/z|a[497]| |b477| |c527| Evangelium am Sontage Septuagesima.
Matthäi 19, 30 – Kapitel 20, 16bc1

D e rc2 Nahme Septuagesima, oder Septuagesimä (der siebzigste Tag) beziehet sich auf den /cSontag nach Osternc\c3. Er war im christlichen Alterthum ein sehr feierlicher Tag, weil man da die Catechumenenc4 taufte. Von diesem Sontage, ist der, den man Septuagesima nante, gerade der siebzigste Tag.c5

* * *

{vergleichebc1 oben S. 13bc2 f.} D a s Christenthum wird den Heiden geprediget werden, und dies wird die Juden aufbringen: das ist der Inhalt dieser /cGleichnis Redec\c3, worin Jesusc4 die Schicksahle seiner Religion weissaget.

{Kap. 19, 30.} V i e l e der Ersten, (der Juden, denn diesen ward die Religion Jesu zuerst geprediget) werden die Lezten seyn. Und die Lezten, (die Heiden, denen das Christenthum zulezt geprediget ward) die Ersten. Mit andern Worten. „V i e l e Juden werden meine Religion und alle ihre Vortheile verwerfen. Die Heiden hingegen werden sie begierig annehmen.“ D e n n das himmlische Reich (meine Religion; diese geistige Herrschaft, die Herrschaft über die Seelen der Menschen, die Herrschaft durch Wahrheit und Tugend) ist gleich einem Hausherrn.I nbc5 meiner Kirche wird es hergehen, wie wenn ein Hausherr u. s. f.[“]

|a498| |b478| |c528| {Kapitelbc6 20, 1–7bc7 } G l e i c h einem Hausherrn, welcher frühe (Morgens um sechs) ausgieng Arbeiter in seinen Weinberg zu miethen. Da er nun mit den Arbeitern um einen Denarium (eine Münze, dreyc8 gute Groschen werth) für den Tag eins geworden, schickte er sie in seinen Weinberg. – Um die dritte Stunde (um 9 Uhr Morgens) gieng er aus und sahe andere, am Markte müssig stehen, und sprach zu ihnen, Gehet auch ihr in den Weinberg, ich werde euch geben was recht ist. Sie giengen hin. – Abermahls gieng er um die sechste und neunte Stunde aus (zwölf Uhr Mittags, und dreyc9 Uhr Nachmittags) und that eben so. – Zur elften Stunde aber (um fünf Uhr Abends, wo nur noch Eine Stunde vom Tage übrig war. Denn die Juden theilten den Tag in 12 Stunden, die sie mit /cSonnen Aufgangc\c10 zu zälen anfiengen) gieng er aus und fand andre müssig stehen; und sprach zu ihnen, Wasbc11 stehet ihr hier den ganzen Tag müssig? Sie antworteten, Es hat uns niemand gemiethet. Da sprach er, Gehet auch ihr in den Weinberg, ihr sollt haben, was recht ist.

{vers 8–16bc12 } A l s es nun Abend ward, befahl der Herr seinem Hausverwalter, Rufe die Arbeiter und gieb ihnen den Lohn; vom Lezten an, bis zu dem Ersten hinauf. Da kamen die um die Elfte Stunde gemiethete, und empfiengen jeder einen Denarium. Als nun die Ersten kamen, glaubten sie, sie würden mehr bekommen. Aber auch sie empfiengen, jeder einen Denarium. Da murreten |a499| |b479| |c529| sie gegen den Hausherren. Diese Lezten, sagten sie, haben nur Eine Stunde gearbeitet; und du machest sie uns gleich, die wir des Tages Last und Hize getragen haben. Er antwortete aber Einem von ihnen. Freund! ich thue dir kein Unrecht. Bist du nicht mit mir um einen Denarium eins geworden? Nimc13 was dir gehört und gehe. Ich will aber diesen Lezten eben so viel als dir geben: denn stehet es mir nicht frei mit dem Meinigen zu thun was ich will? Was siehest du finster darüber daß ich Gütig bin? – D e r g e s t a l t werden die Lezten, die Ersten seyn; und die Ersten, die Lezten. Denn viele sind berufen, wenige aber ausgewälet.

