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Erste Passions-Predigt
über 1 Petri 1, 14–21.
Von dem V e r d i e n s t l i c h e n der Leiden Jesu .
M e i n e Andächtigen Zuhörer! Die Zeit ist wieder da, die traurig-angenehme Zeit, dem Andenken des Leiden unsers und der Welt Heilandes geweihet. Was kan trauriger seyn, als der Jammer worin wir hier Jesum ; und die Bosheit, worin wir die Welt erblicken? Aber eben diese Geschichte die uns Thränen des Mitleidens und des Schmerzes auspresset, eben diese flösset uns auch, den kräftigsten Trost; und die edelsten, frohesten Empfindungen des Danks, und der Liebe gegen einen Solchen Gott, gegen einen Solchen Heiland ein!
D i e ganze Geschichte der alten und neuen Zeiten, hat kein Aenliches Beispiel der Leidenden Unschuld.
|b549|W e l c h e Unschuld! – – Jesus Christus ! Der weiseste Mann. Der zärtlichste Freund. Die fülbarste Seele. Der gröste Wohltäter des |a570| Menschen-Geschlechts, den je die Welt gesehen! – Er der so feurige als Erleuchtete Anbeter Gottes. Der ihn nicht mit Fasten, und Peinigungen, und Selbst Quaal, sondern mit tiefster Ehrfurcht gegen Ihn; mit weisem und unwandelbahrem Vertrauen bei seinen dunkelsten Gängen; mit Zufriedenheit und Unterwerfung bei seinen bittersten Schickungen; mit zärtlichstem Dank für alle seine Wohlthaten; und mit brennender Liebe zu Ihm und Seinen Menschen ehrete. – – Er der gröste Wohltäter der Welt! Sein ganzer Unterricht, war eine Samlung der wichtigsten und gemeinnüzigsten Wahrheiten! Sein ganzes Leben; eine Kette von Müseeligkeiten und Leiden die er für die Menschen duldete! Sein ganzer Wandel, eine Abwechselung von Uebungen der Demuth, Sanftmuth, Geduld, Gefälligkeit, Freundlichkeit, Wohltätigkeit, womit er alles um sich her zu erfreuen und zu beglücken suchte! – – Noch einmahl meine Zuhörer! Welche Unschuld! Wo hat die Welt einen Mann gesehen; dessen Tugend, So Erleuchtet, So Unbefleckt, So Groß, So Gemeinnüzig, So Unveränderlich war!
U n d nie hat sie auch einen Tugendhaften – in Solchen Leiden gesehn. Thorheit und Laster sind, wie natürlich, von je her wider die Tugend verschworen. Sie wiegeln ihre grosse Parthei, gegen den Freund der Tugend auf; und foltern ihn mit Verläumdung, Schmähung, Verfolgung, |b550| Feindseeligkeit, Grausamkeit, und mit allen den schwarzen Ränken der Hölle. Unzäliche mahl hat man redliche Richter abgesezt und im Elende sterben lassen. Gewissenhafte Hofmänner verlacht, |a571| und vom Hofe verbant. Treue Rathgeber angeschwärzt, und ins Elend verwiesen. Bekenner der Wahrheit in dunkele Kerker gesperrt, den Giftbecher trinken lassen; auf die Folter gelegt, und in Scheiterhaufen verbrant. – – – Aber nie, nie ist ein solches Heer von Leiden; den peinlichsten Leiden auf das Haupt eines Redlichen gefallen! Ach wer kan es ohne Schmerz, ohne Thränen sehen! Wenn Er, der beste unter den Menschen; die gütigste, die wohltätigste, die edelste Seele die je auf dem Erdboden gewandelt; – Von einem Schüler verrathen; und von seinem Freunde verleugnet wird! – Wenn man seine Arme, diese Arme, die sich fast nie ausgestreckt als zum Wohlthun, mit Stricken bindet: Seinen Rücken mit Geisseln zerfezt. Seine Hände und Füsse an ein Holz nagelt. Seinen Leib am Creuze drei Stunden lang mit den aller allerpeinlichsten Martern foltert! – Wenn man ihn gar – denn für edle Seelen, ist das grössere Pein als jenes alles, mit aller Art der Verachtung und Spötterei belastet. Vor Gericht aushöhnet! Ihm sein würdigstes Angesicht bespeiet! Ihn in Purpur gehüllt und mit einer Dornen-Krone gekrönet, dem Gelächter öffentlich aussezt! Ihn als ein Scheusahl der Nation, den gröbsten Bösewichtern, Mördern und Aufrürern zugesellet; nachsezet! Und endlich als den verächtlichsten Sclaven am Creuze hinrichtet. – Ihr Seelen für Freundschaft gemacht! Ihr weichen Gemüter! |b551| Ihr die eine edle Ehrbegierde anfeuert? Wo ist eine Pein des Leibes! Wo ist eine Folter der Seele, die nicht auf Jesum gefallen! – Ja! euer Herz breche aus in Seufzer. Euer Auge zerfliesse in |a572| Thränen! Nie sind Seufzer und Thränen gerechter, als bei dem Leiden und Sterben, unsers besten Lehrers, unsers treuesten Rathgebers. Unsers grossen Musters. Unsers zärtlichsten Freundes.
