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|a49| |b57| |c52| Erster Abschnitt.
Philologie.

55.

Philologie begreift – in dem Sinn, wie man das Wort jetzt nimmt – alle Kenntniß der Sprachen und der dabey erforderlichen Hülfsmittel. Sie lehrt also den Ausdruck in einer Sprache verstehen und anwenden; lehrt den Gebrauch des Ausdrucks, c in Absicht sowohl auf die damit verbundenen Begriffe, oder den sogenannten Sprachgebrauch, als auch in Absicht auf die Veränderungen der Wörter und ihre Verbindung, oder die Sprachregeln. In so fern sie das letztere thut, nennt man sie auch Grammatik im engsten Verstande.
Man weiß, daß Philologie und Grammatik bey den Alten für Litteratur galt, d. i. alle Sprach- und historische, selbst philosophische Kenntnisse in sich faßte, die man zur Erklärung alter Schriftsteller bauchte; daß man sie nachher auf Kenntniß und Gebrauch der Sprachen einschränkte; daß endlich Philosophie und Rhetorik, oder, wenn man will, auch die Aesthetik der Neuern, mit ihr theilte. S. unter Andern Quinctilianus de instit. oratoria im ersten und zweyten Buch. Nach der neuern Absonderung dieser Wissenenschaften hat man der |b58| Philosophie, die Untersuchung der allgemeinen Natur der Sprache, und des, wenigstens deutlichen, Vortrags; der Rhetorik, und noch mehr der Aesthetik, den Unterricht über den sinnlichen Vortrag, und, sofern es dabey auf Sprache ankommt, über den edlern oder auserlesenern Ausdruck, vorbehalten; der Philologie aber besondre Sprachen, und mehr das Mechani|a50|sche derselben, überlaßen. So weit also jene Wissenschaften mit Sprache zu thun haben, theilt ihnen die Philologie ihre |c53| Produkte mit, und erhält hinwiederum nicht nur an den Sachen, die in jenen Wissenschaften erfunden werden, neuen Stoff zum Ausdruck, sondern auch die Kunst, ihre eigne Produkte zu veredlen, und von dem Mechanischen der Sprachen Rechenschaft zu geben, oder es in vernünftige und allgemeine Principien aufzulösen.

56.

Es würde kaum nöthig seyn, zu sagen, wie unumgänglich nothwendig die gründliche Bekanntschaft mit Sprachen sey, wenn der Ueberzeugung davon nicht weit mehr, als vielleicht irgend einer andern Wissenschaft, sehr gangbare und herrschende Vorurtheile entgegen stünden. *) – Weil der Anfang des Unterrichts bey der Erziehung gemeiniglich mit Sprachen gemacht wird, so mag dies die Ursach seyn, warum vielen dieses Studium bloß für Anfänger zu gehören scheint; so gar anders auch die Art ist, mit der der Verständigere und der Anfänger die nemliche Sache |b59| behandeln kan, und so sehr auch in jener gewöhnlichen Ordnung bey dem Unterricht, das sehr richtige Geständniß liegt, daß Kenntniß der Sprachen die Grundage von allen andern Kenntnissen sey.
*) Man weiß, wie sehr über die Nothwendigkeit des Studiums der Sprachen, namentlich der alten, und der ganzen alten Literatur, wenigstens der frühzeitigen und allgemeinen Beschäftigung damit auf Schulen, noch neuerlich, seit den lebhaften Versuchen, eine gänzliche pädagogische Revolution hervor zu bringen, gestritten worden ist. Das, theils Scheinbarste, theils Wichtigste, wider diese Nothwendigkeit ist in den beyden Trappischen Aufsätzen: über das Studium der alten classischen Schriftsteller und ihre Sprachen, und: über den Unterricht in Sprachen, zusammengefaßt, wovon jene in der Allgemeinen Revi|c54|sion des gesammten Schul- und Erziehungswesens, von einer Gesellschaft praktischer Erzieher, herausgegeben von J. H. Campe , im 7ten Theil S. 309 f. steht, und diese den 11ten Theil des gedachten Werks einnimmt. So sehr der Streit hiedurch und durch die der erstern Abhandlung beygefügten Anmerkungen einiger gelehrten Männer sowohl, als durch die treflichen Rehbergschen Aufsätze in der Berlinischen Monatsschrift, im Februar 1788 S. 105 f., im März S. 253 f. und im Januar 1789 S. 20 f. der unpartheyischen Entscheidung näher gebracht ist; so sehr ich auch von dem Nutzen und der Nothwendigkeit einer Läuterung oder wenigstens Darlegung beyderseitiger Urtheile und ihrer Gründe überzeugt bin: so erlauben doch die Grän|b60|zen dieses Buchs schlechterdings diese nicht. Ich hoffe, daß durch die folgenden kurzen Bemerkungen, und durch die, welche weiter unten §. 106 f. vorkommen, vielen Mißverständnissen und Einwürfen schon ehedem vorgebaut und mancher Gesichtspunct angewiesen sey, der bey Beurtheilung dieses Streits nicht sollte übersehen werden; auch scheinen sie mir mit den erst in dieser Ausgabe hinzugefügten hinreichend, nachtheilige Eindrücke zu verhüten oder zu schwächen, die durch jene Bestreitung könnten veranlaßt werden, wenn anders ein Leser unbefangen urtheilen kan, und sich Mühe geben will, den oft bloß gegebnen Winken weiter nachzudenken. Ganz habe ich mich indessen auf jene Abhandlungen weder einlassen können noch dürfen, da sie in pädagogischer Hinsicht geschrieben sind, dieses Buch hingegen nur die Bildung angehender Theologen betrift. Nur über die Streitfrage, so fern sie hieher gehört, sey folgendes, vornemlich in Rücksicht auf jene Aufsätze, hinzugefügt. Wer die Nothwendigkeit des Studiums der Sprachen behauptet, redet ja 1) nicht bloß oder hauptsächlich von Sprachregeln oder überhaupt vom Bau der Sprachen; noch weniger giebt er das Studium dieses Sprachenbaues für wichti|c55|ger aus als den Sprachgebrauch. 2) Eben so wenig sondert er bey dem Sprachgebrauch Worte und ihren Sinn, d. i. die mit den Worten verknüpften Begriffe, oder, wie es Andre ausdrucken, den Körper und den Geist der Sprache, so, daß er die bloße Beschäftigung mit Worten empfehlen wollte, und die Kenntniß der bloßen Worte für wichtiger ausge|b61|ben, als die Kenntniß der damit verbundenen Ideen. 3) Er schließt nicht einmal die Kenntniß der Sachen aus, so ferne ohne sie kein Begrif statt findet, und so ferne eine Schrift, durch deren Lesung er hauptsächlich die Sprache gelernt wissen will, ohne sie gar nicht verstanden werden kan. Er billigt 4) indem er das Sprachenstudium vertheidigt, keinesweges verkehrte Methoden, sie zu studieren, deren üble Folgen ohne Ungerechtigkeit nicht dem Sprachenstudium selbst können zur Last gelegt werden c. Wer ihm also irgend etwas von dem bisher erwähnten Schuld giebt, läßt ihm nicht Gerechtigkeit wiederfahren, und ficht entweder mit einem bloßen Schatten, oder glaubt fälschlich den Werth des Studiums der Sprachen vernichtet zu haben, indem er bloß Mißbräuche bey diesem Studium gerügt hat. Endlich 5) wer dieses Studium empfiehlt, will damit nicht gleich das Studieren der Sprachen, oder gar das Studieren der Alten, allgemein, in alle, selbst die niedrigsten, Schulen eingeführt, oder in Schulen vollendet, oder eigentliche Kinder mit den feinern Theilen und Veränderungen der Sprachen beschäftigt wissen. Sondern 6) darin stimmen wohl alle wahre Kenner des wahren Werthes der Sprachen überein: daß 1) die fleißige und frühzeitige Beschäftigung mit Sprachen, in dem Umfang, wie sie §. 55 erklärt wurde, 2) allen, die nach einer feinern Geistesbildung streben, oder dazu bereitet werden sollen, sehr nützlich, und besonders denen, die sich den Wissenschaften, namentlich der Theologie, widmen wollen, unentbehrlich sey. – Wenn damit anzu|b62|fangen sey? wie weit? und wie sie zu |c56| diesem Zweck zu treiben sey? läßt sich nicht im Allgemeinen beantworten. Das Nöthige, in Absicht auf die, welchen dieses Buch bestimmt ist, wird unten in diesem Abschnitt angegeben werden. c

57.

Wer es der Beschäftigung mit Sprachen zum Vorwurf macht, daß sie so sehr bey Kleinigkeiten verweile; der überlegt nicht, daß man anders nie zur Vollkommenheit aufsteige, als durch den Fortschritt vom Kleinern zum Größern, und daß |a51| die Vollkommenheit jeder Erkenntniß, wie jeder Kunst, von dem Fleiß abhänge, mit der man selbst die kleinsten Theile bearbeitet. – Wer sie für unfruchtbare, von allem Vergnügen entblößte Beschäftigung hält, beurtheilt die Sache zu sehr nach seinem besondern Geschmack, und verräth eine gewisse Kurzsicht, die es ihm unmöglich macht, mehr zu sehen, als was gleich vor seinen Augen liegt. Jede Beschäftigung, wäre sie auch nur Uebung unserer Kräfte, führt ihr eigenes Vergnügen mit sich; wer würde sie denn sonst verfolgen, wenn sie nicht ihren besondern Reitz hätte? Der große Nutzen der gründlichen Sprachkenntniß zeigt sich freylich erst späterhin; aber eben der später erkannte Nutzen und die Erinnerung an die Mühe, die es uns, bis dahin zu kommen, gekostet, gewährt ein c so größeres Vergnügen, je unerwarteter der Nutzen, und je mühsamer er errungen worden ist.

|b63| 58.

Und gerade deswegen, weil diese Beschäftigung viele, selbst ins Kleine gehende, Mühe und Fleiß erfordert, an der sich dieser, wie an einem Wetzstein, schärfen kan; ge|c57|rade darum, weil man da, auf Hoffnung erst mit der Zeit zu erreichender Vortheile, arbeiten lernen muß; und Anfänger nicht genug zum unverdroßnen Fleiß in Ueberwindung vieler Schwierigkeiten, zur ausharrenden Geduld, und zur Hinsicht auf das gewöhnt werden können, was nicht gleich vor Augen ist: sollte man bey diesen Lust zu dieser Beschäftigung zu erwecken suchen, eben um sie an Schwierigkeiten, Zweifel und Verlegenheit, die sich ihnen künftig in ihrem Leben überall darstellen werden, zu gewöhnen, und ihnen dadurch eben sowohl guten Muth zu machen, um sich von dergleichen nie schrecken zu laßen, als sie durch Uebungen zum voraus schon in den Stand zu setzen, alles solche Abschreckende glücklicher zu überwinden. Und sie selbst c sollten mehr |a52| dem Rath derer folgen, die der Sache kundig sind, als ihrer eigenen Scheu für alles, was mühsam ist, oder nicht unmittelbaren Nutzen oder Vergnügungen verspricht, und den Vorspiegelungen dererjenigen, die weder Geschmack daran, noch Kenntniß davon haben; zumal weil nichts mehr hinreißt, als herrschende Vorurtheile, und diese Beschäftigung um so schwerer und abschreckender wird, je länger man sie aufgeschoben hat.

|b64| 59.

Wie groß der Einfluß der Sprache auf die Bildung der menschlichen Seele, sowohl auf Verstand, als Herz, sowohl für sich, als durch gegenseitige Mittheilung der Gedanken und Gesinnungen, sey, muß einem jeden einleuchten, der selbst zu denken gewohnt ist, und der es darauf anlegt, sich Andern auf eine wirksame Art mitzutheilen. Und noch einleuchtender macht es der auffallende Unterschied zwischen sprachfähigen Menschen und sprachlosen Thieren, zwischen |c58| taub- oder stummgebornen und hörenden oder redenden Menschen, zwischen der Cultur solcher Nationen, die eine reiche, und solcher, die eine arme Sprache haben, nebst dem gleichmäßigen Fortschritt der Geistesbildung bey Kindern, mit dem schnellern oder langsamern Fortgang in der Sprache. Wer also eine Sprache genau und gründlich kennt, und sie in seiner Gewalt hat, kan in dem nemlichen Grade ein vernünftigerer und besserer Mensch seyn, andre mehr aufklären und bessern, und mehr Nutzen von Andrer Unterricht ziehen, als wem es c daran fehlt; |a53| und die verabsäumte genaue Kenntniß und Fertigkeit einer Sprache ist eine Hauptursache, warum man theils selbst zurückbleibt, und auf unrichtige Begriffe und Irrthümer fällt, theils andern nicht fort- oder ihren falschen Vorstellungen und üblen Gesinnungen nicht abhelfen kan.

60.

Schon erstlich in Rücksicht auf unsern eignen Vortheil können wir durch Hülfe der Sprache a|b65| die Begriffe festhalten, welche wir durch den Eindruck der Dinge empfangen haben, und uns dadurch nicht nur ihrer wieder erinnern, sondern auch allgemeine Begriffe bilden, verworrene aus einander setzen, und eine stete Verbindung unsrer Vorstellungen bewirken. – Die Sprachen leiten sogar auf neue Begriffe und Entdeckungen, legen wenigstens den Grund zu allgemeinen Begriffen und Sätzen, die zu weitern Betrachtungen ermuntern, und eine fruchtbare Quelle neuer Entdeckungen werden können. Sie befördern den leichtern Uebergang von einem Begriff zum andern, und stellen ihren Zusammenhang besser dar *) . – Und wer der Sprache mächtig ist, mehrere Begriffe in Ein Wort, oder mehrere Gedanken in wenige Worte zusammen zu drängen versteht, kan nicht nur schneller im Denken |c59| fortrücken, und mehr in der Geschwindigkeit übersehen, sondern auch selbst seine Begriffe anschauender, und ihre Wahrheit einleuchtender machen **) .
Anm. 1. Zur Ueberzeugung von der Wahrheit des Meisten, was hier und im Folgenden gesagt ist, auch von andern Vortheilen der Sprache, dienen vorzüglich:
  • |a54| De l'influence des opinions sur le langage et du langage sur les opinions, par Mr. Michaelis , à Breme 1762 in 8.
  • Neues Organon durch J. H. Lambert , Leipzig 1764 in 2 Bänden in gr. 8. Band 2. S. 8 fgg.
  • |b66| Joh. George Sulzers vermischte philosophische Schriften, Leipzig 1773 in gr. 8. Theil 1. S. 166 fgg.
  • Gedanken von dem Nutzen richtig getriebner Philologie, von G. B. Funk , wieder abgedruckt in dem Berlinischen Magazin der Wissenschaften und Künste, Berlin 1784 in gr. 8. Band 2. Stück 1. S. 113 f.
  • Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judenthum, von Moses Mendelssohn , Berlin 1783. 8. Abschnitt 2. S. 64 f.
Anm. 2 *). Ein Beyspiel zur Erläuterung der dritten Bemerkung in diesem §. kan die Herleitung der sämtlichen moralischen Eigenschaften Gottes aus dem Begriff seiner Güte, vermittelst der Begriffe des boni physici und moralis abgeben; so wie von der letzten Bemerkung **), die auch in der Theologie eingeführte Schulsprache, z. B. in der Lehre von dem Willen Gottes und der Mitwirkung Gottes bey der Sünde. Die Schriften des Thukydides , Cicero , Tacitus , des Apostels Paulus , – der mehrere vielkörnige (prägnante) Wörter und Redensarten hat, z. B. Phil. 1, 7. χάρις (für Leiden, die eine Wohlthat sind, verglichen mit V. 29. und Kap. 4, 14); ἄδικοι 1 Kor. 6, 1 (Richter, die keine Christen, und daher gegen diese gewöhnlich ungerecht sind); ἑτεροζυγεῖν ἀπίστοις 2 Kor. 6, 14 (sich Unchristen gleichstellen, aber mit Anspielung auf 3 Mos. 19, 19. und Einschluß des |c60| darin liegenden Grundes der ganz verschiedenen Denkart oder Gesinnung |b67| eines Christen und eines Profanen); wie dergleichen Redensarten Phil. 1, 21: „wenn ich leben bleibe, so fällt der Gewinn für Christi Lehre. sterbe ich, so fällt er für mich aus,“ verglichen mit V. 22 bis 24; auch 2 Kor. 3, 6 fgg. Kap. 4, 12. u. a. bieten mehr dergleichen Exempel dar.

61.

Auf der andern Seite sind c die Sprachen, durch die wir unsere Begriffe bekommen, und sie uns geläufig machen, eine ergiebige Quelle von mangelhaften , verworrenen, irrigen Begriffen und Urtheilen. Denn wir müssen eine jede Sprache nehmen, wie sie ist, und, weil diese sich nach den Begriffen dererjenigen gebildet hat, welche sie nach und nach erfanden, ihre mangelhaften, ungeläuterten, unentwickelten, und oft ganz falschen Begriffe in Wörter einkleideten, wenig von der Kunst |a55| verstanden, die Sachen durch angemessene Ausdrücke zu bezeichnen, und, um nicht die Wörter zu sehr zu vervielfältigen, sehr oft Einen Ausdruck zur Bezeichnung mehrerer Begriffe brauchten, oft auch, um gewisse Sachen mehr verständlich und anschauend, als bestimmt darzustellen, neuerfundne Ausdrücke den rohern Begriffen des großen Haufens anschmiegen mußten: so theilten sich alle dabey zum Grunde liegende Fehler oder Unbequemlichkeiten der Sprache mit, und wurden durch sie so gangbar, daß es eben so viel Mühe kostet, diese Fehler zu entdecken, als sie durch allerley Gegenanstalten zu heben.
|b68| Daher unter andern 1) die Ausdrücke, welche die Sachen, nicht nach Untersuchung ihrer wahren Natur und Ursachen, sondern nach den Vorstellungen der Sinne und der Einbildungskraft bezeichnen, wie die, welche natürliche Dinge, Eigenschaften und Handlungen Gottes, Geister und der|c61|gleichen betreffen. 2) Die, welche so gar leicht falsche Nebenbegriffe erregen, wohin sonderlich bildliche Ausdrücke gehören, vornemlich solche, die Gott und göttliche Dinge durch ähnliche bezeichnen sollen, als der Mißverstand in den Ausdrücken: Beleidigung und Versöhnung Gottes; Gott hat alles zu seiner Ehre erschaffen, Gottesdienst, Furcht Gottes u. a. 3) Die vieldeutigen Ausdrücke, als νόμος, πνεῦμα, ὑιοὶ Θεοῦ, ἄγγελοι u. dgl.

62.

Die Schwierigkeiten vermehren sich zuvörderst durch die Menge sehr verschiedner Sprachen; und weil bey den Ausdrücken der einen Sprache nicht gerade die Vorstellungen zum Grunde liegen, |a56| welche zu den Ausdrücken in der andern Gelegenheit gaben: so ist es oft unmöglich, oft wenigstens schwer, den Ausdrücken in der einen, vollkommen angemessene Ausdrücke in der andern unterzulegen, oder zu verhüten, daß sich der Mißverstand aus einer nicht in die andere fortpflanze.
Beyspiele, wie viel Mißverstand hieraus entstehe, können 1) schon die unrichtigen, meist nach der Etymologie eingerichteten, Uebersetzungen der Wörter ἐκλέξασθαι und ἐκλεκτοὶ Röm. 9 und an|b69|derwärts, ἀναξίως 1 Kor. 11, 27 (welches mit μὴ διακρίνων τὸ σῶμα τ. Κυρίου V. 29 und mit Matth. 3, 8 hätte verglichen, und nicht unwürdig, sondern unanständig oder ungebürlich sollen gegeben werden a), σκανδαλίζειν 1 Kor. 8. Röm. 14 (nicht: jemand ärgern, welches ein Mißfallen, sondern: ihm Gelegenheit zur Versündigung geben, welches ein Wohlgefallen des andern an unserm Betragen und eine Nachahmung desselben, anzeigt), und der Redensarten der heil. Schrift seyn, die Gott zum Urheber des Bösen|c62| zu machen scheinen, welche durch die ähnlichen Ausdrücke Apostelgesch. 13, 29 und K. 1, 18 mehr Licht erhalten. Noch mehr 2) die unbestimmten, d. i. solche Ausdrücke, deren Umfang nicht einleuchtend oder nicht angegeben ist, und welche daher in einer Sprache oft weiter oder eingeschränkter genommen werden, als sie in der andern gebraucht sind. Zum Beyspiel dienen die Wörter θεοδίδακτοι Joh. 6, 45 und θεόπνευστος 2 Tim. 3, 16, die nur zu oft auf unmittelbare Offenbarung und Einfluß eingeschränkt werden; und ἀπιστία, welches, ganz wider den Sprachgebrauch der heil. Schrift, auch auf die ausgedehnt wird, welche keine Kenntniß von den geoffenbarten Lehren erlangt haben.

|a57| 63.