J e s u s redet hier, wie der Augenscheinb14 lehret, nicht von jenem Leben nach dem Tode, (dem Reiche der Herrlichkeit) sondern von dem jezigen. (dem Reiche der Gnaden) Denn es werden Arbeiter gemiethet. Der Sinn des Ausspruchs, viele sind berufen,bc15 aber wenigbc16 sind ausgewälet, kan also nicht seyn, daß die Zahl der Seeligen nur klein seyn werde. – Der Himmel leer? Und die Hölle angefüllt mit Menschen? Traurig! Höchst traurig! Weg aber mit dem Gedanken! – {Matthäi 25, 14–30bc17 } G o t t wird einen jeden nur nach seinem Talente richten. Der Redliche Jude, Türke und Heide der sein Maaß von Kentnißbc18 treulich gebraucht, wird demnach eben so wohl ein Bewohner des Himmels seyn, als der Redliche Christ. – D i e Zahl der Frommen, der Freunde Gottesc19 in der Welt, ist weit grösser als wir es beim ersten An|a500||b480||c530|blick glauben. Wo wir nur Einen, vielleicht gar keinen sehen, da sind derer, wie dort zu {Römer 11, 1–5bc20 } Eliä Zeiten, sieben tausend. – Z u d e m stirbt mehr als die Hälfte der Menschen vor dem völligen Gebrauch des Verstandes. Diese also, sind alle Seelig. – Rechnet das zusammen, und ihr findet zu eurer grossen Freude, daß – d i e Summe der Seeligen weit, weit grösser ist, als die Zahl der Verdamtenc21. Der Himmel ist nicht eine öde, wüste Gegend. Sondern die blühendste Stadt, wo Menschen, Gedrängt beisammen wohnen; und der tägliche Anblick vieler hundert und tausend froher Gesichter, unaufhörlich theilnehmende Freude verbreitet! – Vergleiche auch oben Seite 107–109bc22.

J e s u s redet hier nicht, von dem Leben nach dem Tode, dem Stande der Vergeltung; sondern von dem Jezigen Leben, dem Stande der Vorbereitung, wo man in Gottesc23 Weinberge arbeiten muß. Wenn daher diejenigen die nur Eine Stunde gearbeitet, so viel Lohn empfangen als die, welche Zwölfe gearbeitet: so kan man daraus nicht schliessen, daß der /cGnaden Lohnc\c24 im Himmel, bei allen Seeligen gleich groß seyn werde. Diec25 Seeligkeit wird zwar bei den Tugendhaften gleich Ewig, aber nicht gleich Groß seyn. Diesc26 ist die Lehre der Bibel. G o t t sagt sie, wird jeglichem geben, nach seinen Thaten Römer 2, 6. Je mehrere, und edlere Tugendthaten du also hier verrichtet, desto grösser wird deine Seeligkeit dort seyn. – S i e ermahnet uns, in der Tugend immer mehr zu wachsen: weil unsre Arbeit nicht vergebens sey. 1 Corintherc27 15, 58.U n d unser Heiland versichert uns, daß unsre Tugendthaten im Him|a501||b481||c531|mel aufbewahret werden; Matthäi 6, 20. und daß eine jede davon, dereinst ihren Lohn empfangen soll. Matthäi 6, 1–4. versc28 5. 6 Kapitel 10, 40–42.