A b e r lasset uns, unsre Augen höher emporheben. Lasset uns diesen Todt unsers Freundes nicht bloß beweinen; sondern ihn auch mit Erstaunen, mit Entzücken anbeten lernen. – Es ist nicht bloß ein Todt der leidenden Unschuld? Nicht wie der Todt eines Stephanus und Paulus , nur der Todt des Martyrers, der sein Leben mit seinem Blut besiegelt. Nur der Todt des Tugendhaften, welcher der Welt ein Beispiel des Heldenmuths und anderer Tugenden giebt. – – Noch unaussprechlich Wichtiger, Lehrreicher, Trostvoller ist er. Denn er ist, wie uns Petrus heute lehren wird, Ein v e r d i e n s t l i c h e r Todt.
{v. 18. 19.} W i s s e t Christen, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Golde erlöset seyd von eurem eiteln Wandel, nach väterlicher Weise; Sondern mit dem theuren Blut Christi , als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

* * *

|b552| {vergl. v. 14–17.} L e b e t nicht, – so ruft uns Petrus bei dem Anfange der Leidens-Wochen Jesu zu. O daß es bei uns allen, bei uns Erwachsenen und bei euch Jünglingen, tief ins Herz dringe, und die ganze Seele einnehme! – Lebet nicht nach den sündlichen Begierden! Seyd heilig, wie Gott es ist der euch berufen hat; Füret euren Wandel, in dieser Zeit der Wanderschaft, mit kindlicher Furcht vor Gott: – denn – denn
|a573| {vers 18} B e d e n k e t, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold (mit vergänglichen, nichtigen Dingen, etwa mit Silber oder Gold) erlöset, losgekauft, seyd von eurem eiteln Wandel nach väterlicher Weise. Genauer, von eurem Abgöttischen Wandel, den ihr von euren Vätern geerbet.
P e t r u s schreibet hier an Christen, die ehedem Heiden, Gözendiener gewesen. Den abgöttischen Wandel hatten sie von ihren Vätern empfangen; er war gleichsam das Erbtheil ihrer Väter. – – Trauriges, Allertraurigstes Erbtheil! Denn dieser Gözendienst war nicht etwa bloß, ein Unschädlicher Irthum. Sondern mit den gröbsten Lastern, Schwelgerei, Unzucht, Menschenfeindschaft, und Lastern aller Art verbunden.
V o n diesem abgöttischen, lasterhaften Unseeligen Wandel, waren sie Erlöset, Losgekauft. Das Bild ist von einem Sclaven, oder von einem Schuldner genommen, den man von seiner Scla|b553|verei, oder aus dem Schuld-Thurm durch ein Lösegeld loskauft! So waren auch diese Heiden, so sind auch wir und alle Menschen, von der Sünde, durch das theure Blut Jesu Christi losgekauft. – Und warum gerade, durch das Blut, durch den Todt, Jesu ? Warum nicht durch seine Lehre? – – Darum weil der Bürge, den Verschuldeten nicht bloß lehren, wie er keine neue Schulden mache, sondern auch seine alten bezahlen muß.