Ausser dem giebts in mehrern Sprachen wieder besondere Gattungen, die entweder durch besondere Gegenstände der Erkenntniß, welche in der gemeinen Sprache nicht bezeichnet waren, oder |b70| dadurch nothwendig worden sind, daß man das Mangel- und c Fehlerhafte der gemeinen Sprache verbessern wollte. Solche Gattungen sind die Kirchen- und Gelehrten-Sprache; ja gewissermaßen hat jeder in seiner Art originelle Schriftsteller seine eigene Sprache. Hiedurch wird eine Sprache noch weitläuftiger, folglich noch schwerer, und selbst der Mißverstand kan dadurch zunehmen. Denn, weil dadurch die Bedeutungen Eines Ausdrucks vervielfältigt, und die Begriffe in der besondern Sprache von denen in der gemeinen Sprache verschieden werden: so wird auch die Verwechselung leichter. Ja selbst die Bestimmung, welche man in der besondern Sprache einem Ausdruck gegeben hat, ist oft dem Sprachgebrauch in der gemeinen, oder in einer andern besondern Sprache |c63| nicht gemäß, und bringt dadurch Mißverstand aus jener in diese.
So drückt Person, als Suppositum intelligens erklärt, in der c Lehre von der Trinität, und Natur, dem Erlöser der Menschen beygelegt, einen ganz andern Begriff aus, als Person im gemeinen Leben und Natur in der Metaphysik. – So schließt Zurechnung, wie es Paulus Röm. 5 braucht, weder den Begriff vom Urheber einer freyen Handlung, noch einmal den Begriff von Strafe in sich, welches beydes sonst an dem Worte hängt; und φυσις Ephes. 2, 3 hat einen ganz andern Sinn, als wenn man in der Theologie Natur und Gnade|a58| einander entgegengesetzt. – Selbst diese zwey Beyspiele und die bekannten Arianischen, Nestorianischen und Monophysitischen Streitigkeiten über |b71| die Wörter ὁμοoύσιος, Θεοτόκος und φῦσις können eine Erläuterung der zweyten Hälfte des §. abgeben.

64.

Wenn nun die Bildung unseres eigenen Verstandes, und die Lücken, Vorurtheile und falschen Wendungen unserer Erkenntniß so sehr von unserer Sprache abhängen: so muß ungemein viel daran liegen, daß man die Sprache, worin man zu denken gewohnt ist, sorgfältig studiert habe, um dem Mißverstand, der daraus entstehen kan, auf die Spur zu kommen, und alle Vortheile zu geniessen, die eine Sprache giebt; daß man selbst, wenn man es kan, mehrere Sprachen so studiere, nicht nur um das brauchen zu können, was in solchen gesagt oder geschrieben wird, sondern auch um durch die eine die andre mehr aufzuklären, und durch Hülfe der einen das Fehlerhafte oder Unvollständige der andern zu entdecken, und daraus möglichst zu verbessern *) ; daß man endlich den Fehlern sei|c64|ner eigenthümlichen Sprache so viel abhelfe, als es ihre Natur und Verständlichkeit für die, welche sie ebenfalls brauchen, erlaubt. a
Anmerk. 1. Es ergiebt sich zugleich aus allem bisher gesagten: 1) daß das Studium der Sprachen schon an sich, als Sprachenstudium, auch abgesehen (nicht von den damit verknüpften Begriffen, sondern) von den Sachen, die man durch Hülfe der Sprachen, als Zeichen von Vorstellungen, lernt, einen unglaublichen Nutzen habe. 2) Daß – vorausgesetzt: man treibt es mit jungen Leuten zu |b72| den vorhin angegebnen Absichten, und lenkt immer darauf ihre Aufmerksamkeit – es die beste Vorbereitung zur Bildung des Geistes für künftige Gelehrte, und überhaupt für solche sey, die sich einmal vorzüglich mit Geistesarbeiten beschäftigen sollen. (Vergl. Rehberg in der Berlinischen Monatsschrift 1788, Februar, S. 125 f. und 1789, Januar, S. 53 f. c) Dadurch wird das Gedächtniß geübt, gerade zu der Zeit, wo es die meiste Empfänglichkeit für aufgefaßte Eindrücke hat, und wo diese Gedächtnißübungen noch nicht durch die reitzendern Uebungen des bloßen Verstandes verdrängt oder verleidet sind. Es wird zugleich frühzeitig auf unsinnliche Dinge und solche Zeichen gerichtet, welche die Dinge nicht sinnlich darstellen, wodurch verhindert wird, daß man sich in frühern Jahren nicht zu sehr an das gewöhne, was bloß vor die Sinne gebracht werden kan. Durch die Bereicherung des Gedächtnisses bekommt man früh einen ansehnlichen Reichthum von Ideen, ohne welchem Stoff zum Denken, Genie und Verstand nichts vermag, und eben der Reichthum von Wörtern befestigt die Ideen und setzt den jungen Geist in den Stand, die dadurch ausgedruckten Begriffe zu behalten, sie sich geläufig zu machen, und Andern wieder mitzutheilen. Seiner natürlichen Flüchtigkeit wird dadurch gesteuret, daß bey dem Sprachstudium die Aufmerksamkeit auch mit auf Kleinig|c65|keiten gelenkt, und die Seele gewöhnet wird, diese überall mit in Anschlag nehmen zu lernen, und sich nicht bloß mit dem Auffallenden oder sich leicht Darstellenden zu begnügen. Ich wiederhole |b73| hier die übrigen Vortheile nicht, die das Sprachenstudium gewähren kan, welche sich bey einer noch unverstimmten und feinerer Eindrücke empfänglichern jugendlichen Seele wohl eher, als bey andern möchten erreichen laßen.
Anmerk. 2. *) Wer jene Vortheile von dem Studium der Sprachen recht beziehen will, muß wenigstens zwey oder drey Sprachen eigentlich studieren, und mit einander vergleichen lernen, solche Sprachen, die, wegen ihres gemeinschaftlichen Ursprungs oder Abstammung von einander, kurz, wegen ihrer Verwandtschaft, viel Eigenes gemein haben, wie die griechische und lateinische, und wieder andre, die ganz in ihrer Bildungsart verschieden sind, wie jene und die morgenländischen Sprachen. Mag es seyn, daß Dinge, die sich überall auf einerley Art den Sinnen zeigen, oder daß reine Verstandesbegriffe, von allen Menschen und Nationen überhaupt auf einerley Art empfunden oder gedacht, also auch durch Wörter, die dem Ton oder der Schrift nach ganz verschieden sind, doch so ausgedruckt werden, daß alle, die das Wort verstehen, sich eben dieselbe Sache dabey vorstellen: so gerathen doch manche Nationen oder einzelne aufmerksame, schnell oder fein empfindende oder denkende Köpfe unter ihnen, auf Vieles, woran andere gar nicht denken. Seltenere, oder unter verschiedenen Gestalten an verschiednen Orten oder in verschiednen Köpfen erschienene oder gedachte Gegenstände, erwecken bey Verschiedenen auch sehr verschiedene Begriffe. Und selbst gemeine oder all|b74|tägliche Gegenstände bekommen in veschiednen Köpfen durch die verschiednen Umstände, unter welchen sie sich ihnen darstellen, und durch die verschiedene besondere Vorstellungskraft oder Art, Dinge zu bezeichnen, gleichsam eine ganz eigenthümliche Farbe, werden mit mehrern oder |c66| wenigern Nebenbegriffen, mit feinern Bestimmungen, sinnlicher oder unsinnlicher gedacht, zumal je nachdem sich die Einbildungskraft mehr oder weniger einmischt, und der Reichthum von Begriffen größer oder geringer ist. Hieraus ist offenbar, daß durch das Studium mehrerer Sprachen, und selbst origineller Schriftsteller, ganz neue Ideen erzeugt werden, oder doch schon bekannte Begriffe unter ganz neue Gestalten erscheinen können, worauf wir erst durch die fremde Sprache sind aufmerksam gemacht worden; und je mehr dies, was Einer Sprache eigen ist, in die andere übergetragen wird, und durch unsere Art zu denken und uns auszudrucken wieder eine etwas veränderte Gestalt bekommt: je mehr muß der Reichthum, und zum Theil die Bestimmtheit und Fruchtbarkeit, unsrer Begriffe und Gedanken zunehmen. Es kan also dieses Studium eine vortrefliche Uebung dem Verstande gewähren, der dadurch geschmeidiger, und für Vieles empfänglicher wird; ein Gewinn, der schwerlich durch etwas Anderes erlangt werden kan, und augenscheinlich beweiset, wie vortheilhaft das Sprachenstudium schon an sich sey. – Was in der oben bey §. 56. angeführten allgemeinen Revision etc. Theil 7. S. 420 f. und Theil 11. S. 224 f. dagegen gesagt ist, beruhet theils darauf, daß immer Stu|b75|dium der Sprache als ganz abgesondert von der Erlernung der dadurch mitgetheilten Begriffe von Sachen angenommen wird, theils auf dem Wahn, als wenn sich Sprachkenntnisse nicht ließen unterhaltend machen c, theils auf einer anderen Einbildung, als wenn Kinder alles unerträglich fänden, und nicht leicht fassen könnten, was ihnen Zeichen darstellt, ohne zugleich die Sache selbst darzustellen, wovon doch Musik und Mathematik c das Gegentheil beweiset.
Anmerk. 3. Daß übrigens ein solches Sprachenstudium nichts weniger als bloßes Geschäfte des Gedächtnisses, daß |c67| es sehr schwer sey, und keine gemeine Fähigkeiten und Uebungen, besonders eine sorgfältige Aufmerksamkeit selbst auf Kleinigkeiten, ein feines Gefühl, Geduld und anhaltenden Fleiß, erfordere, also auch sein großer Nutzen, Leuten, die bloß auf sinnliche und unmittelbare Vortheile ausgehen, und den Werth der Geistesnahrung wenig oder gar nicht zu schätzen wissen, nicht einleuchtend könne gemacht werden c, bedarf wohl kaum einer Erinnerung.

65.

Und weil unsre Neigungen ganz durch unsre Vorstellungen gestimmt werden, diese Vorstellun|a59|gen aber inniglich mit der Sprache verbunden sind: so muß die Sprache selbst über das Herz große Gewalt haben. Je edler ein Ausdruck ist, je anschauender er die Sachen darstellt, je fruchtbarer er ist, das heißt, je mehr Begriffe er erregt, die |b76| Licht, Anmuth und Interesse in die Vorstellung bringen, je passender, bestimmter und schöner er ist: desto mehr wirkt er aufs Herz; so wie hingegen unedle, verworrene, kraftlose, unschikliche Ausdrücke das Herz entweder kalt laßen, oder gar gegen die beste Sache einnehmen.
c

66.

Alle Vortheile und Unbequemlichkeiten der Sprache ergießen sich auch 2) (§. 60 ) in den Vortrag und die Mit|c68|theilung der Gedanken an Andere. – Wie viele Irrthümer, unnöthige und verworrene Untersuchungen, selbst wie viele Erbitterung und Argwohn, entstehen aus bloßem Mißverstand, der in den Wörtern liegt? der eben sowohl durch unbequeme Ausdrücke erregt, als von Andern aus ihnen geschöpft, und hinwiederum durch schicklichere Wörter oder bestimmtere Erklärungen verhütet oder gehoben werden kan. – Wie viel helfen deutliche und unzweydeutige oder von falschen Nebenbegriffen freye Wörter, bestimmte Erklärungen und Classification der Dinge, die nur durch Wörter geschehen kan, den Begriff deutlich, und Sachen kenntlich zu machen, oder zu vergegenwärtigen? – Wie viel besser drucken sich die Sachen durch bestimmte Wörter, durch bildliche Ausdrücke, durch körnigte Sentenzen, dem Gedächtniß und der Einbildungskraft ein? – Wenn der dunkle, ver|a60|wirrte, matte und weitschweifige Vortrag, der immer mit von Armuth und Ohnmacht der Sprache herrührt, den Leser |b77| oder Zuhörer ermüdet, ihnen das Denken erschwert, und selbst die vorgetragene Sachen verleidet: so unterhält die Deutlichkeit, die Fülle der Wörter und die gedrängte Kürze, die Aufmerksamkeit, und giebt den Sachen einen gewissen Reitz, der die Theilnehmung befördert. – Und wie sehr erweckt der klare, bestimmte und einleuchtende und gleichsam theilnehmende Ausdruck des Redenden, auch das Vertrauen, daß er seine Sache verstehe, von ihrer Wahrheit überzeugt, und von ihrem Werthe durchdrungen sey, ein Vertrauen, das für die Wahrheit und Treflichkeit des Gesagten den Zuhörer sehr einnehmen muß. – Wenn auch kein Andrer so viel Ursache hätte, darnach zu trachten, daß er seiner Sprache mächtig würde: so sollte es der, der Lehrer der |c69| Religion seyn will. Wäre auch der Schade so groß nicht, den der Lehrer sonst gegen seinen Willen stiften kan: so thut er zur Empfehlung der Religion bey weiten nicht so viel, als er könnte, wenn er mehr Kraft der Sprache in seiner Gewalt hätte.

67.

Sofern endlich 3) (§. 66. ) Sprachen der Canal sind, durch den uns alle Kenntnisse zugeführet werden, die wir von Andern empfangen, sofern theilt sich uns, |a61| je nachdem wir solche Sprachen genau oder obenhin verstehen, alles Gute und Nachtheilige mit, was diese Sprachen bey sich führen. Denn, da dasjenige, was in der mittheilenden Sprache liegt, in unsre eigene übergetragen wird, oder die |b78| Begriffe, welche der Andere mit seinen Wörtern verknüpft, in unsre eignen, immer an Sprache gebundne, Begriffe verwandelt werden müssen: so entgehet uns nicht nur, falls wir jener Sprache nicht recht kundig sind, das, was uns durch sie mitgetheilet werden könnte, und das Fehlerhafte jener Sprache schleicht sich mit in unsre Sprache, und so mit in unsre Erkenntniß, selbst oft in unser Herz; sondern wir selbst vermischen auch dieses Mitgetheilte, wenn es nicht schon vor sich trübe ist, mit so viel fremden Theilen aus unsern Vorstellungen, daß es unmöglich rein zu uns kommen kan. – Soll nun insbesondere ein Lehrer der Religion und des Christenthums seine Kenntnisse vornemlich aus der heiligen Schrift schöpfen; soll er die kirchliche Theologie und die verschiedenen Meinungen über gewisse Lehren verstehen, und selbst das, was von seinen Vorstellungen abweicht, richtig beurtheilen; soll er in der Geschichte und sonst die Quel|c70|len der Wahrheit gehörig benutzen: so muß er nothwendig theils die Sprache Andrer so studiert haben, daß er ihr Gutes und Fehlerhaftes genau kenne, theils seiner eignen Sprache so kundig seyn, daß er wisse, ob und wie weit sie mit jener übereinkomme, oder davon abgehe. Sonst ist Mißverstand durchaus unvermeidlich. Man bauet auf Ausdrücke der heiligen Schrift Meinungen und Theorien, an welche |a62| die heiligen Schriftsteller nie gedacht haben, und giebt menschliche Irrthümer für göttliche Wahrheit aus, sieht alles aus einem falschen Gesichtspunct an, verwickelt sich in Wortstreit, und bestreitet oft, was |b79| man dulden, oder fährt zurück vor dem, was man a mit Dank annehmen sollte. Man erdichtet Begebenheiten und Meinungen, die nie gewesen sind.
c

68.

Bey Erlernung der Sprachen überhaupt kommt alles an – auf genaue Sprachregeln, auf vernünf|c71|tige Lesung guter Schriften in einer solchen Sprache – und auf eigne Uebung im genauern Uebersetzen, Schreiben oder Reden. Daß die eigne Uebung dem Lesen nachstehen müsse, versteht sich von selbst. – c ⌇⌇c 1) In Absicht auf die Sprachregeln aber scheint es weder rathsam, sich damit allein oder weitläuftig aufzuhalten, ehe man irgend einen Anfang mit Lesen guter Schriften selbst macht: noch sie ganz auszusetzen, bis man erst eine Fertigkeit erlangt hat, Bücher in einer Sprache zu lesen, oder sich, wenigstens nothdürftig, darin auszudrücken, noch auch sie erst mit dem Lesen zu verbinden.

69.

⌇⌇c Das erste würde nicht nur, wegen Trockenheit dieser Beschäftigung, die Erlernung der Sprache sehr verleiden; es würden auch die Vortheile verlohren gehn, die aus Verbindung der Regeln mit dem Lesen entspringen, wobey man gleich die Regeln in der Anwendung, folglich auch ihren |a63| Nutzen, und die Art, wie sie anzuwenden sind, besser absieht. – Das zweyte ist noch schlimmer. Denn es ist unmöglich, recht sicher zu erklären,|b80| oder sich recht auszudrucken, wo man keine Regeln vor sich hat, nach welchen man es thut, und wonach man wieder in ähnlichen Fällen verfahren kan. Auch laßen sich angenommene Fehler viel schwerer hinterher ablegen, als gleich anfangs verhüten, und je länger man eine für die meisten wenig unterhaltende Beschäftigung aufgeschoben hat, je lästiger wird sie hinterdrein, zumahl wenn die Seele, durch fast stete Beschäftigung mit dem, was den Sinnen und der Einbildungskraft schmeichelt, verstimmt worden ist. Es ist auch nicht abzusehen, |c72| wie man bey dem Lesen um einer Sprache willen fortkommen könne, ohne das Allgemeine oder die Natur einer solchen Sprache vorläufig zu kennen, vornemlich wenn man eine Sprache vor sich selbst lernen muß. Wenigstens ists viel schwerer und unangenehmer, einzelne Beobachtungen in der Sprache zu fassen, und sie zu ordnen, wenn man noch nicht weiß wohin man sie beziehen, oder an welche allgemeine Begriffe man sie anreihen soll. Viel leichter ists auch, und man bekommt eher etwas Ganzes in der Sprache, wenn man Regeln, die in einer gewissen Beziehung und Zusammenhang unter einander stehen, in diesem Zusammenhang übersieht. Endlich wird selbst das Lesen weit angenehmer, wenn man aus den Sprachregeln gleich Grund anzugeben weiß, warum man die Wörter so oder so verstehen und verbinden müsse, und man gewöhnt sich mehr an eine philosophische Behandlung der |a64| Sprache, die dem denkenden Kopf eine gewisse Unterhaltung giebt, welche man bey der bloß mechanischen Behandlung |b81| derselben verliert. – Selbst die dritte Art, erst bey dem Lesen die Regeln sich beyläufig bekannt zu machen, ob sie gleich weit besser ist als jene beyden, hat den Nachtheil mit der zweyten gemein, daß das Lesen aus Mangel der nöthigen grammatischen Vorerkenntnisse sehr erschwert wird, und man den Vortheil der zusammenhängenden Einsicht der Regeln entbehrt. Es zerstreut aber auch zu sehr, wenn man bey dem Lesen bald auf einzelne Wörter und ihre Bedeutung in und ausser der Verbindung, bald auf ihre grammatische Bildung und Verknüpfung Acht geben muß.
Man wird hoffentlich nicht vergessen, daß hier eigentlich von der besten Art Sprachen zu lernen nicht für Kinder, son|c73|dern für Erwachsene, nicht zur Bildung künftiger Schwätzer, sondern künftiger Gelehrten, die Rede sey, sonderlich auf den Fall, wenn letztere vor sich Sprachen c lernen wollen. Bey solchen kann man ohnehin schon theils die Kenntniß der nothwendigsten Begriffe von Sprachen und Bekanntschaft mit Behandlung einer Sprache, theils eigenen Trieb und Lust zum Sprachstudium, voraussetzen; und dadurch fallen die Schwierigkeiten noch mehr weg, die man dem hier gesagten entgegen stellen möchte.

70.

Die Mittelstraße würde also auch hier wohl die beste seyn: wenn man erst die nothwendigsten Regeln einer besondern Sprache sich bekannt machte, sich alsdann gleich zur Lesung leichter Schriften |a65| |b82| wendete, und bey dieser theils auf die Anwendung jener Regeln sähe, theils das Uebrige von den zurückgelaßenen Regeln gelegentlich nachholte. Zu diesem nothwendigsten könnte man das eigentliche Lesen und die gewöhnlichsten Beugungen und Verbindungen der Wörter, sonderlich die gewöhnlichen Abänderungen der Nenn- und Zeitwörter und die allerersten Regeln des Syntax rechnen. Nur müßte man die Regeln sich mit mehreren Beyspielen, wodurch jene anschaulich würden, eindrücken, oder vielmehr sie aus solchen Beyspielen abziehen, und, wenn man in einer solchen Sprache Anderer Unterricht genießen könnte, sich in ähnlichen Formen nach solchen Regeln üben.
c

|c74| 71.