E b e n so wenig wird hier der Bekehrung auf dem Sterbebette, eine gnädige Aufnahme bei Gottc29 versprochen. Es ist so Grundlos, als Gottlos, sich in dem unglücklichen Entschluß, die Bekehrung bis zum Tode zu verschieben, mit dieser /cGleichnis Redec\c30 zu stärken; /cweilc\c31 auch die um die Elfte Stunde den Lohn empfiengen.c32 Aber sie giengen nicht früher in den Weinberg, {/cvers 7c\c33 } weil sie niemand gedungen. Und wo ist ein Christ, der nicht seit seinem reiferen Alter mehr als einmahl zur Busse eingeladen worden! Auch arbeiteten sie wirklich, noch eine Stunde. Ganz anders ist es mit dem der in den lezten Augenblicken seines Lebens seine Besserung anfängt. Endlich ist in diesem Gleichnisse, gar nicht von der Bekehrung die Rede, sondern von der Aufnahme des Christenthums unter den Heiden, und Juden. – – Wie schlecht sorgen wir doch für uns, wenn wir uns allenthalben nach Ausflüchten und Behelfen umsehen, uns der Bekehrung zu entziehen! Sündigen in der Hofnung, daß wir künftig Busse thun werden, das heißt etwas thun in Hofnung, daß es uns einmahl peinigen werde. Unsre Bekehrung aufschieben, das heißt unser Elend verlängern und unser Glück aufschieben. Denn sich bekehren, das ist nicht ein Freudenloses trauriges Leben füren. Sondern Herz und Leben mit Liebe zu /cGott, Seinemc\c34 Gesez und Seinenc35 Menschen anfüllen; und dadurch eine Quelle von Ruhe und Freude in uns |a502||b482||c532| eröfnen, welche durch unser ganzes irrdisches Leben und alle Ewigkeit fortfließt. – Wir wollen uns morgen bekehren? Aber wissen wir denn, daß der morgende Tag in unsrer Gewalt seyn wird. Nichts als der gegenwärtige Augenblick ist unser. Wir wollen uns auf dem Krankenbette bekehren? Aber wir können ja, plözlichc36 ohne Krankheit sterben. Und wenn auch eine Krankheit uns den Todt ankündiget; so kan sie uns zugleich alles Besinnen rauben. Und behalten wir auch dieses, so finden sich da, tausend Hindernisse von aussen und innen, welche es wo nicht unmöglich, so doch äusserst schwer machen, ein Geschäfte zu verrichten das so viel Munterkeit und Stärke des Geistes fordert. Und angenommen endlich, daß wir uns alsdenn wirklich bekehren: so können wir doch nie zur festen Versicherung davon gelangen. Gottc37 hat nirgends versprochen, daß er Seufzer, Klagen und Thränen, {Matthäi 3, 8bc38 } ohne die Früchte der Busse annehmen will. {2 Corinth.c39 7, 1bc40 } Reinigenc41 sollen wir uns von aller Befleckung des Leibes und der Seele; {Philipperbc42 1, 14bc43 } mitc44 Früchten der Tugend angefüllet seyn; {2 Petri 1, 5–11bc45 } nebstc46 unserm Glauben Keuschheit, Mässigkeit, Gerechtigkeit, Demuth, Menschenliebe darreichen, wenn wir in die seelige Ewigkeit eingehen wollen.c47 Dazu fehlet es aber auf dem Sterbebette mehrentheils, an Zeit und Gelegenheit. Und so müssen wir denn, ohne Trost, mit der schrecklichen, folternden Furcht, von unserm Richter das Urtheil der Verdammung zu hören; aus der Welt gehen.

{/cvers 16c\c48 } D i e Lezten werden die Ersten seyn, (gleich den Ersten; sie werden gleichen Lohn empfangen Siehe versc49 12) das heißt „D i e Heiden werden, |a503| |b483| |c533| wie die Juden, zu allen Vortheilen der Religion gelangen.“ U n d die Ersten werden die Lezten seyn.H i n g e g e n viele Juden werden dieser Vortheile verlustig gehen.“ D e n n viele sind berufen, aber wenig sind ausgewälet. „Vielen Juden wird die Religion geprediget werden: aber nur wenige werden sie annehmen.“ Berufen heissen im N. T. diejenigenc50 denen das Christenthum geprediget wird,c51 und ausgewälet, alle die welche es wirklich annehmen, sich dazu bekennen. Titum 1, 1. 1 Petri 1, 1 – Dies ist die Lehre der Parabel. Alles andre, so wahr und wichtig es auch seyn mag, gehöret nicht zu dem Sinn dieser Stelle.