{vers 19.} S o n d e r n mit dem theuren Blut (durch das kostbahre Blut) Christi (das heißt des Weltheilandes) als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes (genauer, des wahrhaftig Untadelhaften und Fehlerlosen Lammes).
|a574| D a s Bild ist hergenommen von dem Lamm, welches im A. T. zum Opfer dargebracht ward. Dieses muste keinen Fehl, gar keinen Tadel haben, wenn anders das Opfer angenommen werden, und Gott gefallen solte. – Jesus Christus ist dieses Opfer Lamm; das heißt, das Opfer für die Welt dargebracht. Das wahrhaftig untadeliche, fehlerlose Lamm: das Gott wahrhaftig wohlgefällige Opfer! Und wir sind also losgekauft, durch das theure Blut Jesu Christi , des wahrhaftig untadelhaften und fehlerlosen Opfer Lammes: „durch den Todt den Jesus Christus , als Mittler der Welt, an unsrer Stelle erduldet!“
{vers 20.} D e r (besser, welches, nämlich Opferlamm) zuvor versehen ist, ehe der Welt Grund ge|b554|leget war (ehe noch eine Zeit war, schon von Ewigkeit her bestimt, nämlich zum Opfer bestimt ist). Aber offenbahret in dieser lezten Zeit. Unter euch (in dem jezigen Menschenalter).
B e s t i m t, das heißt, vorhergesehen, und beschlossen; schon von Ewigkeit her bestimt, sind alle Dinge ohne Ausnahme. Bestimt ist der Augenblick der Geburt und des Todes bei jedem unter uns. Bestimt jede Veränderung seines Lebens; die kleinste so wie die gröste: wenn eine Kugel ihn verwundet, oder ein Insect ihn sticht; wenn er zu einer hohen Ehrenstelle hinaufsteiget, oder durch einen Trunk Wassers seinen Durst löscht! Jeder Sperling der todt zur Erde fällt. Jedes Gräschen, das unter unsern Füssen aufkeimt. Jedes Häärchen das von unserm Haupte fält – Alles, alles ist von Gott, schon von Ewigkeit, vorher|a575|gesehen; und entweder verordnet, daß es geschehen solte; oder zugelassen, daß es geschehen könte. – {Apostelgeschicht 15,} Gott sind, sagt Jacobus , alle seine Werke bekandt von Ewigkeit her: Alles was er thut, geschieht nicht blindlings; alles ist schon von Ewigkeit her, Ueberleget, Angeordnet, und Beschlossen.
I n diesem Sinne, kan also das Wort, hier nicht genommen werden. Denn das wäre ja kein Vorzug des Opfers Jesu Christi . Vielmehr muß man es, von der Wirkung jener Vorherbestimmung verstehen. Das Opfer Jesu Christi , ist von Ewigkeit vorher bestimt; das heißt, schon von Ewigkeit her Gültig, wirksahm ist die|b555|ses Opfer. – „Obgleich, will Petrus sagen, dieses Opfer allererst jezo, nach viertausend Jahren dargebracht worden: so ist es doch nicht, erst seit jezo kräftig. Für alle die Millionen Menschen, die bereits gelebet, ist es schon wirksam gewesen. Alle diese Millionen hat es losgekauft!“
{vers 21} U n t e r euch, die ihr durch ihn gläubet an Gott (zu dem Dienste Gottes gefüret seyd vers 18.) Der ihn auferwecket hat von den Todten, und ihm die Herrlichkeit gegeben, (in den Himmel erhaben) auf daß ihr Glauben und Hofnung zu Gott haben möchtet. Genauer, „damit euer Glaube und Hofnung, a u f G o t t, gegründet sey.“
A u f G o t t; nicht auf Versicherungen trüglicher Menschen; sondern, auf G o t t s e l b s t gegründet! – Gott selbst hat die göttliche Sendung Jesu , und die Gültigkeit seines Opfers bezeuget, indem Er ihn vom Tode auferwecket, und in den |a576| Himmel erhaben. Folglich ist, euer Glaube, an den Todt Jesu ; und eure Hofnung, der Freundschaft Gottes und der Seeligkeit seines Himmels, auf Gott selbst gegründet. – Auf – G o t t S e l b s t – einen Grund gebauet, der fester ist als Erde und Himmel! –