Hätte man die nothwendigsten Sprachgesetze in seiner Gewalt: so wäre es Zeit, 2) (§. 68 ) gleich zur Lesung der Schriften in einer solchen Sprache fortzuschreiten a, wodurch man das Meiste, auch in Absicht auf die Sprache, und es aufs beste, lernen kan. Das Meiste; weil man, ausser den Sachen, Wörtern mit ihren verschiednen Bedeutungen, Einschränkungen und jedesmaligen schicklichsten Gebrauch, *) weise Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, Regeln einer Sprache, ihre Anwendung und ihre Ausnahmen, das Eigenthümliche einer Sprache mit ihrem Unterschied von andern, und die verschiedentlichen Falten und Entwickelungen des menschlichen Geistes und Herzens, welche auf den Ausdruck wirken, und durch ihn veranlaßet|b83| werden, zugleich kennen lernt. Aufs beste;|a66| weil Beyspiele immer deutlicher, unterhaltender und eindrücklicher sind, und der Umgang mit verständigen, rechtschaffenen und gesitteten Menschen, folglich auch die Beschäftigung mit den Werken ihres Geistes, mehr zur Bildung beyträgt, als allgemeine Regeln und Kenntnisse; weil erst durch das fleißige Lesen Sprachkenntniß etwas Ganzes wird; und weil selbst Regeln, so wie einzelne Wörter und Redensarten, erst durch die Verbindung in Schriften recht deutlich werden, und die nöthige Bestimmung und Abänderung bekommen.
*) S. die Gedanken vom Vocabellernen - - von Martin Ehlers , Altona 1770 in 8.

72.

Die Frage: Wie soll man Schriften aufs nutzbarste lesen? kommt hier nur so weit in Anschlag, als durch die|c75|ses Lesen unsre Sprachkenntniß gebildet, das heißt, die Geschicklichkeit erlangt werden soll, eine Sprache wohl zu verstehen, und sich darin auszudrucken. In dieser Absicht muß man zuerst auf gutgeschriebene, d. i. solche Schriften sehen, worin eben so viel Fleiß auf den Ausdruck als auf die Sachen gewendet worden ist, die daher in ihrer Art musterhaft oder classisch heissen können; hernach von den leichtern zu den schwerern, d. i. zu solchen, fortgehen, die schon mehrere und reifere Kenntniß der Sprache erfordern, in der sie geschrieben sind.
|b84| Anm. 1. Ob man gleich gute Schriften auch, und meistens mehr, wegen der Sachen lieset: so gehören doch Vorschläge, wie man sie in Rücksicht auf die Sachen zu lesen habe, entweder mehr in eine Anweisung zur nützlichen Lectüre überhaupt, oder in |a67| den Unterricht, wie Bücher zu benutzen sind, die besondre Wissenschaften betreffen.
Anm. 2. Gutgeschriebene Bücher sind hier, im weitern Verstande genommen, nicht bloß schöngeschriebene, sondern eben sowohl solche, die mit Klarheit und Bestimmtheit in der Sache abgefaßt sind. In dieser Rücksicht kan selbst das trockenste Buch classisch seyn.

73.

Wenn sich unsre Sprache nach musterhaften Schriftstellern und Schriften bilden soll: so muß man nicht nur wissen, welche, und wie ferne sie, in Absicht auf Sprache, diesen Namen verdienen? sondern man muß auch, falls sie dafür bekannt sind, bey dem Gebrauch solcher Schriften zu dieser Absicht, voraussetzen können, daß diese und daß die darin gebrauchten Ausdrücke durchaus von dergleichen Schriftstellern herrühren. Hier liegt die Nothwendigkeit der Kritik (im engsten Verstande), die einen Theil der Philologie |c76| ausmacht. Kritik ist überhaupt die Geschicklichkeit zu urtheilen, oder das Aechte vom Unächten, dasjenige, was wirklich das ist, wofür es gehalten oder ausgegeben wird, und was nur so scheint, zu unterscheiden; oder, als Wissenschaft betrachtet, der |b85| Inbegriff der Grundsätze und Regeln, wonach sich unser Urtheil richten muß. In diesem allgemeinen Verstande erstreckt sie sich auf alles Wahre, Gute, Schöne, Schickliche u. d. gl. und bekommt besondre Namen, oder einen eingeschränktern Verstand, nach den verschiednen Gegenständen, womit sie sich beschäftigt. Daher ensteht eine logische, morali|a68|sche, ästhetische, historische, philologische Kritik; wiewohl diese verschiedne Gattungen oft in einander fließen, so fern die Gründe der Beurtheilung aus verschiednen Wissenschaften entlehnt werden müssen; und alsdann bekommt sie gemeiniglich den Namen von der Wissenschaft, die das meiste dabey thut.
Anm. 1. Philologische Kritik müßte sich eigentlich nur auf Sprache erstrecken, also nur beurtheilen, ob der Ausdruck in der Sprache, in dem Schriftsteller, in der Schrift und in der Stelle derselben, wovon die Frage ist, ächt sey? müßte dann auch die Regeln begreifen, wonach dieses alles zu bestimmen wäre. Und wer den Namen eines philosophischen Kritikers verdienen sollte, müßte nicht nur diese Regeln kennen, sondern auch die Kenntniß der Sprache, wovon die Frage wäre, die Geschichte ihrer von Zeit zu Zeit erfolgten Veränderungen, und des Schriftstellers, nebst der gehörigen Fertigkeit besitzen, diese sämtlichen Kenntnisse auf einen vorliegenden Fall richtig anzuwenden, folglich auch zu entdecken, ob der Ausdruck in einer Stelle von Abschreibern oder angeblichen Verbesserern verdorben, und wie er wieder herzustellen sey? Hingegen, ob eine Schrift selbst|b86| ächt sey, die dem ver|c77|meinten Verfasser oder der Zeit, worein man sie setzt, in der That zukomme? dies zu entscheiden, gehörte vor dem Richterstuhl der historischen, oder, wenn man will, literarischen Kritik c. Allein, weil man diese letztere Frage, wenn eigentliche entscheidende Zeugnisse abgehen, oder zweifelhaft sind, nach innern Umständen einer Schrift c beurtheilen muß, und zu diesen Umständen auch die Sprache gehört, die oft den Verfasser oder die Zeit verräth: so rechnet man diese Kritik über eine Schrift ebenfalls mit zum Gebiete der philologischen Kritik.
Anm. 2. Man sieht hieraus: daß, weil sich dieser letztre Theil der philologischen Kritik auf den erstern gründet, Niemand recht über die Aechtheit jener Schrift urtheilen könne, wer der Kritik des Ausdrucks, oder der eigentlichen Sprachkritik, nicht mächtig ist.
Anm. 3. Manche nennen die Kritik der Schriften, den allgemeinen, und die Kritik ihres Textes, den besondern Theil der philologischen Kritik, jene auch die höhere, diese die niedere, oder gar die Wort-Kritik. – Bey jener Abtheilung und ihrer Erklärung aber vergisset man die Kritik der Sprache überhaupt, die ich im Anfang der ersten Anmerkung erwähnte, ohne welche man weder von Aechtheit der Schriften noch ihres Textes urtheilen kan. – Die Kritik des Textes ist auch keine bloße Kritik der Worte; denn es können ja eben sowohl unrichtige Sachen, als Worte, verrathen, daß der Text verfälscht sey. – Und den Unterschied |b87| der niedern und höhern Kritik scheinen wieder Andere für einerley mit dem bloß relativen Unterschiede der gemeinen und feinern Kritik zu nehmen, sie mag Aechtheit der Schriften, oder ihres Textes, oder der Sprache überhaupt, betreffen. Wenn man die Aechtheit nach vorliegenden, zumahl sehr bekannten oder leicht erkennbaren, Umständen, z. B. bey einer Schrift nur nach Zeugnissen gleichzeitiger |c78| Schriftsteller, auffallenden historischen oder Sprach-Fehlern, Spuren des Fehlers oder Mißverstandes in den Zügen oder Abtheilungen der Wörter, Parallellstellen u. d. gl. zu entdecken vermöchte: so würde dies gemeinere Kritik seyn; feinere aber, wo Spuren des Unächten verborgen liegen, und das Aechte oder Unächte nur durch sehr feine Beobachtung und eine Zusammenstellung mannigfaltiger kleinen Umstände entdeckt werden könnte. So möchte diese feinere Kritik mit sogenannter Conjecturalkritik, wenn sie nicht bloß räth und willkürlich verfährt, ziemlich einerley seyn.

74.

Kritik im allgemeinern Verstande ist bey unsern eigenen Vorstellungen und Neigungen sowohl, als bey denenjenigen, die Andre uns mittheilen, folglich auch bey dem Gebrauch ihrer Schriften, schlechterdings nothwendig, wenn wir nicht betrogen werden, Schatten für Wahrheit ergreifen, und zu Irrthümern, Fehlern und Ausschweifungen verleitet seyn wollen. Hänget etwas vom Ansehen des Schriftstellers ab, – und dies |b88| ist der Fall, wenn wir uns müssen auf seine Einsicht und Recht|a69|schaffenheit verlaßen, ihn für Kenner, Gesetzgeber und Muster annehmen können: – so müssen wir vor allen Dingen gewiß seyn, daß eine Schrift, und daß namentlich der Theil derselben, an den wir uns halten sollen, wirklich von ihm komme. – Alsdann ist auch philologische Kritik a schlechthin unentbehrlich, weil die in seiner angeblichen Schrift gebrauchten Ausdrücke eben dasjenige sind, wodurch wir von ihm lernen; und es ungereimt seyn würde, eine Schrift erklären, oder gar etwas daraus beweisen zu wollen, ehe man nicht wüßte, daß etwas wirklich ein Theil einer solchen Schrift, und nicht untergeschoben sey.
|c79| Anmerk. Wie nöthig die Kritik bey dem Gebrauch der heil. Schrift sey, wird sich unten bey der exegetischen Theologie besser zeigen laßen.

75.

Aber deswegen ist es nicht nöthig gleich anfangs, bey dem Lesen einer Schrift um der Sprache willen, uns mit dieser Untersuchung zu beschäftigen. Ausser dem daß dieses die wirkliche Benutzung einer Schrift ungemein aufhalten und verzögern würde; ist es doch keine unwahrscheinliche Voraussetzung, daß eine Schrift, die das Zeugniß ihrer Zeitgenossen oder andrer Kenner vor sich hat, und daß deren einzelne Stellen und Ausdrücke ächt seyn, weil der Fälle weit mehr sind, wo ein so angegebner Verfasser es auch wirklich ist, |b89| als wo er es nicht ist, und weil eine Schrift selten so sehr unter Andrer Händen leidet, a daß nicht das Meiste übrig bleiben sollte. Sehr oft beruht auch ihr Werth in Absicht auf Sprache nicht auf dem Ansehen ihres Verfassers, sondern auf ihrem Gehalt und ihrer Uebereinstimmung mit andern der besten Schriften in einer solchen Sprache. Ueber dies erfordert diese Beurtheilung schon große Kenntniß einer Sprache, und wird daher besser bis auf die Uebungen in derselben aufgeschoben, die erst alsdann glücklich unternommen werden können, wenn man sich schon durch das fleißige Lesen der Schriften |a70| gebildet hat. Man setze also diese kritischen Untersuchungen lieber aus, begnüge sich mit andrer Kenner Nachrichten, und mit den reinesten Ausgaben von einer Schrift, und wende sich gleich zum Lesen c.
c

76.

Das nächste, worauf man bey diesem Lesen zu sehen hätte, wäre: den Ausdruck verstehen zu lernen. Denn ohne dieses könnte man weder zur Kenntniß der in einer Schrift enthaltenen Sachen gelangen, die uns nur durch den Ausdruck mitgetheilt werden können, noch würde man durch das Lesen einer Schrift in den Stand gesetzt werden, eine andre in eben derselben Sprache verstehen zu lernen, oder jemals eine solche Sprache in seine Gewalt zu bekommen. Aber der gute Schriftsteller bedient sich nicht bloß einer Sprache, er will auch das, was er darin sagt, gut, d. i. so |b90| ausdrucken, daß es sich dem Leser als wahr, als gut, als gefällig darstelle, wenigstens daß es sich ihm auf einer dieser Seiten empfehle; und, wie die Sprache Ausdruck der Seele ist, so ergießt sich seine gebildete Empfindung, Verstand und Gesinnung in den Vortrag, der davon seine ganze Farbe bekommt. Man muß daher gutgeschriebenen Schriften, selbst wenn man sie wegen der Sprache lieset, einleuchtende Vorstellung der Wahrheit, Empfehlung guter Gesinnungen, Annehmlichkeit des Vortrags, abzulernen, kurz, dadurch seinen Verstand, sein Herz und seinen Geschmack zu bilden suchen. Dies nennt man das kritische, so wie jenes, das auf den Verstand des Gelesenen |a71| abzielt, das philologische oder grammatische Lesen einer Schrift.
|c81| Eine solche Anweisung enthalten, ob sie sich gleich nur auf ältere griechische und römische Schriftsteller einschränken:
  • c Joh. Aug. Ernesti Zuschrift vor der Ausgabe der Werke des Cicero .
  • c J. G. Sulzers Gedanken über die beste Art, die claßischen Schriften der Alten zu lesen, Berlin 1765 in 8. a in dessen vermischten Schriften Theil 2. S. 215 f. wieder abgedruckt.
  • Imm. Joh. Gerh. Schellers Anleitung, die alten Schriftsteller philologisch und kritisch zu erklären, zweyte Auflage, Halle 1783. gr. 8.
c

|b91| 77.

Bey der Absicht, eine Schrift verstehen zu lernen, möchte alles auf folgende Regeln ankommen. 1) Man bemühe sich zuerst, die bestimmte Bedeutung einzelner Wörter und Redensarten recht einzusehen, nach ihrem Umfang, auch Nebenbegriffen, Einschränkung und Unterschied von andern, die eben dasselbe zu bedeuten scheinen. Giebt der Schriftsteller die Bedeutung nicht selbst durch Erklärung, Gegensatz, gleichbedeutende Wörter, Beyspiele oder Verbindung an, und kennen wir keine andre ähnliche Stellen desselben, die ein Licht auf das, was wir suchen, werfen könnten: *) so müßte man entweder, zumal wenn die Sprache noch lebendig ist, sich bey denen erkundigen, die feine Kenner einer solchen Sprache sind, oder man müßte gute Wörterbücher, Claves, Wörterregister und Ausleger zu Hülfe nehmen, bey ihrer Wahl aber,|a72| und um sie mit Sicherheit brauchen zu können, wohl darauf acht geben, ob sie die Bedeutung be|c82|stimmt angeben, und die Richtigkeit derselben, wo sie zweifelhaft seyn kan, mit angemessenen deutlichen Stellen oder Beweisen belegen.
*) Beyspiele sind im N. T. von erläuternden Erklärungen, πιστις Ebr. 11, 1, μετανοια 2 Kor. 7, 10 vergl. mit V. 11. Von dergleichen Gegensatz 2 Kor. 10, 4. Röm. 9, 18. Von gleichbedeutenden Wörtern und Redensarten, 1 Kor. 10, 24. οἰκοδομεῖν und συμφέρειν, so wie 1 Petr. 5, 8 durch παθήματα V. 9. vergl. mit 1 Thess. 2, 14, |b92| erklärt wird, und Röm. 9, 1. die Betheurungs-Formel: ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῶ beweiset, daß ἐν Πνεύματι ἁγίω zu οὐ ψεύδομαι gezogen, und auch für eine solche Betheurung genommen werden müsse. Erklärungen durch Beyspiele sind Luc. 18, 1. vergl. mit V. 2 f. Kap. 15, 10. μετανοεῖν mit V. 11 f.; durch die Verbindung oder den Context Ephes. 2, wo νεκροὶ V. 1. V. 3. ὑιοὶ ὀργῆς heissen, ἐκλεκτοί Röm. 8, 33. eben daselbst V. 28. ἀγαπῶντες τ. Θεὸν, ὑπακοὴ πεπληρομένη 2 Kor. 10, 6 gleich nachher V. 15 πίστις αὐξανομένη. Beyspiele von Erklärungen aus ähnlichen Stellen sind bekannt genug.

78.

Man müßte 2) wohl auf die Verbindung und Ordnung der Wörter Acht geben, als worauf vornemlich das Eigenthümliche einer Sprache beruht, und sowohl die wahre Bedeutung einzelner Formeln bemerken, als in wieferne eine gewisse Verbindung oder Stellung der Wörter und Redensarten, des Sinnes wegen, oder nur den Ausdruck deutlicher oder angenehmer zu machen, gebraucht sey. Gute Sprachlehren und andre Bücher, wel|a73|che die Idiotismen einer |c83| Sprache erklären, oder die Gründe der Sprachregeln untersuchen, können dabey große Dienste thun.

79.

Es würde ferner 3) nöthig seyn, stets dahin zu sehen, daß man nicht bloß den Wörtern und |b93| Redensarten, die man verstehen lernen wollte, andre Wörter unterlegte, sondern sich auch wirklich Begriffe von dem machte, was jene ausdrucken. Leicht wäre dieses, wenn wir einen solchen Ausdruck in einen uns geläufigern, der ihm völlig entspräche, verwandeln, und so den uns schon gewohnten Begriff, der damit verbunden ist, erneuern könnten. Wäre dies aber nicht, und bekäme ein Ausdruck eine der Sprache oder dem Schriftsteller eigene Bedeutung daher, weil er sich auf besondre Meinungen, Gewohnheiten, Begebenheiten u. d. gl. bezöge: so müßte man sich vorher diese bekannt machen, oder diejenigen zu Rathe ziehen, welche dergleichen Umstände und darnach gebildete Ausdrücke aufgeklärt hätten.
Von dieser Art sind die Namen der öffenlichen Bedienungen Consul, Dictator etc. die calumnia religionis bey Cicero epist. ad diuers. I, 1. Die Ausdrücke in seinen philosophischen Schriften, welche aus der akademischen, stoischen etc. Philosophie entlehnt sind, u. dgl. Im N. Test. die Wörter πραιτώριον (anders Matth. 27, 27, anders Phil. 1, 13,) στρατοπεδάρχης, Ἀσιάρχαι, νεωκόρος von einer Stadt gebraucht, Γραμματεῖς (anders in Asien, Apostelgesch. 19, anders zu Jerusalem,) σπένδομαι, ἅδης, δαιμονιακοὶ, ἡ οἰκουμένη ἡ μέλλουσα Ebr. 2, 5. τὰ ἔθνη, ὁ κόσμος, στοιχεῖα του κόσμου u. a.

|a74| |c84| 80.

Weil man aber sehr wohl einzelne Wörter verstehen kan, ohne deswegen den ganzen Satz zu |b94| verstehen, der aus ihnen zusammengesetzt ist *) ; auch viele Wörter **) , ja ganze Sätze ***) , neue bestimmte Bedeutungen in einer Stelle durch die Verbindung mit andern zu einem ganzen Satz bekommen; und sehr oft Ein Wort nicht geradezu mit Einem Wort aus einer andern Sprache vertauscht werden kan, sondern nur der Sinn im Ganzen ausgedruckt werden muß †) ; so wie bisweilen – und das ist der Fall der Allegorie – anstatt einer Sache, die eigentlich ausgedruckt werden sollte, eine ihr ähnliche gesetzt wird ††) , folglich die gemeinte Aehnlichkeit aufgesucht werden muß; so muß man sich auch 4) bemühen, den Sinn des ganzen Satzes, oder mehrere in Eins verbundne Sätze im Ganzen, und das in der Allegorie liegende Eigentliche, zu denken. Gute, freye, aber genaue Uebersetzungen und eben dergleichen Umschreibungen sind hier für den, der es noch selbst nicht vermag, die besten Hülfsmittel.
S. die zwey unschätzbaren Programmen von S. F. N. Morus a de discrimine sensus et significationis in interpretando, Lips. 1777. 4. und Progr. quibus caussis allegoriarum interpretatio nitatur, Lips. 1781. 4. Jenes ist das zweyte, und dieses das zwölfte in s. Diss. theolog. et philologicis, Lips. 1787. in 8.
*) Z. B. Luc. 21, 19. κτήσασθε τ. ψυχὰς ὑμῶν ἐν τῇ ὐπομονῇ (seyd standhaft, so werdet ihr euer Leben retten); K. 12, 21. εἰς Θεὸν πλουτεῖν (seinen Reichthum nach Gottes Willen anwenden).
|b95| **) Als ἀποθανεῖν (aufhören zu sündigen) Röm. 6, 7.; ὡς ζῶντες ἐν Κόσμῳ, δογματιζεσθε (ihr hängt noch an |c85| willkürlichen Gesetzen, als lebtet ihr noch im Judenthum,) Kol. 2, 20. Dieses gilt besonders von den Emphasen, als 1. Kor. 9, 16. ἐυαγγελίζεσθαι, (das Christenthum lehren, und sich dafür bezahlen lassen) vergl. mit v. 17 u. 18[.]
***) Als Luc. 6, 34 (von Ausleihen aus Gewinnsucht).
|a73[!]| †) Z. B. 1 Kor. 10, 29. ἵνα τί ἡ ἐλευθερία μου κρίνεται u. s. w. (Warum soll ich mich nicht meiner Freyheit bedienen, ohne erst zu fragen, ob ein Anderer Etwas für erlaubt hält?) vergl. mit v. 30. zumahl wenn gewisse uneigentliche Ausdrücke in der Sprache, wohin wir sie aus einer andern übertragen müßten, ungewöhnlich sind, als Luc. 1, 69. ἤγειρε κερας σωτηρίας ἡμῖν (Er hat uns einen Erretter geschenkt); Röm. 13, 14. ἐνδύσασθε u. s. w.
††) Als Matth. 6, 22. 23. Joh. 4, 35 f.

