|b403| Evangelium am ersten Sontage nach Epiphanias.
Lucä 2, 41–Ende. *
* Siehe oben Seite 369.
D i e s ist die einzige Geschichte die wir von den Jünglings-Jahren Jesu wissen. Aber so fruchtbahr an heilsahmen Lehren, als es ofte ganze Lebens-Beschreibungen nicht sind.D i e s ist die einzige Geschichte die wir von den Jünglings-Jahren Jesu wissen. Aber so fruchtbahr an heilsahmen Lehren, als es ofte ganze Lebens-Beschreibungen nicht sind.
{vers 41–47.} S e i n e Eltern reiseten alle Jahre nach Jerusalem auf das Osterfest. Da nun Jesus zwölf Jahr alt war, giengen sie gleichfalls nach Jerusalem, wie man an diesem Feste zu thun gewohnt war. (Das Gesez Mosis verordnete, daß alle Manns Personen järlich dreymahl, nämlich auf das Oster- Pfingst- und Lauberhütten-Fest, nach Jerusalem reisen solten. 2 Buch Mos. 23, 14–17. 5 Buch Mos. 16, 16.) Nach geendigten Fest giengen sie wieder nach Hause: der Knabe Jesus aber blieb zu Jerusalem, ohne daß es Joseph und Maria wusten. (vermuthlich war er, in einem unbewachten Augenblick ihnen aus dem Gesicht gekommen. Sie die gewohnt waren, ihn stets um sich oder ihre Verwandte zu sehen, glaubten gewiß, er sey mit ihren Freunden schon abgereißt.) Sie glaubten aber er sey bei ihren Reise-Gefärten, und giengen also eine Tagereise, und suchten ihn unter ihren Verwandten und Freunden. Da sie ihn nun nicht funden, |b404| kehreten sie nach Jerusalem zurück ihn zu suchen. Endlich nach dreien Tagen funden sie ihn im Tempel (in den Neben-Gebäuden) mitten unter den Gesezgelehrten sizen, ihnen zuhören und sie fragen. Diese Gesez-Lehrer nämlich, pflegten sich in den Hallen und bedekten Gängen der Tempel-Gebäude, mit dem Volk über allerlei Religions-Sachen zu unterreden. Alle Zuhörer aber erstaunten über den Verstand in seinen Antworten.{vers 41–47.} S e i n e Eltern reiseten alle Jahre nach Jerusalem auf das Osterfest. Da nun Jesus zwölf Jahr alt war, giengen sie gleichfalls nach Jerusalem, wie man an diesem Feste zu thun gewohnt war. (Das Gesez Mosis verordnete, daß alle Manns Personen järlich dreymahl, nämlich auf das Oster- Pfingst- und Lauberhütten-Fest, nach Jerusalem reisen solten. 2 Buch Mos. 23, 14–17. 5 Buch Mos. 16, 16.) Nach geendigten Fest giengen sie wieder nach Hause: der Knabe Jesus aber blieb zu Jerusalem, ohne daß es Joseph und Maria wusten. (vermuthlich war er, in einem unbewachten Augenblick ihnen aus dem Gesicht gekommen. Sie die gewohnt waren, ihn stets um sich oder ihre Verwandte zu sehen, glaubten gewiß, er sey mit ihren Freunden schon abgereißt.) Sie glaubten aber er sey bei ihren Reise-Gefärten, und giengen also eine Tagereise, und suchten ihn unter ihren Verwandten und Freunden. Da sie ihn nun nicht funden, |b404| kehreten sie nach Jerusalem zurück ihn zu suchen. Endlich nach dreien Tagen funden sie ihn im Tempel (in den Neben-Gebäuden) mitten unter den Gesezgelehrten sizen, ihnen zuhören und sie fragen. Diese Gesez-Lehrer nämlich, pflegten sich in den Hallen und bedekten Gängen der Tempel-Gebäude, mit dem Volk über allerlei Religions-Sachen zu unterreden. Alle Zuhörer aber erstaunten über den Verstand in seinen Antworten.
{vers 48–50.} A l s seine Eltern ihn sahen, wurden sie ganz bestürzt. (von unerwarteter Freude, das Kleinod ihres Herzens auf einmahl wieder zu besizen) Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn! Warum hast du uns das gethan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. – – Ihr Väter und Mütter! würdet ihr hier, auch so sanfte, so zärtlich gesprochen haben? – – Er antwortete ihnen. Warum suchtet ihr mich? Kontet ihr nicht wissen, daß ich in dem Hause meines Vaters seyn muste. Seine Eltern, besonders Maria wuste es, oder konte es doch wissen, denn der Engel hatte es ihr deutlich genug gesagt, daß Jesus, {Lucä 1, 32.} der Sohn Gottes, daß G o t t im vorzüglichsten Verstande, sein Vater sey. „I m T e m p e l also, sagt er ihnen, in dem Hause Gottes hättet ihr mich suchen sollen. Denn wo sucht man das Kind anders, als in dem Hause seines Vaters?“ Sie aber verstunden nicht was er ihnen sagte.{vers 48–50.} A l s seine Eltern ihn sahen, wurden sie ganz bestürzt. (von unerwarteter Freude, das Kleinod ihres Herzens auf einmahl wieder zu besizen) Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn! Warum hast du uns das gethan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. – – Ihr Väter und Mütter! würdet ihr hier, auch so sanfte, so zärtlich gesprochen haben? – – Er antwortete ihnen. Warum suchtet ihr mich? Kontet ihr nicht wissen, daß ich in dem Hause meines Vaters seyn muste. Seine Eltern, besonders Maria wuste es, oder konte es doch wissen, denn der Engel hatte es ihr deutlich genug gesagt, daß Jesus, {Lucä 1, 32.} der Sohn Gottes, daß G o t t im vorzüglichsten Verstande, sein Vater sey. „I m T e m p e l also, sagt er ihnen, in dem Hause Gottes hättet ihr mich suchen sollen. Denn wo sucht man das Kind anders, als in dem Hause seines Vaters?“ Sie aber verstunden nicht was er ihnen sagte.
|b405| {vers 51. 52.} H i e r a u f gieng er mit ihnen, und kam gen Nazaret. Und war ihnen gehorsam. Seine Mutter indessen merkte sich alle diese Begebenheiten wohl. – Jesus aber nahm zu an Weisheit – und Leibes-Gestalt, edler, angenehmer Gestalt des Leibes – und Gunst bei Gott und Menschen. |b405| {vers 51. 52.} H i e r a u f gieng er mit ihnen, und kam gen Nazaret. Und war ihnen gehorsam. Seine Mutter indessen merkte sich alle diese Begebenheiten wohl. – Jesus aber nahm zu an Weisheit – und Leibes-Gestalt, edler, angenehmer Gestalt des Leibes – und Gunst bei Gott und Menschen.