W e n i g Juden, aber viel Heiden werden die christliche Religion annehmen. Selbst diese Predigt der Religion, und ihre günstige Aufnahme unter den Heiden, wird die Juden zum Neid und Bosheit reizen. Diese traurigec52 und frölichec53 Schicksahle seiner Religion, sagt hier Jesus unter dem angenehmen Bilde eines Hausvaters vorher. Und der Erfolg stimmte damit pünktlich überein. {Apostelgeschichtbc54 Kap. 2bc55 } Den Juden ward zuerst das Evangelium geprediget; zu Jerusalemc56 und in Palästinac57 wurden die ersten christlichen Gemeinden gepflanzt. Der gröste Theil der Nation verwarf es. {/bcApostelgeschicht 10bc\bc58 } Petrus prediget hierauf den Gottesfürchtigen Heiden, denen, welche den einigen wahren Gottc59 anbeteten, ohne die jüdische Religion anzunehmen. Schon dieses brachte die Juden auf. {/cApostelgesch.b60 11 Apostelgesch.b61 c\c62 13 folg.} Paulus und Barnabas predigen endlich den Gözendienernc63, den abgöttischen Heiden, welche schaarenweise Christen werden. Und dieses |a504| |b484| |c534| sezt die Juden gar in Wuth, welche die ersten und heftigsten Verfolger des Christenthums waren.

S o muß uns denn diese Erzälung; in Jesu, den Gesandten Gottesc64 zeigen, vor dem die Zukunft offen da lag. – Sie muß uns zum herzlichen Dank gegen Gottc65 anfeuren. Uns Heiden hat erc66 aus der unseeligen Finsterniß der Unwissenheit und Aberglaubens, zu dem Licht der Wahrheit gefüret; uns hat erc67 aus den Abgründen des Lasters gerissen, und auf die frohe seelige Bahn der Tugend geleitet.

S i e kan uns aber auch, Anlaß zu noch andern wichtigen Betrachtungen geben. – {vers 6c68 } Was stehet ihr hier den ganzen Tag müssig! Das beschäme diejenigen, welche ohne alle gemeinnüzige Arbeiten in der Welt leben.c69 Diejenigen Menschen, welche wederc70 in einem nüzlichen Amte und Gewerbe; nochc71 durch gute Auferziehung der ihrigen, oderc72 gemeinnüzige Verwaltung ihrer Güter; oderc73 nüzliche Schriften, nochc74 auf irgend eine andre Weise der Welt dienen! D i e Menschenc75 welche bloß ihre Renten verzehren, aus dem Bette auf das /cRuhe Polsterc\c76, von der Tafel in Gesellschaften und Lustbahrkeiten, und von Lustbahrkeiten zur Tafel gehen! /cDiesec\c77 sind Ungehorsam gegen Gott: denn sie vergraben ihr Talent, an statt damit zu wuchern. Matthäi 25, 14 f. Sie sind Ungerecht und Treulosc78 gegen die menschliche Gesellschaft; welcher sie ihre Zeit und Kräfte schuldig sind. 1 Petri 4, 10. 11. Römer 12, 4–6. Sie sind Undankbahr gegen ihre Nebenmenschen; deren Hände für sie täglich geschäftig sind. Sie sind – ein häslicher, schädlicher Auswuchs an dem Körper der menschlichen Gesell|a505||b485||c535|schaft! Eine unnüze Last des Erdbodens! – O daß diese Frage unsers Hausherren, Was stehet ihr hier den ganzen Tag müssig! sie jezo heilsam beschäme: damit sie nicht dereinst, bei dem ewig entscheidenden Gericht, für sie ein Verdammungs-Urtheil werde!

{/cvers 10c\c79 f.} I n s b e s o n d r e ermuntereb80 uns der lezte Auftritt in der Geschichte unsers Textes, zu der theilnehmenden Freude: dieser grossen Absicht des Christenthums, und sichersten Kenzeichen des wahren Christen!

T ä g l i c h, und stündlich ergiesset sich ein Meer von Wohlthaten Gottesc81 über unsre Nebenmenschen. Der einec82 geniesset die blühendste Gesundheit. Dort freuet sich ein andrerc83 in dem Ueberfluß des irrdischen Vermögens. Einem drittenc84 gelinget alles was er nur unternimt. Seine Arbeiten und Geschäfte gehen ihm leicht von Statten, finden allenthalben Beifall, haben den glücklichsten Erfolg. So können wir täglichc85, wenn wir nur wollen, vielec86 unsrer Nebenmenschen die Güte Gottesc87 frölich schmecken; oder in dem Bilde unsers Textes zu reden, ihren Groschen von Gott empfangen sehen.