81.

Beynahe das Schwerste würde 5) die Vergleichung der Sprache seyn, woraus, und der, worein wir übersetzen. Denn bey den vorigen Beschäftigungen, eine Schrift verstehen zu lernen, wär' es allenfalls genug, den richtigen Sinn unterzulegen, oft müßte man damit auch zufrieden seyn; hier aber müßte man eine Sprache der andern aufs möglichste anschmiegen, welches bey Idiotismen selten möglich, vornemlich aber bey|b96| Schriftstellern, die recht eigentlich in ihrer Sprache und sie rein schreiben, oder gar eine eigenthümliche Art des Ausdrucks haben, sehr schwer auszudrucken ist. Ohnehin muß man der Sprache, in die man übertragen will, und aller ihrer Feinheit und Beugsamkeit, der sie fähig ist, sehr kundig und mächtig seyn. Der vornehmste Nutzen einer so genauen Uebertragung bestünde denn wohl in der Ueberzeugung, daß man das, was jene Sprache ausdruckt, genau aufgefaßt hätte, und in der Bereicherung oder |c86| Vervollkommnung unserer Sprache durch jene. Weil es uns indessen bey dem Verstehenlernen zunächst nur um den Sinn zu thun ist: so könnte dieser schwerere Versuch wohl besser über das Lesen guter Schriften c hinaus verschoben werden.

|a76| 82.

Hätte man nun einen guten Schriftsteller verstanden (§. 76. ) so müßte man ihm auch den guten Ausdruck und Vortrag abzulernen suchen; und dies muß c die Absicht seyn, wenn man wohl geschriebene Schriften zur Bildung des Verstandes, des Geschmacks und des Herzens lieset. Zur Bildung des Verstandes geschieht dieses, – wenn man die Wahrheit dessen, was er sagt, es sey bey allgemeinen Sätzen oder bey Erzählungen, prüft, und bemerkt, worin die Stärke oder die Fehler dessen, was er zur Unterstützung einer Sache sagt, bestehn; – wenn man Acht giebt auf alles, was zur Kenntniß der Menschen und der |b97| Welt, und zur Kenntniß des Ganges dient, den die göttliche Vorsehung und den die Menschen bey ihren Handlungen nehmen, um gewisse Absichten zu erreichen: – wenn man, um jene Ueberzeugung von Wahrheit zu erlangen, auf Ursachen und Mittel, Folgen und Absichten der vorgefallenen Sachen studiert; wenn man alles dieses, durch Anwendung und Folgerungen, zur Aufklärung der Wahrheit, zur vernünftigen Beruhigung und zur Beförderung eines klugen Betragens gebraucht. Ohne diese Rücksichten und Uebungen kan das Lesen auch der besten Bücher wenig helfen; es unterhält allenfalls auf eine kurze Zeit, bereichert das Gedächtniß, verleitet zur blinden Nachahmung, den Verstand c bildet es nicht.
|c87| Auch das, was in der mehrmahls angeführten Allgemeinen Revision, Theil 11. S. 84 f. wider die Geistesbildung durch das Sprachstudium überhaupt, und S. 196 f. wider die Geistesbildung zu einem Gelehrten insbesondere, gesagt wird, kan dem hier Gesagten nicht entgegengesetzt werden. Ausser dem schon oft gerügten Irrthum, als wenn Vergleichung Einer Sprache mit der Andern weiter nichts sey, als Umtauschung verschiedener Töne oder Schriftzeichen gegen andere, die gerade eben dasselbe ausdrückten, ist hier nicht die Rede vom Studium des bloßen Sprachbaues und Sprachgebrauchs, sondern von dem Nutzen, den die Lectüre guter Schriftsteller gewährt, in so ferne diese Sachen gut vortragen.

|b98| 83.

So fern indessen das Lesen zur Bildung des |a77| Ausdrucks nach guten Schriftstellern unternommen werden sollte, müßte vornehmlich darauf die Aufmerksamkeit gerichtet werden, wie ein solcher Schriftsteller das, was er gesagt, dargestellt und eingekleidet, d. i. in welches Licht er es gesetzt hätte, um den Leser zu überzeugen, wie c es angelegt, um ihn dafür einzunehmen; in jener Absicht also, wie er z. B. seine Sätze bestimmt, durch Beweisgründe unterstützt, durch angegebene und hervorgezogene Umstände glaublich gemacht, in dieser aber, wie er, was er empfehlen will, eindrücklich zu machen, wovon er aber abziehen will, abschrecklich vorzustellen, oder zu verbergen, oder zu mildern gesucht habe. Alles dies kan der Schriftsteller durch deutliche oder sinnliche Vorstellung zu erreichen suchen. Das erste gehört zum Gebiete des Verstandes, daß letztre mehr zum Gebiete des Geschmacks.
Beyder Gränzen laufen aber oft so in einander, daß sich die Regeln, wie man Schriften lesen soll, den Verstand und |c88| Geschmack zu bilden, nicht wohl trennen laßen. Vieles also, was noch zu jener Absicht zu bemerken wäre, ist erst in folgender Anweisung enthalten, wo man Rücksicht auf Bildung des Geschmacks genommen hat.

84.

Wer durch Lesung guter Schriftsteller seinen Geschmack bilden wollte, müßte 1), um keine |b99| Schönheit in der Darstellung zu übersehn, und sich durch das, was leichter zu übersehen ist, an das zu gewöhnen, was schon feinere Empfindung und mehrere |a78| Fassungskraft erfordert, mit dem Einfachern anfangen, und zum Zusammengesetztern fortgehen, erst einzelne Stellen in dieser Rücksicht studieren, und alsdann immer weiter schreiten, bis er das Ganze, sowohl nach der schönen Anlage der Theile, woraus es zusammengesetzt ist, als nach der Schönheit, die ein Theil dem andern mittheilt, übersehen könnte. Er müßte 2) ein jedes, kleinere oder größere, Ganze, von aller Form entkleiden c, um den Hauptgedanken zu finden, und zu entdecken, durch welche Einschränkungen, Erläuterungen, Beyspiele, Bilder, Gegensätze u. d. gl. und wie er dadurch einleuchtend, interessant und gefällig dargestellet worden sey. 3) Nächstdem stets darauf Acht c geben, wie der Schriftsteller auf die Gedanken gekommen, und woher er das geleitet habe, was er zur Ausbildung der Hauptsache gethan; wie er die gefundenen Sachen ausgedruckt; und wie er alles so gestellt habe, daß jene Absichten aufs beste erreicht werden konnten. Man müßte 4) den Gründen nachspüren, warum gerade die Ausführung, der Ausdruck und die Stellung beobachtet wäre, und was dieses alles für Wirkung auf das Ganze thäte. Man müßte endlich 5), um den großen Unterschied des Schönern |c89| und Schlechtern zu begreifen, und die Mannigfaltigkeit oder die vielerley Arten, wie man die Darstellung einer Sache abändern kan, kennen zu lernen, ähnliche Stellen oder Schriften eines sol|b100|chen Verfassers oder Andrer zusammenhalten, und bemerken, was jede nach ihrer besondern Absicht Vorzügliches in der Darstellung vor der andern gleiches Hauptinhalts habe, und worin der Grund dieses Vorzüglichen liege.

|a79| 85.

Zur Verbesserung des Herzens und unserer ganzen Gesinnung wird das Lesen guter Schriftsteller vieles beytragen, wenn man 1) nicht nur dasjenige bemerkt, was sie unmittelbar zu dieser Absicht alsdann sagen, wenn sie von Sachen reden, die Gott, Religion und Tugend betreffen, wenn sie den Werth und die guten Folgen der letztern, nebst Ehrfurcht und Liebe gegen Gott, es sey durch Gründe oder Erfahrungen oder Beyspiele, empfehlen, sondern auch 2) das, was in ihrem Vortrag liegt, und daraus gezogen werden kan, zur Kenntniß und Ueberzeugung von Gottes Vorsehung, zur Kenntniß des menschlichen Herzens und menschlicher Leidenschaften, der Mittel, diese zu lenken und jenes zu verbessern, zur Ermunterung zu allem Guten, braucht, und 3) –, welches hier bey der Sprache besonders in Anschlag kommt – wenn man auf den Ausdruck acht giebt, und den ihnen abzulernen sucht, wodurch edle und gute Empfindungen können bezeichnet, und so in uns befestigt oder erweckt oder eindrücklich gemacht, und gute Nebenbegriffe erregt werden, die das Gute, vermittelst der Einbildungskraft, auch unserm Herzen empfehlen (§. 60 und 65. ).

|b101| |c90| 86.

Freylich erfordert ein so c ausführliches Lesen guter Schriften viele Zeit, die so sehr ins Kleine gehende Aufmerksamkeit wird von dem Ganzen abgezogen, und dem, der noch nicht weit in einer Sprache gekommen ist, muß es schwer, oft un|a80|möglich werden, so tief in das Schöne des Ausdrucks einzudringen. Aber, – ausser dem, daß der Schriftsteller nur wenige sind, die in Absicht auf Ausdruck und Sprache musterhaft heissen können, und daß anhaltende Uebung uns mit der Zeit in den Stand setzt, den guten Ausdruck schneller zu bemerken, auch Unterricht und Leitung von einem in solcher Lectüre Geübtern, die Aufmerksamkeit und das Fortschreiten hierin unendlich erleichtern kan: – so hilft wiederholtes sowohl als cursorisches Lesen eines guten Schriftstellers diesen Unbequemlichkeiten sehr ab, und befördert nicht nur die Uebersicht des Ganzen, sondern gewöhnt uns auch mehr an den ganzen Ton des Schriftstellers, und macht uns mit dem, was ihm eigen ist, macht uns mit Stellen desselben bekannt, die über Sachen und Wörter Licht ausbreiten können. *)
*) S. Joh. Matth. Gesners Vorrede zum Livius nach Clerici Ausgabe, Leipz. 1735. in 8. und J. A. Ernesti zur Fischerschen Ausgabe der Werke des Ovidius , Leipz. 1758. 8.

87.

Auf das Lesen guter Schriftsteller in einer Sprache müssen 3) (§. 68 und 71. ) die Uebun|b102|gen in der Sprache folgen, wobey man immer wieder vom Leichtern zum Schwerern fortgehen müßte. Diese Uebungen bestehen im Uebersetzen, Schreiben und allenfalls Reden, |c91| womit noch die Beschäftigung mit den feinern Sprachregeln und mit der Kritik im engsten Verstande (§. 74. ) könnte verbunden werden ac. Das Uebersetzen ist unstreitig das Leichteste, weil man |a81| durch das Lesen guter Schriften schon zubereitet, und seiner Sprache, in die man übersetzt, mächtiger ist als einer fremden, also leichter fremden Wörtern seine, als seinen die Wörter einer fremden Sprache unterlegen kan, die uns weniger als die unsere geläufig ist. Bey einer solchen Uebersetzung müßte, noch mehr als bey dem Lesen, darauf gesehen werden, das, was in der fremden Sprache geschrieben ist, nicht nur aufs genaueste auszudrucken, sondern auch, so weit es die Natur unsrer Sprache erlaubt, und nicht auf Unkosten ihrer Deutlichkeit oder ihrer Vorzüge vor einer fremden, unsre der fremden anzuschmiegen.
c

88.

Viel sichrer ist es auch, sich eher im Schreiben als Reden zu üben, weil man mehr Zeit hat bey dem Schreiben bedächtig auszufeilen, und, wenn man zumal vorher über|c92|setzt, und das Uebersetzte eine Zeitlang weggelegt hat, die Wörter und Wendungen der fremden Sprache uns leichter beyfallen. Zwar ist die Uebung im Schreiben nicht bey jeder fremden Sprache nöthig, wenn wir sie nur |b103| verstehen lernen wollen. Aber nützlich kan sie doch immer seyn, theils, um bey der Kritik besser beurtheilen zu können, ob ein Schriftsteller wohl so oder so könne geschrieben haben, wie man es in seinem Text findet, theils, um das Eigenthümliche einer jeden Sprache und den Unterschied von der unsrigen besser einzusehen. c – Findet man nöthig, auch eine Sprache sprechen zu lernen, so unter|a82|nehme man es nur nicht eher, als bis man eine Fertigkeit hat, sie gut zu schreiben, weil man sich sonst zu leicht Nachläßigkeit im Ausdruck angewöhnt, und das, was unsrer Sprache eigen ist, in die fremde überträgt; wenigstens müßte man nur mit solchen sprechen, die eine genugsame feine Kenntniß der fremden Sprache besitzen, um unsre Fehler verbessern zu können. Je früher man zu sprechen anfängt, ohne durch das Lesen guter Schriftsteller genug gebildet zu seyn, je mehr werden uns die Fehler im Sprechen anhängen, und je schwerer werden sie sich ausrotten laßen.
c

89.

Bey allen diesen Uebungen versteht sichs, daß man immer vom Leichtern zum Schwerern fortgehen, sonach auch im Lesen, Uebersetzen, Schreiben und Reden anfänglich nur auf das Gewöhnlichere und auf die Reinigkeit der Sprache, nach und nach erst auf ihre Feinheit und Zierlichkeit, auf |c93| die verborgnere Güte des Ausdrucks, und auf die Schönheit, die sich durch das Ganze ergießt, Acht geben müsse. Sind in einer Sprache Schriften vorhan|b104|den, welche die besondere Feinheit einer Sprache entwickeln, oder feine Kritiken über das Schöne musterhafter Schriftsteller enthalten: so kan das fleißige Studieren solcher Schriften, noch mehr aber der musterhaften Schriften in einer Sprache selbst, und die sorgfältige Vergleichung solcher Stellen, wo diese oder andre die nemlichen Gedanken verschiedentlich ausdrucken, nebst dem Nachdenken, warum und worin eine Art |a83| des Ausdrucks die andre übertreffe, uns in Entdeckung des Feinern in einer Sprache sehr weit bringen.

90.

Und nun erst könnte man sich an die Kritik im engsten Verstande wagen, wenn man den Beruf dazu hat. Diesen giebt nur ein feines Gefühl – eine weitumfassende genaue und geläufige Kenntniß der Sprache – und ein reicher Vorrath von historischen Kenntnissen, welche den Verfasser, oder seine Schrift, oder die darin vorkommenden Hindeutungen auf Geschichte, Verfassung und Umstände seiner Zeit und Nation, und der erwähnten Personen und Sachen, betreffen. Hierzu muß aber nothwendig noch kommen: Bekanntschaft mit alten Handschriften, mit ihrer Schrift, und den mannichfaltigen Ursachen der Verdorbenheit eines Textes, die darin sowohl, als in den Umständen und Absichten der Abscheiber oder Correctoren liegen; lange und fleissige Uebung, theils im Umgang mit guten Kritikern und Beobachtung ihrer Verfahrungsart, theils durch eigene Versu|b105|che bey einem solchen Schriftsteller oder |c94| Texte, wo Fehler und die Art sie zu verbessern leicht aufzufinden sind, theils in Auffassung sichrer Regeln der Kritik, aus beyderley eben erwähnter Uebung; endlich vertraute Bekanntschaft mit der Schrift, bey der man die Kritik üben will, und anhaltendes ins Feine gehende Studium einer solchen Schrift und andrer eben desselben Verfassers, mit dem was ihnen eigenthümlich ist.
Für den Anfänger sind solche Bücher, wie
  • Jo. Clerici Ars critica, Edit. 4. Amst. 1712 in 3 Oktavbänden, im dritten Theil.
  • Christoph. Aug. Heumanni Parerga critica, Jenae 1712 8.
  • Elémens de Critique – – par l'Abbé Morel , à Paris 1766 in gr. 12, und vorzüglich
  • Gasp. Scioppi de arte critica, Amst. 1662 in 8,
c immer gut genug. Wer weiter gehn will, muß solche Kritiker, die in ihren vorgeschlagnen Verbesserungen vorsichtig sind, und die in dem §. bemerkten Erfordernisse besitzen, als Nic. Heinsius , Joh. Friedr. Gronov , vorzüglich Bentley , Hemsterhuys , Valkenaar , Markland , Ruhnken , F. W. Reitz , F. A. Wolf u. d. gl. nebst manchen Sammlungen kritischer Bemerkungen, als Gruters Thesaur. crit. zum Theil, Toup Opuscula crit., die amsterdamische Biblioth. crit. u. s. f. mit den Gründen, die |b106| sie für versuchte Aenderungen angegeben haben, und, wenn er es haben kan, alte Handschriften, neben diesen aber, oder wenn er dazu keine Gelegenheit hat, solche Werke studieren, die eine Sammlung verschiedner Schriftarten und Züge enthalten, als die
  • |a84| Palaeographia graeca – – opera et studio Bern. de Montfaucon , Paris. 1708. Fol.
  • De re diplomatica libri VI. – – op. et st. Joh. Mabillon , Edit. 2. Lut. Paris. 1709. Fol. und noch mehr den
  • Nouveau traité de Diplomatique – – par deux Religieux Benedictins, (Charl. Franc. Toustain et René Prosp.|c95| Tassin ,) à Paris 1750–1765. in 6 Bänden in gr. 4. (übersetzt: Neues Lehrgebäude der Diplomatik, Frankfurt 1759–69. 9 Bände in gr. 4.)
  • Joh. Christoph Gattereri Elementa artis diplomaticae, Vol. prius, Goetting. 1765. in 4. und andere ähnliche.
  • a

91.

Sprachen zu lernen ist nöthig, entweder weil wir sie bey unserm eignen Denken und den Fortschritten darin nicht entbehren können, oder Andern unsre Gedanken und Gesinnungen mitzutheilen, oder vermittelst der Sprachen uns Anderer Kenntnisse und Leitungen zu Nutz zu machen |b107| (§. 59 f.). Dieser dreyfache Nutzen der Sprachen und der mehrere oder mindere Einfluß einer Sprache auf die Beförderung unsrer Haupt- oder Nebenabsichten bey dem Beruf, dem wir uns widmen, muß uns stets leiten, wenn die Frage ist: welche Sprachen wir lernen, und auf welche wir uns vorzüglich legen |a85| müßen? – Hiernach, und vorausgesetzt, theils, daß hier eigentlich auf die Bildung zu einem künftigen Lehrer der Religion und zu einem Gelehrten zu sehen sey, theils, daß die christliche Religionskenntniß aus der richtig verstandnen heiligen Schrift geschöpft werden müsse, theils, daß eine Sprache um so vorzüglicher zu treiben sey, je zu mehreren der drey erwähnten Absichten sie nöthig ist: würden die Deutsche, – die Lateinische, die Griechische, – die Hebräische, – und, um der letztern willen, die mit ihr verwandten Mundarten – sonst aber die Französische, – Englische – und allenfalls die Italiänische, bey dem, der sich der Theologie widmet, in Anschlag kommen müssen.
|c96| Die vier ersten – und zwar in der Ordnung, wie sie hier angegeben worden, – sind ihm unentbehrlich; die andern können, nach verschiednen weitern oder eingeschränktern Umständen und Absichten, nöthig, sonst wenigstens doch unter den übrigen Sprachen die nützlichsten seyn.

92.