I n der christlichen Kirche wo dieser Text erkläret wird, ist nicht gewohnt, an diesem Sontage von der Kinder-Zucht zu reden. Und in der That giebt auch diese Geschichte Anlaß zu den wichtigsten Betrachtungen darüber. – {vers 41. 42. 46.} E l t e r n! Ihr müsset eure Kinder, früzeitig an Empfindungen der Ehrfurcht gegen Gott gewönen. Dies thaten die Eltern Jesu. Und Er selbst, suchte den Tempel, das Haus Gottes. {vers 42} L a s s e t sie früzeitig, dem öffentlichen Gottesdienst beiwohnen. Dies wird ihnen, wenn sie auch noch nichts davon verstehen, die heilsamsten Eindrücke verschaffen. – {vers 43–48.} H a b t sie, so viel immer möglich, stets um euch. Lernet das an dem Beispiel der Eltern Jesu. Der einzige unbewachte Augenblick, verursachte ihnen so viel Kummer, Mühe, Angst und Pein. – R e g i e r e t sie, auf die sanfteste und zärtlichste Weise. Welch ein schönes Beispiel der Zärtlichkeit giebt uns hier die Maria! vers 48. Und wie häßlich müssen uns nun, jene Väter und Mütter vorkommen, deren Stirn sich in ihrem Hause fast nie entrunzelt. Die ihre Kinder immer mit finstern Gesichtern schrecken. Oder gar nie mehr zanken, und schelten, und wüten, als gegen ihre Kinder. Und wenn denn nun, |b406| eure Kinder euch gar nicht lieben, und auf alle Weise berücken, auf eure Befehle nichts achten, euch alles Herzeleid machen: wer ist denn mehr zu tadeln: wen solte man da strafen? Euch, oder eure Kinder? – {vers 52} T r a c h t e t dahin, sie Gott und Menschen Wohlgefällig zu machen. Dies ist die Summe aller guten Kinderzucht. „Jesus nahm zu an Gunst bei Gott und den Menschen.“ – – – {vers 51} Ihr K i n d e r! Gehorchet euren Eltern. Selbst Jesus that dies. Sind gleich eure Eltern strenge, oder gar ungerecht und grausam gegen euch: so bleiben sie doch immer eure grösten Woltäter auf der Welt. Ihnen habt ihr das Leben zu danken. Unzäliche Sorgen, Beschwerden, Mühe, Gram und Kummer hat es sie gekostet, euch aufzuerziehen. So gar die Heiden, selbst Wilde betrachten ungehorsame Kinder mit Abscheu. – So viel im Allgemeinen!I n der christlichen Kirche wo dieser Text erkläret wird, ist nicht gewohnt, an diesem Sontage von der Kinder-Zucht zu reden. Und in der That giebt auch diese Geschichte Anlaß zu den wichtigsten Betrachtungen darüber. – {vers 41. 42. 46.} E l t e r n! Ihr müsset eure Kinder, früzeitig an Empfindungen der Ehrfurcht gegen Gott gewönen. Dies thaten die Eltern Jesu. Und Er selbst, suchte den Tempel, das Haus Gottes. {vers 42} L a s s e t sie früzeitig, dem öffentlichen Gottesdienst beiwohnen. Dies wird ihnen, wenn sie auch noch nichts davon verstehen, die heilsamsten Eindrücke verschaffen. – {vers 43–48.} H a b t sie, so viel immer möglich, stets um euch. Lernet das an dem Beispiel der Eltern Jesu. Der einzige unbewachte Augenblick, verursachte ihnen so viel Kummer, Mühe, Angst und Pein. – R e g i e r e t sie, auf die sanfteste und zärtlichste Weise. Welch ein schönes Beispiel der Zärtlichkeit giebt uns hier die Maria! vers 48. Und wie häßlich müssen uns nun, jene Väter und Mütter vorkommen, deren Stirn sich in ihrem Hause fast nie entrunzelt. Die ihre Kinder immer mit finstern Gesichtern schrecken. Oder gar nie mehr zanken, und schelten, und wüten, als gegen ihre Kinder. Und wenn denn nun, |b406| eure Kinder euch gar nicht lieben, und auf alle Weise berücken, auf eure Befehle nichts achten, euch alles Herzeleid machen: wer ist denn mehr zu tadeln: wen solte man da strafen? Euch, oder eure Kinder? – {vers 52} T r a c h t e t dahin, sie Gott und Menschen Wohlgefällig zu machen. Dies ist die Summe aller guten Kinderzucht. „Jesus nahm zu an Gunst bei Gott und den Menschen.“ – – – {vers 51} Ihr K i n d e r! Gehorchet euren Eltern. Selbst Jesus that dies. Sind gleich eure Eltern strenge, oder gar ungerecht und grausam gegen euch: so bleiben sie doch immer eure grösten Woltäter auf der Welt. Ihnen habt ihr das Leben zu danken. Unzäliche Sorgen, Beschwerden, Mühe, Gram und Kummer hat es sie gekostet, euch aufzuerziehen. So gar die Heiden, selbst Wilde betrachten ungehorsame Kinder mit Abscheu. – So viel im Allgemeinen!
L a s s e t uns aber dies allerwichtigste Geschäfte der Erziehung etwas näher betrachten. Jederman der sich nur ein wenig unter seinen Neben-Menschen umgesehen, weiß daß der gröste Theil des menschlichen Elendes seinen Grund in einer üblen Kinderzucht hat. – Schon haben wir gehört, die Summe einer Guten Kinder Zucht bestehet darin, daß man die Kinder in den Stand seze, {vers 52} Gott und Menschen wohlgefällig zu seyn. Sodenn sind sie gewiß, nüzliche Bürger der Welt, und glücklich in Zeit und Ewigkeit. Das Mittel hiezu zeigt uns der erklärte Text auch an: – {vers 52} die Weisheit! – Weisheit! Das ist nicht eine Samlung von glänzenden Sprüchen. Diese kan |b407| man leicht aussinnen, oder auswendig lernen; und dennoch ein Thor in seinen Begierden und Handlungen bleiben. Nicht die Kentniß nüzlicher Wissenschaften, und der allernüzlichsten darunter, der Religion. Dies ist nur der Anfang dazu. Auch der Bösewicht kan sie haben. Sondern, r i c h t i g e G e s i n n u n g e n gegen Gott, die Welt und die Menschen. Und so löset sich denn, die ganze grosse Kunst der Kinder Zucht in diese Regel auf: – Gewönet eure Kinder an richtige Gesinnungen gegen Gott; gegen euch, ihre Eltern; gegen die Welt worin; und die Menschen mit denen sie leben. Aber wie ist nun das anzufangen? Was müssen wir thun, um solche Gesinnungen unsern Kindern einzuflössen?L a s s e t uns aber dies allerwichtigste Geschäfte der Erziehung etwas näher betrachten. Jederman der sich nur ein wenig unter seinen Neben-Menschen umgesehen, weiß daß der gröste Theil des menschlichen Elendes seinen Grund in einer üblen Kinderzucht hat. – Schon haben wir gehört, die Summe einer Guten Kinder Zucht bestehet darin, daß man die Kinder in den Stand seze, {vers 52} Gott und Menschen wohlgefällig zu seyn. Sodenn sind sie gewiß, nüzliche Bürger der Welt, und glücklich in Zeit und Ewigkeit. Das Mittel hiezu zeigt uns der erklärte Text auch an: – {vers 52} die Weisheit! – Weisheit! Das ist nicht eine Samlung von glänzenden Sprüchen. Diese kan |b407| man leicht aussinnen, oder auswendig lernen; und dennoch ein Thor in seinen Begierden und Handlungen bleiben. Nicht die Kentniß nüzlicher Wissenschaften, und der allernüzlichsten darunter, der Religion. Dies ist nur der Anfang dazu. Auch der Bösewicht kan sie haben. Sondern, r i c h t i g e G e s i n n u n g e n gegen Gott, die Welt und die Menschen. Und so löset sich denn, die ganze grosse Kunst der Kinder Zucht in diese Regel auf: – Gewönet eure Kinder an richtige Gesinnungen gegen Gott; gegen euch, ihre Eltern; gegen die Welt worin; und die Menschen mit denen sie leben. Aber wie ist nun das anzufangen? Was müssen wir thun, um solche Gesinnungen unsern Kindern einzuflössen?