D a nun sollen wir, wie unsre Religion will, an diesen Vergnügungen unserer Nebenmenschen einen herzlichen Antheil nehmen, oder nach Römer 12, 15c88 uns mit den Frölichen freuen und mit den Weinenden weinen. – Christen!c89 Wir sollen die frohen Schicksahle unsrer Nebenmenschen nicht kalt und gleichgültig ansehen. Nicht sagen, was gehet mich das an? Ich habe genug mit mir und |a506| |b486| |c536| den Meinigen zu thun. Noch weniger sie deswegen gar beneiden; darüber verdrüslich, aufgebracht werden, daß es unsern Nebenmenschen besser gehet als uns. /cc\ Am allerwenigsten aber, ihnen ihre Freude misgönnen. Darüber unwillig seyn, obgleich uns nicht einmahl etwas dadurch abgehet. – Dac90 Christen, sollen wir, jede solche rechtmässige Freude unsrer Nebenmenschen, /cals die Unsrige, uns zueignenc\c91! Sie gernc92 sehen! Uns darüber innig freuen! Sie ihnen durch aufrichtige Versicherung unsrer Mitfreude, durch liebreiche Warnung fürc93 allem Schaden, durch Vereitelung böser Anschläge gegen sie, durch rümliche Urtheile, Empfehlungen; und kurz durch jedes uns mögliche Mittel welches Wahrheit und Gewissen billiget, unsern Nebenmenschen, c94 ihre Freude zu sichern, und zu vermehren trachten. Das ist die Gemüts-Art und Betragen, welche uns unsre Religion, und unser Text anbefiehlet! – Ja! Welche selbst unser inneres Gefül, {Röm.bc95 7, 22.} unser inwendige Mensch, uns als sehr reizend und liebenswürdig darstellet.

S e l b s t unser inneres Gefül empfiehlet sie uns! Denn diese /cchristliche Mitfreudec\c96, ist eine von denen Tugenden, die in der Betrachtung, ganz ausserordentlich Reizend, Einnehmendc97 und Anziehend sind. Die selbst dem Bösewicht, Achtung, Bewunderung, Lob abdringen.c98 – Aber, o /cgütiger Gottc\c99, wie tief, tief sind wir verfallen! Wie schwer wird uns diese reizende Tugend in der Ausübung! Desto nötiger ist es, daß wir uns mit jeder Vorstellung, jedem Mittel bewafnen, welches uns jener schändlichen Gemüts-Art entreissen, und diese reizende Tugend sichern und erleichtern kan.

|a507| |b487| |c537| Z u n ä c h s t also lasset es uns, tief der Seele eindrücken, was unser Text lehret. Neid und Misgunst sind für sich selbst schon, Etwas s e h r H ä s l i c h e s , S c h i m p f l i c h e s , u n d S c h ä n d l i c h e s.

{v.c100 9–12.} D a kamen, sagt unser Textc101 die um die elfte Stunde gemiethet waren, und empfieng ein jeglicher seinen Groschen. Dac102 aber die ersten kamen, meineten sie, sie würden mehr empfahen; und sie empfiengen auch ein jeglicher seinen Groschen. Und da sie den empfiengen, murreten sie wider den Hausvater. Und sprachen: Diese lezten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du machst sie uns gleich, die wir des Tages Last und Hize getragen haben! – – Und was war es denn, du Misgünstigerc103! das dich dergestalt aufwiegelte? Hatten etwa diese deine Mitarbeiter, einen Theil von dem Deinigen genommen? Oder deine Ehre verlezet? Oder dich sonst beleidiget? Ward denn die Last und Hize des Tages, die du schon getragen hattest, dadurch vermindert, wenn deine Mitarbeiter weniger als einen Groschen empfiengen? Konte deine Beschwerde, und Mühe, durch nichts versüsset werden, als durch taurige Gesichter deiner Nebenmenschen? – – – Wer kan einen solchen Menschenhaß! Einen so Ungereizten Menschenhaß, ohne innigenb104 Abscheu betrachten!