Der deutschen, so wie der Muttersprache überhaupt, sollte der vorzüglichste Fleiß gewidmet |b108| werden. Es ist schon unnatürlich, mit seiner Muttersprache, oder mit der, die, unsern Umständen nach, ihre Stelle vertritt, d. i. in der wir gemeiniglich denken, weniger bekannt zu seyn, und es ist Undank gegen die göttliche Vorsehung, die uns gerade mit der Nation, wozu wir gehören, in die nächste Verbindung gesetzt, uns, vornemlich zu ihrem Besten |a86| zu arbeiten, bestimmt hat. Hängt die Bildung unsrer Seele von der Sprache ab: so erfordert unstreitig die Sprache unsre meiste Aufmerksamkeit, in der wir gewöhnlich und am meisten denken – und die wir auch bey denen, mit welchen wir am häufigsten umgehn, oder welchen wir in der Religion weiter forthelfen müssen, am meisten brauchen. Sind wir in dieser Sprache, die für uns die unentbehrlichste ist, zurück; wer kan sich da des Verdachts erwehren, daß wir es in minder nothwendigen Kenntnissen noch mehr seyn werden? wenigstens, daß wir die Wahl zwischen dem Nöthigern und Entbehrlichern nicht zu treffen wissen?
Man kan sich von dieser vorzüglichen Nothwendigkeit auch noch mehr überzeugen, wenn man die deutsche Sprache gegen fremde überhaupt, und besonders gegen alte und ausgestorbene Sprachen hält.
|c97| 1. Durch die Muttersprache erhalten wir unsre ersten Begriffe, welche dadurch, und durch den häufigen Gebrauch, sich nicht nur am geschwindesten in der Seele darstellen, und die Schnelligkeit im Denken befördern, sondern auch anschaulicher und lebendiger werden, als durch Wörter einer fremden Spra|b109|che, die erst, vermittelst der Wörter in der Muttersprache, Begriffe erregen können. Und immer können wir Aufklärung, und was davon abhängt, allgemeiner machen, wenn wir uns der Muttersprache bedienen, die allgemeiner verständlich ist. (Eberhards Vorlesung über die Zeichen der Aufklärung einer Nation, Halle 1783. 8. S. 24. f.)
2. In ausgestorbenen Sprachen (die lateinische ausgenommen, welche, als gelehrte Sprache betrachtet, noch lebt,) denkt und spricht man fast gar nicht; es gehen ihnen also zwey große Vortheile ab, um derer Willen|a87| die Erlernung einer Sprache nöthig ist. Ueberdies ists überhaupt, oder doch ohne Weitschweifigkeit, oder ohne Gefahr eine alte Sprache zu verstellen, unmöglich, die so häufigen neuen Begriffe darin auszudrucken. Und lebendige Sprachen, vorzüglich die deutsche, können vieles, sonderlich die Begriffe selbst, viel deutlicher darstellen, als es die alten, bey mehr dunkeln Begriffen, konnten. ( Adelungs Magazin für die deutsche Sprache, erster Jahrgang, zweytes Stück, S. 3 f.) Auch in sofern gewinnt unsre eigne und Andrer Cultur durch den auf unsre Muttersprache gewendeten Fleiß.

93.

Es ist auch nicht genug, daß wir unsre Muttersprache durch Uebung nothdürftig lernen, sie verdient selbst studiert zu werden. Schon deswegen, weil sie, wie oben gezeigt worden ist, einen so großen Einfluß, selbst durch Kleinigkeiten, |b110| auf unsre Erkenntniß und Gesinnung, auf |c98| unsern Vortrag und auf die Benutzung Andrer hat. Und was man bloß durch Uebung lernt, das lernt man auch mit seinen Fehlern, und gewöhnt sich eine Nachlässigkeit an, die um so schwerer abgelegt, selbst um so weniger nur bemerkt werden kan, je mehr sie durch den steten Gebrauch zur andern Natur worden ist.
Die Einwendungen gegen dieses Studium der Muttersprache in der Allgemeinen Revision S. 30. f. gründen sich auf die Absonderung des Sprachbaues von dem Sprachgebrauch, oder, wie es da heißt, der Wörter und der Worte. Auch ist hier nicht die Rede von dem, was man zu Begriffen nothdürftig braucht, sondern was zur höhern Bildung des Geistes dient.

94.

Dieses Studieren der deutschen Sprache müßte sich vornemlich auf die Mundart c erstrecken, die gewöhnlich in Schriften, im gesittetern Umgang und im Vortrag gebraucht wird, d. i. auf das Hochdeutsche. Man müßte sich 1) befleißigen, gut|a88| aussprechen zu lernen, d. i. nicht nur verständlich und richtig, sondern auch genau den Sachen und ihrem Ausdruck gemäß;
  • Friedr. Gedike Gedanken über die Uebung im Lesen, wieder gedruckt in dessen gesammleten Schulschriften, Berlin 1789 in 8.
|b111| 2) einer richtigen Rechtschreibung zu folgen, wovon man die besten Grundsätze in
  • Pütters Bemerkungen über die Richtigkeit und Rechtschreibung der deutschen Sprache, Göttingen 1780 in 8. und
  • J. C. Adelungs Magazin für die d. Spr. Jahrg. 1. St. 1. S. 59 f. St. 3 S. 3 f. noch mehr aber|c99| in dessen vollständiger Anweisung zur deutschen Orthographie, nebst einem kleinen Wörterbuche für die Aussprache etc. Leipz. 1788 in 8., zweyte verbesserte Aufl. ebendaselbst 1790 in 8.
findet. Da das Hochdeutsche die jetzige allgemein angenommne deutsche Schriftsprache ist; so giebt der feinere Sprachgebrauch in den Gegenden, wo man Hochdeutsch spricht, billig die Regel im richtigen Sprechen und Schreiben.
Hieher gehört auch die richtige Abtheilung der Rede, die sich stets nach dem Verstande des Gesagten oder Geschriebnen richten muß. S. die Lehre von der Interpunction – – von Joh. Friedr. Heynatz , verbesserte Ausgabe, Berlin 1782 in 8.

95.

Man müßte sich 3) rein ausdrucken lernen, d. i. so deutsch und frey von ausländischen oder nur einer besondern Mundart eignen Wörtern, Redensarten oder ihren Verbindungen, als es immer die Deutlichkeit und die Nothwendigkeit leidet, das, was man sagen will, vollständig und genau darzu|a89||b112|stellen c; auch in Wörtern und Redensarten, ihren Bedeutungen, Beugungen und Verbindungen, dem gemäß c, was der Sprachgebrauch der obern Classen in den, auch in Absicht auf deutsche Sprache, ausgebildetsten Provinzen mit sich bringt.
Adelungs Magazin für die d. Spr. Jahrg. 1 St. 1. Aufsatz 1 und 2, vergl. mit Stück 2. Aufsatz 7. und Stück 4. Aufsatz 4. 5. und 7, betreffend die Gegenden, deren Sprachgebrauch billig die Regel für die Reinigkeit des Ausdrucks angiebt; und von dem Vorzug des Sprachgebrauchs vor bloßer Analogie und Regeln, ebendaselbst Stück 2. Aufs. 6.

96.

Hierzu sind gute Sprachlehren, Wörterbücher und feinere Beobachtungen über deutsche Sprache von großem Nu|c100|tzen; – schon deswegen, weil es nirgends nöthiger ist erinnert, und auf unerkannte Fehler aufmerksam gemacht zu werden, als in einer bloß durch Uebung erlernten Sprache, wo man so unvermerkt Fehler annimmt und beybehält, zumal wenn sie Ansehen für sich haben, und durch Provinzial-Eigensinn verstärkt werden. Noch mehr aber, weil dazu sonderlich wenn man mehr als rein, wenn man auch gut, im ganzen Umfang des Wortes, sich ausdrücken will, nicht nur viel feine Empfindung desjenigen, was schicklich und gut überhaupt ist, sondern auch Bekanntschaft mit dem erfordert wird, was dergleichen nach den conventionellen Begriffen der Nation und derjenigen Provinz ist, deren Ausdruck in die |b113| Schriftsprache übergegangen ist. Selbst dazu ist genaue Bekanntschaft |a90| mit classischen Schriftstellern der Nation, oder vielmehr kritisches Studium ihrer Schriften, Kenntniß der Abkunft der Wörter und Redensarten, und der Geschichte des Sprachgebrauchs, vornemlich des veredelten, und Philosophie über Sprache überhaupt, wie besonders über das Eigne der deutschen Sprache, nöthig. Wäre das nicht mit Dank anzunehmen, was hierin von Männern, die dieses in ihrer Gewalt hatten, wenigstens theilweise, geleistet worden ist?

97.

Wie fern man sich jemandes Leitung hierin anvertrauen könne, dies muß die Prüfung lehren, ob und in welchem Maaß er die erwähnten Eigenschaften besitze. Denn, weil es vielen, die sich dieses Verdienst zu erwerben gesucht haben, mehr oder weniger, an dieser oder jener Eigenschaft fehlt, ihre Grundsätze oft sehr verschieden sind, manche zu früh und zu allgemein entschieden, andre zu viel bloß vorge|c101|schlagen, und zu wenig nach Gründen festgesetzt haben, auch bey vielen der Hang zum Sonderbaren viel Gutes verdorben, oder unverständlich gemacht hat: so ist vorsichtige Auswahl sehr nöthig.

98.

Unter den bisherigen Versuchen einer deutschen Sprachlehre behaupten die dahin gehörigen Adelungischen Bücher,
  • |b114| Deutsche Sprachlehre, zum Gebrauch der Schulen in den Königl. Preußischen Landen, Berlin 1781 in 8.
  • |a91| Auszug aus der deutschen Sprachlehre für Schüler, eben das. 1782 in 8. und
  • Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprache etc. Leipzig 1781 und 1782, in 2 Bänden in gr. 8. so wie dessen noch weiter reichendes Werk über den deutschen Styl, Berlin 1785 und 1786 in drey Theilen in 8., und bey einer dritten vermehrten Auflage Berlin 1789 in 2 Oktavbänden,
in Hinsicht auf alle §. 96 erwähnte Eigenschaften, den vornehmsten Rang.
c

|c102| 99.

Brauchbare Wörterbücher in Absicht auf die jetzige schon gebildete deutsche Sprache haben wir nur zwey:
  • Johann Leonhard Frisch deutsch-lateinisches Wörterbuch, Berlin 1741 in gr. 4., als ein allgemeineres, doch mehr zur Geschichte der Sprache dienliches, und den weit vollkommnern
  • Versuch eines grammatisch-kritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart, (von Joh. Christoph Adelung ,) Leipzig 1773–1786, in 5 Theilen in gr. 4.
  • c

100.

Unter der ziemlichen Menge solcher Bücher, die Beobachtungen über die deutsche Sprache |b115| und über einzelne Theile derselben, enthalten, sind, in verschiedner Absicht, wenige mit
  • S. J. E. Stosch Versuch in richtiger Bestimmung einiger gleichbedeutenden Wörter der deutschen Sprache, erster Theil, neue Auflage, Frankfurt an der Oder 1777, zweyter, das. 1772 und dritter 1773 in gr. 8.
  • Ebendesselben kleinen Beyträgen zur nähern Kenntniß der deutschen Sprache, Berlin 1778–1782 in 3 Stücken in 8.
  • c
  • |a92| dem|c103| Magazin für die deutsche Sprache von J. C. Adelung , in zwey Bänden, jedem von 4 Stücken, Leipzig 1782 bis 1785 in 8., und der
  • deutschen Sprachlehre für Damen, in Briefen, von Carl Philipp Moritz , Berlin 1782 in 8.
zu vergleichen.
Mehrere, auch in Absicht auf die Abkunft der Wörter und die Geschichte dieser Sprache, c anzuführen, ist der hiesigen Absicht nicht gemäß, und um so weniger nöthig, da sie in den angeführten Werken meistens benutzt worden sind. Das erwähnte Adelungische Magazin und J. C. C. Rüdigers neuester Zuwachs der deutschen und allgemeinen Sprachkunde, Leipzig 1782–1785 , bis jetzt in 4 Stücken in 8., geben, zumal von den neuesten, nähere Nachricht.

101.

Ausser dem reinen Ausdruck müßte man sich auch 4) gut ausdrucken lernen, d. i. mit unter|b116|haltender Klarheit, die sich von unverständlicher Kürze und ermüdender oder doch entbehrlicher Weitläufigkeit gleich weit entfernt hielte – in einer natürlichen und dem Eindruck, den man machen will, angemessensten Ordnung – mit möglichster Bestimmtheit, die eben so sehr der ganzen Fülle der Gedanken entspräche, als die Gelegenheit zum Mißverstande abschnitte in steter Hinsicht auf das, was schicklich, und sowohl der Sache, über die man sich ausdrückt, als dem Zweck, worauf man arbeitet, angemessen ist – und, so weit es diese Sache und dieser Zweck erlaubt, so einleuchtend für den Verstand, so gefällig für den Geschmack, |a93| und so eindrücklich für das Herz, als es unserer gebildeten Denkungsart natürlich ist.

102.

Sehr viel und das meiste trägt hiezu der Umgang mit solchen Personen, und das Lesen, oder vielmehr das, auch in Absicht auf Ausdruck, sorgfältige Studieren solcher deutschen Schriftsteller bey, welche die vorhin (§. 94 101. ) |c104| erwähnte Tugenden in Absicht auf guten deutschen Ausdruck vorzüglich in ihrer Gewalt haben. Denn eben durch sie lernt man die ausgebildetste Mundart; sie läutern die Sprache, heben das Bewährteste aus, und bringen es am meisten in Umlauf; sie theilen auch der Sprache etwas von ihrem Genie, wär' es auch nur durch neue Wendungen, mit, das, wenn es auch nicht üblich wäre, doch werth seyn kan, üblich zu werden, und es durch ihr Ansehen auch wird; sie |b117| bilden also in so fern die Sprache allerdings aus *) . Nur haben sie kein Recht, es willkührlich zu thun, und, um ihnen nicht blindlings oder übereilt zu folgen, ist wohl zu untersuchen, ob die, welche Neuerungen wagen, genugsame Sprachkenntniß und geläuterten Geschmack haben? ob ihre Versuche den Regeln und der Analogie der guten deutschen Sprache gemäß sind? ob sie nicht, besonders aus Nachahmung der Ausländer, den Geist der deutschen Sprache umschaffen, und ihr Kraft, Deutlichkeit und Bestimmtheit entziehen? ob sie gute Neuerungen am rechten Ort angebracht, und z. B. nicht Prose und Poesie, komische und ernsthafte |a94| Schreibart, verwechselt haben? Eben diesen Unterschied müßte man bey der Nachahmung wohl vor Augen behalten.
*) Hiernach möchte das zu beurtheilen seyn, was in dem Adelungischen Magazin Jahrgang 1, Stück 3, Aufsatz 4, behauptet wird.

103.

Daß man sich auch, um des guten Ausdrucks in seiner Muttersprache mächtig zu werden, in schriftlichen Aufsätzen üben, dabey auf alles bisher Gesagte mit sorgfältigem Fleiß, selbst in Kleinigkeiten, sehen, ja nicht eher an das Schönschreiben denken müsse, ehe man nicht Reinigkeit und die übrigen wesentlichen Tugenden einer guten Schreibart in seiner Gewalt hat; daß man eben so sorgfältig sich im |c105| Sprechen den guten Ausdruck angewöhnen; sich von Kennern und |b118| strengen Beobachtern des guten deutschen Ausdrucks beurtheilen, zurecht weisen laßen, und ihnen mehr als dem Kitzel eines aufwallenden Genies, regellosen Beyspielen, oder der bloßen Mode, folgen müsse;dieses sollte kaum einer Erinnerung bedürfen.
c

104.

Unter den übrigen lebendigen Sprachen ist die französische, englische, und allenfalls die italiänische dem, der sich der Theologie widmet, am nützlichsten. Denn diese Nationen sind unstreitig, neben der deutschen, auch in Absicht auf |a95| Sprache, am meisten gebildet; ihre Sprache ist die Sprache der feinern Welt geworden, und bekommt dadurch selbst den meisten, guten und nachtheiligen, Einfluß auf feinere deutsche Sprache und Sitten; die Französische insbesondre hat sich auch in Deutschland unter allen, die gebildet heissen wollen, so sehr ausgebreitet, daß es fast Schande ist, es wenigstens nicht zu verstehen; auch sind diese Sprachen, vor andern ausländischen, die, in welchen die besten Schriften, zur Theologie selbst, vorhanden sind. Daß nur weder der deutsche Geist, noch das Gute der deutschen Sprache, darunter leide!
c

|c106| 105.

Man kan gewissermaßen zu den lebenden Sprachen noch die lateinische rechnen, weil doch noch lateinisch gesprochen und geschrieben wird, und so fern ist es um vieles nothwendiger, sie, als andre|b119| alte und ausgestorbne Sprachen, zu verstehen. Unter diesen behaupten die griechische, und die nach ihr gebildete lateinische, große Vorzüge, welche verursacht haben, daß man beyden, und allen, aus Lesung der alten Schriften in beyden Sprachen geschöpften, Kenntnissen vorzüglich den Namen der (alten) Literatur und Humanität gegeben hat.
Humanität hat zwar bey den alten römischen Schriftstellern einen viel weitern Umfang, und begreift alle Arten von Wissenschaften, die zur Bildung des Menschen dienen. S. die Stelle in Gellii noct. Att. XIII, 15. und J. A. Ernesti prolus. de finibus humaniorum |a96| studiorum regendis, Lips. 1738 in 4. Weil aber ihre Kenntniß bey den Römern aus und durch die Lesung guter griechischen und römischen Schriftsteller eigentlich erlangt, auch in neuern Zeiten eben dadurch die gesammte Gelehrsamkeit wieder hergestellt und in Gang gebracht wurde: so ist dadurch der enge Begriff entstanden, in welchem man jetzt Humanität und Humaniora (studia) nimmt.
c

106.

Freylich wird derjenige schwerlich diesen Namen gerecht finden, der in der Einbildung steht, daß sie höchstens eine Beschäftigung künftiger Schullehrer seyn müsse, und, seit der neuesten versuchten Reformation der Schulen, selbst diesen ziemlich entbehrlich sey – daß ihre Kenntniß allenfalls dem Gelehrten zur Zierde gereiche –|b120| daß man, weil grie|c107|chische und römische Werke einmüthig für die besten Quellen des guten Geschmacks gehalten werden, Schande halber mit ihnen nicht ganz unbekannt seyn dürfe – daß wir alles jetzt weit besser wüßten, als es die Alten konnten. Wer so denkt, den wird man so wenig von den Vorzügen dieser alten Literatur überzeugen können, als, von dem Werth der Gelehrsamkeit und der Bildung des Geistes, den, dessen erste Frage immer ist: ob eine Sache etwas, und ob sie vieles einbringe? Wer sie aber auf die Art studiert, die oben (§. 76 85 ) angegeben wurde: der wird bald gewahr werden, daß sie die hohe Achtung, wonach man sie besonders in Schulen zur Bildung künftiger Gelehrten braucht, mit großem Recht verdiene.

|a97| 107.

Denn – nicht zu gedenken, daß der künftige Gelehrte, sie, zumal die lateinische Sprache, nach der jetzigen Verfassung der Gelehrsamkeit, nicht entbehren kan; und daß durch Unkunde dieser Sprachen ein großer Schatz von Begriffen, der in unsre Wissenschaften durch die aus beyden Sprachen entlehnten Kunstwörter übergegangen ist, verlohren geht, oder doch unbrauchbarer wird – so ist schon die Kenntniß dieser Sprachen, als Sprachen betrachtet, ein ungemein großer Gewinn (§. 64. Anm. 1. und 2), wenn man das voraussetzt, was oben (§. 59 f.) von dem großen Einfluß der Sprachen auf die Bildung der Seele gesagt worden ist, und dazu nimmt, daß beyde hier in Unter|b121|suchung kommende Sprachen unter die vorzüglich ausgebildeten gehören. Daher ist der Wahn, als wenn man griechische und lateinische Schriftsteller vornemlich, oder nur, um der Sachen willen |c108| lesen müsse, und dazu eine nothdürftige Kenntniß dieser Sprachen zureichend sey, ein sicherer Beweis, daß man entweder jenen Einfluß oder die Natur beyder Sprachen nicht genugsam kenne.

108.