U e b e r g e b e t eure Kinder, f r ü z e i t i g guten Lehrern. Der Unterricht würde allerdings treuer, angemessener, auch wirksamer seyn, wenn er von den Eltern selbst gegeben würde. Dies lassen nun in den meisten Fällen, weder das Geschick, noch die Geschäfte der Eltern zu. Aber dafür sorgen können, und müssen sie, daß gute Lehrer ihre Stelle vertreten. Und dies früzeitig; gleich bei dem aufkeimenden Verstande des Kindes; das heißt, so bald es reden lernt. {vers 46} Jesus war schon im zwölften Jahre geschickt, sich mit den Lehrern zu unterreden. Und eure zwölfjärige Kinder solten noch Thiere in Menschen Gestalt seyn? – B e d i e n e t euch folgsam des Raths verständiger Männer. Klebet nicht am Alten, an der Weise unsrer Vorfahren, wie uns unsre Väter und Grosväter erzogen. Folget nicht eurem |b408| Sin, euren Einfällen. Sondern fragt gewissenhafte und der Sache kundige Männer. Und wenn sie euch rathen, so machet keine kahle Ausflüchte. Sprecht nicht „das kan nicht seyn! Das geht in meinem Hause nicht an! Ich bin auch groß geworden, nach der alten Weise, u. s. f.“ – Eine solche Unbiegsamkeit und Widerspenstigkeit macht euch bei allen Vernünftigen schlechte Ehre; und in der Folge, viel Elend bei euren Kindern . – So viel immer möglich, haltet die Kinder stets um euch. Vornemlich in den frühen, zärteren Jahren. Hier lernen sie fast alles durch Nachahmung, weil sie den Verstand noch nicht brauchen können. Wenn ihr sie nun sich selbst überlasset, oder unter das Gesinde schickt, oder gar auf den Strassen umherlaufen lasset: so werden sie hundert schlechte, ungezogene, böse Neigungen, Worte, Geberden annehmen, die sie hernach ihr ganzes Leben hindurch, gar nicht, oder nur äusserst schwer ablegen können. Ihr müsset aber, wie ihr leicht sehet, Selbst Gut seyn. Sonst gewinnen die Kinder durch euren Umgang nichts. Euer frommes Beispiel, eure gute Sitten, eure nüzliche Reden. Eltern! Das ist die Haupt-Sache in der Erziehung! – G e w ö n e t eure Kinder, bei jeder Sache zu fragen. „Was ist das? Warum ist das? Wie macht man das? Warum thut man das?“ Sie werden euch freilich, denn sie sind Kinder, hundert einfältige Fragen thun, hundertmahl zur Unzeit fragen, u. s. w. Und ihr? – Wolt ihr sie dafür schelten? Ueber sie verdrüslich werden, sie mit Ungestüm stille seyn heissen? Da würde eure Kinder Zucht sehr schlecht seyn. |b409| Sie loben, sie aufmuntern, ihnen freundlich antworten: das müßt ihr. Denn dieses wird nicht allein ihren Verstand aufklären; sondern sie auch zu einem gesezten, nachdenkenden Wesen gewönen.U e b e r g e b e t eure Kinder, f r ü z e i t i g guten Lehrern. Der Unterricht würde allerdings treuer, angemessener, auch wirksamer seyn, wenn er von den Eltern selbst gegeben würde. Dies lassen nun in den meisten Fällen, weder das Geschick, noch die Geschäfte der Eltern zu. Aber dafür sorgen können, und müssen sie, daß gute Lehrer ihre Stelle vertreten. Und dies früzeitig; gleich bei dem aufkeimenden Verstande des Kindes; das heißt, so bald es reden lernt. {vers 46} Jesus war schon im zwölften Jahre geschickt, sich mit den Lehrern zu unterreden. Und eure zwölfjärige Kinder solten noch Thiere in Menschen Gestalt seyn? – B e d i e n e t euch folgsam des Raths verständiger Männer. Klebet nicht am Alten, an der Weise unsrer Vorfahren, wie uns unsre Väter und Grosväter erzogen. Folget nicht eurem |b408| Sin, euren Einfällen. Sondern fragt gewissenhafte und der Sache kundige Männer. Und wenn sie euch rathen, so machet keine kahle Ausflüchte. Sprecht nicht „das kan nicht seyn! Das geht in meinem Hause nicht an! Ich bin auch groß geworden, nach der alten Weise, u. s. f.“ – Eine solche Unbiegsamkeit und Widerspenstigkeit macht euch bei allen Vernünftigen schlechte Ehre; und in der Folge, viel Elend bei euren Kindern . – So viel immer möglich, haltet die Kinder stets um euch. Vornemlich in den frühen, zärteren Jahren. Hier lernen sie fast alles durch Nachahmung, weil sie den Verstand noch nicht brauchen können. Wenn ihr sie nun sich selbst überlasset, oder unter das Gesinde schickt, oder gar auf den Strassen umherlaufen lasset: so werden sie hundert schlechte, ungezogene, böse Neigungen, Worte, Geberden annehmen, die sie hernach ihr ganzes Leben hindurch, gar nicht, oder nur äusserst schwer ablegen können. Ihr müsset aber, wie ihr leicht sehet, Selbst Gut seyn. Sonst gewinnen die Kinder durch euren Umgang nichts. Euer frommes Beispiel, eure gute Sitten, eure nüzliche Reden. Eltern! Das ist die Haupt-Sache in der Erziehung! – G e w ö n e t eure Kinder, bei jeder Sache zu fragen. „Was ist das? Warum ist das? Wie macht man das? Warum thut man das?“ Sie werden euch freilich, denn sie sind Kinder, hundert einfältige Fragen thun, hundertmahl zur Unzeit fragen, u. s. w. Und ihr? – Wolt ihr sie dafür schelten? Ueber sie verdrüslich werden, sie mit Ungestüm stille seyn heissen? Da würde eure Kinder Zucht sehr schlecht seyn. |b409| Sie loben, sie aufmuntern, ihnen freundlich antworten: das müßt ihr. Denn dieses wird nicht allein ihren Verstand aufklären; sondern sie auch zu einem gesezten, nachdenkenden Wesen gewönen.