A b e r, unser Herz betrüge uns hiebei nur nicht! Gerade so Abscheulich, ist auch bei uns der Neid! – Was thun wir, wenn wir unsern Nebenmenschen ihre Einnahme, ihre Nahrung, ihren Beifall, ihren Ruhm, ihre Beförderung, ihre Reich|a508||b488||c538|tümer und jedes andre rechtmässige Vergnügen beneiden oder gar misgönnen? – – Wir sind verdrüslich und aufgebracht. Und worüber? Daß ein Mensch sich freuet! – Wir wünschen und suchen das Vergnügen in der Welt zu verringern. Wir suchen gar, an dessen Stelle Kummer, Traurigkeit und Elend zu sezen. – Und so hegen, und üben wir dennc105 wahren Menschenhaß. – Und noch dazu; so Ungereizt, gegen einen Menschen, der uns durch nichts beleidiget, als daß er froh ist! Der vielleicht bereit ist, uns Liebes-Dienste zu leisten! Der vielleicht uns herzlich liebet! Kan wohl der Teufel, dieser Menschen-Mörder von Anfang, schändlicher, und schwärzer denken und handeln?

K e i n Wunder demnach, daß Neid und Misgunst, uns auch ferner, zu den schwärzesten Lastern füret: und von je her, die Eigenschaft der schlechtesten Menschen gewesen.

W a s war die Wirkung jener Misgunst der Juden zu Christi und seiner Apostel Zeiten? Sie empörten sich wider Gottc106. Als, sagt der Text Vers 10, die ersten,c107 kamen, meineten sie, sie würden mehr empfahen; und sie empfiengen auch ein jeglicher seinen Groschen. Da murreten sie gegen den Hausherren.{Siehe /bcApostelgeschichtbc\bc108 13, 45bc109 } Sie verwarfen gar die ganze Religion, mit allen ihren Vortheilen; und wolten nicht glücklich seyn, bloß darum, weil andre es auch seyn solten! – – Ja sie wurden endlich bei wachsendem Neide, die Schändlichsten, Verworfensten Menschen von der Welt. – Die Juden, so beschreibet uns Paulus ihren Character zu seiner Zeit, {1 Thessalonicher 2, /b15. 16c110 b\b111 } sind Feinde Gottes und der Menschen. Sie |a509| |b489| |c539| wehren uns den Heiden zu predigen damit sie glücklich werden.

S o ist es zu allen Zeiten gewesen! – Neid war es, der den Cainc112, zum ersten Bruder-Mörder machte. – – Neid war es, welcher den israelitischen König Saul; sein ganzes Leben hindurch, mehr folterte als ein Henker; in eineb113 Reihe von Niederträchtigkeiten, treuloosen Thaten, und mörderischen Handlungen gegen den Davidc114 stürzte; und endlich gar antrieb, aus Verzweifelung sich selbst zu ermorden. – – Neid war es,bc115 welcher jene entsäzliche Blutbäder des Königes Herodis verursachte; vor denen die Menschheit zurückebebt. Er versteinerte das Herz dieses Wüterichs in dem Grade, daß er seine eigene Gemahlin, und zwei seiner besten Söhnec116, aus der Welt schafte; c117 und den Müttern zu Bethlehem, ihre zarten, unschuldigen, einjärigen Kinder, von der Brust, und aus den Armen wegreissen, und vor ihren Augen, in Stücken zerhauen ließ. – Und in welche Schand-Thaten stürzte /cnichtc\ der Neid, die Brüder Josephs; die sich dadurch, bei der Nachwelt auf ewig gebrandmahlet! Die vorzügliche Gunst, welche dieser /cUnschuldigeb118, Liebenswürdigec\c119 Jüngling, seinem Vater gleichsahm abzwang; machet ihren Neid rege! Und nun ist keine Bosheit mehr für sie zu groß. Sie hassen und verfolgen den tugendhaften Joseph! Sie wollen ihn selbst mit eignen Händen ermorden; lassen sich aber, doch mit Mühe, noch bereden, ihn in eine Grube zu werfen daß er da umkomme. Doch auch dies Opfer war noch zu klein für den Neid. Sie reissen ihn auf |c540| immer aus dem Schoosse seines Vaters und seiner |a510| |b490| Familie; geben ihn allem Elende eines jämmerlichen Lebens Preiß, und welches einem freigebohrnen Menschen mehr Quaal verursachen mußte als der Todt, sie verkaufen ihn vorbeireisenden Fremden, zum Sclavenc120! Und dies alles, – – so zum Felß verhärten, kan der Neid das menschliche Herz! – sie thaten dies alles, /cganz unbeweglichc\c121 gegen die Bitten, Seufzer, und Thränen des jungen, unschuldigen, liebenswürdigen Josephs! Lasset uns hierbei bedenken; wir sind gerade auch nur Menschen, wie /cCain, Saul, Herodesc\c122 und die Brüder Josephbc123. Und ehe sie diese schrecklichen Laster verübet hatten, glaubten sie ohne Zweifel, ihrer nimmermehr fähig zu seyn!