Dieser große Vortheil wird bey weiten nicht durch Uebersetzungen der alten klassischen Schriftsteller erhalten. Mögen sie immerhin gut genug für die seyn, die der alten Sprachen selbst unkundig, doch den Inhalt alter Schriften oder die in ihnen vorgetragnen Sachen lernen und benutzen wollen; immerhin dazu helfen, einen alten Schriftsteller etwas verstehen zu lernen, und, wenn sie sehr gut sind, uns auf manche unerkannte Schönheit des Originals aufmerksamer zu machen; mögen sie selbst unsere Sprache aus den alten bereichern helfen: so machen sie uns doch das alte Original selbst durchaus nicht entbehrlich. Denn – ausserdem daß es überaus wenige Uebersetzungen giebt, die recht eigentlich genau und mit solchem Fleiß ausgefeilt wären, daß sie das Original wirklich nachgezeichnet dar|a98|stellten, und, in Absicht auf den Ausdruck wenigstens, vielleicht gar keine, die man für das Original nehmen könnte – so kan man nicht einmal den Inhalt selbst ganz ohne eigene feinere Kenntniß der Sprache des Originals |b122| verstehen. Denn selbst der Inhalt ist so voll Anspielungen auf Meinungen, Sitten und Verfassungen, setzt wenigstens so viele Kenntnisse dieser Dinge voraus, ohne die man sich in die Denkart und Lage des Schriftstellers nicht hinein denken kan, daß es unmöglich ist, ihn recht zu verstehen, ohne unsre eigne Vorstellungen ihm unter zu schieben. Und wenn |c109| auch einigen dieser Schwierigkeiten durch Anmerkungen kan abgeholfen werden: so haben sich doch die Ausdrücke eines alten Schriftstellers so sehr nach der besondern Beschaffenheit seiner Nation und Zeit, und selbst nach seinen individuellen Geistes- und äusserlichen Umständen gebildet, und dieses alles ist so in seine Sprache übergegangen, daß sie schlechterdings nur in dieser Sprache können ausgedruckt und empfunden werden. – Ueberhaupt bleibt das Eigenthümliche dieser Schriftsteller, zumal im Ausdruck, immer unübersetzbar; bey alten Schriftstellern, die auf den Ausdruck Fleiß gewendet haben, z. B. bey den Briefen des Cicero , kan man sich leicht durch Proben überzeugen. Ist die Uebersetzung eines solchen Schriftstellers auch im Ausdruck, auch in den Wendungen, recht genau: so ist sie gewiß jedem, der einigen Geschmack hat, wegen des Undeutschen und der so ganz fremden Gestalt, unerträglich. Läßt sie sich aber wie ein deutsch Original lesen, oder folgt man der ungereimten Regel, die Alten so reden zu laßen, wie sie geschrieben haben würden, wenn sie Deutsche gewesen wären: so müssen nothwendig gerade die eigenthümlichen Züge des Originals verwischt seyn. *) |b123| An Beybehaltung des Reitzes, der sich durch das Ganze ergießt, der vielsagenden Kürze, des harmonischen Baues der Rede, des Numerus, der besondern Uebergänge von Einem aufs Andere, die oft nur in der Sprache liegen, u. dgl. welches alles so sehr gefällt, und unsre Seele zum Gefühl einer gewissen Schönheit stimmt, die sich in unsrer Sprache nicht gerade eben so ausdrucken läßt, aber doch die Seele zu ähnlichen Ergießungen gewöhnt, ist bey Uebersetzungen gar nicht zu gedenken.
*)|c110| S. (J. H. Hottingers ) Etwas über die neuesten Uebersetzerfabriken der Griechen und Römer in Deutschland, 1782 in 8, vornemlich S. 81 f.

109.

„Es ist aber doch schon vieles aus diesen alten Sprachen in manche neuere übergetragen, es haben auch diese neuere viel eigenthümliche Vollkommenheit, darin sie die Alten übertreffen, und |a99| dadurch scheint das Studium der Alten entbehrlich gemacht zu werden.“ – Entbehrlich nun wohl nicht, wenn auch an dem Gesagten mehr wäre, als nicht ist. – Man ist schon weniger aufmerksam auf das, was uns bekannter, unsrer Denkungsart, Sitten und Ausdruck gleichförmiger, als was fremd oder ungewohnter ist; schwerlich sind wir geneigt, jenes so, bis auf die feinsten Züge der Schönheit, zu studieren, als dieses. – Neuere Sprachen haben, eben deswegen, weil sie im Gange sind, und immer an ihrer Bildung gearbeitet wird, weniger bestimmte Schönheit, als die nun keiner |b124| schönen Veränderung mehr unterworfnen alten Sprachen c. – Je mehr die Schriftsteller, wie dieses der Fall bey den alten ist, in ganz andern Umständen waren, empfanden, dachten, handelten und redeten, als die Unsrigen; je mehr lernen wir, durch den Umgang mit ihnen, die so schwere Kunst, uns in fremde Umstände versetzen, welches unentbehrlich ist, um sie recht zu verstehen, zu beurtheilen, und williger von ihnen zu lernen; eine Geschmeidigkeit, die, zumal für einen Lehrer des Christenthums, sehr vortheilhaft ist, der seine Weisheit aus den alten Büchern der heiligen Schrift schöpfen, unverwandt nach Wahrheit und Liebe trachten, und allen Alles werden soll.
|c111| Aus diesem letzten Umstand läßt sich zum Theil die Wirkung des Didicisse fideliter artes auf die Sitten und der schwerlich abzuläugnende Umstand erklären, daß Lehrer der Religion, welche die Alten fleißiger studieret haben, weniger unbillig und streitsüchtig zu seyn pflegen, als die, so sich dadurch nicht gebildet haben.

|a100| 110.

Ist denn aber auch schon so viel aus den alten griechischen und lateinischen Schriftstellern auf die Neuern übergetragen worden? Lassen sie sich, bey so vielerley Rücksichten, in welchen man sie studieren kan, wirklich ausstudieren? Und sinds nur einzelne Schönheiten, ists nicht eben ihr ganzer Geist, den wir uns aufs möglichste zu eigen machen sollten, und der eben noch so wenig auf uns ruht, und so wenig ins Allgemeine wirkt?

|b125| 111.

Wenn wir auch bloß auf die Sachen sehen, wie viel ist die alte Geschichte werth, die wir beynahe bloß aus ihnen schöpfen können? so viele feine Philosophie? wenigstens die Kenntniß des Fortgangs und der Entwickelung der Seelenkräfte unter den gebildetsten Völkern des Alterthums? so viel Menschen- und Weltkenntniß? so viel trefliche Sittenlehre und Klugheit? Mögen wir es in manchen Künsten, in Kenntniß der körperlichen Natur und ihrer Kräfte, in dem, was zum äusserlichen Fortkommen und Nahrung gehört, und in guten bürgerlichen Verfassungen, weiter gebracht haben als sie; in dem Uebrigen, in dem, was den Geist bildet – abgezogen was wir von ihnen mittel- oder unmittelbar gelernt haben – wie weit übertreffen wir sie denn? und wie viel haben wir ihnen noch lange nicht abgelernt?

|a101| |c112| 112.

Am meisten kommt es hiebey nicht so sehr auf die Sache selbst, als auf die Art an, wie sie sie dachten und ausdruckten. In Absicht auf den Geschmack, sind sie von allen Kennern allgemein als Muster anerkannt; und sie sind es wirklich, in der weitesten Bedeutung, die man dem Wort Geschmack geben kan. – Sie schöpften ihre Kenntnisse aus der ersten Quelle, aus der zwar noch nicht so entwickelten, aber auch noch nicht so verstellten Natur, und bildeten sich durch Beobachtung. Bey uns gießt man den Geist von Kindheit an in |b126| Formen, überall regiert die Mode, wir bilden uns durch Bücher, und verderben uns frühzeitig durch die Schwelgerey der Lectüre. – Sie, als gleich theilnehmende Glieder Einer zu einerley Absicht arbeitenden Gesellschaft, lernten durch Handeln, und durch Umgang mit allerley Arten von Menschen. Dies schärfte den Wahrheitssinn, leitete aufs Gemeinnützige, machte ihre Erkenntniß praktisch; dies erhielt und schärfte das Gefühl der menschlichen Würde und der natürlichen Rechte des Menschen; ihre Philosophie war Philosophie des Lebens, ihre Geschichte eigentlich pragmatisch, d. i. auf Bildung zu Geschäften und zu der dazu nöthigen Klugheit angelegt. Bey uns ist diese enge Verbindung der bürgerlichen Gesellschaft beynahe verschwunden; wir haben Staaten, aber wir haben, im bürgerlichen Verstande, kaum ein Vaterland. Wir handeln nach eingeflößten Grundsätzen; gewöhnen uns an hergebrachte Gewohnheiten und Formen, an druckende Einrichtungen, die oft mehr Gewalt und List, als Weisheit, welche für jeden sorgte, eingeführt, und die bloße Länge der Zeit in angebliche Rechte verwandelt hat; wir vergessen darüber unsere Kräfte, unsern Menschenwerth, unsere angebohrnen Rechte. Unsre Erziehung ist meist in den Händen solcher Leute, die durch nichts weniger als durch gereifte Erfahrung gebildet sind; unsre Gelehrte, die fast einzigen, die noch an der wahren |a102| Bildung des Geistes arbeiten, sind zu sehr ausgeschlossen von der Welt und dem Umgang mit Geschäftleuten, auch zu wenig für die Welt, wenigstens mehr auf |b127| Speculation als auf das praktische Leben bedacht; unter ihren Händen gewinnt Philosophie und Geschichte an Wahrheit und Gewißheit, selten wird sie Schule der Weisheit, gemeiniglich zieht sie, weil es ihr an Geschmack und Weltkenntniß fehlt, nicht einmal die Ungelehrten zum Lesen an. – In unsrer Welt ist Bildung des Geistes oft kaum etwas anders, als ausgeartete Cultur, die nach Ueberfluß und Vergnügungen hascht; Höfe und glänzende Gesellschaften geben den Ton an, theilen die Begierde zu glänzen, den nach Convention geformten Geschmack, Weichlichkeit und Frivolität, allen denen mit, die den Schimpf nicht haben wollen, daß sie nicht zu leben wüßten; Schriftsteller, die nichts mehr wünschen, als von der feinen Welt gelesen zu werden, stimmen ihre Schriften nach diesem Ton, und machen die Seuche allgemeiner. Diese Abgeneigtheit von ernsthaftern, nützlichen Beschäftigungen, der Eckel an nüchternen Untersuchungen, und die leidige Geniesucht vertilgt vollends die wahre Bildung des Geistes zur Weisheit und Tugend. So entsteht eine Philosophie, die von einiger Weltkenntniß oben abgeschöpft, aber durch genaue Untersuchung nicht geläutert ist, bey welcher Witz für Beweis gilt, die sich entweder dadurch empfiehlt, daß sie den Leidenschaften der Menschen schmeichelt, oder dadurch, daß sie natürlich scheint, weil sie alles, was moralisch ist, nicht nach der Natur, sondern nach ihren Ausartungen |a103| |c114| in der wirklichen Welt, vorstellt; und die Geschichte hört in sofern auf, die Stelle der Erfahrung zu vertreten, und wahre |b128| Weisheit zu lehren, als darin nicht Wahrheit, sondern nur Unterhaltung und Belustigung gesucht wird. Wären nicht selbst deswegen die classischen Schriften der Griechen und Römer, – die sich so sehr durch männlichen Geschmack und bewährte Weltkenntniß auszeichnen, deren Geschichtschreiber insbesondre nicht bloß für den Gelehrten, den Staatsmann, den bloß neugierigen und Zeitvertreib suchenden Leser, sondern Weise und Rechtschaffne zu bilden, geschrieben haben – wären die nicht werth, fleißig studiert zu werden, um unserm Geschmack wieder Festigkeit, unsrer Menschen- und Weltkenntniß gesunde Nahrung, und der Weisheit und Tugend wieder Kraft und Ermunterung zu geben?
c S. ausser den §. 76 erwähnten Schriften:
  • Is. Casauboni Zuschrift seines Polybius an K. Heinrich 4. (im dritten Theil der von Ernesti besorgten Wiener Ausgabe 1763 in 8.)
  • c Ernesti Opuscula Oratoria pag. 3. 20. 184. 197 seq.
  • c Vermischte Beyträge zu Philosophie und den schönen Wissenschaften Band 2, Stück 2, Aufs. 1. über die Wissenschaft der Literatur.
c

113.

Dem, der sich der Theologie widmet, wird, ausser den bisher erwähnten großen Vortheilen, welche ihm die fleißige Lesung der alten griechischen und lateinischen Schriftsteller gewährt, die Kennt|b129|niß |a104| beyder Sprachen auch dadurch unentbehrlich, daß ohne sie weder der Verstand der heiligen |c115| Schrift, auf der doch unsre Religion beruht, noch andre Theile der Theologie überzeugend erkannt werden können. – Es ist eitler und schädlicher Wahn, daß man, um die heilige Schrift zu verstehen, beyde Sprachen deswegen nicht genau zu verstehen brauche, weil c eine große Menge guter Ausleger uns schon genug vorgearbeitet habe. – Die guten Ausleger laßen sich wohl zählen; und wie mag der, welcher sich durch jene Sprachen selbst nicht zum Ausleger gebildet hat, es wagen, über den Werth des einen vor dem andern zu entscheiden, oder sich der Empfehlung von andern blindlings anzuvertrauen? – wie alsdann zu entscheiden, wenn auch gute Ausleger in ihren Erklärungen uneins sind? – wie, ohne große Gefahr zu irren, alsdann entscheiden zu wollen, wenn sie gerade den Sinn für den richtigen ausgeben, der unsern Wünschen und Erwartungen gemäß ist? – Und ist schon alles erschöpft, der wahre Sinn nirgends mehr verborgen, nichts mehr zu läutern, nichts Neues mehr zur Bestätigung des wahren Verstandes zu sagen? Soll man überall, nur bey der heiligen Schrift nicht, mit eignen Augen sehen?

114.

Wie soll denn sonst eine gewissenhafte Ueberzeugung entstehen, daß die heilige Schrift wirklich etwas gesagt habe, und wie verhütet werden, daß man nicht auf schwärmerische Einbildungen von |b130| dem Verstande einzelner Aussprüche der heil. Schrift ver|a105|falle, oder ihr seine eigne Gedanken unterschiebe, oder auf bloßes Gerathewohl einen Sinn annehme, als dadurch, daß wir gewiß wissen, der Sprachgebrauch bringe diesen und keinen andern Sinn mit sich? welches ohne genaue Kenntniß solcher Sprachen schlechterdings unmöglich ist.

|c116| 115.

Diese erlangt man so wenig durch flüchtiges Lesen der in solchen Sprachen geschriebnen Bücher als durch Wörterbücher allein. Jenes mag uns zur nothdürftigen Kenntniß einer Sprache verhelfen; zur genauern, zumal bey schweren Stellen, hilft es gewiß nicht, wie man leicht begreifen wird, wenn man das oben (§. 77. f.) gesagte, versteht, und in genauere Erwegung ziehen will. Unter den Wörterbüchern sind die meisten ohne genugsame Kenntniß der Sprachen und ohne bestimmte Genauigkeit zusammengetragen; auch die bessern bedürfen noch so mancher Berichtigung, so häufiger Ergänzung von Wörtern oder Redensarten und deren Bedeutungen, sonderlich in einem bestimmten Zusammenhang, so vieler Erklärung der Begriffe selbst, die an einem Worte hängen, daß man sich geradezu nicht auf sie verlassen kan. Haben sie auch, wie dieses zur Ueberzeugung, daß sie alles richtig angäben, nöthig wäre, ihre Angabe mit Beweisen belegt: wie will man die prüfen, wenn es uns noch an genauer Kenntniß einer Sprache fehlt, und man sich durch sorg|b131|fältiges Studieren guter Schriftsteller |a106| noch nicht die Fertigkeit erworben hat, selbst den Sinn in einer fremden Sprache zu finden?
Wenn dieses auch nicht das allgemeine Geständniß aller eigentlichen Kenner alter Sprachen wäre: so läßt es sich schon an einem kleinen Beyspiel, an den Wörterbüchern über das N. Testament, zeigen. Wie manche Wörter fehlen da, weil sie nicht in unsern gedruckten griechischen Text stehen, deren Kenntniß doch zur Beurtheilung und Erklärung verschiedner Lesearten nöthig ist? ausser vielen sprachwidrigen Erklärungen in den meisten Wörterbüchern dieser Art; wie viele a, sonderlich hebräische Bedeutungen der Wörter fehlen da z. B. von ἀγαλλιαν, εὐχαριστια, καυχασθαι, |c117| κενουν, λογιζεσθαι το κακον, τρεμειν τινα u. a. und wie wenig sind die Begriffe von οἰκοδομη, παντοκρατωρ, πνευμα, σημειον ἀντιλεγομενον, ἑαυτω ἀρεσκειν u. dgl. vornemlich, wie wenig sind diejenigen bestimmt, die man Religionsbegriffe nennen könnte, obgleich die Wörter, durch die sie ausgedruckt werden, in den Wörterbüchern übersetzt sind? Dies sey bloß hingeworfen, um die aus ihrer gleichgültigen Ruhe zu wecken, die, mit dem Wörterbuch in der Hand, der Auslegung des N. T. gewachsen zu seyn glauben. c

116.

Ueberhaupt wird der sehr gewinnen, der sich nicht eher an Erklärung der heiligen Schriften wagt, bis er vorher durch Lesung alter griechischer und lateinischer Schriftsteller wohl geübt ist. |b132| Denn 1) wie es der Anfang aller exegetischen Weisheit ist, nur erst zu fühlen, ob man etwas verstehe oder nicht? so ist schon dies sehr schwer für den, der nicht aus jener Schule zur heiligen Schrift kommt, weil uns die Stellen heiliger Schrift, die wir in |a107| der Jugend gemeiniglich ohne Verstand gelesen haben, den Wörtern nach geläufig, ihre Lehren, oder was man dafür zu halten gelernt hat, bekannt sind, und man gemeiniglich mit einem Sinn zufrieden ist, der keinen offenbaren Unverstand enthält, zumal wenn er sich durch Erbaulichkeit empfiehlt. Alles dieses hindert, daß es uns oft nicht einmal in den Sinn kommt, nur zu zweifeln, ob wir auf dem rechten Wege sind. Hingegen bey andern Schriftstellern sind wir weder schon so mit ihren Begriffen bekannt, noch dafür schon so eingenommen, fürchten auch weniger c Vorwürfe von uns oder andern, wenn wir von hergebrachten Erklärungen abgehen, oder gestehen, daß wir etwas nicht verstünden.

117.

Ist man 2) nur mit den Umständen, Sitten und dem Sprachgebrauch neuerer Zeiten und Sprachen bekannt: so findet man in alten Schriften Schwierigkeiten, wo keine sind, man sucht sie zu heben, verwickelt sich eben durch diese Bemühung in noch mehrere Schwierigkeiten, fällt auf harte und gekünstelte Erklärungen, wodurch man auf einer Seite den Gegnern der heiligen Schrift Blößen giebt, auf der andern sich gegen |b133| natürlichere Erklärungen abhärtet, theils, weil man das für das Natürlichste hält, was unsrer Art zu denken, zu reden und zu handeln am gemäßesten ist, theils, weil man das ungern aufopfert, was uns Mühe gekostet hat, zumal wenn man durch einen vermeintlich gefundnen Sinn der heiligen Schrift neue Bestätigung seines |a108| Lehrbegriffs gefunden, oder mehr Zusammenhang in seine Vorstellungen gebracht zu haben glaubt. Wer hingegen schon mit andern alten Schriften ausser der Bibel vertraute Bekanntschaft, und gelernt hat, sich in die Lage alter Schriftsteller zu versetzen, fällt entweder auf solche eingebildete Schwierigkeiten gar nicht, oder er weiß sie leichter aus den Meinungen und Redensarten der Alten zu erklären, schiebt der heiligen Schrift weniger neuere Begriffe unter, und ist demnach fähiger von ihr zu lernen.

118.