D i e s alles ist indessen, nur die Vorbereitung. Das Erste Stük einer guten Kinder Zucht ist, daß man ihnen richtige Gesinnungen g e g e n G o t t beibringe. Und diese richtige Gesinnungen sind, nicht Schrecken; sondern Dankbahrkeit und kindliche Liebe Römer 8, 15. Den Kindern immer mit Gott drohen, sie immer mit dem gewönlichen, Gott straft dich, schrecken: das ist heidnisch. Lehren, gewönen müssen wir sie, Gott nicht als einen strengen Herren, sondern als ihren liebsten Vater anzusehen. Und diese Empfindungen ihnen so geläufig, so zur andern Natur machen, daß sie bei jeder Gelegenheit in ihnen rege werden. Nichts ist leichter als das, wenn ihr nur folgende Regeln beobachten wollt. – So bald das Kind reden kan, lehret es daß Gott ist, und was Er ist. Versteht es schon die Sprache, so ist es auch mit den gemeinsten Dingen im menschlichen Leben bekandt. Es weiß daß kein Haus sich selbst bauet, kein Kleid sich selbst macht u. s. f. Fangt ihr den Religions-Unterricht früher an: so lernt euer Kind nicht allein nichts weiter als blosse Töne; sondern es wird ihm auch die Religion sein ganzes Leben hindurch unverständlich bleiben, oder gar zuwider werden. Fangt ihr ihn später an: so findet ihr seine Seele schon von bösen Gewohnheiten verdorben. Da nun laßt nicht etwa, das Kind einen ganzen Catechis|b410|mus auswendig lernen. Bloß diese wenige Wahrheiten, daß Gott ist; daß er der Freund und Vater seiner Menschen ist, und daß alle seine Gebothe Wohlthat sind, bringet ihm bei, und zwar auf eine fasliche, sinnliche Art. Sagt ihm z. E. „daß sein Kleid sich nicht selbst gemacht, kein Haus sich selbst baue. Nun zeigt ihm Menschen, die Sonne, den Mond u. s. f. Und wenn ihr der Gebothe Gottes erwänt, so fangt nicht etwa an, ihm eine ganze Moral vorzusagen. Sondern zeigt ihm mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Freude die Bibel. Sagt ihm, hier stehen Gottes Gebote. Und hiebei endige sich der Erste Unterricht.“ – – B e i jeder Sache die ihm Freude macht, sagt ihm daß Gott sie ihm gegeben. Ihm schmeckt sein Essen, und Trinken wohl; es ist frölich bei einem Spazier Gange, es ist munter wenn es vom Schlafe aufstehet u. s. f. Das sind die Gelegenheiten, wo man den Kindern, am leichtesten die süssesten und würdigsten Empfindungen der Religion einflössen kan. Ein Kind das so gezogen worden, das wird bei jeder Freude, folglich ofte an Gott denken, und immer m i t L u s t. – I n seiner Gegenwart sprecht von Gott allemahl mit der allertiefsten Ehrfurcht. Auch, verrichtet eure Haus Andacht in Gegenwart eurer Kinder: wenn sie gleich noch nichts davon verstehen, und noch keinen Theil daran nehmen können. Fallet mit ihnen auf die Knie, betet in ihrer Gegenwart, betet auch für sie. Seyd versichert, die ehrerbietigen Minen, gen Himmel gerichtete Augen, das entblößte Haupt, die ehrfurchtsvolle Stellung: |b411| diese und änliche Anblicke, und ganz vorzüglich jene Andacht, machet auf die weiche Seele einen Eindruck, den nichts in der Welt auslöschen kan. Man hat Beispiele, daß Menschen die schon mit einem Fuß in die Abgründe des Lasters gesunken, durch die Reste solcher frühen Eindrücke gerettet worden. – N e h m e t ferner, eure Kinder bald, mit euch in die Kirche: so bald sie nämlich, nur erst ruhig sizen können. Sie verstehen freilich noch nichts von dem allen was da geschieht. Aber sie sollen auch, da nichts lernen, sondern heilsame Eindrücke empfangen. Und diese erhalten sie da sicherlich. Sie gewönen sich, Menschen zu sehen. Dies eröfnet ihre Seele der Menschen Liebe. Sie lernen die Gleichheit aller Menschen e m p f i n d e n; indem sie Menschen aus allerlei Ständen versamlet sehen. Und wenn sie nun da, euch, oder andre Bekante, Personen die sie hochschäzen, mit allen Zeichen der Andacht sehen: was muß das für seelige Wirkung auf sie haben? Menschen sind ja nicht lauter Geist: sondern auch Körper. Wir müssen freilich, vornehmlich auf den Verstand der Kinder arbeiten. Aber der Weg dahin, gehet durch die Sinne. Es ist also eine schlechte Einwendung wider den gegebenen Rath, „das Kind verstehe in der Kirche noch nichts!“ Denn ehe es lernt, und versteht, muß es gute Eindrücke haben. „Aber sagt ihr, sie vergaffen sich da, an den Eitelkeiten und Thorheiten!“ Ich antworte, das hängt von euch ab. Ihr könt das, durch gute Erinnerungen und Vorsicht nicht allein hindern, sondern auch selbst diesen Anblick der Eitelkeiten ihnen nüzlich machen. – |b412| E n d l i c h lehret euer Kind mit seinen e i g e n e n W o r t e n beten. Erinnert es durch Fragen, an das Gute das es genossen, und noch genießt; an das was ihm fehlt, was es noch haben möchte. Was es nun, euch hierauf antwortet, das lasset es Gott sagen. So habt ihr ein Gebet; welches dem Kinde weit nüzlicher ist, als alle Sprüche der Bibel und Verse aus Liedern, die ihr es, ohne Verstand hersagen laßt.D i e s alles ist indessen, nur die Vorbereitung. Das Erste Stük einer guten Kinder Zucht ist, daß man ihnen richtige Gesinnungen g e g e n G o t t beibringe. Und diese richtige Gesinnungen sind, nicht Schrecken; sondern Dankbahrkeit und kindliche Liebe Römer 8, 15. Den Kindern immer mit Gott drohen, sie immer mit dem gewönlichen, Gott straft dich, schrecken: das ist heidnisch. Lehren, gewönen müssen wir sie, Gott nicht als einen strengen Herren, sondern als ihren liebsten Vater anzusehen. Und diese Empfindungen ihnen so geläufig, so zur andern Natur machen, daß sie bei jeder Gelegenheit in ihnen rege werden. Nichts ist leichter als das, wenn ihr nur folgende Regeln beobachten wollt. – So bald das Kind reden kan, lehret es daß Gott ist, und was Er ist. Versteht es schon die Sprache, so ist es auch mit den gemeinsten Dingen im menschlichen Leben bekandt. Es weiß daß kein Haus sich selbst bauet, kein Kleid sich selbst macht u. s. f. Fangt ihr den Religions-Unterricht früher an: so lernt euer Kind nicht allein nichts weiter als blosse Töne; sondern es wird ihm auch die Religion sein ganzes Leben hindurch unverständlich bleiben, oder gar zuwider werden. Fangt ihr ihn später an: so findet ihr seine Seele schon von bösen Gewohnheiten verdorben. Da nun laßt nicht etwa, das Kind einen ganzen Catechis|b410|mus auswendig lernen. Bloß diese wenige Wahrheiten, daß Gott ist; daß er der Freund und Vater seiner Menschen ist, und daß alle seine Gebothe Wohlthat sind, bringet ihm bei, und zwar auf eine fasliche, sinnliche Art. Sagt ihm z. E. „daß sein Kleid sich nicht selbst gemacht, kein Haus sich selbst baue. Nun zeigt ihm Menschen, die Sonne, den Mond u. s. f. Und wenn ihr der Gebothe Gottes erwänt, so fangt nicht etwa an, ihm eine ganze Moral vorzusagen. Sondern zeigt ihm mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Freude die Bibel. Sagt ihm, hier stehen Gottes Gebote. Und hiebei endige sich der Erste Unterricht.