Mit noch einer Betrachtung bewafnet uns unser Text – – {vers 13–15.} Jede rechtmässige Freude unserer Nebenmenschen ist – ein G e s c h e n k G o t t e s! Der Neidische siehet darum scheel, weil Gott gütig ist.c125 – Neid und Misgunst ist also, eine Friedens-Störung in Gottes Reich, eine wirkliche Empörung gegen Gott. Denn dieser Zuwachs von Gewinn und Ruhm, diese Freude unsrer Nebenmenschenc126 ist kein Zufall oder blindes Schicksahl. Sondern ein Werk der Alles regierenden Vorsehung Gottesc127! Der Neidische lebet also in einem beständigen Aufruhr gegen Gottc128. Jede Gütigkeit Gottesc129 beleidiget ihn. Bei jedem Geschenk Seinerc130 Huld siehet er scheel. Jeder Beweiß Seinerc131 unpartheiischen unermeslichen Liebe wiegelt ihn auf. – Der Neidische lebet auch, in einem unaufhörlichen Kriege gegen seine Mitunterthanen in Gottes Reich. |c541| Ihr Vergnügen machet ihm Verdruß; und sezet |a511| |b491| ihn zur Störung desselben in Geschäftigkeit. Liebloose Urtheile, bittere Spöttereienc132, Zank, Zwietracht, offenbahre Gewalttätigkeitenc133, sind die täglichen unseeligen Geburthen seines Neides! Und so bleibet denn, für den Neidischen, da ihn die Freude seiner Nebenmenschen quälet, und nur ihre Traurigkeit erfreuet, nichts weiter übrig,c134 als entweder aus der Zahl der Geschöpfe Gottesc135 gänzlich vertilget;c136 {Jacobic137 3, 13–16c138 } oder in jenen dunkeln schwarzen Aufenthalt der neidischen Geister verwiesen zu werden, woraus alle Heiterkeit und Freude für ewig verbannt ist!

D o c h! Lasset uns edlern Gründen Plaz geben. – Jede rechtmässige Freude unsrer Nebenmenschen ist ein Geschenk Gottesc139. – /cDes Gottesc\c140, dem auch wir, jede Kraft des Leibes und der Seele, und alles was uns Freude macht, zu danken haben. Soll denn das nicht unser Herz erweichen? Wie wohlc141 wie unaussprechlich wohl thut es uns, daß Gottc142 so gütig ist! Nunc143! So müssen auch wir; nur im Vergnügen und Wohlthun unsre Freude suchen. Jede Freude unsrer Nebenmenschen ist ein neuer Beweiß, daß unser Gott die Liebe selbst, der Vater Seiner Menschen ist. /cEy! Soc\c144 muß sie uns auch, in dem innerstenc145 unsrer Seele erfreuen!

D i e s e Betrachtungen lasset uns denn, in unsrer täglichen geheimen Andacht ofte anstellen! Uns ofte daran erinnern; daß Neid und Misgunst etwas so überaus schändliches ist; zu den schwärzesten Lastern füret; und daß jede rechtmässige Freude unsrer Nebenmenschen ein Geschenk Gottesc146 ist. |c542|J e d e Regung des Neides lasset uns, so |a512| |b492| gleich in ihrer Geburth ersticken. Zwar über diese unwillkürliche Regungen uns nicht ängstigen, sondern sie mit Verachtung bekämpfen. Aber ihnen nicht einen Augenblick in unsrer Seele Plaz gestatten. – J e d e Uebereilung wozu uns der Neid hinreisset, lasset uns mit unerbittlicher Strenge an uns bestrafen, und sie Gottc147 mit Ausdrücken des innigsten Abscheus bekennen! – L a s s e t uns für den Beneideten beten! U n d besonders, /cunsc\c148 die Empfindung der Liebe Gottesc149 und der Ewigkeitc150, recht tief einprägen. Lasset uns da, ofte zu uns sprechen: „Mit welchem Abscheu muß mich Gottc151, der die Liebe selbst ist, betrachten, wenn ich Neid bei mir hege? Was werden mir alle diese Güter, worüber ich den und den beneide, beim Tode; was in der Ewigkeit helfen? – Quälen werden sie mich, wenn ich sie mit Neid beflecket. Wie beglückend dagegen, ewig-beglückend wird es für mich seyn; wenn ich mich hier befliessen, über jedes Vergnügen meiner Nebenmenschen, auch da mich zu freuen, wo es meinen eigenen zeitlichen Ruhm verdunkelt, und meinen eigenen irrdischen Vortheil verringert!“