J a! Ihr R e u v o l l e, über eure Sünden bekümmerte S e e l e n; die ihr noch von allerlei Zweifeln wegen eurer ehemahligen und schweren Sünden beunruhiget werdet! Sezet euren Klagen Grenzen. Verbannet die Zweifel die euch peini|b556|gen! – Ihr L e i d e n d e, Dürftige, Kranke, Betrübte! Die ihr, schon lange bekehrt, schon lange Freunde der Tugend, immer noch eure Leiden, als Strafen des rächenden Gottes, schreckensvoll betrachtet! Richtet muthig euer Haupt empor. Fasset Vertrauen. – Ihr christlichen Streiter! Die ihr bei der Stärke der sündlichen Begierden, die sich in euch regen, fast euren Muth sinken laßt! – Ihr Frommen alle, die das Gefül der Unwürdigkeit und Strafbahrkeit, von Gott zurükkeschreckt; oder doch furchtsam, schüchtern macht! – Gehet freudig zu dem Thron des E w i g e n! Nähert euch getrost allen Schäzen Seiner Huld! Schöpfet aus Seinem Unermeslichen Reichthum, eine Gnade nach der andern! Denn – – Euer Glaube, eure Hofnung ist auf G o t t s e l b s t gegründet! – – Jesus Christus , Sein Sohn ist nicht allein gestorben, sondern auch auferstanden, und gen Himmel gefahren. – – So gewiß denn, als Gott, Gott ist, so gewiß, so untrüglich sicher, ist euer Glaube an den Todt Jesu ; eure Hofnung der Freundschaft Gottes und der Seeligkeit Seines Himmels!
|a577| {vers 19.} S o ist denn der Todt Jesu , nach Petri Belehrung, Ein blutiges Opfer. Ein Todt, ein Leiden, das er an der Menschen Stelle erduldet. Denn blutige Opfer wurden an der Stelle des Opfernden dargebracht. – Er ist das, Gott wahrhaftig-wohlgefällige Opfer: der Todt der durch alle jene blutigen Opfer im A. T., angekündiget und abgebildet worden. – Dieser Todt hat uns l o s g e k a u f t von der Sünde. |b557| Durch ihn sind die Strafen unsrer Sünden gebüsset. – Und, schon für a l l e Z e i t a l t e r ist er wirksam gewesen. – Er wirkte noch ehe er geduldet worden.
F o l g l i c h; diesen Todt, dieses Leiden hat Jesus Christus geduldet, an unsrer Stelle! – Er hat uns damit, Begnadigung, und Vaterliebe bei Gott verdienet. – Mit einem Worte: der Todt Jesu , ist ein V e r d i e n s t l i c h e r, V e r t r e t e n d e r, V e r s ö n e n d e r Todt.
1) A n u n s r e r S t e l l e hat Jesus , seine Leiden geduldet! Alle die Schmerzen des Leibes und der Seele die ihn drücketen, waren die Strafen unsrer Sünde.
W o ist ein Mensch in der Welt, der nicht die Geseze Gottes übertreten, mehr als einmahl in seinem Leben übertreten? Und was solte Gott nun mit uns Sündern thun? – Uns ungestraft lassen? Das hiesse die Sünde privilegiren! Uns auf blosse Reue begnadigen? Das würde uns das Sündigen zu leichte machen; und, wer weiß wie viele andre üble Folgen, in dem Unermeslichen Staate Gottes nach sich ziehen. Oder soll er Seine Geseze vernachlässigen, sie gleichsam unsern Lüsten Preis ge|a578|ben? Das würde das Wohl der Welt zernichten. – Solte Er uns denn, Unerbittlich strafen? – – „Ja! Das köntest du thun. Allgerechter! Allerheiligster! Das hatten wir verdienet, unzälichemal verdient, mit dem schwarzen Undank, mit dem frechen Ungehorsam gegen dich. Aber |b558| Deine Liebe Vater der Menschen! wolte uns retten! Wolte uns beglücken; und dennoch das Ansehen deiner Wohlthätigen Geseze sichern! – Darum straftest du, in deinem Eingebohrnen Sohne unsre Sünden: um uns Sünder zu begnadigen; und zu gleicher Zeit, uns die Sünde, unser Unglück, schrecklich zu machen!“
{Jesaiä 53, 4–7} E r trug unsre Krankheit, und lud auf sich unsre Schmerzen. Er ist um unsrer Missethat willen verwundet, und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe die uns Glück bringt, liegt auf ihm; und durch seine Wunden werden wir geheilet. Wir giengen alle in der Irre wie Schaafe, ein jeglicher sahe auf seinen Weg: aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Da er gestraft und gemartert ward, thät er seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlacht-Bank gefüret wird, und wie ein Schaaf, das verstummet vor seinem Scheerer, und seinen Mund nicht aufthut.