“ – – B e i jeder Sache die ihm Freude macht, sagt ihm daß Gott sie ihm gegeben. Ihm schmeckt sein Essen, und Trinken wohl; es ist frölich bei einem Spazier Gange, es ist munter wenn es vom Schlafe aufstehet u. s. f. Das sind die Gelegenheiten, wo man den Kindern, am leichtesten die süssesten und würdigsten Empfindungen der Religion einflössen kan. Ein Kind das so gezogen worden, das wird bei jeder Freude, folglich ofte an Gott denken, und immer m i t L u s t. – I n seiner Gegenwart sprecht von Gott allemahl mit der allertiefsten Ehrfurcht. Auch, verrichtet eure Haus Andacht in Gegenwart eurer Kinder: wenn sie gleich noch nichts davon verstehen, und noch keinen Theil daran nehmen können. Fallet mit ihnen auf die Knie, betet in ihrer Gegenwart, betet auch für sie. Seyd versichert, die ehrerbietigen Minen, gen Himmel gerichtete Augen, das entblößte Haupt, die ehrfurchtsvolle Stellung: |b411| diese und änliche Anblicke, und ganz vorzüglich jene Andacht, machet auf die weiche Seele einen Eindruck, den nichts in der Welt auslöschen kan. Man hat Beispiele, daß Menschen die schon mit einem Fuß in die Abgründe des Lasters gesunken, durch die Reste solcher frühen Eindrücke gerettet worden. – N e h m e t ferner, eure Kinder bald, mit euch in die Kirche: so bald sie nämlich, nur erst ruhig sizen können. Sie verstehen freilich noch nichts von dem allen was da geschieht. Aber sie sollen auch, da nichts lernen, sondern heilsame Eindrücke empfangen. Und diese erhalten sie da sicherlich. Sie gewönen sich, Menschen zu sehen. Dies eröfnet ihre Seele der Menschen Liebe. Sie lernen die Gleichheit aller Menschen e m p f i n d e n; indem sie Menschen aus allerlei Ständen versamlet sehen. Und wenn sie nun da, euch, oder andre Bekante, Personen die sie hochschäzen, mit allen Zeichen der Andacht sehen: was muß das für seelige Wirkung auf sie haben? Menschen sind ja nicht lauter Geist: sondern auch Körper. Wir müssen freilich, vornehmlich auf den Verstand der Kinder arbeiten. Aber der Weg dahin, gehet durch die Sinne. Es ist also eine schlechte Einwendung wider den gegebenen Rath, „das Kind verstehe in der Kirche noch nichts!“ Denn ehe es lernt, und versteht, muß es gute Eindrücke haben. „Aber sagt ihr, sie vergaffen sich da, an den Eitelkeiten und Thorheiten!“ Ich antworte, das hängt von euch ab. Ihr könt das, durch gute Erinnerungen und Vorsicht nicht allein hindern, sondern auch selbst diesen Anblick der Eitelkeiten ihnen nüzlich machen. – |b412| E n d l i c h lehret euer Kind mit seinen e i g e n e n W o r t e n beten. Erinnert es durch Fragen, an das Gute das es genossen, und noch genießt; an das was ihm fehlt, was es noch haben möchte. Was es nun, euch hierauf antwortet, das lasset es Gott sagen. So habt ihr ein Gebet; welches dem Kinde weit nüzlicher ist, als alle Sprüche der Bibel und Verse aus Liedern, die ihr es, ohne Verstand hersagen laßt.
D a s zweite Stück einer guten Erziehung, ist die Einflössung richtiger Gesinnungen g e g e n die E l t e r n. G e h o r c h e n müssen euch die Kinder. Aber nicht aus Schrecken, weil sie sich für eurer Hand fürchten. Nicht aus Eigenuz; weil sie Belohnung von euch erwarten. Sondern aus Liebe. Eine der seltsamsten Erscheinungen in der Welt, ist die grosse Menge von Kindern die ihre Eltern nicht lieben, die sie gar hassen. Aber sie höret auf seltsam zu seyn, so bald man die Eltern handeln siehet. Diese verfahren gerade so als wenn es ihnen darum zu thun wäre, alle die natürlichen Empfindungen der Liebe bei ihren Kindern zu ersticken, und von ihnen gehasset zu werden. – V o r allen Dingen, seyd L i e b r e i c h gegen eure Kinder. {Colosser 3, 21} Seyd ihr hart, oder mürrisch gegen sie: so werden, so müssen sie euch erst scheuen, und bald darnach hassen. Aber ihr seyd vertraut gegen sie: ihr scherzt mit ihnen, ihr freuet euch über ihren Spott, ihr machet euch lustig mit ihnen. Wohl! so könt ihr ja vernünftiger weise nichts anders erwarten, als daß das Kind euch verachte. Seyd ihr hingegen immer gütig, sanfte, gesprächig, freundlich |b413| gegen dasselbe; gebt ihr ihm nie aus Eigensin; und nie im Zorn einen Befehl; lebt ihr unter einander und mit euren Hausgenossen friedfertig und liebreich: so werdet ihr den Lohn sicher haben, von euren Kindern, über alles geliebt zu seyn. – F e r n e r, haltet strenge, und g a n z u n a b l a s l i c h über euren Befehlen. Wenn ihr in der einen Stunde das zurüknehmet was ihr in der vorigen befohlen; oder wenn das Kind sich nur an die Mutter wenden darf um Dispensation von den Befehlen des Vaters zu erhalten: so verführt ihr ja selbst, eure Kinder euch nicht zu gehorchen. So werdet ihr Ungerecht und Grausam gegen sie, wenn ihr ihren Ungehorsam straft. Gebt nur keinen einzigen Befehl, ohne ihn vorher wohl zu überlegen; befehlt nie zum Schein; nie um zu dispensiren; und denn lasset euch durch keine Schmeichelei, kein Weinen, durch nichts davon abbringen: und man wird euch sicher gehorsamen. – V o r dem Gebrauch der Vernunft, gewönet die Kinder, b l i n d l i n g s zu gehorchen. Lasset ihnen schlechterdings in keinem Stück ihren Willen; sondern brechet ihn gerade zu. Stellet auch wohl zuweilen, das Kind auf die Probe: machet Begierden in ihm rege, und handelt ihnen alsdenn zuwider. Dadurch werdet ihr, für die Zukunft fast alle körperliche Strafen verhüten. Ist das nicht zärtlicher, als wenn ihr sie durch Nachgeben so verwönet, daß sie hernach, zur Ablegung der bösen Gewohnheiten durch die empfindlichsten Strafen müssen gezwungen werden. Auch machet ihr ihnen dadurch, für ihre ganze Lebenszeit die Tugend leicht. Denn ein Mensch der |b414| frühe gewönet ist, seine Neigungen, der Vernunft eines andern zu unterwerfen; der wird sie hernach, um so viel leichter durch seine eigene beherrschen. – Eines der wichtigsten, aber auch der leichtesten Stüke in der Erziehung ist die weise und liebesvolle Einrichtung der Strafen. Strafen müssen seyn, aber so viel immer möglich, keine Strafe am Leibe. Haben euch eure Kinder lieb, und das werden sie wenn ihr jene Rathschläge