöfnet, und den Menschen-Sohn **)[15] zur Rechten Gottes stehen“ – {v. 57.} Sie schrien aber gewaltig, und hielten die Ohren zu, und fielen alle zusammen ihn an, {vers 58} und stiessen ihn aus der Stadt, und steinigten ihn. Die Zeugen aber ***)[16] gaben ihre Kleider einem Jünglinge S a u l u s genannt, ****)[17] zur Verwahrung; |c413| |z30| {v. 59.} und steinigten den Stephanus, welcher also beteteHerr Jesu, nim meinen Geist auf!“ Dann fiel er auf die Knie, und rief laut, – H e r r! b e z a h l e i h n e n d i e s e S ü n d e n i c h t! und als er das gesagt hatte, entschlief er.

**)[15] D i e s ist der Nahme, den Jesus sich immer beilegte, wenn er von sich sprach: er bedeutet, einen Niedrigen und Geringen Menschen. Nur in dieser einzigen Stelle wird er von einem Schüler Jesu gebraucht!
***)[16] D i e Zeugen auf deren Aussage jemand zum Tode verdammt wurde, musten die ersten Steine auf ihn werfen: dann folgten die Zuschauer alle.
****)[17] Saul ist der bekandte Hebräische Nahme, den auch ihr erster König fürete. Mit einer grie|c413*| |z30*| chischen Endung hieß er Saulus. Es ist der Nahme des Mannes, welcher nach Jesu der allergröste Wohltäter der Welt ist. Er vertauschte ihn nicht lange hernach mit dem änlichen Römischen Nahmen Paulus; zum Andenken des Römischen Prokonsul auf Cypern, Sergius Paulus: weil dieser der allererste Gözendiener war, den er zum Christenthum brachte. Apostel Gesch. 13, 1–12.

* * *

D i e s e Rede Stephani Floß wie wir schon gesehen haben, nicht aus Eingebung des heiligen Geistes. Der würdige Mann, hingerissen von jenen blinden und unmenschlichen Disputanten, muste sie ohne alle Vorbereitung, und noch dazu vor einem äusserst unbändigen Auditorio halten, Kapit. 6, 12. 13. 7, 54. 57. Wenn sie also ihre Fehler hat, so ist dies weniger zu bewundern, als daß dieser nicht mehrere seyn. Die Fehler derselben sind folgende: sie ist zu weitschweifig, in den Erzälungen, nach jüdischer Art zugedänt; nicht nach einer strengen Ordnung gemacht; auch nicht mit der nötigen Klarheit und den Fliessenden Reden allenthalben versehen; und überdem mit mehrern Gedächtniß-Fehlern angefüllet. – Aber im Ganzen genommen ist sie nach einem weisen Plan gemacht und unterscheidet sich in Sachen und Einkleidung gar sehr von allen andern |c414| |z31| in der Apostel-Geschichte enthaltenen Reden Petri, Pauli, und Jakobi. Ein klarer Beweiß, daß sie ihm nicht von dem Geschichtschreiber Lukas nach Art der griechischen und römischen Geschichtschreiber in den Mund gelegt; sondern aus seinem Munde referirt worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach empfing sie Lukas von e i n i g e n C h r i s t e n, welche sie anhöreten, und nachschrieben, und Paulo, der ebenfalls dabei zugegen war, und die Hauptstüke derselben im Gedächtniß behalten hatte. Kap. 7, 58. 60.

E s ist aber diese Rede eine Vertheidigung gegen die Anklage, „daß er ein Gottes-Lästerer sey, weil er den Untergang des Tempels, und die Abschaffung des mosaischen Gesezes angekündiget.“ Siehe Kap. 6, 11–14 vergl. Kap. 7, 1 f. Das lezte, nämlich die ihm beigelegten Reden, leugnete er nicht, er gesteht sie vielmehr stillschweigend zu. Aber er beweiset, daß er darum keinesweges ein Gotteslästerer sey. „Eure eigene heilige Geschichte[“], sagt er, (dies ist sein Beweiß) „macht klar, daß G o t t S e i n e Gunst keinesweges an die von euch so sehr geschäzten Dinge, Kanaan, Jerusalem, Tempel, Beschneidung und Gesez Mosis, gebunden hat. D i e s lehret das Beispiel Abrahams, dem G o t t lange vor der Beschneidung so viele Zeichen S e i n e s Beifalls, und S e i n e r Huld gab, Vers 2–8. D i e s lehret auch das Beispiel Josephs; er Lebte nicht in Kanaan, nicht im Tempel, sondern unter Gözendienern; und dennoch war G o t t mit ihm V. 9–16. E b e n |c415| |z32| dies lehret so gar das Beispiel eures grossen Gesezgebers; und aller eurer Tugendhaften Vorfahren, die vor Erbauung des Tempels lebten Vers 17–47. J a selbst von diesem Tempel sagt Salomo, der ihn bauete, und eure Propheten, Nicht er, sondern die ganze Natur sey G o t t e s Tempel.“ Vers 48. 49 – Dies ist der Haupt-Zweck, der durch die ganze Rede sichtbahr genug herrscht. Damit verbindet er noch einen Andern Zweck. Er mahlet nämlich den Juden ihr Gottloses Betragen gegen Jesum und seine Anhänger in Exempeln ihrer Vorfahren vor die Augen: Die Geschichte Josephs v. 9. f. Mosis besonders v. 17 f. 35–38. und der Israeliten in der arabischen Wüste v. 39 f. sind so treffend, daß sie, wie wir aus dem Grimme, der darauf folgte, v. 54 sehen, ihre Wirkung nicht verfehleten.