2) D u r c h seinen Todt hat er uns nun, Begnadigung und Liebe Gottes, nicht allein publiciret, sondern auch v e r d i e n e t.
D e n n nun ist, die Strafe gebüsset. Nun ist die Schuld bezahlet. Nun sind die üblen Folgen der Sünde; die Zerrüttungen die sie in der Welt |a579| angerichtet, ausgetilget! Und nun kan uns Gott, Vergeben; uns bei redlicher Besserung begnadigen: ohne Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit zu |b559| verlezen. Oder vielmehr; ohne Seine Güte zu schänden; sie in Verkehrung des Rechts und Unrechts, in Beförderung des Lasters zu verwandeln! – Die Strafe die uns Glück bringet, lieget auf ihm, und nun sind wir durch seine Wunden geheilet. Jesaiä 53, 5.
F e r n e sey es von uns, Meine Christl. Zuh. diejenigen zu verachten, oder zu verurtheilen, welche an dieser Lehre zweifeln! Das hiesse die Erlösung Jesu Christi , den verdienstlichen Todt mit dem Munde bekennen und ehren, und durch unsre Thaten schänden. Sie diese menschenfreundliche Versönung des Sohnes Gottes, die uns jeden Menschen theuer machet; uns folglich Liebe zu allem was Mensch ist einflössen muß!
A b e r lasset uns desto frölicher, desto innbrünstiger die Güte Gottes preisen, welche so zärtlich für unsre Ruhe, für den Trost unsers Gewissens gesorgt. Es ist wahr. Die blosse Versicherung Gottes, uns bei redlicher Besserung zu begnadigen, kan und soll uns genug seyn. Aber so lange wir noch hier, in dem Lande der Zweifel leben, muß uns jeder Zusaz von Gewisheit höchst willkommen seyn. Und wie? Wenn wir nun sehr schwere Sünden begangen? Schwere Sünden, Christen! Das sind nicht Sünden, die der Arm der Obrigkeit mit dem Schwerdte straft. Sondern, gegen unsre bessern Einsichten, gegen die Erinnerungen unsers Gewissens, bei sehr vielen und grossen Gunstbezeugungen Gottes; mit langer Ueber|a580|legung sündigen; und viele andre Menschen in un|b560|sre Sünden verwickeln. Das alles sind vorzüglich schwere Sünden. Und wenn wir nun diese begangen; würde da nicht, immer ein geheimer Zweifel an der Begnadigung bei Gott, unser Herz nagen? Würde nicht dieser Zweifel, unser Leben zu Pein, und unsern Todt zur Marter machen? – Doch wozu füre ich die Schweren Sünden an? Jede Sünde, lasset uns das tief unsrer Seele einprägen. Jede Sünde hat, in einer Welt des Allweisen, die lauter Ursache und Wirkung ist, e w i g e F o l g e n. Ueble Folgen, die in alle Ewigkeit fortwären. – Wir kränken unsern Nebenmenschen. Wir verfüren die Unschuld. Wir schwächen unsre Gesundheit durch Schwelgen, Unmässigkeit, Unzucht. Wir zerrütten eine Familie durch Zwietracht, Verleumdung, oder Unzucht. Da bringen wir üble Folgen, Nachtheile, über einige unsrer Nebenmenschen. Diese wiederum über andre. Diese noch über andre. Und so gehet alsdenn, die Reihe übler Folgen, unaufhaltbahr durch alle Geschlechter, bis ans Ende der Welt, bis in Ewigkeit fort. So wie bei einem Flusse, die Ersten Tropfen, die aus der Quelle fliessen, von den nächsten; diese wiederum von andern fortgestossen werden, und solchergestalt einen Strohm machen, der Städte und Länder, und Königreiche durchströmet, und sich endlich in die Schlünde des Oceans ergiesset. – Und was könte uns nun bei dem Zweifel völlig beruhigen: „die üblen Folgen meiner Sünden, dauern noch immer fort. In Ewigkeit fort! Ich sündige also, der Wirkung nach, alle Tage aufs neue!“ – – Was an|a581|ders als diese trostvolle Lehre des Evangelii: daß |b561| Jesus die Strafen unsrer Sünden geduldet; und dadurch eine Veranstaltung getroffen, diese schreckliche Zerrüttung zu heben, die sie in Gottes Reich angerichtet.