befolget: so wird euer Unwille, oder die liebreiche bewegliche Vorstellung eures Schmerzes fast alle andre, wenigstens fast alle körperliche Strafen unnötig machen. Hat euer Kind Ehrbegierde, und darauf müßt ihr besonders arbeiten: so wird Verachtung und Schande, ihm empfindlicher wehe thun als Schläge. Lernt euer Kind gern, und das wird es, wenn es recht gelehret wird: so straft es damit, daß es nicht die Schule besuchen, die Stunde nicht halten, sondern an dessen Stelle spielen muß. Niemahls aber, niemahls straft eure Kinder mit Arbeiten, oder Entziehung sinlicher Vergnügungen. Sonst macht ihr es nothwendig, daß sie die Arbeit als ein Uebel; den Puz aber, neue Kleider, und Spiel als ihr höchstes Gut ansehen. – B e i d e n S t r a f e n a m L e i b e endlich, seyd äusserst behutsam. Ofte gebraucht, werden sie unnüz, ja schädlich: denn sie machen die Kinder füllos und niederträchtig. Vielleicht ist es nicht unmöglich, ein Kind bloß durch jene edlere Strafen, und vornehmlich durch wohlgewälte Belohnungen zu lenken, ohne ihm ein einziges mahl an seinem Leibe wehe zu thun. Wenigstens muß dieses nur äusserst selten; nur bei den allerschwe|b415|resten Vergehungen, als Lügen, Härte gegen andere, Spöttereien; nie aber bei Unfleiß, Leichtsinn; und am meisten bei Nachlässigkeit in Absicht ihrer Kleidung, und änlichen Dingen geschehen. Vor allen Dingen straft sie niemahls auf frischer That und im Zorn, sondern allemahl bei külem Blut, und einige Zeit hernach. Thut ihnen dabei, erst einige bewegliche Vorstellungen. Und indem ihr sie züchtiget, so bedenkt daß ihr Eltern, und nicht Henker eurer Kinder seyd. D a s zweite Stück einer guten Erziehung, ist die Einflössung richtiger Gesinnungen g e g e n die E l t e r n. G e h o r c h e n müssen euch die Kinder. Aber nicht aus Schrecken, weil sie sich für eurer Hand fürchten. Nicht aus Eigenuz; weil sie Belohnung von euch erwarten. Sondern aus Liebe. Eine der seltsamsten Erscheinungen in der Welt, ist die grosse Menge von Kindern die ihre Eltern nicht lieben, die sie gar hassen. Aber sie höret auf seltsam zu seyn, so bald man die Eltern handeln siehet. Diese verfahren gerade so als wenn es ihnen darum zu thun wäre, alle die natürlichen Empfindungen der Liebe bei ihren Kindern zu ersticken, und von ihnen gehasset zu werden. – V o r allen Dingen, seyd L i e b r e i c h gegen eure Kinder. {Colosser 3, 21} Seyd ihr hart, oder mürrisch gegen sie: so werden, so müssen sie euch erst scheuen, und bald darnach hassen. Aber ihr seyd vertraut gegen sie: ihr scherzt mit ihnen, ihr freuet euch über ihren Spott, ihr machet euch lustig mit ihnen. Wohl! so könt ihr ja vernünftiger weise nichts anders erwarten, als daß das Kind euch verachte. Seyd ihr hingegen immer gütig, sanfte, gesprächig, freundlich |b413| gegen dasselbe; gebt ihr ihm nie aus Eigensin; und nie im Zorn einen Befehl; lebt ihr unter einander und mit euren Hausgenossen friedfertig und liebreich: so werdet ihr den Lohn sicher haben, von euren Kindern, über alles geliebt zu seyn. – F e r n e r, haltet strenge, und g a n z u n a b l a s l i c h über euren Befehlen. Wenn ihr in der einen Stunde das zurüknehmet was ihr in der vorigen befohlen; oder wenn das Kind sich nur an die Mutter wenden darf um Dispensation von den Befehlen des Vaters zu erhalten: so verführt ihr ja selbst, eure Kinder euch nicht zu gehorchen. So werdet ihr Ungerecht und Grausam gegen sie, wenn ihr ihren Ungehorsam straft. Gebt nur keinen einzigen Befehl, ohne ihn vorher wohl zu überlegen; befehlt nie zum Schein; nie um zu dispensiren; und denn lasset euch durch keine Schmeichelei, kein Weinen, durch nichts davon abbringen: und man wird euch sicher gehorsamen. – V o r dem Gebrauch der Vernunft, gewönet die Kinder, b l i n d l i n g s zu gehorchen. Lasset ihnen schlechterdings in keinem Stück ihren Willen; sondern brechet ihn gerade zu. Stellet auch wohl zuweilen, das Kind auf die Probe: machet Begierden in ihm rege, und handelt ihnen alsdenn zuwider. Dadurch werdet ihr, für die Zukunft fast alle körperliche Strafen verhüten. Ist das nicht zärtlicher, als wenn ihr sie durch Nachgeben so verwönet, daß sie hernach, zur Ablegung der bösen Gewohnheiten durch die empfindlichsten Strafen müssen gezwungen werden. Auch machet ihr ihnen dadurch, für ihre ganze Lebenszeit die Tugend leicht. Denn ein Mensch der |b414| frühe gewönet ist, seine Neigungen, der Vernunft eines andern zu unterwerfen; der wird sie hernach, um so viel leichter durch seine eigene beherrschen. – Eines der wichtigsten, aber auch der leichtesten Stüke in der Erziehung ist die weise und liebesvolle Einrichtung der Strafen. Strafen müssen seyn, aber so viel immer möglich, keine Strafe am Leibe. Haben euch eure Kinder lieb, und das werden sie wenn ihr jene Rathschläge befolget: so wird euer Unwille, oder die liebreiche bewegliche Vorstellung eures Schmerzes fast alle andre, wenigstens fast alle körperliche Strafen unnötig machen. Hat euer Kind Ehrbegierde, und darauf müßt ihr besonders arbeiten: so wird Verachtung und Schande, ihm empfindlicher wehe thun als Schläge. Lernt euer Kind gern, und das wird es, wenn es recht gelehret wird: so straft es damit, daß es nicht die Schule besuchen, die Stunde nicht halten, sondern an dessen Stelle spielen muß. Niemahls aber, niemahls straft eure Kinder mit Arbeiten, oder Entziehung sinlicher Vergnügungen. Sonst macht ihr es nothwendig, daß sie die Arbeit als ein Uebel; den Puz aber, neue Kleider, und Spiel als ihr höchstes Gut ansehen. – B e i d e n S t r a f e n a m L e i b e endlich, seyd äusserst behutsam. Ofte gebraucht, werden sie unnüz, ja schädlich: denn sie machen die Kinder füllos und niederträchtig. Vielleicht ist es nicht unmöglich, ein Kind bloß durch jene edlere Strafen, und vornehmlich durch wohlgewälte Belohnungen zu lenken, ohne ihm ein einziges mahl an seinem Leibe wehe zu thun. Wenigstens muß dieses nur äusserst selten; nur bei den allerschwe|b415|resten Vergehungen, als Lügen, Härte gegen andere, Spöttereien; nie aber bei Unfleiß, Leichtsinn; und am meisten bei Nachlässigkeit in Absicht ihrer Kleidung, und änlichen Dingen geschehen. Vor allen Dingen straft sie niemahls auf frischer That und im Zorn, sondern allemahl bei külem Blut, und einige Zeit hernach. Thut ihnen dabei, erst einige bewegliche Vorstellungen. Und indem ihr sie züchtiget, so bedenkt daß ihr Eltern, und nicht Henker eurer Kinder seyd.