D i e s e Uebungen anhaltend fortgesezt, werden uns sicherlich immer mehr, von dieser Gottc152 so sehr abscheulichen Gemüts-Art befreien. Und uns wie es Christen gebüret, mit allen unsern Nebenmenschen {Ephes. 4, 1 f.} zu Einem Herzen und Einer Seele machen.z\

bc1: 16. bc1: vergl. c2: D e r bc2: 13. c3: Sontag nach Ostern c3: Gleichnis-Rede c4: Katechumenen c4: Jesus c5: Tag.“ bc5: In bc6: Kapit. bc7: 1–7. c8: drei c9: drei c10: Sonnen-Aufgang bc11: was bc12: 8–16. c13: Nimm b14: Augeschein bc15: berufen bc16: wenige bc17: 14–30. bc18: Kenntniß c19: Gottes bc20: 1–5. c21: Verdammten bc22: 108–110 c23: Gottes c24: Gnaden-Lohn c25: – Die c26: Dieß c27: Korinther c28: Vers c29: Gott c30: Gleichnis-Rede c31: „weil nämlich, c32: empfiengen.“ c33: v. 7. c34: Gott, Seinem c35: Seinen c36: plözlich, c37: Gott bc38: 8. c39: Korinth. bc40: 1. c41: Reinigen bc42: Phil. bc43: 14. c44: mit bc45: 5–11. c46: nebst c47: wollen.“ c48: v. 16. c49: Vers c50: diejenigen, c51: wird; c52: traurigen c53: frölichen bc54: Apost. Gesch. bc55: 2. c56: Jerusalem c57: Palästina bc58: Apost. Gesch. 10. c59: Gott b60: Apost. Gesch. b61: Apost. Gesch. c62: Apost. Gesch. 11. Apost. Gesch. c63: Gözendienern c64: Gottes c65: Gott c66: Er c67: Er c68: 6. c69: leben! c70: weder c71: noch c72: oder c73: oder c74: noch c75: Menschen, c76: Ruhe-Polster c77: Diese – c78: Treuloos c79: v. 10. b80: ermunterte c81: Gottes c82: Eine c83: Andrer c84: Dritten c85: täglich c86: viele c87: Gottes c88: 15. c89: Christen! c90: Da, c91: als die Unsrige, uns zueignen c92: gerne c93: vor c94: diese bc95: Römer c96: christliche Mitfreude c97: Einnehmend, c98: abdringen! c99: gütiger Gott c100: vers c101: Text, c102: Als c103: Misgünstiger b104: einigen c105: denn, c106: Gott c107: ersten bc108: Apost. Gesch. bc109: 45. c110: 16. b111: 15 16. c112: Kain b113: einer c114: David bc115: es c116: Söne c117: Siehe oben Seite b118: unschuldige c119: unschuldige, liebenswürdige c120: Sklaven c121: ganz unbeweglich c122: Kain, Saul, Herodes bc123: Josephs (b); Josephs (c) c125: ist! c126: Nebenmenschen, c127: Gottes c128: Gott c129: Gottes c130: Seiner c131: Seiner c132: Spottereien c133: Gewaltthätigkeiten c134: übrig; c135: Gottes c136: vertilget, c137: Jakobi c138: 13–16. c139: Gottes c140: Des Gottes c141: wohl, c142: Gott c143: Wohlan c144: Nun, so c145: Innersten c146: Gottes c147: Gott c148: – uns c149: Gottes, c150: Ewigkeit c151: Gott c152: Gott