D e r Abschnitt Kap. 7, 51–53 ist manchem als eine unzeitige Hize Stephani, ein Mangel der Ehrfurcht gegen seine Obern; und als eine unverständige Selbstbeschädigung aufgefallen. Wenn man aber nur bemerkt, daß die ganze Rede vers 1–50 so sehr schoonend, ruhig und sanft; dieser Zusaz aber im heftigsten Feuer abgefasset ist; auch mit jener Rede in gar keinem Zusammenhangez1 stehet: so wird mann leicht einsehen, daß er nicht ein Theil der Rede Stephani vor dem hohen Rath; sondern ein Fragment einer Anrede an den ihn mishandelnden Pöbel, folglich ein erlaubter, und |c416| |z33| edler Ausbruch des Eifers für Wahrheit und Tugend ist.

N o c h immer ist diese Rede, und die Geschichte ihres ehrwürdigsten Urhebers; sehr lehrreich. – Zunächst hätte dieses erste öffentliche Religions-Gespräch in der Christlichen Kirche viel tausend Uebel verhindern können. Denn sein Ausgang lehret, daß öffentliche (feierliche) Religions-Gespräche niemahls Nuzen, wohl aber Schaden stiften. Und nichts ist natürlicher, wenn mann die Menschen recht kennt, und sie nimmt wie sie sind, nicht aber wie sie seyn sollten. Jede Parthei hat bei öffentlichen Religions-Gesprächen offenbahr nur die Absicht ihre Meinung zu verfechten: völlig überzeugt, daß sie im Besiz der Wahrheit sey, sieht sie das Gespräch nur als einen Versuch an, die Gegner zu bekehren. Eben das Feierliche dabei erhizet ihre Rechthaberei noch mehr: sie gerathen beim Disputiren unausbleiblich in Eifer: und so ist dann die ganze Frucht des Gesprächs nichts anders, als – Verstärkter Haß; Förmliche Trennung; und gegenseitige Verfolgung. Und so war es auch in der That bei allen solchen Religions-Gesprächen, von diesem zu Jerusalem an, bis zu denen herunter, welche im vorigen Jahrhunderte zwischen Lutheranern und Katholiken gehalten wurden.

W e n n wir ferner Stephanum handeln und reden sehen: da sehen wir was ein ächter Christ ist; nämlich – ein thätiger, grosmütiger, redlicher, und religiöser Freund aller Menschen. – Mit solcher Schoonung, |c417| |z34| Nachsicht, und Güte spricht er zu seinen grausamen Feinden. Selbst für seine Mörder betet er. Und so gar unter den Martern, womit sie ihn peinigten. Und so inbrünstig flehet er für ihr Wohl. Noch seinen lezten Athemzug braucht er, seine Mörder zu beglücken. – Welch ein Anblick! Hier sehen wir in den Feinden Stephani, wütende Unmenschen; Gesichter voll Wuth; Hände voll Steine; womit sie Grimmig ihn verwunden, und tödten. Dort aber steht er, der Schüler Jesu; mit ruhigem, heiterm Gesicht; duldet gelassen; erwartet froh den Todt; und als der lezte Augenblick da war, kniet er nieder, betet mit lauter starker Stimme, Herr bezahle ihnen diese Sünde nicht! Und als er das gesagt, so entschlieffz2 er – O würdiger Schüler jenes Lehrers, welcher unter den Martern des Kreuzes betete, Vaterz3 vergib ihnen Lucä 23, 34. Philipp. 2, 3–8!z4

E n d l i c h lehret uns auch sein Todt, daß ein rechter, und erleuchteter Christ bei unzerrüttetem Zustande seiner Gesundheit, nicht anders, als Ruhig und Heiter sterben kan. Denn, – ihm ist ja der Todt, nur Todt seines Leibes; für ihn selbst aber, das Rechte Leben, der Eingang zu seinem Vater! Johannis 13, 1. 2 Korinth. 4, 16–18. 1 Timoth. 6, 19. Und sterbend siehet er, wie Stephanus, Kap. 7, 55. 56z5 den Himmel offen, und die Majestät G o t t e s; und Jesum der ihn erwartet, um ihn in die ewige Gesellschaft seines V a t e r s, und die ewige Wonne seines Himmels zu füren.cz