{1 Timoth. 4, 1–3. Kapitel 6, 17–19. Matthäi 6, 19–23.} G e g e n d i e W e l t, die Reichtümer, Kleider, wohlschmeckende Mahlzeiten und andre irrdische Güter, müßt ihr zwar den Kindern keine Verachtung beibringen. Auch diese Dinge haben ihren Werth. Noch weniger aber, eine ungemessene Werthschäzung. Sie für unentbehrlich zu unserm Wohl, ja gar für unser höchstes Gut halten, das ist die Quelle aller Thorheit, Laster und Elendes. Aber Geringschäzung, sie unendlich weniger als die Tugend und Gottes Gnade; und nur in so ferne zu schäzen als sie Mittel dazu werden: das ist die Weisheit, die richtige Gesinnung gegen die Welt, die ihr d r i t t e n s, bei einer guten Zucht euren Kindern einflössen müßt. – S a g t es ihnen denn, bei jeder Gelegenheit, daß die irrdischen Güter keinen Menschen glücklich machen. Ihr gebt ihnen ein neues Kleid: da gebt ihnen auch die gute Lehre, daß Kleider nur dazu dienen unsre Blösse zu decken, und unsrer Schwäche zu helfen; daß nicht selten Thoren und Bösewichter am prächtigsten gekleidet sind; daß nur Thoren in einem schö|b416|nen Kleide ihren Vorzug sezen u. s. f. Bei gutem Essen und Trinken, erinnert sie, daß auch die Thiere essen und trinken. Beim Anblick einer Geld Summe lehret sie, daß ofte die nichtswürdigsten, die reichsten sind u. s. f. Zeiget ihnen Menschen, die bei allem Reichthum und Pracht elend leben. Daß wir Menschen so an die Sinlichkeit gefesselt sind; daß es uns so unaussprechlich schwer wird den Reizungen des Geldes und anderer Güter der Erde zu widerstehen: mit einem Worte, alle unsre Sünden, Laster und Elend kommen daher, daß man uns diese Güter, von Jugend auf so wichtig gemacht. – J e n e Geringschäzung könnet ihr besonders durch wohleingerichtete Belohnungen befördern. Kinder mit schönen Kleidern, Leckerbissen, Geld und andern sinlichen Dingen belohnen: das heißt, sie gewönen, die Güter der Erde als ihr höchstes Gut anzusehen; sie in den Schlamm der unvernünftigen Sinnlichkeit mit Gewalt hinein stürzen. Ihr könnet ihnen das alles, ihr könnet ihnen Geld Summen geben um sie zur klugen Haushaltung zu gewönen. Gebt es ihnen nur nicht als Belohnung. Sprecht nie zu eurem Kinde, „wenn du das lernst, wenn du das thust so solst du ein schönes Kleid haben; so solst du auch spielen, dies und jenes essen, u. s. f.“ Verbannet die Spahrbüchsen, diese Lehrer des Geizes. – Die Kinder mit Freistunden belohnen, das heißt ihnen das Lernen als eine Last vorstellen. Gerade umgekehrt belohnt sie mit Lernen, und straft sie mit Spielen. – Nur solche Dinge müsset ihr zu euren Belohnungen wälen, die auf irgend eine Art die Seele bessern. Gewisse |b417| angenehme Lectionen, Bücher, Kupferstiche, Besuchung guter Gesellschaften, Lob, und änliche Uebungen guter Triebe der Seele, das sind die schicklichen Belohnungen. Diese werden eure Kinder eben so stark, und noch mehr erfreuen als eben jene Kleinigkeiten; und nie ihnen gefärliche Irrtümer beibringen, nie ihren Character verschlimmern; hingegen sie mit lauter edlen, grossen Begriffen und Gesinnungen erfüllen.{1 Timoth. 4, 1–3. Kapitel 6, 17–19. Matthäi 6, 19–23.} G e g e n d i e W e l t, die Reichtümer, Kleider, wohlschmeckende Mahlzeiten und andre irrdische Güter, müßt ihr zwar den Kindern keine Verachtung beibringen. Auch diese Dinge haben ihren Werth. Noch weniger aber, eine ungemessene Werthschäzung. Sie für unentbehrlich zu unserm Wohl, ja gar für unser höchstes Gut halten, das ist die Quelle aller Thorheit, Laster und Elendes. Aber Geringschäzung, sie unendlich weniger als die Tugend und Gottes Gnade; und nur in so ferne zu schäzen als sie Mittel dazu werden: das ist die Weisheit, die richtige Gesinnung gegen die Welt, die ihr d r i t t e n s, bei einer guten Zucht euren Kindern einflössen müßt. – S a g t es ihnen denn, bei jeder Gelegenheit, daß die irrdischen Güter keinen Menschen glücklich machen. Ihr gebt ihnen ein neues Kleid: da gebt ihnen auch die gute Lehre, daß Kleider nur dazu dienen unsre Blösse zu decken, und unsrer Schwäche zu helfen; daß nicht selten Thoren und Bösewichter am prächtigsten gekleidet sind; daß nur Thoren in einem schö|b416|nen Kleide ihren Vorzug sezen u. s. f. Bei gutem Essen und Trinken, erinnert sie, daß auch die Thiere essen und trinken. Beim Anblick einer Geld Summe lehret sie, daß ofte die nichtswürdigsten, die reichsten sind u. s. f. Zeiget ihnen Menschen, die bei allem Reichthum und Pracht elend leben. Daß wir Menschen so an die Sinlichkeit gefesselt sind; daß es uns so unaussprechlich schwer wird den Reizungen des Geldes und anderer Güter der Erde zu widerstehen: mit einem Worte, alle unsre Sünden, Laster und Elend kommen daher, daß man uns diese Güter, von Jugend auf so wichtig gemacht. – J e n e Geringschäzung könnet ihr besonders durch wohleingerichtete Belohnungen befördern. Kinder mit schönen Kleidern, Leckerbissen, Geld und andern sinlichen Dingen belohnen: das heißt, sie gewönen, die Güter der Erde als ihr höchstes Gut anzusehen; sie in den Schlamm der unvernünftigen Sinnlichkeit mit Gewalt hinein stürzen. Ihr könnet ihnen das alles, ihr könnet ihnen Geld Summen geben um sie zur klugen Haushaltung zu gewönen. Gebt es ihnen nur nicht als Belohnung. Sprecht nie zu eurem Kinde, „wenn du das lernst, wenn du das thust so solst du ein schönes Kleid haben; so solst du auch spielen, dies und jenes essen, u. s. f.“ Verbannet die Spahrbüchsen, diese Lehrer des Geizes. – Die Kinder mit Freistunden belohnen, das heißt ihnen das Lernen als eine Last vorstellen. Gerade umgekehrt belohnt sie mit Lernen, und straft sie mit Spielen. – Nur solche Dinge müsset ihr zu euren Belohnungen wälen, die auf irgend eine Art die Seele bessern. Gewisse |b417| angenehme Lectionen, Bücher, Kupferstiche, Besuchung guter Gesellschaften, Lob, und änliche Uebungen guter Triebe der Seele, das sind die schicklichen Belohnungen. Diese werden eure Kinder eben so stark, und noch mehr erfreuen als eben jene Kleinigkeiten; und nie ihnen gefärliche Irrtümer beibringen, nie ihren Character verschlimmern; hingegen sie mit lauter edlen, grossen Begriffen und Gesinnungen erfüllen.