3) Den Sprachgebrauch in todten Sprachen kan man anders nicht zuverläßig lernen, als aus den Schriften, die in einer solchen Sprache abgefaßt sind, und, wo es der|c119|gleichen nicht giebt, oder wo sie nicht zureichen, aus der Analogie andrer mit ihr verwandten Sprachen, oder aus den Erklärungen, die der Schriftsteller selbst in einer Stelle oder in ähnlichen Stellen giebt. Selten ist dieses letzte möglich, weil es seyn kan, daß er nur Einmal von einer Sache redet, oder nur Einmal ein Wort und eine Redensart braucht. So ein trefliches Hülfsmittel also zur Einsicht des Verstan|b134|des ähnliche Stellen sind, so helfen sie doch nicht überall; sicherlich wird auch der die in der heiligen Schrift den meisten unmerkbare feinere Aehnlichkeit leichter empfinden, der dergleichen zu bemerken durch achtsames Lesen alter Schriftsteller sich gewöhnt hat; und überall folgt ein Schriftsteller, wo er nicht sehr dringende Ursachen hat, demjenigen Sprachgebrauche, der in der Sprache, worin er schreibt, herrscht, wenigstens bildet er, auch da, wo er eigne Ausdrücke wählt, seinen besondern Sprachgebrauch aufs möglichste nach dem allgemeinen. Und dieser, woraus ist der anders zu erkennen, als aus den andern Schriften in eben der Sprache? bey dem neuen Testament also, woher anders, als aus andern alten griechischen Schriftstellern, und zum Theil aus den griechischen Uebersetzern des alten Testaments?
Anm. 1. Je ähnlicher ein Schriftsteller in seiner besondern Art des Ausdrucks, in der Kürze, in den Wendungen, in der Zusammenziehung mehrerer Begriffe in Ein Wort oder Redensart u. dgl. einem andern ist, wie z. B. schon von andern in Absicht auf den Apostel Paulus und den Thucydides bemerkt worden (S. Car. Lud. Baueri exercitat. de lectione Thucydidis, optima interpretandi disciplina, Lips. 1753 und desselben Philologia Thucydideo-Paulina, Halae 1773 , 8.): je nützlicher ist es, den Letztern zu studieren, um den Erstern besser zu verstehen.
|c120| Anm. 2. Bey der Analogie andrer Sprachen (s. Ge. Godofr. Zemisch disp. de analogia linguarum |b135| interpretationis subsidio, Lips. 1758 ), kommt es hier, wo vom Griechischen die Rede ist, zunächst auf das Lateinische an, das bey dem N. T. noch viele unerkannte Erläuterungen darreicht, z. B. 1 Kor. 7, 29. καιρος συνεσταλμενος, traurige Zeit, vergl. mit dem diffundi und contrahi bey Cicero Lael. c. 13; Luc. 11, 13; πονηροι für Karge, vergl. mit maligni in eben dem Sinn beym Plautus Bacch. III, 2. 17; Luc. 8, 18. vergl. mit ex astris decidere bey Cicero a Att. II. ep. 21; Matth. 24, 29. mit dem Lat. cadere oder occidere, von Gestirnen gebraucht; 1 Kor. 4, 9. θεατρον|a110| ἐγενηθ. τω κοσμῳ κ. ἀγγελοις κ. ἀνθρωποις, überhaupt für: der allgemeinen Verachtung bloß gestellt worden seyn, vergl. mit Cicero's Stellen, die Manutius bey ad divers. lib. I. ep. 9. gesammlet hat; Χρισμα. 1 Joh. 2, 20. vergl. mit dem lat. imbui statt doceri u. dgl.

119.

Und wie 4) falsche und nach Schulformen gekünstelte Zergliederungen der Bücher c heil. Schrift sehr oft den wahren Gesichtspunct verrücken, woraus man die Absichten eines Schriftstellers ansehen sollte, und selbst zu erdichteten Erklärungen seiner Ausdrücke Gelegenheit geben: so ist kein besseres Mittel sich gegen diese willkührliche Spielwerke zu verwahren, als wenn man aus Lesung alter Schriftsteller die gar nicht schulgerechte, sondern natürliche Stellung ihrer Gedanken, ihre oft unscheinbare Verbindungen durch Partikeln, Participial-Con|b136|structionen u. dgl. und die ganze Einkleidung bemerkt, die von unserer oft c sehr abgeht.

120.

Auch ist 5) diese sorgfältige Beschäftigung mit alten Schriftstellern ein gutes Verwahrungsmittel gegen die Ver|c121|besserungssucht des Textes der heiligen Schrift, sowohl als gegen die unzeitige Aengstlichkeit bey verschiednen Lesearten. Wer jene auch kritisch studiert hat, wird sich durch noch so viele Lesearten, mit welchen gleichwohl die unverfälschte Aechtheit des Textes bestehen kan, nicht nur nicht irre machen laßen, er wird auch allein im Stande |a111| seyn den Werth derselben abzuwägen. Hat man sich bey jenen Alten an die Beobachtung des feinern Parallelismus gewöhnt; Versuche gesehen, und selbst gemacht, dunkle Stellen zu erklären, und solche, die einander oder andern Schriftstellern zu widersprechen scheinen, mit einander zu vereinigen; und hat nach und nach das Ungegründete und Gezwungne mancher gewagten Veränderungen des Textes, wie die Quellen dieses Fehlers und die verschiedne Arten eingesehen, wie verschiedne Lesearten entstehen können: so wird gewiß dadurch Bescheidenheit so sehr als geschickte Beurtheilung befördert werden. Wenigstens ist es immer sicherer, sich erst in jener Kritik zu üben, wo der Schade bey Fehltritten so beträchtlich nicht ist, als bey der heiligen Schrift, bey der ohnehin die Vorstellung von ihrer Göttlichkeit leichter verleitet, vor genauerer Untersuchung Partey zu nehmen.
  • |b137| J. A. Ernesti Opusc. Orator. p. 41 sqq.
Aus dem, was bisher §. 115 f. bemerkt worden ist, ergiebt sich augenscheinlich, wie verkehrt und selbst für die Einsicht des rechten Verstandes der heiligen Schrift nachtheilig es sey, die Erlernung des Griechischen mit dem Lesen des neuen Testaments anzufangen. Die Schwierigkeiten, welche bey dem Griechischen des N. T. weit größer sind als bey den meisten sogenannten Profan-Schriftstellern, (s. die 14te bis 17te Abhandl. in Ernesti's Opuscul. philol. crit. Lugd. Bat. 1764 in gr. 8.) setzen es noch mehr ausser Zweifel, wie nothwendig es sey, sich nicht daran zu wagen, ehe |c122| man sich nicht schon vorher durch fleissiges Studieren alter Schriftsteller dazu vorbereitet hat.

|a112| 121.

Zur gründlichen Einsicht in andre Theile der Theologie (§. 113 ) ist die genaue Kenntniß der griechischen und lateinischen Sprache eben so nothwendig. Die allermeisten Quellen der Kirchengeschichte sind in einer von beyden Sprachen abgefaßt, und, da selbst der Sprachgebrauch zu verschiednen Zeiten und in verschiednen Gegenden so vieler Verschiedenheit und Veränderung unterworfen war: so ist c um so begreiflicher, wie unzuverläßig die Kirchengeschichte seyn müsse, wenn sich ihre Kenntniß nicht auf die Kenntniß dieser Sprachen gründet. Alles, was in der Theologie auf Geschichte beruht; die Kenntniß der Kirchentheologie oder der verschiednen Vorstellun|b138|gen von den Lehren der Religion, und der Ursachen dieser Verschiedenheit; der Kunstwörter, die aus beyden Sprachen genommen, oder doch darnach gebildet worden a, und selbst ein symbolisches Ansehen erlangt haben; des Ursprungs der Irrthümer aus unbequemen Ausdrücken, oder des Mißverstandes derselben, wodurch man ihrer Unrichtigkeit auf die Spur kommen kan; der Folgen, die daraus für die Theologie entstanden sind – vornemlich wenn man die Richtigkeit dieser Kirchentheologie gehörig beurtheilen will, – kan dieser Sprachkenntniß nicht entbehren.

122.

Würde nicht auch unsre Katechetik und Homiletik eine bessre Gestalt bekommen, und würde man |a113| sich nicht besser zum Unterricht in der Religion bilden, wenn man den Alten, sonderlich der Sokratischen Schule und ihren guten Nachfolgern, ihre Methode in Gesprächen, und den |c123| griechischen und römischen Rednern die Kunst Eindruck zu machen und, was man vorstellen oder empfehlen will, von der wirksamsten Seite zu zeigen, so weit ablernte, als es die Natur der Sachen, die Absicht, bleibende Eindrücke hervorzubringen, und unsere Umstände erlaubten.
c

123.

Was oben (§. 68 f.) von der besten Erlernung der Sprachen überhaupt gesagt worden ist, gilt bey der lateinischen und griechischen Spra|b139|che insbesondre, und von ihnen vorzüglich, weil sie unter allen alten Sprachen am meisten gebildet sind. Nur scheinen hier noch einige besondre Anmerkungen darüber nicht unnöthig zu seyn. – Die lateinische Sprache hat das eigne Glück gehabt, die allgemeine Sprache der Gelehrten (in Europa) zu werden; daher sind die meisten gelehrten Schriften in ihr geschrieben, ihre Kenntniß ist für den Gelehrten, nächst der Kenntniß der Muttersprache, die unentbehrlichste, und sie verdient, als allgemeine Gelehrten-Sprache erhalten zu werden.
c

124.

Zuerst eben deswegen, weil die meisten gelehrten Schriften lateinisch abgefaßt sind. Je |a114| mehr also der Eifer diese Sprache zu erlernen und ihrer mächtig zu werden, |c124| erkaltet, und je mehr sie daher ausser Gang kommt: je mehr verlieren wir die oben erwähnte Vortheile, die aus dem fleissigen Gebrauch der alten klassischen lateinischen Schriftsteller entstehen, verlieren den Zugang zu den meisten Quellen der Geschichte, und, weil uns nichts anzieht was wir nicht verstehen, sogar die Lust daraus zu schöpfen, verlieren einen unschätzbaren Vorrath von Kenntnissen und Vorarbeiten in Untersuchungen c.
c Was hier und in dem Nächstfolgenden vorkommt, ist zugleich hinreichend zur Beurtheilung der Einwendungen gegen die Nothwendigkeit der Kenntniß dieser Sprache in der allgemeinen Revision etc. Theil II. p. 234–257, die ohnehin sehr ärmliche |b140| Begriffe vom Verstehen des Lateinischen zum Grunde haben.
Anm. 1. Aber man hat ja schon das Gegründetere und Nutzbarere aus lateinischen Schriften in deutsche und andere übergetragen? – Gewiß kaum mehr als das Nothdürftigste und was man für das Gemeinnützigste hielt, welches gegen die Menge des Uebrigen für Nichts zu rechnen ist. – Am meisten ists noch in der Geschichte geschehen; wie weiß man aber, daß es vollständig, richtig und aufrichtig genug geschehen sey, wenn man nicht zu den Quellen zurückgehen kan, ohne welche noch weniger Sicherheit ist, als bey allen scharfsinnigen Untersuchungen, die nicht auf die ersten Grundsätze der menschlichen Erkenntniß zurückgeführt werden. Eben die gelehrtern und genauern Untersuchungen, wodurch man neuerlich, selbst in deutschen Schriften, die Geschichte ungemein berichtigt, vervollständigt, und ihr eine ganz andere Gestalt gegeben hat, beweisen, wie viel noch Gelegenheit in den Quellen zu sehr schätzbaren Entdeckungen übrig sey. – Je mehr das Ansehen der lateinischen Sprache sinkt und je für entbehrlicher man ihre Kenntniß hält: je weniger wird sie, höchstens nur als Nebensache, getrieben werden. Aber eine seichte Kenntniß der|c125|selben ist gewiß dem Gebrauch der |a115| Quellen und der daraus zu schöpfenden Wahrheit noch nachtheiliger, als wenn man gar nicht daraus schöpft, weil man doch in dem letztern Fall weiß, daß man nur mit fremden Augen, in jenem Fall aber glaubt, daß man mit eignen Augen gesehen habe.
|b141| Anm. 2. Wenn also von verständigen Männern auf die Beybehaltung der lateinischen Sprache gedrungen und vorhergesagt wird, daß mit ihrem Fall gewiß Barbarey einreissen werde: so geschieht dieses nicht aus pedantischer Hochachtung gegen diese Sprache, oder aus der falschen Einbildung, daß sie kräftiger und vollkommner wie andre Sprachen sey. Sondern weil man vorhersieht, wie viele Kenntnisse mit dieser Sprache verloren gehen, oder wenigstens aus dem Gang kommen werden; wie sehr seichte Kenntniß statt der gründlichen und zuverläßigen überhand nehmen, wie allgemeiner der unwissende Dünkel, der bey verschlossenen Quellen nicht einmal mehr einer bessern Belehrung fähig ist, anstatt wahrer Ueberzeugung um sich greifen werde. Ohne in ältre ähnliche Zeiten zurückzugehn, mag die Erfahrung unsrer Zeit entscheiden, ob durch die Verächter dieser Sprache des Nachsprechens und Ausschreibens, oder der neuern und genauern Untersuchung mehr worden sey, die Masse der gelehrten Erkenntniß und die Achtung der Gelehrsamkeit mehr ab- oder zugenommen habe?

125.

Zweytens: Die Gelehrsamkeit verliert viel, und die Entdeckungen und Verbesserungen in derselben gehen oft gänzlich verloren; breiten sich wenigstens viel langsamer und nicht allgemein genug aus, wenn man unter den Gelehrten nicht |a116| eine allgemeine Sprache hat, wodurch man sich das Neue und Bessere mittheilen kan. – Wenn |b142| man sagt: „so dürften die Gelehrten nur mehrere Sprachen lernen, und |c126| allenfalls ersetzte auch dieses die Dienstfertigkeit der Uebersetzer:“ so hat man wohl nicht genug bedacht: daß beydes ein mühsamer Umweg ist, der völlig ersparet werden könte, wenn eine allgemeine Gelehrten-Sprache gebraucht würde; ein Umstand, den die, welche die Nothwendigkeit einer solchen, namentlich der lateinischen, Sprache bestreiten, vornehmlich beherzigen sollten, da sie eben Zeit und Mühe gespart, und auf nützlichere Dinge verwendet wissen wollen. Man hat nicht bedacht: daß Uebersetzungen großentheils unzuverläßig sind, und daß sie ungemein viel weniger die Vorstellungen eines Schriftstellers anschaulich darstellen, als er selbst, auch sogar in einer fremden Sprache, wenn er sie nur in seiner Gewalt hat, und in der fremden Sprache nicht bloß schreibt, sondern auch denkt. Man nimmt gegen alle Erfahrung an, daß Ausländer, um unsre Entdeckungen zu benutzen, unsre Werke, in ihre Sprache übersetzt, begierig lesen oder gar deutsch lernen würden. *)
*) Aeusserst selten sind die Beyspiele von Ausländern, die, unsre Schriften zu verstehen, Deutsch, und vollends die es gut gelernt haben . Sehr selten sind auch Uebersetzer aus dem Deutschen bey solchen Nationen, unter welchen selbst viele denken und schreiben; und daraus, daß unter ihnen Bücher aus dem Deutschen übersetzt vorhanden sind, folgt noch lange nicht, daß sie auch Geschmack daran finden. Lesen ja noch auswärtige |a117| Gelehrte Schrif|b143|ten der Deutschen, so sind es lateinisch geschriebene, und selbst diese haben itzt darum weniger Vertrieb, weil bey Ausländern, fast alles in ihrer Muttersprache zu schreiben, eben so gewöhnlich wird als bey uns, die Kenntniß des Lateinischen immer mehr abnimmt, und sie daher auch unsre lateinische Schriften gar nicht oder c viel seltner als sonst lesen. Weit häufiger unterhielten sich sonst Gelehrte verschiedner|c127| Nationen unter einander, als die lateinische Sprache noch geläufiger war als jetzt, und wo jenes noch jetzt geschieht, da geschiehts meistens in lateinischer Sprache.

126.

Ist nun aber eine allgemeine Sprache für die Gelehrsamkeit, deren Erhaltung und weitre oder allgemeinere Ausbreitung, sehr nöthig: so müßte man c entweder die, welche es bisher gewesen, nehmlich die lateinische, beybehalten, oder eine der neuern Sprachen dazu wählen, oder eine ganz neue zu diesem Zweck erfinden. Dieses letzte würde, wie so viele verunglückte Versuche beweisen, große Schwierigkeiten haben; schwerlich würde man ihr, zumahl allgemeinen Eingang verschaffen können; und wozu eine neue erfinden, da wir schon eine unter den Gelehrten überall angenommne haben? – Diese lateinische ist nicht nur einmahl im Besitz, und, wenn es eben sowohl Pflicht ist, gute Gelehrte als gute Bürger zu ziehen, wenn es uns wahrer Ernst ist, Aufklärung, mithin auch Gelehrsamkeit, möglichst weit auszu|b144|breiten: so müssen wir diese Sprache zu erhalten, und ihre Kenntniß bey allen, die Gelehrte seyn wollen, |a118| zu befördern suchen, weil sie gerade die bekannteste bey allen Nationen ist, wo eigentliche Gelehrsamkeit blüht. Sie ist auch, eben durch den langen Gebrauch, den bereits erfolgten Erweiterungen und Aufklärungen in den Wissenschaften, mehr als eine andre, wenigstens ältere Sprache, und, umgekehrt, es sind diese aufgeklärtern Begriffe dieser Sprache so angeschmieget worden, sie hat auch so sehr alle eigentliche Wissenschaften, namentlich die gelehrten Vorstellungen in der Religion, so durchdrungen, und in allen Wissenschaften ist der Sprachgebrauch so an sie gebunden, daß |c128| wir ihre Kenntniß, ohne eine gänzliche Umschmelzung der Wissenschaften, nicht einbüßen können. Sollte sie auch, wie nicht zu leugnen ist, von manchen neuern Sprachen übertroffen werden: so würde es nicht nur schwer, ja, nach der jetzigen Verfassung der Welt, unmöglich seyn, einer neuern Sprache eben die ausgebreitete Herrschaft zu verschaffen; es würde sogar eben darum nicht rathsam seyn, weil und so lange sie eine lebende Sprache ist. Denn eine solche ist beständigen Veränderungen unterworfen, und nach einiger Zeit, wo nicht den meisten unverständlich, doch wenigstens nicht mehr so reitzend; es gehen zu viele Mängel, einer auch vom gemeinen Volk gebrauchten Sprache, Nebenbegriffe, die den Wörtern anhängen u. d. gl. in die Wissenschaften über, daß diese darüber ihre Bestimmtheit verlieren; oder man muß diesem Schaden immer so durch |b145| neue Bestimmungen entgegenarbeiten, daß die gelehrte Sprache bald wieder eine von der Volkssprache ganz verschiedne wird. |a119| Eine todte Sprache hingegen, die noch dazu schon für unsre Wissenschaften bearbeitet ist, hat ihre völlig festgesetzte Gestalt, und es bedarf, bey neuentstandnen Begriffen, weiter nichts, als diese, auf eine der Natur dieser Sprache gemäße Art, zu bezeichnen, wie man das Beyspiel davon an der Naturlehre, der Botanick u. s. f. hat.
c Man wird einwenden: „es liesse sich vieles nicht lateinisch, wenigstens nicht mit Einem Wort, ausdrucken, da der neuen Entdeckungen, Bestimmungen und Einrichtungen immer mehr würden, für welche die lateinische Sprache noch keine Ausdrücke habe.“ Diesen Mangel kan man dadurch abhelfen, daß man entweder Wörter, die man nicht entbehren kan, in die zu unserm Gebrauch bestimmte lateinische Sprache aufnimmt, oder den schon vorhandenen lateinischen Ausdruck jenem neuen Begriff an|c129|schmiegt. – „Aber so wird das Latein barbarisch werden, wie man an dem Beyspiel der Scholastiker und ihres gleichen sieht“ – Diese Besorgniß wird sehr übertrieben. Denn die Scholastiker druckten sich auch da schlecht lateinisch aus, wo man sich weit besser ausdrucken konnte; sie verderbten also das Latein, weil es ihnen theils an Geschmack, theils an Kenntniß des Reichthums und der Schönheit dieser Sprache fehlte, und sie des guten Lateins nicht mächtig waren. Wie viel sich hier, ohne besorgliche Barbarey, thun ließe, |b146| zeigen c Cicero's und einiger andern treflichen lateinischen Schriftsteller Beyspiele. – Auch ist noch erst die Frage: was den Namen des Barbarischen, als eines Fehlers in einer Sprache, verdiene? Gewiß das nicht, wofür sonst gar kein Ausdruck in einer beniemten Sprache vorhanden ist, und was durch den öftern Gebrauch ohnehin seine fremde Gestalt verliert. – Endlich sollte |a120| man nicht vergessen, daß hier von einer gemeinsamen Sprache der Gelehrten die Rede sey; die man also immerhin da nicht brauchen möchte, wo man sich nicht über gelehrte Sachen oder nicht bloß für Gelehrte erklären wollte.

127.

Drittens (§. 125 ) wäre es allerdings für die Wissenschaften und für die Menschen selbst sehr heilsam, wenn für eigentlich gelehrte Sachen eine den Gelehrten eigenthümliche Sprache, dergleichen die bisher in dieser Absicht aufgenommne lateinische ist, gebraucht würde. – Für die Wissenschaften; zuerst schon deswegen, weil in einer der Gelehrsamkeit besonders gewidmeten Sprache die Wörter bestimmter, folglich zur genauern Kenntniß brauchbarer sind, als in einer solchen, die eben sowohl vom Volk gebraucht wird, wo daher Mißverstand und Uebergang schwankender Begriffe in die Sprache viel leichter ist. Noch|c130| mehr aber, weil für die eigentlichen Wissenschaften nichts nachtheiliger ist, als die Verwirrung, die durch Halbkenner angerichtet wird, welche auch |b147| mitsprechen wollen, ohne die dazu unentbehrlichen Vorerkenntnisse, die nöthige Einsicht in die Beschaffenheit und den Werth scharfsinniger Bestimmungen oder Einschränkungen, und die erforderliche Uebung in gelehrten und ihnen nicht geläufigen Untersuchungen zu haben; wozu sie um so eher versucht werden, je mehr sie sich einbilden die Sache zu verstehen, weil ihnen die Sprache bekannt ist, in der diese ausgedruckt sind.

|a121| 128.