Meine Christl. Zuhörer! Was kan der Liebe unsers Gottes gleichen, welcher mit solcher Zärtlichkeit für unsre Ruhe sorget! O so lasset uns denn, dieses Siegel, dieses Unterpfand seiner zärtlichen Huld, die Lehre von dem verdienstlichen Tode Jesu seines Sohnes, unsrer Seele tief einprägen: damit sie uns beruhige, wenn in den trüben Stunden der Leiden, wenn in der schrecklichen Stunde des Todes quälende Zweifel uns ängstigen. Zu dem Ende erinnere und bitte ich euch; in diesen Leidens Wochen, so viel möglich, täglich einige kurze Zeit, etwa des Abends, der Betrachtung dieser Geheimnisse der Liebe Gottes zu widmen! Leset die Passions Geschichte in der Bibel. Verbindet damit die Betrachtung eines gut geschriebenen Andachts-Buches. Erwecket euch durch einen geistvollen Gesang, die Grösse der Huld Gottes zu empfinden; euch in dieses Meer der Liebe zu versenken. – Lasset uns denn aber auch, diese zärtliche Liebe Gottes, mit gerürtem Herzen anbeten, und wie es edle Seelen geziemt, mit Dank erwiedern. Ihm unser ganzes Herz weihen, Ihm, der uns so unendlich liebet! Ach wer verdienet mehr, unsern Dank, unsre Liebe, unser Vertrauen, unsern Gehorsam, als unser Gott! – Lasset uns endlich, denn dieses ist der beste, der einzige wohlgefällige Dank dafür, Sein Göttliches Muster nachahmen, d i e M e n s c h e n|a582| |b562| l i e b e n, so wie Gott sie liebet! Diese Erlösung aller Menschen durch den Sohn Gottes, tödte in uns jede menschenfeindliche lieblose Regung; belebe uns mit lauter liebesvollen, grosmütigen Neigungen. Wenn sich nun der Stolz, der Neid, die Haabsucht, die Rachbegierde sich in uns regt: da lasset uns alsbald denken „wie! den solte ich beschädigen, kränken, für den Jesus gestorben! Den Gott so unaussprechlich theuer achtet!“ Wenn sich eine Gelegenheit uns darbeut, Menschen zu erfreuen und zu beglücken, da lasset uns voll von dieser Lehre, alsbald zu uns sprechen „Eile meine Seele, dem Gott deine Liebe zu beweisen, der dich so unendlich geliebet. Ihn, meinen Gott, in Seinen Menschen, die Er so unendlich theuer geachtet, zu erfreuen!“ – So müsse diese Lehre, nicht bloß in unserm Kopfe seyn; sondern unser Ganzes Leben regieren. Uns nicht zu Disputanten, sondern zu Guten, Gottgefälligen und Seiner Welt nüzlichen Menschen machen! Amen!
b: Passions-Predigt.
b: Woltäter
b: Müseligkeiten
b: solchen
b: 19
b: 14–17
b: Herze
b: und
b: losgekauft
b: 19
b: Lammes.)
b: 20
b: Menschenalter.)
b: Härchen
b: Apost. Gesch.
b: Ueberleget.
b: angenommen
b: Ja!
b: empor,
b: 19
b: Vergeben:
cz: ø