Z u l e z t fordert eine gute Kinderzucht, daß man die Kinder an richtige Gesinnungen, – das heißt, H o c h a c h t u n g und L i e b e gegen i h r e N e b e n M e n s c h e n gewöne. – O ihr Eltern! Hier, hier habt ihr täglich Gelegenheit, Woltäter des menschlichen Geschlechts zu werden! R e d e t ofte mit euren Kindern von den Vorzügen eines Menschen. Wenn sie einen der Hausbedienten, einen Armen, einen Bettler sehen, und sonst bei jedem Anlaß sagt ihnen „Siehe liebes Kind! Abermahls e i n M e n s c h! Diese Magd, diese Arme, ist eben das was du bist! Ist ein Geschöpf Gottes. Ist Gottes Ebenbild. Ist Gottes Freund, und Kind. u. s. f.“ – S e y d strenge, und ganz unerbittlich gegen die Spottsucht; wozu die Kinder, besonders die fähigeren, einen überaus grossen Hang haben. Unterrichtet sie, daß dies ihnen Schande macht. Zeiget ihnen ihre Fehler, und Thorheiten und beschämt sie. Demütiget sie aufs äusserste. Mit einem Wort, braucht auch die bittersten Mittel, um diese Seuche in ihren ersten Keimen zu ersticken. – G e w ö n e t die Kinder, in dem Betra|b418|gen gegen die Dienstbothen, zur Bescheidenheit und Freundlichkeit. Nie müssen sie befehlen. Verlangen sie einen Dienst, so lasset sie darum bitten. Haben sie ihn empfangen: so lasset sie dafür danken. Immer machet sie fülen, daß die Dienstbothen nicht ihrer, wohl aber sie der Dienstbothen bedürfen; und daß vornehme Kinder immer weniger sind als Erwachsene Diener und Mägde. – U e b e t sie in der Dankbahrkeit gegen j e d e n M e n s c h e n. Bei dem Kleide das sie anziehen, dem Essen und Trinken, das sie geniessen, den Stülen worauf sie sizen, den Büchern woraus sie lernen, und allenthalben erinnert sie fleissig, daß das alles von Menschen gemacht worden, daß der Schneider, Schuster, Tagelöner ihr Wohltäter ist; und daß sie ohne die Wohltaten ihrer Nebenmenschen ein erbärmliches Leben füren müsten. – U e b e t sie endlich, so in der Wohltätigkeit, daß Wohlthun ihre Freude wird. „Ja, denket ihr, das thue ich. Jeden Allmosen lasse ich durch die Hand des Kindes gehen!“ – Vergebt mir, dies Mittel scheint nicht glücklich gewält! Ihr bessert dadurch nichts: denn das Kind weiß das Geld noch nicht zu schäzen; es würde Hunderte von Thalern für einen Kuchen hingeben. Eure Methode verschlimmert gar das Kind. Denn dadurch macht ihr ihm das Allmosen geben, und die Armen verächtlich. Es gewönet sich jenes als ein Geschäfte anzusehen, das man durch Kinder ausrichten, und diese als Menschen die man durch Kinder abfertigen lasse. Gebt also eure Allmosen, wenn es sich thun läßt, in Person vor den Augen eures Kindes: |b419| und begleitet sie denn, immer mit einem liebreichen, freundschaftlichen Betragen gegen den Armen. Das Kind selbst aber, gewönet von seinen Kuchen, seinem Essen, seinen schönen Kleidern und allem dem, was ihm zugehört und ihm Freude macht, andern; und besonders seinen Mitwerbern, seinen Gespielen zu geben. Und nicht bloß zum Geben gewönet es, sondern zum Wohlthun aller Art. Uebet es seine zarten Glieder, seine kleinen Einfälle, seine schmeichelhaften Reden, und alle seine Kräfte dazu anzuwenden, daß es Menschen erfreue. Uebet es in diesen Dienstleistungen, Aufmerksamkeiten, Gefälligkeiten aller Art so ofte und so lange: bis ihm – – das Freundliche Gesicht irgend eines Menschen mehr werth ist als alle Reichtümer und Ergözungen. – Habt ihr dies ausgerichtet: so könnet ihr freudig aus der Welt gehen. Sicher daß ihr in euren Kindern, redliche Verehrer Gottes und Wohltäter Seiner Menschen, hinter euch zurücke lasset.Z u l e z t fordert eine gute Kinderzucht, daß man die Kinder an richtige Gesinnungen, – das heißt, H o c h a c h t u n g und L i e b e gegen i h r e N e b e n M e n s c h e n gewöne. – O ihr Eltern! Hier, hier habt ihr täglich Gelegenheit, Woltäter des menschlichen Geschlechts zu werden! R e d e t ofte mit euren Kindern von den Vorzügen eines Menschen. Wenn sie einen der Hausbedienten, einen Armen, einen Bettler sehen, und sonst bei jedem Anlaß sagt ihnen „Siehe liebes Kind! Abermahls e i n M e n s c h! Diese Magd, diese Arme, ist eben das was du bist! Ist ein Geschöpf Gottes. Ist Gottes Ebenbild. Ist Gottes Freund, und Kind. u. s. f.“ – S e y d strenge, und ganz unerbittlich gegen die Spottsucht; wozu die Kinder, besonders die fähigeren, einen überaus grossen Hang haben. Unterrichtet sie, daß dies ihnen Schande macht. Zeiget ihnen ihre Fehler, und Thorheiten und beschämt sie. Demütiget sie aufs äusserste. Mit einem Wort, braucht auch die bittersten Mittel, um diese Seuche in ihren ersten Keimen zu ersticken. – G e w ö n e t die Kinder, in dem Betra|b418|gen gegen die Dienstbothen, zur Bescheidenheit und Freundlichkeit. Nie müssen sie befehlen. Verlangen sie einen Dienst, so lasset sie darum bitten. Haben sie ihn empfangen: so lasset sie dafür danken. Immer machet sie fülen, daß die Dienstbothen nicht ihrer, wohl aber sie der Dienstbothen bedürfen; und daß vornehme Kinder immer weniger sind als Erwachsene Diener und Mägde. – U e b e t sie in der Dankbahrkeit gegen j e d e n M e n s c h e n. Bei dem Kleide das sie anziehen, dem Essen und Trinken, das sie geniessen, den Stülen worauf sie sizen, den Büchern woraus sie lernen, und allenthalben erinnert sie fleissig, daß das alles von Menschen gemacht worden, daß der Schneider, Schuster, Tagelöner ihr Wohltäter ist; und daß sie ohne die Wohltaten ihrer Nebenmenschen ein erbärmliches Leben füren müsten. – U e b e t sie endlich, so in der Wohltätigkeit, daß Wohlthun ihre Freude wird. „Ja, denket ihr, das thue ich. Jeden Allmosen lasse ich durch die Hand des Kindes gehen!“ – Vergebt mir, dies Mittel scheint nicht glücklich gewält! Ihr bessert dadurch nichts: denn das Kind weiß das Geld noch nicht zu schäzen; es würde Hunderte von Thalern für einen Kuchen hingeben. Eure Methode verschlimmert gar das Kind. Denn dadurch macht ihr ihm das Allmosen geben, und die Armen verächtlich. Es gewönet sich jenes als ein Geschäfte anzusehen, das man durch Kinder ausrichten, und diese als Menschen die man durch Kinder abfertigen lasse. Gebt also eure Allmosen, wenn es sich thun läßt, in Person vor den Augen eures Kindes: |b419| und begleitet sie denn, immer mit einem liebreichen, freundschaftlichen Betragen gegen den Armen. Das Kind selbst aber, gewönet von seinen Kuchen, seinem Essen, seinen schönen Kleidern und allem dem, was ihm zugehört und ihm Freude macht, andern; und besonders seinen Mitwerbern, seinen Gespielen zu geben. Und nicht bloß zum Geben gewönet es, sondern zum Wohlthun aller Art. Uebet es seine zarten Glieder, seine kleinen Einfälle, seine schmeichelhaften Reden, und alle seine Kräfte dazu anzuwenden, daß es Menschen erfreue. Uebet es in diesen Dienstleistungen, Aufmerksamkeiten, Gefälligkeiten aller Art so ofte und so lange: bis ihm – – das Freundliche Gesicht irgend eines Menschen mehr werth ist als alle Reichtümer und Ergözungen. – Habt ihr dies ausgerichtet: so könnet ihr freudig aus der Welt gehen. Sicher daß ihr in euren Kindern, redliche Verehrer Gottes und Wohltäter Seiner Menschen, hinter euch zurücke lasset.