Eben so nützlich wäre es für solche Menschen selbst, welche gelehrte Untersuchungen nichts angehen, wenn ihnen der Zugang dazu durch den Gebrauch einer gelehrten Sprache erschwert würde. So erführen sie vieles nicht einmal, was ihre Neugier reitzt, sie zu unnöthigen Speculationen verleitet, von nützlichern Untersuchungen oder Beschäftigungen abzieht, und sie in schädliche Zweifel oder Irrthürmer stürzt, welchen sie aus den vorhin genannten Ursachen nicht gewachsen sind. Wie viel Zeitverderb und Verwirrung des Volks würde verhütet werden, wenn Gelehrte gleichsam hinter dem Vorhang einer nur ihnen verständlichen Sprache, ohne vom Volk gehört oder gelesen zu werden, erst unter sich, nach reifer Untersuchung ausmachen könnten, was wahr und was gemein zu machen heilsam wäre, und alsdenn nur das Ausgesuchte, Sichere und Gemeinnützige zur Kenntniß der Ungelehrten brächten.
Anm. 1. Der große Schade, den nicht nur höhere Wissenschaften, wozu viele gar nicht gemeine Kennt|b148|niß und, c das dahin gehörige genau zu beurtheilen, etwas mehr als schlich|c131|ter Menschenverstand erfordert wird, sondern auch gemeinverständlichere und gemeinnützigere Wissenschaften, selbst Religion und Moral, selbst Gewissen und Gemüthsruhe, öffentliche und Privatglückseligkeit, dadurch leiden, daß alles, worüber sich nur reden und schreiben läßt, dem verständigen und unverständigen Publicum in der Muttersprache oder in einer sehr gemeinbekannten vorgelegt wirddieser Schade ist jedem unbefangenen Beobach|a122|ter so unverkennbar, daß der Vorwurf von Mißgunst, der bisweilen dem Gebrauch einer nur den Gelehrten bekannten Sprache, bey gelehrten Sachen oder einer scharfsinnigern Behandlung auch sonst gemeinnütziger Sachen, gemacht worden, eben so ungereimt ist, als wenn man den Pädagogen Mißgunst vorwerfen wollte, wenn sie Kinder verhindern, nicht alles durch einander zu lesen, und es bedauren, daß Kinder Gelegenheit haben, allerley zu hören und zu lesen, wodurch sie Zweifel, Leichtsinn und Laster frühzeitiger kennen lernen, als sie dagegen bewafnet sind, und überkluge Schwätzer werden, an welchen man seine Schande zieht. Aufklärung ist unschätzbar, und kan nicht genug befördert werden, aber doch nur dann und bey dem, wo sie nicht ein Scheermesser in der Hand eines Kindes ist.
Anm. 2. Wo sie dieses sey? dieses erfordert allerdings eine weit bedächtigere und reifere Ueberlegung, als der große Haufe der Eiferer für oder wider Aufklärung anzustellen oder nur zu begreifen |b149| fähig ist. Es bloß im Allgemeinen zu bestimmen, kan wenig Nutzen haben; die Umstände derer, die aufklären wollen, müssen dabey eben so sehr in Anschlag genommen werden, als die Umstände dererjenigen, die c aufgeklärt werden sollen. Und eben um so nöthiger wäre bey einzelnen wichtigen oder für wichtiggehaltenen Gegenständen, daß die, so am meisten aufzuklären fähig sind, vorher, ungehört von denen, die der Aufklärung zu bedürfen scheinen, unter sich ausmachen möchten, ob und wie weit, den Umständen nach, eine gewisse Aufklärung nöthig |c132| und nützlich sey. – Hier liegt die weitere Entwickelung dieser Sache zu sehr ausser dem Wege.
c

129.

Wer eine gründliche Kenntniß der lateinischen|a123| und griechischen Sprache erlangen wollte, zumahl wenn er sie vor sich und durch eignen Fleiß lernen müßte, würde das stets, mit allen Einschränkungen und Bestimmungen, vor Augen behalten müssen, was oben (§. 68 90 ) von Erlernung der Sprachen überhaupt gesagt worden ist. In Absicht auf c Sprachlehre würde man wohl thun, wenn man sich an eine, die beste welche man finden könnte, gewöhnte; – im Lateinischen z. B. vorzüglich an J. J. G. Schellers ausführliche lateinische Sprachlehre, dritte vermehrte Auflage, Leipz. 1790 in gr. 8. oder, für den Anfang, an Desselben kurzgefaßte lateinische Sprachlehre, dritte vermehrte Auflage, Leipz. 1785 in gr. 8. und besonders um der sorgfältig gesammleten Beyspiele|b150| willen, aus welchen man lernen kan, selbst sich die Regeln abzuziehn, an J. H. L. Meierotto lateinische Grammatik in Beyspielen, Berlin 1785 in 2 Theilen in 8; oder an die practische Grammatik der lateinischen Sprache von C. G. Bröder , Leipz. 1787 in gr. 8, verbunden mit dem kurzgefaßten practischen Syntax von C. B. Lehmus , Leipz. 1789 in gr. 8. – im Griechischen etwa an die bekannte Wellerische oder Märkische Grammatik, oder, unter den neuesten, vorzüglich an c J. G. Trendelenburg's Anfangsgründe der griechischen Sprache, dritte verbesserte Aufl. 1790 in 8. c

130.

Die feinere Kenntniß der lateinischen Sprache, ihres innern Baues und der Gründe, worauf er beruht, könnte man sich hernach durch die sorgfältige Beobachtung bey Lesung der lateinischen Schriftsteller, und durch solche Bücher bekannt c machen, welche das Eigne dieser Sprache, oft auch dessen Gründe, erklären, oder auf gewöhnliche Fehler unsre Aufmerksamkeit lenken. |c135| Hieher gehören Christoph. Cellarii Orthographia latina - - obss. Longolii , Heumanni , Heusingeri , Schurtzfleischii suisque auxit et Cortii disputationes de usu orthographiae cum orthographia Norisiana typis repetendas curavit Theoph. Christoph Harles , Tom[.] I. |a124| et II. Altenburgi 1768 8. c Laurentii Vallensis libri elegantiarum sex, öfters aufgelegt z. B. Colon. 1522 4. und in seinen Operibus. c Thom. Linacri de emendata structura latini sermonis libri |b151| VI. oft aufgelegt z. B. Lips. 1556 in 8. und einige andre Schriften, die in Rich. Ketelii de elegantiori latinitate comparanda Scriptoribus selectis, Amst. 1713 in 4. gesammlet sind. c c Horat. Tursellini de particulis lat. orationis libellus post curas Jac. Thomasii et Jo. Conr. Schwartzii denuo recognitus et auctus, Lips. 1769. 8. und c Christ. Gottf. Schütz (noch nicht fortgesetzte) Doctrina particularum lat. linguae, Dessav. 1784 in gr. 8.; auch die c Abhandlung über die lateinischen Ellipsen von Joh. Gottlieb Lindnern , Frankfurt 1780 in 8. c Gasp. Scioppii Grammatica philosophica, nach J. C. Herzogs Ausgabe August. Vindel. 1712 in 8, und c Franc. Sanctii Minerua s. de caussis lat. linguae liber, cui inserta sunt – quae addidit Gasp. Scioppius et subjectae notae Jac. Perizonii , Edit. 4. Amstel. 1714 in gr. 8. a c Jo. Frid. Noltenii Lexicon latinae linguae antibarbarum, der vermehrten Ausgabe Helmst. 1744 in gr. 8., Tomus poster. Lips. 1768 , (zusammen wieder unter der Jahrzahl 1780 ); wiewohl man die meisten zuerst angegebnen entbehren kan, wenn man entweder ein so vollständiges Buch hat, wie die vorhin erwähnte Schellerische ausführliche lateinische Sprachlehre ist, oder wenn man sich nicht vorzüglich auf das Lateinische legen will.

|c136| 131.

Eben so werden bey der griechischen Sprache der c Libellus animaduersionum quibus Jac. Velleri Grammatica graeca emendatur, suppletur, illu|b152|stratur, auctore Joh. Frider. Fischero , Lips. 1750–52 in 3 Abtheilungen in 8.; c Franc. Vigeri de praecipuis graecae dictionis idiotismis liber, cum animaduerss. Henr. Hoogeveeni , qui|a125|bus et suas adiunxit Jo. Carol. Zeunius , neueste verbesserte Ausgabe Leipz. 1789 in gr. 8. – c Henr. Hoogeveen doctrina particularum graecarum recens. breuiauit et auxit Christ. Godofr. Schütz , Dessav. 1782 in gr. 8. c Lamb. Bos Ellipses graecae, öfters aufgelegt, sonderlich mit mehrerer Gelehrten Anmerkungen in Jo. Nic. Schwebelii Ausgabe Norib. 1763 gr. 8. – c Graecae linguae dialecti - - recognitae opera Mich. Maittaire , nach Jo. Frider. Reitzii Ausgabe Hag. Com. 1738 in gr. 8. oder in dessen Ermanglung das Compendium dialectorum graecarum, concinnauit J. J. Facius , Norib. 1782. 8. von großem Nutzen seyn.

132.

Zur Kenntniß des lateinischen Sprachgebrauchs übertrift unter den größern Wörterbüchern der Nouus linguae et eruditionis Romanae thesaurus post Ro. Stephani et aliorum curas - - locupletatus a Jo. Matthia Gesnero , Lips. 1749 in 4 Tomis in fol. und unter den kleinern Schellers Ausführliches lateinisches Lexicon, lateinisch-teutscher Theil, zweyte Aufl. Leipz. 1788 in gr. 8., die übrigen bey weiten; womit Ausonii Popmae de differentiis verborum itemque de vsu antiquae lectionis libri retractati ab Jo. Christ. Messerschmid , Dresdae 1769 in 8. und Jo. Frid. Reitzius de |b153| ambiguis, mediis et contrariis, Traj. ad Rhen. 1736 in 8. nützlich verbunden werden könnten. ⌇⌇c Ueber die Latinität der mitlern Zeiten ist für den, der Dufresne und Carpentier große Glossarien |a126| nicht brauchen kan oder mag, (Jo. Christoph Adelungs ) Glossarium manuale ad scriptores mediae et infimae latinitatis, Halae 1771–84 in 6 Tomis in gr. 8. hinlänglich. c

|c138| 133.

Unter den größern Wörterbüchern über die griechische Sprache ist der c Thesaurus graecae linguae ab Henr. Stephano constructus, 1572 in 4 Tomis fol. nebst einem besondern Band, der den Appendix enthält, noch immer das Hauptwerk, so wie unter den kleinern das c Graecum Lexicon manuale - - a Beni. Hederico institutum - - locupletatum et - emendatum cura Jo. Aug. Ernesti , neue verbesserte Aufl. von C. Chr. Wendler Leipz. 1788 in gr. 8. bis jetzt das einzige recht brauchbare ist.

134.

Was diesen abgeht, kan man ergänzen, und überhaupt die Kenntniß des griechischen und lateinischen Sprachgebrauchs sehr erweitern – entweder aus denen, die das besondern Dialekten Eigne erläutert haben, dergleichen das schätzbare Dictionarium Doricum und das Dictionarium Jonicum , beyde von Aemil. Porto , Francf. 1603 in gr. 8. gedruckt, und Ebendesselben Lexicon Pindaricum, Hanoviae 1606 in 8. ist – oder aus |b154| den sogenannten Auctoribus linguae latinae und den verschiedenen lateinischen und griechischen Scholiasten, Glossariis und Lexicis, oder aus den Anmerkungen gelehrter Männer zu gedachten äl|a127|tern Wörterbüchern, den Hesychius , Pollux , Ammonius , Harpokration , Timäus , Thomas Magister , Moeris und andern, oder ihren Anmerkungen und erklärenden Indicibus, die den besten Hand- und |c139| andern Ausgaben angehängt sind, oder aus den gelehrten Erläuterungen einzelner Stellen alter Schriftsteller, wovon unter andern der Catalogus Bibliothecae Bunavianae Tom. I. p. 1873 sq. ein zahlreiches obgleich noch vieler Ergänzungen bedürftiges Verzeichniß enthält c Carol. du Fresne Glossarium ad Scriptores med. et infimae Graecitatis, Lugd. 1688 in 2 Folianten, ist zur Kenntniß des spätern Griechischen unentbehrlich.

135.

Wie die alten Schriftsteller, und mit welcher Rücksicht, sie gelesen werden müssen? dies kan schon aus den obigen allgemeinen Erinnerungen (§. 72 86 ) abgenommen werden. Hier noch einige allgemeine Vorschläge, die diese griechische und lateinische Schriftsteller insbesondre angehen. – – Zuerst müßte man sich eine vorläufige Kenntniß von ihnen und ihren Schriften, von den brauchbarsten Ausgaben, und von den Sachen erwerben, auf die sie sich beziehen, ohne welche man wenigstens bey ihrer Lesung gar nicht fortkommen kan. – Ueber diese Schriftsteller selbst, |b155| ihre Umstände und Schriften hat man bis jetzt noch kein ausführlicheres Werk als Jo. Alb. Fabricii Bibliothecam latinam, Edit. 5. Hamburgi 1721 und 22 in drey Octavbänden, und, zwar etwas |a128| verkürzt, aber besser geordnet und vermehrt von Joh. Aug. Ernesti , Leipz. 1773 und 74 in drey Tomm. gr. 8., nebst Fabricii Bibliotheca graeca, Hamb. 1705–28 in 14 Quartbänden, wovon seit 1790 eine 4te ungemein vermehrte Ausgabe durch Gottlieb Christoph Harles Veranstaltung in gr. 4 erscheint. Doch sind c Theoph. Christoph. Harles (noch nicht vollendete) Introductio in notitiam litteraturae Romanae inprimis Scriptorum latinorum, Nori|c140|berg. 1781 in zwey Theilen in gr. 8., dessen Breuior notitia litteraturae Romanae etc. Lips. 1789 in 8., so wie c Ebendesselben Introductio in historiam linguae graecae, c Altenburg. 1778. 8., besser angelegt, mit besserer Wahl gemacht, zweckmäßig vollständiger, und überhaupt die besten Handbücher, die wir bis jetzt darüber haben.

136.

Aus diesen Büchern kan man auch einigermaßen die besten Ausgaben solcher alten Schriften kennen lernen. Der wahre Werth dieser Ausgaben hängt, entweder von der Lauterkeit und Richtigkeit des Textes, oder von der Zweckmäßigkeit der Anmerkungen, d. i. davon ab, ob sie gerade so viel enthalten, als nöthig ist, den Autor durchaus zu verstehen. Denn, wer die Absicht hat einen alten Schriftsteller zu lesen: der muß ihn, und er muß|b156| ihn verstehen lernen wollen; er muß also wünschen durch den, der ihn dabey leiten will, zur Erreichung seiner Absicht, unterhalten, und nicht zerstreuet zu werden; er wird selbst deswegen wünschen, so viel selbst zu thun, als er ohne Anderer Hülfe thun kan. Folglich sind, zu seiner Absicht, alle Erläuterungen von Wörtern und Sachen unnütz, unzulänglich, oder gar hinderlich, die seinen |a129| Schriftsteller oder die Stellen, die er lieset, nicht angehen; die c der Zweck der Herausgeber sind, so wie der alte Schriftsteller c nur c Mittel, jene gelegentlich und mit mehrern Anstand unter die Leute zu bringen; die wenigstens die Aufmerksamkeit zu lange auf andere Sachen, als auf den Sinn des Schriftstellers, ziehen; die gemeinbekannte Sachen enthalten, welche der, wer einen gewissen Autor |c141| lieset, schon weiß, oder billig wissen muß; die nur einige Schwierigkeiten auflösen, welche gerade der Commentator wegzuräumen vermochte; und die, anstatt bloß Winke zu geben, um dem Leser auf die Spur zu helfen, durch Anmerkungen zu Bildung des Verstandes, des Geschmacks und Herzens, den Autor selbst dem Leser aus dem Gesicht rücken. Mögen alle solche Commentare in andrer Absicht noch so nützlich seyn: so scheinen zu der hier gemeinten diejenigen Handausgaben die besten, welche einen genau geläuterten Text und so viele, auch nur so weit ausgeführte, Anmerkungen enthalten, als die Aufklärung des Sinnes, in Absicht auf Wörter und Sachen, nothwendig erfordert, ohngefähr so, wie wir sie, mehr oder minder, c von einigen neuern Deutschen, |b157| einem Gesner , Ernesti , Fischer , Heyne , Morus , Wolf und einigen wenigen Andern c haben.

137.

Die Sachen, auf welche sich die alten griechischen und römischen Schriftsteller beziehen, und von welchen man wenigstens einige vorläufige Kenntniß haben muß, wenn man nicht alle Augenblicke anstoßen, oder jene Schriftsteller nur halb verstehen, oder sich zur Unzeit bey ihrer Lesung selbst zerstreuen will, sind in der Geschichte, der alten Erdbeschreibung, der Mythologie, den griechischen und römischen Alterthümern zu suchen. c Zur ersten Grundlage für einen Theil dieser Kenntnisse ist das c Handbuch der klassischen Literatur, enthaltend Archäologie, Notiz der Klaßiker, Mythologie, griechische Alterthümer, römische Alterthümer, von Joh. Joach. Eschenburg , Berlin 1783 in gr. 8. c überaus brauchbar.

|c142| 138.

Die eigentlich hieher gehörige Geschichte betrift entweder die bürgerlichen Veränderungen in den alten griechischen und römischen Staaten, oder den Zustand und die Schicksale ihrer Literatur und Künste, besonders der Philosophie unter Griechen und Römern. So sehr es uns noch an Büchern fehlt, welche, mit Absonderung aller in andrer Absicht sehr nützlichen Kenntnisse und Untersuchungen, recht eigentlich dazu eingerichtet wären, die, welche diese alten Schriftsteller in ihren Be|b158|ziehungen und Anspielungen auf gedachte Gegenstände verstehen wollen, dazu, mit Zusammenfassung der erwähnten Kenntnisse, vorzubereiten: so kann man sich doch schon vor der Hand, – in Absicht auf alte griechische Geschichte, mit c Stanyans , unter dem Titel: Histoire de Grece, traduite de l'Anglois de Mr. Temple Stanyan , Amst. 1744 in 8. in 3 Tomes nachgedruckten, und aus den Quellen selbst geschöpften, Geschichte Griechenlandes bis auf |a131| den Tod K. Philipps in Macedonien; oder mit dem c Handbuch der griechischen Alterthümer in Rücksicht auf, Genealogie, Geographie, Mythologie, Kunst und Geschichte, zum Gebrauch für die Jugend beym Lesen der Alten, behelfen, Leipzig 1789 in 8. c Wichtiger ist freylich c John Gillies Geschichte von Altgriechenland, von dessen Uebersetzung aus dem Englischen bereits zwey Theile, Leipzig 1787 in gr. 8. erschienen sind; c c und die vortrefliche c Voyage du jeune Anacharsis en Grèce (vom Abbé Barthelemy ) mit einem Recueil des Cartes, à Paris 1788 in 4 Tomes in gr. 4, und mehrmals nachgedruckt, ob es gleich bey weitem c mehr als bloße Geschichte enthält.
c Beziehen sich die Werke eines alten Schriftstellers, z. B. Cicero's Briefe, sehr auf die Geschichte ihrer Zeit: so sollte man eher solche Schriften nicht c lesen, c bis man sich diese besondere Geschichte, z. B. die in Cicero's Schriften zum Grunde liegende, aus Seb. Corradi Quaestura, wieder aufgelegt Lips. 1752 in 8.; The history of the life of M. T. Cicero , by Conyer Middleton , öfters aufge|b159|legt, als London 1767 in 3 Voll. gr. 8. (auch ins Französische und ins Deutsche übersetzt,) oder aus Ciceronis vita (quam) ex ipsius scriptis excerpsit et ad Consulum seriem digessit J. C. L. Meierotto , Berol. 1783. 8. bekannt gemacht hätte.

|a132| 139.

Woran es uns noch unter den zur griechischen und römischen Geschichte gehörigen Schriften fehlt, eben dieses vermißt man auch bey Schriften, welche den Zustand der Künste und Wissenschaften, namentlich der Philosophie, bey beyden Völkern betreffen. c c M. Tullii Ciceronis historia philosophiae antiquae, collecta, illustrata et amplificata a F. Gedike , Berol. 1781 in gr. 8. ist die einzige, die hier empfohlen werden könnte. Die mit großem Fleiß ausgearbeitete c Geschichte des Ursprungs, Fortgangs und Verfalls der Wissenschaften in Griechenland und Rom, von C. Meiners , wovon zu Lemgo 1781 und 1782